Der steinige Weg zu einem menschenwürdigen Menschenbild

Bevor Immanuel Kant und andere große Denker das Zeitalter der Aufklärung einläuteten, war das Selbstverständnis des abendländischen Menschen das eines unfreien Wesens. Über die Zeit wurde dieses unfreie Wesen mündiger, klüger, forschender und machte auch sich selbst immer mehr zum Thema. Die Unfreiheit wurde nun in neue Kleider gesteckt. Erst wurde dem Menschen seine Abhängigkeit von seinen Trieben erklärt, dann von seinen Minderwertigkeiten. Dann war er ein Wesen, dass sich durch seine Rasse zu definieren hatte. Dann folgte die Epoche, in der Lernprozesse des Menschen mit ihrer Wirkung von Belohnung oder Bestrafung und die Einbindung des Menschen in sein Sozialsystem in den Fokus gerückt wurden. Der ewige Streit, ob nun eher ’nature‘ oder ’nurture‘ den Menschen ausmacht, führte mal zu einem Bild eines ‚durch Genmutationen und Selektionsprozesse entstandenen Evolutionsprodukt‘ oder hin zu einem ‚von den Elternbeziehungen und Umwelteinflüssen geprägten Sozialprodukt‘.

Je nach Blickrichtung wurde der Mensch aus seiner Unfreiheit in die Welt des ‚ein Mensch ist nichts anderes als …‘ geschubst. Und in dieser Welt des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht befinden sich die meisten Menschen auch heute noch. Dass Menschsein ‚Verantwortlichsein im Angesicht des Freiseins gegenüber den Gegebenheiten naturhafter Bindung‘ [Karl Jaspers] bedeutet, kam in dieser Deutlichkeit erst durch Philosophen wie Scheler und Jaspers und in der Psychologie und Psychotherapie durch Viktor Frankl in die Welt. Für Frankl war es unerträglich, den Menschen reduziert zu wissen auf die Rolle des Opfers seiner ihn determinierenden Umstände. Frankls menschenzugewandte und wissenschaftliche Gegenreaktion wurde letztlich mit seiner Sinntheorie und Logotherapie konkretisiert. Durch Frankl wurde der trotz aller Bedingtheiten offene Gestaltungsspielraum des menschlich Geistigen [das Geistige des Menschen ist dabei weit mehr als der Gehirnverstand und umfasst die Fähigkeit der Zugewandtheit zur Welt, den Einsatz des Gewissens, das Wertfühlen und manches zutiefst Menschliche mehr] betont. Frankl ist es zu verdanken, dass selbst die aktuelle Hirnforschung, in der einzelne Strömungen den Menschen erneut reduzieren wollen – nun jedoch auf die Bedingungen, die aus deren Forschersicht das individuelle Gehirn dem Menschen als Wesensganzen vorschreibt – ins Hintertreffen geraten wird. Wohl dem, der sich das Bild des mündigen, zum Sinn strebenden Menschen nicht ersetzen lässt durch ein Bild eines vom eigenen Gehirn unmündig und willenlos gesteuerten Wesen.