Geht der Sinn, geht auch die Motivation

Jegliche Handlungen in Form von Entscheidungen, Herstellungen, Kommunikationen erfolgen in Unternehmen durch dafür verantwortliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Soll es zu gemeinsamen Handlungen kommen, dann sind verbindende Ideen, gleichgerichtete Sprache und ein geteiltes und getragenes Werteverständnis erforderlich.

Den Grundbedürfnissen nach Sicherheit, Zuwendung oder Zugehörigkeit, die die Identifikation der Menschen mit ihrer Organisation einst förderten, werden neue Lebenswelten entgegengestellt, die unpersönlicher, hektischer und sachlicher sind – Welten, die an die Eigenverantwortlichkeit, Dringlichkeit und Professionalität appellieren. Menschen, die diese neue Welt mit anderen Lebensumfeldern balancieren können, finden durchaus Gefallen in dieser Lebensweise. Anderen wiederum entsteht durch den Wegfall der ihnen wesentlichen Werteheimat eine Leere, die sich nicht durch Zukunftsszenarien ausgleichen lässt. Für diese Menschen gibt es keinen „value compensation benefit“. Die Folge sind Fluchtverhaltensweisen, wie zum Beispiel innere Kündigungen und Passivitäten, Konsum und andere Räusche, Aggressionen nach innen und außen, Ideologisierungen oder Systemschädigungen aller Art.

Geht der Sinn, geht auch die Motivation. Die Forderung nach Selbstmotivation läuft in der Sinnleere eben in die Leere. Was hilft es – die Führungskräfte sind in einer neuen Pflicht. Wollen sie nicht nur nicht demotivieren, sondern einen aktiveren Beitrag zur Führungskulturentwicklung leisten, dann steht ihnen eine neue Qualität der Kommunikation ins Haus – das Sinnvereinbarungsgespräch.

Es ist eine ungewöhnliche Situation: Die gewaltigen Anstrengungen, um sich für den nächsten Lebenszyklus der Wirtschaft aufzustellen, verpuffen, ohne dass durch sie neue Sinnangebote entstehen würden. Global – digital – virtual – die Modernisierung wird zum Motor mancher Sinnfindungskrise. Der kleine Teil des Menschen, auf den es nur noch wirklich anzukommen scheint – das Wissens-Hirn – arbeitet immer feiner, fokussierter, kernkompetenter. Das ‚Ich‘ gewinnt, und das, was der Mensch will, steht im Vordergrund. Das ‚Selbst‘ verliert, und das, was der Mensch braucht, verschwindet in der Flucht. Nur wohin? In eine Kirche, eine Familie, eine Gemeinschaft, die ihrerseits allzu oft ebenso um das Werteüberleben kämpfen?

In einer einfachen, aber institutionalisierten Weise kann ein Beitrag geleistet werden, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder spüren lernen, dass es ein hohes Gut noch gibt – die Glaubwürdigkeit. Dieser Wert reduziert Komplexität, er führt zu einer konstruktiven Bindung, er lässt beides zu: „Wachstum und Zusammen-Wachstum“, „Ertrag und Erträglichkeit“, „Arbeit und Sinn“. Aber Vorsicht – Glaubwürdigkeit bedingt Aufrichtigkeit zu sich selbst, die Kenntnis über eigene Werte, eigenes Vermögen und Nichtvermögen, eigenes Wissen und Nichtwissen. Ein „Projekt Glaubwürdigkeit“ wird scheitern, eine „Glaubwürdigkeitsoffensive“ ebenso.

Wenn in Unternehmen vom Sinn gesprochen wird, dann meist im Kontext von Zweck, Nutzen, Entscheidung und Erfolg. Im Alltagsleben mag dies genügen, schon im Althochdeutschen verstand man unter Sinn soviel wie „streben, begehren“. Ursprünglich aber bedeutete Sinn „gehen, reisen, fahren“. Diese Bedeutung hat sich aus dem indogermanischen Begriff „sent“ herausentwickelt – und mit „sent“ wollte man früher sagen „eine Richtung nehmen“ oder „eine Fährte suchen“.

