Trennung und Scheidung

Trennung und Scheidung – beruflich wie privat – sind die Anlässe, die am häufigsten Menschen in eine Krisentherapie oder ein -coaching führen. Individuelle, rechtliche, mikrosoziale und sytemische Aspekte werden gleichermaßen Teil des Beratungsprozesses. Individuelle: wie gehe ich psychisch und körperlich mit der Situation um; wie finde ich trotz der Situation Sinn im Leben – rechtlich: wie können robuste Vereinbarungen helfen, dass sich die Krise nicht weiter auswächst – mikrosozial: wie kommuniziere ich die Situation in den Kreis der mir relevanten Menschen – systemisch: welche Folgen hat das Ganze für Kinder, Mitarbeiter, Kunden?

Die Wucht von Trennung und Scheidung ist meist umso stärker, je länger die Bindung oder Beziehung bestand und je tiefer sich die Person involviert, verstrickt, integriert oder vernetzt im System erlebte, das nun getrennt oder geschieden wird. Je mehr die eigene Identität zugunsten des Systems preisgegeben wurde, um so eher fühlt sich der Prozess als Werte- und Sinnkrise an. Das Lebenswerk beginnt zu wanken, der Boden unter den Füßen geht verloren, das Empfinden des Scheiterns macht sich breit.

Aus der Perspektive von Kindern, Mitarbeitern und Kunden wird eine Trennung oder Scheidung anders empfunden. Geraten sie unvorbereitet in den Sog eines solchen Ereignisses, dauert die Verarbeitung bei Kindern – statistisch – bis zu zwei Jahren. Je nach Bindungskraft und Lebensalter werden dabei die unterschiedlichsten psychischen Reaktionen beobachtet, zum Beispiel Ängste, Schlafprobleme, Rückzug, Aggressivität. Bei Mitarbeitern hängen die psychischen Folgen zum Beispiel davon ab, ob man sich durch eine Führungskraft gefördert erlebte und nun eigene berufliche Fortschritte durch die Trennung auch zum Erliegen kommen. Bei Kunden wiederum kann eine lange Kunden-Lieferanten-Beziehung zu einem Informations-Leck führen, verbunden mit dem Aufwand, sich mit einem ’neuen Gesicht‘ anfreunden zu sollen.

Will man durch eine Krisenberatung diese Folgen nicht nur für sich selbst mindern, bleibt nur der Weg über eine entlastende Klärungsarbeit mit Transparenz, gemeinsamer Erarbeitung vernünftiger Trennungsschritte und der Akzeptanz emotionaler Reaktionen. Das Wissen um die Allmählichkeit der Verbesserung, die Betroffenheit durch das Erfordernis neuer Sinnfindung, das Empfinden von Leere und Alleinsein, die Bedeutung des [selbst-]kommunikativen Umgangs mit der neuen Situation sind wesentliche Säulen des Beratungsprozesses. Der Berater seinerseits tut gut daran, von keinem ‚linearen‘ Erfolg im Prozess auszugehen und – weil das so ist – entsprechend flexibel seine Sichtweise auf Personen und die Gesamtsituation anzupassen. Wenig hilfreich ist es dabei, als Berater Vergleiche mit früheren Prozessen anzustellen oder die eigenen Krisenerfahrungen als Maßstab zu nehmen.

Relevanter hingegen ist die systemische Herangehensweise auf der Basis eines formulierten Menschenbildes. Wer alles empfindet Last unter dem EInfluss der Trennung oder Scheidung? Stehen diese Personen ihrerseits selbst bereits unter dem Einfluss anderer Krisen? Hat eine Trennungskrise über die unmittelbar von ihr Betroffenen hinaus eine krisenauslösende Energie auf andere Menschen? Führt eine Krise zu existenzieller Not? Welches Unterstützungssystem braucht es, um den negativen Verlauf der Krise zu mindern oder zu verkürzen? Was müssten die sich Trennenden oder sich Scheidenden tun, um aus der Krise eine Katastrophe zu machen? Wer hat welchen Grad an Freiheit, wer welchen Grad an Verantwortung?