Wert und Tugend – und da soll man sich noch auskennen

„Wenn so unterschiedliche Wissenschaften wie Anthropologie, Philosophie, Pädagogik, Ökonomie, Politologie, Theologie und Psychologie das Wertkonzept jeweils als basales Konzept bezeichnet wird, so ist – nicht zuletzt aufgrund der unterschiedlichen Historie jeder dieser Einzelwissenschaften und ihrer theoretischen, empirischen und methodischen Ansätze – wohl kaum zu erwarten, dass Konsens über einen verbindlichen Wertbegriff hergestellt werden kann.“
(Herrmann/Lantermann: Persönlichkeitspsychologie, 1985, S.401)

Den Begriff Werte allseits verbindlich zu verstehen, ist fraglos ein schwieriges Unterfangen. Aber so ergeht es ziemlich jedem Begriff, der sich auf nicht Materielles bezieht [und selbst bei solchen gehen Interpretationen zuweilen sehr auseinander]. Dennoch ist Begriff alles andere als ‚unverbindlich‘, je nach dem, welche Perspektive man zu ihm einnimmt.

Eine grundsätzliche Unterscheidung in der Bedeutung des Werte-Begriffes kann zum einen durch die Betrachtung des „Wert als Gut“ und zum anderen des „Wert als Maßstab“ vorgenommen werden. Die erste Bedeutung ist eher ökonomisch und lässt sich mit utilitaristischen Modellen vergleichen. Wert als Gut impliziert immer ein Objekt, dem ein bestimmter Wert zugesprochen wird, oder das einem anderen Objekt vorgezogen wird. Die Werterwartungstheorien basieren auf diesem Verständnis von Wert als „Bedeutung eines Objektes“.

Die zweite Beschreibung lässt eher auf eine Orientierung zur Beurteilung von und Entscheidungsfindung in Situationen schließen. Werte sind hier nicht mit Zielen zu verwechseln, vielmehr entscheiden Werte darüber, welche Handlungsweisen für ein Individuum in einer bestimmten Situation positiv oder negativ bedeutend sind.

Verknüpfen wir Werteverständnis und Handlungsorientierung miteinander, dann treffen wir auf den Begriff der Tugend. Im griechischen bedeutet „areté“ (Tauglichkeit, Tugend) soviel wie „wesensgemäße Bestheit einer Sache oder einer Person“. Mit aretê wird das Handeln des Menschen an einen sittlichen Maßstab geknüpft – „areté“ dient als höchste Orientierung bei der Wahl des Handelns.

Historisch besonders interessant sind die Kardinaltugenden, zeigen sie doch eine gewisse Hierarchie im „Portfolio“ der Eigenschaften eines Menschen auf, die gesellschaftlich oder individuell besonders erwünscht sind. Wir wollen die Kardinaltugenden in unserem Verständnis als Idealwerte begreifen – quasi als Rahmen, in dem sich der weitere Wertekanon ausbildet. Der Kreis bestimmter Idealwerte hat, geschichtlich betrachtet, erhebliche Veränderungen erlebt:

Plato: 427 v. Chr – 347 v. Chr., setzte Mäßigkeit (sophrosyne), Tapferkeit (andreia), Weisheit (sophia) und Gerechtigkeit (dikaiosyne) als Kardinaltugenden.

Epikur: 341 v. Chr. – 270 v. Chr., sah in der praktischen Vernunft und der Einsicht (phorensis) die oberste Tugenden. „Aus ihr entspringen alle anderen Tugenden, wie sie überhaupt alle übrigen abgeleiteten Werte in die Hand gibt“.

Die Stoiker verknüpften mit der Einsicht, der Tapferkeit im Sinne des Duldens und Ertragens von Schwierigkeiten und Gefahren, der Selbstbeherrschung und der Gerechtigkeit die vorherigen Maßstäbe.

Papst Gregor der Große540 – 604, setzte den „Sieben Todsünden“ (Stolz, Eitelkeit (Superbia); Geiz, Habsucht (Avaritia); Neid (Invidia); Zorn (Ira); Wollust, Unkeuschheit (Luxuria); Gefräßigkeit, Völlerei, Unmäßigkeit (Gula) und Faulheit, Trägheit (Acedia)) die „Sieben Gaben des Geistes“ entgegen: die Gaben der Weisheit, des Verstandes und der Einsicht, des Rates, der Stärke, der Erkenntnis und Wissenschaft, der Frömmigkeit und der Furcht des Herrn.

