Spielverderber Sokrates

Sokrates, mittlerweile ist sein Werk auch schon seit 2.400 Jahren unauslöschlich in der Philosophie verankert, fordert uns Sinntheoretiker immer wieder heraus. So ist seine Erkenntnis, dass kein Mensch Wahrheit zweifelsfrei feststellen kann, vielmehr diese stets nur den konkret beobachtbaren Dingen vorbehalten ist, ein echter Brocken. Insbesondere, wenn wir von unserer Seite behaupten, dass für jeden Menschen zu jeder Zeit Sinn im Leben gegeben ist. Konkret beobachtbar ist er nicht und doch – so postulieren wir – ist er da. Eine sokratisch-philosophische Frechheit also, oder?

Für Sokrates war alles jenseits der Wahrheit pure Behauptung. Und wurde diese auch noch als die einzig wahre hingestellt, war einem die Zornesröte im Antlitz des alten Griechen sicher. Sokrates als Verderber des Spiels mit Konjunktiven, Eventualitäten, Reduktionismen und Absolutismen.

Als wahr gilt im Alltagsverständnis, was einen beobachtbaren Ausschnitt real gegebener Umstände zutreffend beschreibt. Wahr ist also, dass ich gerade vor einem Bildschirm sitze. Wahr ist, dass ich schreibe. Wahr ist, dass es knapp 11 Uhr ist. Wahr ist – glaube ich – auch, dass ich mir all dem subjektiv gewiss bin. Aber so einfach ist es nicht. Wenn ich es als wahr ansehe, dass ich schreibe, so bekämen einige Neurowissenschaftler bei diesem Satz eine Schnappatmung. Schließlich ist es doch das Gehirn, das den Befehl gibt, etwas motorisches so zu tun, dass eine bestimmte Taste gedrückt wird.

Bei den Anhängern Freuds wäre das, was ich hier gerade als wahr ansehe nichts anderes als überschüssige Libido. Irgendeinem Trieb folgend und unter Beachtung einer sozialen Norm ist mein Ich nun dabei, zwischen diesen beiden zu vermitteln und so etwas zu machen wie diesen Text. Andere ‚tiefen‘ Psychologen sehen das alles wieder anders, aber im Kern formulieren auch sie mehr Überzeugungen darüber was ‚Mensch‘ ist, als Wahrheiten. Ihre persönliche Überzeugungen werden so sukzessive zu Gewissheiten, zu subjektiven Gefühlen des Überzeugt-Seins.

Menschen brauchen diese Gefühle persönlicher Gewissheit, doch eins sollten sie nicht: Den Blick auf das zu versperren, was wahr ist. Bezweifelt ein Mensch seine Gewissheiten nicht, dann geschieht aber genau das. Die Wahrheit geht im Moor der Gewissheit unter. Um an die Wahrheit zu kommen, müssen ‚felsenfeste Überzeugungen‘ und die bekannte ‚absolute Sicherheit‘ für eine Weile weichen. Und damit auch der ‚Glaube‘, das ‚Bauchgefühl‘, die ‚Wahrscheinlichkeit‘, die ‚Intuition‘, der Mythos gemeinsam mit anderen sei man schlauer, Vorurteile und andere Nebengleise. Wahrheit braucht den rationalen, herrschaftsfreien Diskurs – mit anderen oder in der Selbstkommunikation.

Und wie ist das dann nun mit dem Sinn und der Wahrheit?

Ich formuliere dazu zuerst eine Perspektive des Sören Kier­kegaard. Ein subjektiver Denker weiß, dass er als Existie­render nie zum Objek­tiven gelangen wird und die Subjektivität sich gänzlich darauf ausrichtet, als Endlichkeit ihre ei­gene Unendlichkeit zu erlangen und so ‚strebend‘ zu sein. „Die Leidenschaft der Unendlichkeit ist das Entscheidende, nicht ihr Inhalt, denn ihr Inhalt ist sie eben selbst. So ist das subjektive Wie und die Subjektivität die Wahrheit. Die objektive Ungewißheit, festgehalten in der Aneignung der leiden­schaftlichsten Innerlichkeit, ist die Wahrheit, die höchste Wahrheit, die es für einen Existieren­den gibt.“

Und in Ergänzung dazu der Phänomenologe Edmund Husserl. Im Verständnis einer radikal vorurteilsfreien Erkenntnis versteht er unter einem ‚Phänomen‘ nichts anderes als das in der Welt ‚an sich’ Seiende, das sich im subjektiven ‚Für-mich’ zeigt. Um vom real vermeinten Ding als Seiendem zum Phänomen, dem intentionalen Gegenstand eines konkreten physischen Erlebnisses zu gelangen, ist eine Einstellungsänderung im Wahrnehmenden nötig. Sie bedingt – und das mag auf den ersten Blick schwierig sein – die Enthaltung eines unreflektiert hingenommenen Glaubens an die Existenz der Welt.