Eine Richtung einzunehmen ist um so wichtiger, wenn die Strukturen, die früher Halt gaben, aufgelöst werden oder es bereits sind. Die Vielzahl von Möglichkeiten, die das Leben bietet, bilden zwar überaus abwechslungsreiche, meist auch hochgradig spezialisierte Bereiche heraus – der Zusammenhang dieser Bereiche ist allerdings nur noch schwer fassbar und lässt sich kaum noch zu einem Ganzen zusammensetzen.

Die Soziologen Döring und Kaufmann dazu: „Die strukturelle Differenzierung der Gesellschaft führt also gleichzeitig zu einer Differenzierung der Sinnsphären und damit für das Individuum zu heterogenen Sinnangeboten, welche sich kaum noch zu einem „Sinn des Ganzen“ integrieren lassen.“ Viktor Frankl dazu: „Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen von gestern sagen dem Menschen von heute keine Traditionen mehr, was er soll. Nun, weder wissend, was er soll, scheint er oft nicht mehr recht zu wissen, was er im Grunde will.“

In der weit verbreiteten Motivationstheorie von Maslow ist ‚Transzendenz zum Sinnvollen‘ an oberster Stelle der Motivationshierarchie zu finden. Das Fundament seiner Bedürfnispyramide bildet die Befriedigung niederer Bedürfnisse (Nahrung, Sicherheit …). Sind diese gesichert, so kann die Befriedigung höherer Bedürfnisse folgen. Folgt man diesem Konzept, so könnte man davon ausgehen, dass der Mensch erst dann den Anspruch auf einen Sinn des Lebens anmeldet, wenn es ihm gut geht. Dem widersprechen jedoch zahlreiche Beobachtungen und Erfahrungen aus der Therapie, wo der Sinn gerade dann wesentlich wird, wenn die Menschen sich in einer Krise befinden.

Die Sinntheorie von Viktor Frankl setzt daher den „Willen zum Sinn“ als Grundlage des menschlichen (beruflichen) Lebens voraus. Sinn ist der Antrieb des Menschen, es ist der Sinn, der den Menschen handeln lässt und ihn vorantreibt (… und nicht Lust oder Macht, wie dies Freud und Adler meinten). Nach Frankl taucht der Wille zur Lust und Macht immer erst dann auf, wenn der Wille zum Sinn frustriert ist.

Sinn in diesem Zusammenhang bedeutet nicht Zweck, sondern er ist immer auf ein Objekt, auf ein Ergebnis gerichtet. Sinn ist immer mit einem Subjekt verbunden und richtet sich nach dem Motiv eines bestimmten Handelns oder eines Erlebens. Sinn fragt also konkret nach der Bedeutung, die eine bestimmte Situation für den Mensch hat. Der Zweck von Handlungen eines Unternehmens ist es, dass es Geld verdient. Welche Bedeutung das verdiente Geld jedoch hat, wird nicht durch Zweck geklärt. Diese Bedeutung, der Sinn, ergibt sich erst daraus, wofür das Geld eingesetzt wird.

Sinn ist also nicht auf andere Bedürfnisse zurückzuführen und lässt sich auch nicht von ihnen herleiten. Da Sinn aber auch nicht direkt sichtbar ist, würden die meisten Menschen wohl widersprechen, wenn man ihnen sagte, dass sie nach Sinn suchen. Vielmehr würden sie eine Menge von Bedürfnissen und Motiven nennen, die offensichtlich und naheliegend sind. Dass diese Menschen trotzdem nach Sinn suchen, erklärt Frankl so: „Selbstverständlich wünscht sich jemand, der krank ist, zunächst einmal, gesund zu werden, und jemand, der arm ist, zunächst einmal, zu Geld zu kommen. Aber ebenso gewiss tun es beide ja nur, um dann ein Leben in ihrem Sinne zu führen – den Sinn ihres Lebens erfüllen zu können.“ Sinn ist folglich der „Energiespender“, der „Wunsch des Menschen, die Zerrissenheit des Lebens zu überwinden – denn da, wo Beziehung, Einheit hergestellt ist, wird Sinn erfahren“. Wer den Sinn nicht findet, so Frankl, läuft Gefahr in ein existentielles Vakuum zu stürzen, ein Nichts, in dem den Menschen nichts mehr vorantreibt.