Thomas von Aquin: in der christlicher Tradition wurden durch ihn (1224 – 1274) die drei Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe als oberste Handlungsinstanzen gesetzt.

Die Renaissance prägte die Kardinaltugenden: Individualismus, Autonomität, Freiheit, Erfolg, Fleiß, Gehorsam und Demut, während die Zeit der Aufklärung stärker die Souveränität, die Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Mitgeschöpflichkeit und die Emanzipation in den Vordergrund stellte.

Die Neuzeit ist geprägt durch ein Streben nach Halt und Orientierung durch Werte, andererseits durch eine zunehmende Individualisierung der Wertesysteme. Was früher als „selbstverständlich“ im Zusammenleben galt, muss heute verhandelt werden. Die eigenen Werte zu kennen, sie durch die eigenen Verhaltensweisen beobachtbar und reflektierbar zu machen und das Gespräch über Übereinstimmungen und Diskrepanzen in Werteverständnissen zu suchen, kann als zentrale Aufgabe angesehen werden.

In einer kurzen Reise durch die letzten Jahrzehnte zeigen wir auf, dass sich das Begriffsverständnis über Werte in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedlich ausgestaltet hat. Einen Anspruch auf Vollständigkeit haben wir dabei nicht – es soll vielmehr der Prozess von „Werte sind Mittel zu einem Zweck“ über „Werte sind Standards des Selbst“ bis hin zu „Werte sind Ziele“ und „Werte sind objektive Urphänomene“ aufgezeigt werden – ein Prozess, der die auch heute noch bestehende Komplexität und Willkürlichkeit des Begriffs erklären kann.

Um der Vielfalt eine Idee von Ordnung zu geben, stellen wir Ihnen die verschiedenen Perspektiven in chronologischer Reihenfolge zusammen:

John Stuart Mill: (1806 – 1873) Mitbegründer des Utilitarismus. Mill betont, dass nicht nur die Quantität, sondern auch die Güte, also die Qualität des Glücks eine bedeutende Rolle spielt. Nicht alle Arten von Glück sind gleich“wertig“. Den hedonistischen Gedanken (das was wertvoll sei, führt zum Erleben von Lust) stellt Mill in den Vordergrund. Werte und Moral entstehen durch Erfahrung. Es kann deshalb auch keine allgemein verbindlichen Maßstäbe für moralische Urteile geben. Der Utilitarismus geht vom Prinzip der Maximierung des Gesamtwohls aus.

Mill formuliert so: „Der einzige Beweis dafür, dass etwas wünschenswert ist, ist der, dass die Menschen es wünschen. Jeder Mensch wünscht sich sein eigenes Glück, also ist das allgemeine Glück für alle wünschenswert“.

Immanuel Kant: (1724 – 1804) Deutscher Idealismus. Als das Prinzip der Moral formulierte Kant den Kategorischen Imperativ. Das bekannteste Handlungsprinzip lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Nach Kant hat nur der sittliche Wille absoluten Wert. „Die Nützlichkeit oder Fruchtlosigkeit kann diesem Werte weder etwas zusetzen noch abnehmen“.

Kant lehnt damit den utilitaristischen Gedanken „was nützlich ist, ist gut“ ab. „Es ist nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille“. Werte sind nach Kant bestimmte Eigenschaften, die zur Hochschätzung würdig machen. Sie haben Norm- und Sollcharakter, sind also Pflichten.

Die Vertreter des Neukantianismus sind der Überzeugung, es existiere ein „Reich der Werte“, also ein anderer „Seinsmodus“, unabhängig vom Menschen. Der Mensch kann Werte deshalb nur verkörpern und entdecken, nicht aber erzeugen.

Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) Existenzphilosophie und Nihilismus. Nietzsche fordert eine Kritik der traditionellen moralischen Werte: „der Wert dieser Werte ist selbst erst einmal in Frage zu stellen!“ Traditionelle Ideale, wie sie in der Gesellschaft vorherrschen, sind nicht als Werte zu bezeichnen. Das „Gute“ betrachtet Nietzsche kritisch: „Wie wenn im „Guten“ auch ein Rückgangssymptom läge, insgleichen eine Gefahr, eine Verführung, ein Gift, ein Narkotikum, durch das etwa die Gegenwart auf Kosten der Zukunft lebte?“

Moral, so Nietzsche, schränkt die Willkür ein, kontrolliert und zivilisiert das Handeln. Der Mensch, der moralisch handelt, schwebt in der Gewissheit, legitim zu handeln. Damit beginnt jedoch eine Argumentation, die sich um sich selbst dreht: Wenn die Moral das Handeln rechtfertigt, kann sie sich selbst nicht mehr rechtfertigen und endet die Begründung wiederum bei der Moral. Moralisches Handeln ist dann doch wieder willkürlich, ohne Legitimation und letztendlich blindes Handeln. Anstatt auf traditionell „Gutes“ zu fokussieren stellt Nietzsche den Wertbegriff in Verbindung mit einem Bezug zum Subjekt. Werte sind demnach subjektive Präferenzen, die von freien Menschen gewählt werden.

Nietzsche begründet seine Philosophie des willkürlichen Individualismus auf dem von ihm postulierten absoluten Prinzips des Willens zur Macht. Dieses Prinzip ist „weniger ein neuer Wert als ein neuer Ort der Wertsetzung, der nicht einfach alte Werte durch neue Werte ersetzt, sondern sie aus anderen Gründen rechtfertigt“.

Max Scheler (1874 – 1928) Phänomenologie und philosophische Anthopologie
Werte sind für Scheler „Objekte intentionaler Gefühlsakte.“ Nur durch das Fühlen wird dem Menschen eine Klasse idealer Objekte (die Werte) bewusst. Fühlen bedeutet für Scheler in diesem Zusammenhang nicht fühlen über etwas, sondern das unmittelbare Fühlen, eben eine bestimmte Wertqualität. Dieses „intentionale Fühlen“ entsteht nicht durch kognitive Vorgänge, wie etwa das Vorstellen oder Urteilen. Das Wertvollsein einer Sache wird durch Emotionen, nicht durch Kognitionen erfasst: „Die Wertnehmung [das Fühlen] geht der Wahrnehmung [die Kognition] voraus.“ Scheler nennt das die „logique du coeur“.

Werte haben für Scheler keinen abstrakten Charakter und sind seiner Auffassung nach nicht einfach auf die fühlenden Menschen oder Objekte zurückzuführen. Werte sind hingegen auch nicht nur bloßer Ausdruck von Gefühlen oder ähnliches wie Wünsche. Dann wären Werte nur eine Verkleidung für Interessen und Begehren und der Mensch würde sinnlos handeln: gäbe es keine Werte (also nicht mit dem Aspekt des Fühlens verbunden), würde es nicht notwendig sein, selbstnützende Ziele und Zwecke durch Wertebegriffe zu verkleiden.

Scheler ist Vertreter einer „materialen Wertethik“. Nicht die Form, sondern die Intention einer Handlung, also der Wert, der in einer Handlung mitspielt, sei das, was mit Moral geprüft werden könne. Zwar seien auch positiv bewertbare Objekte (Güter, Wertdinge) Werte, sie nehmen aber eine untergeordnete Position –  einen Rang unter den ‚Selbstwerten‘ – ein.

Scheler glaubt an eine Erkenntnis des „An-sich-Guten“ (was eher der Moral entspricht) und einer Erkenntnis des „An-sich-Guten für mich“ (als dem individuellen Wertesystem). Dieses „An-Sich“ sieht Scheler als eine Art Berufung oder persönliche Aufforderung, im Sinne dieser Werte tätig zu werden.

Edward Lee Thorndike (1874-1949) Behaviourismus, Lerntheorie
Werte sind Funktionen von Präferenzen. Die Existenz von Dingen wird durch ihre Beobachtung beurteilt: der Wert einer Situation wird durch die Beobachtung der Konsequenzen geschätzt.

John Dewey (1859 – 1952) Instrumentelle Philosophie und Psychologie
Werte sind Mittel zur Erhaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie sind subjektiv, aber existieren nur im Zusammenhang mit den Beziehungen der Menschen untereinander. Dewey nennt Werte „Lebenserkenntnisse“. Sowohl Werte als auch Normen entstehen durch Beobachtungen der Welt und müssen immer wieder neu formuliert werden. Werte werden erst im Handeln sichtbar: erst wenn ein Problem auftaucht, muss bewusst gewertet werden, welcher der vorher unreflektiert befolgten Orientierungen der Vorzug gegeben werden soll, wie diese im Angesicht widriger Umstände verfolgt werden können und wie die Wünsche selbst zu interpretieren und zu modifizieren sind.

