Archiv für den Monat: Dezember 2016

Wie der Mensch die Wahrheit erkennt

In seiner politeia diskutiert Platon die Frage, ob und wie der Mensch die Wahrheit erkennen kann.

Stelle dir Menschen vor in einer unterirdischen Wohnstätte…
von Kind auf sind sie in dieser Höhle festgebannt. 
Sie sehen nur geradeaus vor sich hin…  
aus der Ferne von rückwärts erscheint ihnen ein Feuerschein ..
zwischen dem Feuer aber und den Gefesselten läuft oben ein Weg hin, längs dessen eine niedrige Mauer errichtet ist…   

Längs dieser Mauer…
tragen Personen allerlei Gerätschaften vorbei…

Können solche Gefangenen je mehr von sich selbst und gegenseitig voneinander gesehen haben als die Schatten, die durch die Wirkung des Feuers auf die ihnen gegenüberliegende Wand der Höhle geworfen werden?

Durchweg also würden die Gefangenen nichts anderes für wahr gelten lassen als die Schatten der künstlichen Gegenstände. Wenn einer von ihnen entfesselt und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals umzuwenden, …
nach dem Lichte emporzublicken…

Und wenn man ihn nun zwänge, seinen Blick auf das Licht selbst zu richten, so würden ihn doch seine Augen schmerzen…   
Wenn man ihn nun aber von da gewaltsam durch den…
Aufgang aufwärts schleppte und nicht eher ruhete, als bis man ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, würde er diese Gewaltsamkeit nicht schmerzlich empfinden und sich dagegen sträuben?…   

Zuletzt dann würde er die Sonne, nicht etwa bloß Abspiegelungen derselben im Wasser …
in voller Wirklichkeit …
schauen und ihre Beschaffenheit zu betrachten imstande sein…

Wenn ein solcher wieder hinabstiege in die Höhle und dort wieder seinen alten Platz einnähme, würden dann seine Augen nicht förmlich eingetaucht werden in Finsternis?

Und wenn er [mit den anderen] nun wieder…
wetteifern müßte in der Deutung jener Schattenbilder, …
würde er sich da nicht lächerlich machen und würde es nicht von ihm heißen, sein Aufstieg nach oben sei schuld daran…
und schon der bloße Versuch, nach oben zu gelangen, sei verwerflich?

Unser Kleingruppen-Seminar: „Krisenprävention: Vorbereitet sein für turbulente Zeiten“, das im Frühling 2017 angeboten werden wird, beginnt mit diesem Gleichnis. Aus guten Gründen …

Kann man Sinn machen? – I

Als mir 1987 im Rahmen meiner Vorbereitungen auf meine Diplomarbeit zum Thema Unternehmensethik das Werk von Viktor Frankl zum ersten Mal begegnete, habe ich ihn nachweislich gelesen. Verstanden habe ich ihn damals noch nicht. Mir erschienen Begriffe wie das Geistige, die Transzendenz oder der noopsychische Antagonismus recht knorrig. Auch, dass der Sinn nicht menschengemacht sei, sondern stets außerhalb des Menschen darauf wartet, gefunden zu werden, erschien mir schon als recht psycho.

Auf die Idee, dass gerade dieses Gedankengut einmal meine eigene wissenschaftliche Basis darstellen würde, dass ich über Frankl, den Sinn, die Sinntheorie insbesondere im Krisenkontext meine Promotion ablegen würde, bin ich damals nicht gekommen. Mit der Zeit aber wuchs das Interesse daran, in die einst empfundene Ordnung im Leben mit unbequemen Fragen Unordnung zu schaffen. Als Coach und Therapeut tat ich dies ohnehin schon – nur waren die Empfänger meine Klienten. Nun aber war es eine Frage, die auf mich selbst zielte. Eine der typischen Frankl-Fragen, deren Gewicht dann deutlich wird, wenn das Staunen über sie etwas abgeklungen ist:
„Auf welche Frage meines Lebens bin ich die Antwort?“

Fragen wie diese hatten schon immer ihren Reiz für mich. Aber so konkret auf die eigene Person zielend haben sie doch etwas Riskantes. Wieso sollte mein Leben mich fragen? Welchen Platz nimmt es ein, um überhaupt fragen zu können? Wieso sollte ich eigentlich antworten sollen? Und wenn ja, was ist, wenn ich die Antwort nicht finde? Und wieso Frage und nicht Fragen? Und wieso Antwort und nicht Antworten? Welche Verantwortung übernehme ich dafür, diese eine Frage als die meines Lebens anzusehen? Woran merke ich, dass diese Frage für mich stimmt?