Dafür steht das unmittelbar Gegebene, das völlig Vorurteilslose in der Betrach­tung. Wichtg ist: Das Dasein ‚der Welt‘ steht nicht in Abrede, sondern die Geltung, die ihm durch Urteile ‚hineintranszendiert‘ wird. Jed­wede Form der Seinsgeltung gilt es zugunsten der Perspektive ‚Wie-es-erscheint‘ aufzugeben. „Die negative Bedeutung von Erscheinung und Schein hebt auf diesen Differenzbezug ab, indem sie im wertenden Sinne verdeutlicht, daß es sich bei der Erscheinung eben nur um die Erscheinungsweise des dahinter sich verbergenden Etwas handelt, also um den bloßen Schein, nicht um die Wahrheit. Die positive Bedeutung hebt diesen Differenzbezug auf, indem sie von der Koinzidenz der Relata aus­geht. Das Etwas und seine Erscheinungsweise sind hier nicht getrennt, vielmehr zeigt sich in der Er­scheinung die Sache selbst, so wie sie an sich und von sich her ist. Sie geht dann voll und ganz in diesem Sich-Zeigen auf, so dass nichts Dahinterliegendes, Verborgenes bleibt.“

Aus dieser Betrachtungsrichtung lässt sich erkennen, dass von der Art und Weise der Auslegung des ‚Etwas‘ auch die Auslegung der ‚Erscheinung des Etwas‘ abhängt. Ein physikalischer Gegenstand als Raum-Zeit-Konstrukt verstanden, ‚erscheint‘ als Empfindungskomplex aus Farben, Gerüchen, Tönen usw. [subjektiver Phänomenalismus]. Versteht man jedoch das erscheinende Etwas als etwas hinter allen physikalischen Konstruktionen liegendes, dann erscheint das Wesen des Etwas [objektiver Phänomenalismus].

Mithilfe der geistigen Umstellung vom Phänomen zum Wesen eines Etwas, gelangt man zur ‚Wesensschau‘. Methodisch stellt Husserl dazu einen Weg vor, auf dem der phänomenologisch Wahrnehmende verschiedene Variationen eines Etwas auf dessen allgemeine Struktur hin erschaut, indem er alle im Denkakt erzeugten indivi­duellen Besonderheiten im Sinne eines ‚es kann auch anders sein‘ ablegt, um zum Notwendigen des Wesens, im Sinne eines ‚es kann nicht anders sein‘ vorzudringen. Obzwar man sich einen Bewusst­seinsakt ohne jeden Bezug auf einen Gegenstand nicht vorstellen kann, ist dies kein Hindernis, denn für die Methode ist es ‚unwesentlich‘, ob das Etwas tatsächlich existiert oder ob sich das Bewusstsein des Erschauenden in der Beschreibung des Erlebten irrt. Wesentlich ist die Intentionalität des Bewusstseins, die Grenzen der Variationen solange zu erkunden, bis ‚die Sache selbst‘ in ihrer Sub­stanz erscheint.

Das Wesen zeigt sich dem Betrachter demnach durch eine unmittelbare Anschauung – es hat keiner­lei metaphysischen Charakter. Husserl ist der Überzeugung, dass jede originäre Anschauung eine Quelle der Erkenntnis ist und alles, was sich einem Menschen in seiner Wirklichkeit darbietet, als das hinzunehmen sei, als was es sich zeigt. Eine jede Anschauung kann ihre Wahrheit nur aus den originären Gegebenheiten schöpfen. Diese Anschauung ist „von prinzipiell eigener und neuer Art und speziell gegenüber der indi­viduellen Anschauung.“ Es ist die Wesenserschauung, eine originär gebende, „das Wesen in seiner ‚leibhaften’ Selbstheit erfassende“ Anschauung. Was also in der originär geben­den Anschauung gegeben ist, ist eben das Wesen in seiner leibhaften Selbstheit. „Das Wesen ist ein neuartiger Gegenstand. So wie das Gegebene der individuellen oder erfahrenden Anschauung ein individueller Gegenstand ist, so ist das Gegebene der Wesensanschauung ein reines Wesen.

Im rationalen Diskurs – verstanden als Weg zur Wesensanschauung – wissen die Beteiligten, dass keiner völlig recht hat. Besser gesagt, recht haben muss, denn in dieser Haltung würde der Weg zu einem schmalen Grat. Muss also niemand recht haben und hat dennoch jeder das Recht, zur ‚originären Sache selbst‘ zu schauen, so schaut letztlich niemand zu ’seinem‘ Sinn, sondern hin zum Sinn. Dieser Sinn ist Wahrheit und objektiv. Je weiter eine Person ihr ‚Objektiv‘ auf die Anschauung des Wesentlichen außerhalb von ihr selbst einstellen kann, um so mehr schaut sie der originäre Sinn an. Je kürzer es eingestellt ist, wird er zu ‚einem‘ oder ‚meinem‘ Sinn, dann wird aus der Wesensanschauung eine individuelle. Da die individuelle Anschauung der Wahrheit fern liegt, versucht die Psyche dieses Gap auszugleichen, mit Scheinwahrheiten und Behauptungen. Womit wir letztlich wieder beim erzürnten Sokrates angekommen wären.