Einen Sinn zu finden ist letztendlich die Aufgabe, die das Leben an den Menschen stellt. Sinn ist aber in jeder Situation vorhanden. So ist es nicht einzig die Frage nach dem Sinn des Lebens, die der Mensch sich stellen muss, sondern auch, welcher Sinn sich in der gerade gelebten Situation verbirgt. Die Erkenntnis des Sinns zu fördern, den Sinn des Einzelnen und des Unternehmens  zu thematisieren, ist möglich und aus unserer Sicht die zentrale Führungsaufgabe.

Sinn ist der konkrete Sinn einer konkreten Situation und dieser Sinn ist an eine konkrete Person adressiert. Das ist ein Vorteil – Sinn ist nicht nebulös, erst durch viele Instrumente und Analysen herauszuarbeiten oder kostenintensiv zu recherchieren. Sinn ist da, hier und jetzt, ansprechbar und aussprechbar. Ein wert- und sinnvolles Gespräch über den Sinn kann jederzeit geführt werden. Auch in Unternehmen.

Welchen Sinn eine bestimmten Situation bietet, ist für jeden Menschen unterschiedlich, so wie auch jede Situation einen anderen Sinn für den selben Menschen bietet. Nach Frankl ist Sinn objektiv in der Hinsicht, dass in jeder Situation eine Möglichkeit zum Sinn liegt und demnach von jedem auch gefunden werden kann. Sinn ist auch objektiv in dem Maße, dass eine „Welt des Sinnes und der Werte“ per se existiert, die objektive Geltung hat, also von der Bedeutung für das Individuum unabhängig ist. Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden … Sinn muss gefunden, kann aber nicht erzeugt werden. Sinn kann nicht von anderen vorgesetzt werden. Ein „Einreden“ oder „Überreden“ zum Sinn ist nicht möglich. Sinn ist keine Erfindung, sondern vielmehr eine „Entdeckung des schon immer Vorhandenen“. Sinn kann auch nicht durch das Streben nach Selbstverwirklichung gefunden werden. Selbstverwirklichung ist eine „Nebenwirkung“ dessen, was Frankl die Selbst-Transzendenz der menschlichen Existenz nennt.

Unter Selbst-Transzendenz versteht er, dass das „Menschsein über sich selbst auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist …“ Dieses ist der Sinn, den es zu erfüllen gilt. Im Erfüllen von Sinn kann sich der Mensch dann auch selbst verwirklichen. Glück kann ebenso wenig wie Sinn erzeugt werden, da das Glück immer wieder es selbst ist. Was den Menschen glücklich macht, ist vielmehr der bestimmte Grund, weswegen er glücklich sein kann.

Nach Frankl bedeutet dies die „Entdeckung einer Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit.“ Die Möglichkeit zum Sinn stellt sich in Form von Werten dar, die der Mensch wählt und nach denen er sich in dieser bestimmten Situation richtet. Die Verwirklichung dieser Werte ist Sinnfindung. Ob das, was der Mensch verwirklicht hat, auch sinnvoll ist, kann nur er selbst sagen. Eine Erfahrung, ein Erlebnis hat nur dann Sinn bzw. ist nur dann sinn-voll, „wenn die Gesamtheit dieses Erlebnisses dem Menschen persönlich etwas bedeutet“. Bedeutung spürt der Mensch, nach Frankl, in seinem Gewissen. Das Gewissen ist das ‚Sinn-Organ‘, das den Menschen auf der Suche nach dem Sinn leitet: „Es ließe sich definieren als die Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren.“

Welchen Sinn der Mensch in einer konkreten Situation erfüllt, setzt sich zusammen aus einem „äußeren Anteil“, dem Sinnangebot dieser konkreten Situation, und einem inneren Anteil, der Identität des Menschen. „Sinn sagt immer: Widerspiegelung der Persönlichkeit“. Gleichzeitig sagt Frankl aber auch: „Was ich bin werde ich durch meine Entscheidungen“. Welche Identität ein Mensch für sich bildet, ist demnach abhängig von den Sinn- und Werteinhalten, die er wählt. Was zunächst paradox klingt, wird nachvollziehbar, wenn „der Mensch“ und „die Umwelt, in der der Mensch lebt“ nicht als zwei voneinander abgeschlossene Systeme angenommen werden, sondern als ein einziges, sich gegenseitig beeinflussendes System betrachtet wird.