Wirtschaft 4.0 – Krisenprävention 4.0

Intelligente Produkte – smart factory – Maschinenkommunikation – Machtergreifung der Technik – Triumphe des Digitalen über die menschliche Arbeit – Internet der Dinge …. – die Diskussion über die Industrie und Wirtschaft 4.0 ist heiß. Man spricht von der vierten industriellen Revolution. Re-Volution? Zurück-Wälzen? Von einem Zurück scheint auf den ersten Blick wirklich nicht die Rede zu sein. Wie schon bei den ersten drei sogenannten Revolutionen ‚Wasser- und Dampfkraft‘, ‚Elektrifizierung‘ und ‚Automatisierung und IT‘ – die wir alle überlebt haben, die aber auch über unser Leben mit ihren Bedingungen mitbestimmen und die motivieren können, über Leben noch einmal nachzudenken.

Marie von Ebner-Eschenbach meinte einst, dass nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, unser Schicksal ausmacht. Die Frage lautet daher, was empfinden Menschen, wenn sie von Facetten des ‚4.0‘ in ihrem beruflichen Umfeld berührt werden? Allgemein können wir sagen: Werden die Empfindungen von einem negativen Affekt begleitet, meinen Menschen also, dass 4.0 etwas für sie aus ihrer ‚Ordnung‘ bringt, etwas aus dem Lot läuft, dann entstehen Affekte und Emotionen der Angst, Sorge, Trauer, Wut… – solche Reaktionen sind aus Unternehmersicht wenig hilfreich. Sie kosten Ressourcen. Aus Sicht eines Krisenpräventologen sind diese Reaktionen zwar menschlich ’normal‘, aber sie kosten Lebensfreude. Es stellt sich daher die Frage, wie der Umgang mit 4.0 gestaltet werden könnte, um die potenziell negativen Auswirkungen zu mindern. Und dafür, dass sie negativ empfunden werden können, sorgen u.a. ‚Nicht-Zahlen‘. Dies sind Zahlen, die in die Luft geworfen werden, um sich dort wie von Geisterhand in eine Art Gegenteil zu verwandeln, wenn sie wieder zurückkommen.

Beispiel: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stellt fest, dass 1,5 Millionen Arbeitsplätze durch die Wirtschaft 4.0 bis 2025 wegfallen werden. Die Zahl ist in der Luft. Nun aber: Es entstehen im gleichen Zeitraum auch 1.5 Millionen neue. Die Suggestion in den Köpfen vieler: Dann wird es ja nicht so schlimm. Oder: Im produzierenden Gewerbe wird es ein großes Minus geben! Dann: Aber da gibt es ohnehin einen Fachkräftemangel, also gleich sich das wieder aus. Oder: In den USA schätzt man, dass 47% aller Jobs durch die Digitalisierung wegfallen werden. In Deutschland schätzt man, dass 390.000 neue durch sie entstehen. Ergo: Wir schaffen das, besser.

Schaue ich auf eines unserer Tätigkeitsfelder, die Psychotherapie, dann stimme ich einer Zahl des Organisationspsychologen Peter Kruse durchaus zu: Er sieht den Wegfall von gut 30% bisheriger Tätigkeitsanteile in jedem Beruf durch den Einzug digitaler Prozesse und Dienstleistungen vorher.
Ich kann dies für unsere Arbeitswelt bereits heute bestätigen: Neben Verschlankungen in der Praxisadministration als auch Optimierungen in der Patientenkommunikation kommen insbesondere in der Diagnostik die Effekte der Digitalisierung zugute, bieten mir doch heute diese Prozesse die Möglichkeit einer deutlich schnelleren und genaueren Befundung bei gleichzeitig umfangreicherem Informationshintergrund. Was früher x Sitzungen bedurfte, sieht heute so aus, dass ein Patient innerhalb eines Tages mit mir auf mehr als 100 Facetten seiner Persönlichkeitsmerkmale incl. latenter oder manifester Störungen sowie verfügbarer Ressourcen schauen kann. Therapiekonzeption, -beratung und -beginn fließen quasi ineinander und können sofort initiiert werden.

