Krisen als Reifeprüfung

Ulrich Weber, Vorstand Personal der Deutschen Bahn AG, schrieb jüngst in einem Xing-Forum:

Jeder kennt die Situation aus eigenem Erleben in der Familie, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz: Plötzlich passiert etwas, das alles auf den Kopf stellt – eine Krise wirbelt die Familie oder die Firma durcheinander. Wie geht es weiter? Was gelten die Absprachen, die Gewissheiten, die Routinen und Strukturen von gestern? Im ersten Moment wird die Krise als Schock erlebt. Wie nachhaltig die Erschütterung aber ist, hängt weniger davon ab, wie schwer die Krise ist; entscheidend ist vielmehr, wieviel Stärke die jeweilige Gruppe hat und wie autonom sie ein mögliches „Führungsvakuum“ füllen kann. […] Die Reifeprüfung einer Organisation ist die Situation, in der eine solche Führungspersönlichkeit und Identifikationsfigur plötzlich ausfällt [Anm.: Weber schreibt hier anläßlich des Weggangs des Vorstandsvorsitzenden Grube]. Dann zeigt sich, wie stark die Grundorientierung und die gemeinsamen Werte in der Mannschaft verankert sind oder wie sehr im Gegenzug das Handeln noch transaktional einzig auf eine Führungsfigur ausgerichtet war. Eine reife und selbstbewusste, aus sich selbst heraus fortwährend sich weiterentwickelnde Organisation erträgt ein vorübergehendes „Vakuum“, sie bleibt handlungs- und entscheidungsfähig.

Wir übersetzen das einmal auf die individuelle Krise:

Plötzlich passiert etwas, das alles auf den Kopf stellt – eine Krise wirbelt einen Menschen durcheinander. Wie geht es weiter? Was gelten die Ziele, der Besitz, die Routinen und Strukturen von gestern? Im ersten Moment wird die Krise als Schock erlebt. Wie nachhaltig die Erschütterung aber ist, hängt weniger davon ab, wie schwer die Krise ist; entscheidend ist vielmehr, wieviel Stärke die jeweilige Person hat und wie autonom sie ein mögliches ‚existenzielles Vakuum‘ [Frankl] füllen kann. Die Reifeprüfung einer Person ist eine Krise, trotz der sich die Person nicht verfehlt. Dann zeigt sich, wie stark ihre Werte verankert sind und wie sehr die eigene Handungsorientierung erhalten bleibt. Eine reife und selbstbewusste, aus sich selbst heraus fortwährend sich weiterentwickelnde Person erträgt ein vorübergehendes ‚Vakuum‘, sie bleibt handlungs- und entscheidungsfähig.