Fragen über Fragen und doch mit anderem Sog als zum Beispiel die Frage, warum sich Niklas Luhmann nach epischer Abhandlung seines reduktionistischen Sinnverständnisses irgendwann doch dazu hinreißen läßt, den Momenten sogenannter Emphase die Funktion zuzusprechen, Erstaunlichkeiten herzustellen. Diese Erstaunlichkeiten seien die Verstörer der Sinnlosigkeit. Nun, das aber wusste auch schon Aristoteles als er mit weniger Worten darauf hinwies, dass der ‚Sinn zur Türe herein kommt‘. Zu beweisen, dass der alte Wein in einem systemtheoretisch neuen Schlauch daherkommt, ist fraglos wichtig. Wesentlich ist es nicht.

Zurück zum Wesentlichen. Wenn sich meine Klienten in ihrer Ordnung eingerichtet haben, dann schaffen wesentliche Fragen angemessene Unordnung. Und wenn die Unordnung einen Menschen schier in Zweifel zieht, dann bringen wesentliche Antworten eine neue Ordnung, Zwischen Ordnung und Unordnung findet sich das Nachdenken über das, was erstaunt hat und woran man noch zweifelt.

Und wenn man als Philosoph nicht nur philosophiert, sondern auch therapiert, dann entdeckt man schnell, dass es Menschen gibt, bei denen zwischen Ordnung und Unordnung kein Türspalt frei ist, damit über das, was sich dort findet, gestaunt werden kann. Ohne Türspalt aber keine Frage, keine Sinnfrage. Ohne Spalt ist die Ordnung in Unordnung und die Unordnung ist in Ordnung. Die Freiheit, die darin liegt, diesen Kreislauf zu unterbrechen, erscheint unerreichbar. Sich die Frage nach dem Sinn zu stellen, erscheint sinnlos. Es gibt doch nichts mehr zu staunen. Oder doch? Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

 

[wird fortgesetzt]

„Wir haben immer perfektere Methoden,
aber immer verworrenere Ziele.“

Albert Einstein

Ob zwei Elefanten sich streiten oder lieben –
das Resultat für den Rasen darunter ist das gleiche.

Indisches Sprichwort

Wenn wir den Menschen so nehmen, wie er ist, dann machen wir ihn schlechter.
Wenn wir ihn aber so nehmen, wie er sein soIl, dann helfen wir ihm dazu, das zu werden, was er werden kann.

Viktor Frankl

Rezension: Krisencoaching

b11Lebenskrisen können eine heilsame Wirkung haben. Sie können aber auch in ihrer zerstörerischen Wucht das Ende bedeuten. Ob Krankheit, das Ende einer Beziehung, der Verlust des Arbeitsplatzes oder das Sterben eines geliebten Menschen. Die Dynamik der Krise erfasst den ganzen Menschen mit seinem Geist, seiner Psyche und dem Körper. Um solche Krisen systematisch anzugehen und sie zu einem guten und befriedigenden Punkt zu führen, ist eine professionelle Vorgehensweise sinnvoll. Der vorliegende Band bietet eine kompetente Fundgrube für eine systematische Herangehensweise, ein professionelles Krisencoaching, das nicht in die Abgründe des Unheils führt, sondern den Fokus auf die Ressourcen richtet. Neben fundierten Einblicken in die Krisentheorie ist besonders die heilende und gesundheitsfördernde Ausrichtung des vorgestellten Ansatzes zu erwähnen. Sehr hilfreich sind dabei die beispielhaften Beschreibungen konkreter Fälle. Das Buch ist mehr als eines der üblichen Ratgeber. Es macht Mut!

Arthur Thömmes, lehrerbibliothek.de

Affekt & Co.

Bald weihnachtet es sehr. Das Fest der Liebe kann dabei bereits am Schlüsselloch den ersten Kratzer erfahren – wenn das Kind sich so sehr diesen einen und nur den einen Teddy gewünscht hat und es nun beim neugierigen Blick einen anderen unterm Baum erspäht. Mit diesem kleinen Szenario sollen vier weithin synonym verwendete Begriffe vorgestellt werden.

Der Affekt

Ein Affekt bezeichnet eine subjektive, positiv oder negativ empfundene Empfindung. Im Szenario nimmt das Kind den ‚falschen‘ Teddy wahr. Dieses Objekt wird negativ bewertet und als solches auch negativ empfunden. Ein Affekt kann einen Zustands- oder einen Eigenschaftscharakter kennzeichnen. Das Kind empfindet im Moment der Wahrnehmung des ‚falschen‘ Teddys einen Zustand [ohne dass hier schon klar wäre, welcher]. Angenommen, das Kind würde sich beim Anblick im Spiegel immer wieder negativ selbst beurteilen [ich bin nicht in Ordnung, weil ich solche Segelohren habe], dann bekäme der Affekt die Form einer konstanten Eigenschaft.