Bestand Therapie 1.0 noch darin, dass Patienten mit einem Lehnstuhlpsychologen  zusammenarbeiteten und diesen weder hinterfragten noch wechselten, nahm in der Therapie 2.0 unter Einsatz internationaler Klassifizierungen das therapeutische Arbeiten eine deutlichere Fokussierung und Spezialisierung sowohl hinsichtlich der Indikationen als auch der Zuwendung zu Therapieschulen auf der Basis empirischer und experimenteller Studien ein. Mit der Therapie 3.0 vollzog sich der Schritt zur interdisziplinären Arbeit eines Therapeuten mit anderen Disziplinen wie der Medizin, der Arbeitswissenschaften, der Pädagogik u.a.sowie einer evidenzbasierteren Psychotherapie [in unserem Fall der sinnzentrierten Psychotherapie, der Logotherapie]. Auch die Nutzung des Internets durch den Patienten und dessen zunehmendes und kritisches Interesse an der therapeutischen Vielfalt ist Teil dieser Phase. In der Therapie 4.0 liegt nun nahe, die mit den vorangegangenen Entwicklungsschritten aufgebaute Komplexität unter Nutzung von vernetzten Technologien und Digitalisierungsprozessen zu reduzieren.

Kruse´s Schätzung kann ich pro domo gut nachzeichnen, für andere Berufsgruppen deuten sich noch gravierendere Folgen ab. In den nächsten zehn Jahren werden wohl Berufe wie Finanzanalysten, Steuerberater, Kreditsachbearbeiter in den Banken, Röntgenanalytiker, Rezeptionisten in Hotels, aber auch Rechtsanwälte und Fußballschiedsrichter und viele mehr in ihrem Berufsbestand gefährdet sein. Alles, was nicht bei Drei schnell genug auf dem Baum ist, wird der digitalisierenden Prüfung unterzogen. Daher: So wie die ersten drei ‚Revolutionen‘ die Geschäftsmodelle der Stellmacher, Schriftsetzer, Funkelektroniker, Fernsehmechaniker u.a. Berufe ‚beendeten‘, so gilt auch heute: Wer auf die Entwicklung seines Berufes und der potenziellen Angreifer des mit dem Beruf verbundenen ‚Geschäftsmodells‘ nicht immer wieder sorgfältig präventiv schaut, der betreibt Selbstgefährdung. Ein Krisenpräventionscoaching im Berufskontext ist hier eine sinnvolle Investition. Oder glauben Sie zum Beispiel noch, dass modernste Robotik nicht in der Lage wäre, massive Veränderungen in der Kranken- und Altenpflege, im Straßenbau, in der Hochschullehre oder in der Landwirtschaft oder im Landschafts- und Gartenbau zu bewirken? Wie zäh der Glaube während der früheren ‚Revolutionen‘ in der Wirtschaft war, dass vieles schon so bleiben würde wie bisher, beweist vielleicht diese Zahl: Von den 18 Konzernen, die 1890 im Dow Jones gelistet waren, also die bedeutendsten amerikanischen Kapitalgesellschaften, ist heute – nach 126 Jahren – nur noch General Electric übrig [zum Vergleich: Am 1.7.1988 wurde der Dax eingeführt. Von den 30 Werten bestehen heute – nach 34 Jahren – noch 12]. Wir gehen unsererseits davon aus, dass Wirtschaft 4.0 bereits im Gange ist, Großunternehmen die Effizienzgewinne aus digital-integrierter Vernetzung mithilfe ihrer Investitionen ausschöpfen wollen und werden, dass sich alle Zulieferer dieser Entwicklung anschließen werden und dass letztlich Sie wie ich aufgerufen sind, Ideen zu entwickeln, wie unter neuen Bedingungen das eigene Arbeitsleben mit Sinn und Mündigkeit gestaltet werden kann.

Ja, was bedeutet das dann aber für mich und meine Familie?, werde ich von meinen Klienten gefragt. Eine absehbare Folge wird sein, dass Menschen ihre Biografie nicht wie bisher noch meist üblich weiterhin um ihren Beruf herum organisieren können. Noch wird entlang der Idee eines stringenten beruflichen Erwerbslebens der Prozess ‚Kindergarten-Schule-Ausbildung/Studium-Beruf-Rente‘ gestaltet. Die Kraft dieser Idee ist jedoch nun ausgeschöpft.

Berufsarbeit ist zeitlich absehbar faktisch nicht mehr das Zentrum des Lebens, und wenn sie es nicht mehr ist, dann müssen die kommenden Generationen dabei unterstützt werden, glauben zu lernen, dass Arbeit eine Lebensfacette und nicht Lebensinhalt ist. Während man bei Inhalten dazu neigt, bei ihnen innezuhalten, haben Facetten den Charme, dass sie reich sind. Jungen Menschen zu helfen, dass sie sich mit den möglichen Facetten ihres Lebens denkend und fühlend befassen, wird quasi zur ersten Gesellschaftspflicht. Dazu gehört neue Bildung, mit der junge Menschen auch mit einem historischen Blick lernen, was Beruf war, ist und wird, was Verantwortung, Freiheit und Sinn im Leben war, ist und wird. Auch ein Begriff wie Rente [von reddere: ‚zurückgeben, erstatten‘] gehört zu diesen Klärungsbegriffen. War er bisher auf das eigene Erwerbsleben gerichtet, so wird er in absehbarer Zeit das Erwerbsleben einer künstlichen Roboterintelligenz, eines ‚Robo Oeconomicus‘, meinen. Menschen besitzen dann Robos [eine neue Form der Rentenversicherung], verpachten sie, vermieten sie, stellen sie ‚Interim Robo Management Agenturen‘ zur Verfügung, die diese Robo-Pools dann zum Beispiel den KMU auf 24/7-Basis zur Verfügung stellen, die ihrerseits einen Robo-Park nicht finanzieren können. Die Unternehmen werden dafür, dass sie Robos statt Menschen einstellen, eine Techniksteuer zahlen, die zur Refinanzierung von Renten der alten Bevölkerung und zur Finanzierung eines bedingungslosen Teileinkommens eingesetzt wird. Aus dem Robotereinkommen je Stunde, das nicht niedriger als das Mindesteinkommen je Stunde eines Menschen liegen wird, refinanziert sich dessen Instandhaltung, die ihrerseits analog zu den heutigen Werbungskosten steuerliche Berücksichtigung findet usw. usf.

Wird die Jugend für diese Welt sensibilisiert, dann lernt sie, dass sie heute anders als ihre Eltern und weiteren Vorfahren hinsichtlich der Kriterien der Effizienz und Produktivität kellertief den neuen Technologien unterlegen ist, ihr in Empathie, Kreativität, Ethik und Intuition jedoch haushoch überlegen sein kann. Denn im Kern kommt es ja nie darauf an, welche Bedingungen ein Mensch hat, sondern stets nur darum, was er aus ihnen macht.

Aber ich bin erst 40, was soll ich für die Gestaltung des kommenden Vierteljahrhunderts tun?
Der Präventologen-Tipp für einen ersten präventiven Nachmittag in eigener Sache:

  1. Notieren Sie zuerst alles, was ‚Arbeit‘ im Allgemeinen für Sie bedeutet. Geben Sie diesem Stellenwert dieser ‚Arbeit‘ eine Zahl von 1-10 [1= sehr sehr wenig Bedeutung; 10= hat für mich die allerhöchste Bedeutung]
  2. Notieren Sie alles, was die ‚Berufsarbeit, die Sie jetzt haben‘, für Sie bedeutet. Auch hier den Stellenwert von 1-10 notieren.
  3. Ist der Wert ‚allgemein‘ dividiert durch den Wert ‚Berufsarbeit‘ größer 1 [wenn nicht, dann weiter mit Frage 6], dann erstellen Sie eine Liste, welche Arbeiten genau für Ihr Leben mit mehr Bedeutung verbunden sind als Ihre Berufsarbeit. Notieren Sie nun, in welchem Maße Sie eine Berufsarbeit benötigen, um die Arbeiten, die für Sie mehr Bedeutung haben, durchführen zu können.
  4. Als nächstes notieren Sie, ob Sie glauben, dass Sie genau die Berufsarbeit, die Sie derzeit haben, benötigen, um die Arbeiten, die für Sie mehr Bedeutung haben, durchführen zu können? Wenn Sie dies glauben, dann schreiben Sie alle Gründe dafür genau auf.
  5. Nun einmal angenommen, wider Erwarten verlieren Sie Ihre Berufsarbeit. Wie würden Sie nun diese drei Sätze ergänzen:
    – Wenn ich das vorher gewusst hätte, dann hätte ich ….
    – Wenn ich das nun auch nicht ändern kann, dann werde ich dennoch …
    – Wenn dies ein Traum gewesen wäre, aber ich würde heute erfahren, dass ich diese Berufsarbeit in einem Jahr verlieren werde, dann werde ich …
  6. Ist der Wert ‚allgemein‘ dividiert durch den Wert ‚Berufsarbeit‘ kleiner 1, dann erstellen Sie eine Liste, welche Berufsarbeiten genau für Ihr Leben mit mehr Bedeutung verbunden sind als die anderen Arbeiten, die Sie durchführen. Notieren Sie nun, ob Sie glauben, dass genau die Berufsarbeit, die Sie derzeit haben, Ihnen diese Bedeutung vermittelt. Wenn Sie dies glauben, dann schreiben Sie als nächstes alle Gründe auf, die Sie glauben machen, dass genau diese Berufsarbeit sicher ist.
  7. Nun einmal angenommen, wider Erwarten verlieren Sie nun doch diese Berufsarbeit. Wie würden Sie nun diese drei Sätze ergänzen:
    – Wenn ich das vorher gewusst hätte, dann hätte ich ….
    – Wenn ich das nun auch nicht ändern kann, dann werde ich dennoch …
    – Wenn dies ein Traum gewesen wäre, aber ich würde heute erfahren, dass ich diese Berufsarbeit in einem Jahr verlieren werde, dann werde ich …
  8. Nun lassen Sie Ihre Aufzeichnungen einen Monat lang unbeachtet liegen. Holen Sie sie dann hervor und kommen Sie mit einigen Menschen Ihres Vertrauens ins Gespräch darüber. Welche Schlüsse wollen Sie nun hinsichtlich Ihrer individuellen Krisenprävention ziehen?