Aus einem Affekt können in weiterer Verfeinerung Emotionen und Stimmungen differenziert werden. Beide Begriffe unterscheidet die sogenannte Salienz. Mit Salienz wird ein Reiz beschrieben [hier der wahrgenommene Teddy], der aus seinem Gesamtkontext [hier: Weihnachten, Feier, Mama und Papa, Geschenk, Baum, …] herausgehoben wird, um ihn im Bewusstsein leichter zu verarbeiten [im Beispiel ist die ‚leichtere‘ Verarbeitung damit zu begründen, dass das Kind einen ‚Soll-Teddy‘ als Vorgabe gedacht hat und es nun leicht erkennt, dass der ‚Ist-Teddy‘ deutlich vom Soll abweicht]. Der Teddy unterm Baum ist somit ein salienter Reiz, ausgehend vom bewerteten Objekt. Aus einem salienten Reiz resultiert nun eine Emotion [Ärger, Wut, Trauer, …].
Angenommen, das Kind hätte keinen ‚Soll-Teddy‘ vor Augen und weiter angenommen, das Kind nimmt den ganzen Kontext [Weihnachten, Feier, Mama und Papa, …. Teddy] wahr, dann geht vom Teddy ein nicht-salienter Reiz aus, der einen unbewussten Beitrag zu einer guten oder schlechten Gesamtstimmung leistet.

Die Emotion

Eine Emotion ist demnach ein Affekt gegenüber einem bewerteten Objekt. Bewertung setzt dabei einen Maßstab [Soll-Teddy] voraus. Eine negative Abweichung führt dann zum Beispiel zur Wut auf oder den Ärger über den Ist-Teddy. Den Affekt regulieren zu lernen würde für das Kind zum Beispiel bedeuten, beim nächsten Mal erneut zwar einen Ist-Teddy zu bewerten, dieser Bewertung gegenüber nun aber einen anderen, positiveren Maßstab anzulegen.

Die Stimmung

Eine Stimmung ist eine affektive Empfindung ohne Objekt-Bezug. Im Gegensatz zu einer Emotion. ist sie schwächer, dafür aber länger andauernd. Aus einer Emotion [z.B. Ärger] kann eine Stimmung [zum Beispiel ’schlechte Laune‘] folgen. Das bei der Emotion konkret bewertete Objekt fließt dabei ein in eine diffusere Gesamtsituation, oder anders gesagt: Die Salienz verliert sich, der Affekt bleibt jedoch bestehen.

Das Gefühl

Während Affekte, Emotionen und Stimmungen im Kontext bewusster und gegenwärtiger Empfindungen stehen, wird bei einem ‚Gefühl‘ ein Gedächtnisinhalt abgerufen. Ab Beginn des Lebens bis zur Gegenwart werden Gefühle als eine Art Adresse verarbeiteter, subjektiver Empfindungen aller Art abgespeichert. Werden Gefühle reaktiviert, dann treten sie als Information entweder körperlich, affektiv oder kognitiv wieder in Erscheinung. Das Gefühl, hungrig, erschöpft, vital, besorgt …. zu sein, setzt also voraus, dass im Lebensverlauf bereits Empfindungen verarbeitet wurden, die zu diesem Gedächtnisinhalt geführt haben.

Special: Krise

Eine Krise hat als sie besonders kennzeichnendes Merkmal den ‚Selbstzweifel‘. Diesem Empfinden steht demnach noch kein Gefühl zur Seite. Die Situation ist neu, ungewohnt, ruft auf zur Improvisation, weil es kein passendes Set an Gedanken, Verhalten, Kommunikationen usw. gibt.
Viktor Frankl benennt mit der Sinnleere, dem existenziellen Vakuum, ein solches Krisen-Empfinden. Die Lösung aus dem Zweifel des Selbst liegt darin, dass der Mensch lernt, worauf sich sein Selbst gründet. Dieser Ur-Grund ist das Wertesystem der Person. Hat sich der Mensch das eigene Wertesystem erarbeitet [dies ist meist erforderlich, da Menschen ihre eigenen Werte oft nicht bewusst sind], dann gibt es keinen Grund mehr für einen Zweifel an sich selbst. Die Folge ist, dass ein Mensch zwar eine Situation als Umbruch, Ende, Wendung o.ä. empfindet und damit auch Emotionen und Affekte verbunden sind und sein dürfen. Jedoch : Der Umgang mit einer solchen Situation erfolgt auf der Basis geklärter Werte zweifelsfreier und gesünder. Mit anderen Worten: Krise muss nicht sein.