Wären wir nun heute noch auf dem Stand der Krisenprävention 1.0, dann würde die Reflexion dieser Fragen bestenfalls zu einem Gespräch im Familien- oder Kollegenkreis führen. Hier würden die Meinungen und Glaubenssätze ausgetauscht und sich gegenseitig Formen der Selbstberuhigung und private Schutzmechanismen angeboten. In der Krisenprävention 2.0 käme die Hoffnung auf Sicherungssysteme zum Einsatz. Man würde darauf setzen, dass Interventionen der Unternehmensleitung, der Gewerkschaften, der Politik oder anderer Instanzen schon dafür sorgen, dass die eigene Berufsarbeit abgesichert ist oder ihr etwaiger Verlust soziale Abfederung erfährt. Mit der Krisenprävention 3.0 – dies ist der derzeit höchst Stand individuell vollzogener Prävention aus unserer Sicht – wird selbstverantwortlich initiiert Beratung eingeholt und webbasierte Informationsangebote wie zum Beispiel in niveauvollen Internet-Foren genutzt. Auch würde man im eigenen Unternehmen oder Umfeld nach Weiterbildungsmöglichkeiten im Kontext der individuellen Krisenprävention Ausschau halten und die hier gewonnenen Erkenntnisse in präventive Handlungen überführen. In der zukünftigen Krisenprävention 4.0 wird weitgehend Abschied genommen von fremdgesteuerter Verantwortungsübernahme im individuellen Krisenkontext. In Freiheit und Verantwortung stellen sich Menschen den Bedingungen, die sie haben, sie sprechen selbstinitiiert Fachleute aus dem Krisenpräventionskontext an und werden zusätzlich unterstützt durch Initiativen vernetzter Gruppen und Wertegemeinschaften. Psychologische Begleitung hat eine deutlich humanistisch ganzheitliche Prägung bei gleichzeitiger Nutzung der dank der Digitalisierung erworbenen Errungenschaften hinsichtlich der Analyse relevanter Persönlichkeits- und Umweltmerkmale.

Die Weiterentwicklung des 4.0 kann entweder dazu führen, dass sich die Lebenswelt des Menschen dann für ihn förderlich verändert, wenn er seinerseits bereit dafür wird, den Begriff Arbeit grundsätzlich neu zu fassen. Dies sollte zu leisten sein, bedenkt man, dass das germanische Wort araþi als Herkunft des Begriffs ‚Arbeit‘ einst Mühsal und Plage meinte. Heute verstehen wir Arbeit mehr als Tätigkeit mit Wert. Wenn es gelingt, Arbeit als Tätigkeit mit Sinn anzusehen, entwickelt sich individuell womöglich recht mühelos ein neuer Umgang mit ihr. Aus präventiver Perspektive ist dies jedem Menschen zu wünschen.