Charles Taylor (*1931) Philosophy of Meaning
Werte werden nicht als Setzungen erfahren, sondern als unabhängig vom Menschen selbst Gegebenes, das seine Achtung fordert und das mit Begründungen verteidigt werden kann. „Werden wir durch ein höheres Gut angespornt, spüren wir schon im Erleben selbst, dass es uns nicht aufgrund der eigenen Reaktion wertvoll vorkommt, sondern dass es das Gute daran ist, das uns bewegt.“ Werte dienen als „frameworks“ innerhalb derer die Wahrnehmung von uns selber und anderen, das eigenen Verhalten und das der anderen eingegliedert ist.

Werte, die nur schwer artikuliert werden können (aufgrund eigener oder in der Öffentlichkeit vorherrschender Dominanz anderer Werte) verlieren an „Lebendigkeit“. Artikulation ist Voraussetzung für die Existenz wertvollen Fühlens.

Clyde Kluckhohn (1905-1960) Sozialwissenschaften
Ein Wert ist „eine Konzeption von Wünschenswertem, welche explizit oder implizit für ein Individuum oder eine Gruppe kennzeichnend ist und die Auswahl erreichbarer Handlungsmittel und –ziele beeinflusst“.

Wert wird also als Handlungsmaßstab eingesetzt, nach dem das Erwünschte gewählt und entschieden wird. Werte bezeichnen bestimmte, inhaltlich wählbare Ziele (goal values), umfassen aber auch solche Ziele, die zur Erreichung dieser als Maßstab dienen (instrumental values). Ein Wert ist nicht nur eine Präferenz, sondern eine Präferenz die gefühlt und oder als gerechtfertigt erachtet wird.

Talcott Parsons (1902-1979) Soziologie
Ein Wert ist ein „Element eines gemeinsamen Symbolsystems, das als Kriterium oder als Selektionsstandard“ zur Orientierung bei mehreren, innerlich möglich erscheinenden Alternativen dient. Parsons unterscheidet drei Wert-Normen: kognitive Normen (richtig/falsch), ästhetische Normen (angenehm/unangenehm) und moralische Normen (gut/böse). Normen sind Spezifizierungen allgemeiner kultureller Werte in besonderen Handlungssituationen. Für den Menschen ergeben sich die Handlungsorientierungen in der konkreten Situation aus seinen verinnerlichten Werten. Diese internalisierten Elemente übernehmen eine Art „Über-Ich“ Funktion, „indem sie das ungezügelte Ausagieren individueller Strebungen unterbinden und so eine allgegenwärtige, manifeste Kontrolle überflüssig machen.

Hans Lenk (*1935) Sozialpsychologie
Wertbegriffe sind für Lenk normative Zuschreibungs- und theoretische Erklärungs- sowie akteursgebundene Rechtfertigungsbegriffe zugleich. Werte bestehen sowohl auf einer individuellen als auch sozialen Ebene. In ihrem Entstehungsprozess können sich Werte der einen Ebene in die andere Ebene übertragen haben und von dort adaptiert worden sein. Werte können zudem als Selbstrechtfertigungen oder Eigenbegründungen für ein bestimmtes Handeln verstanden werden. Werte nur als individualistisches Interpretationskonstrukt bezeichnen, ist allerdings nicht folgerichtig. Werte sind auch sozial normengestützte, also überindividuelle, sozial entstandene bzw. aufrechterhaltene und abgesicherte Interpretationskonstrukte. So wie Werte auf der einen Seite individuelle Aussagen sind, so sind sie gleichzeitig auch intersubjektiv einsehbar und sozial und rational zu rechtfertigen. Sie gelten nicht nur für ein einziges Individuum, sondern sind für die Allgemeinheit (oder einen Teil der Gemeinschaft) gültig.

Wolfgang Rudolph (*1959) Sozialwissenschaften / Ethnologie
Ein „kultureller Wert“ wird verstanden als „sozial sanktionierter, kulturell typisierter und psychisch internalisierter Standard selektiver Orientierung für Richtung, Intensität, Ziel und Mittel des Verhaltens.

Peter KmieciakSoziologie mit Schwerpunkt Wertewandel
Ein Wert wird – zugegebermaßen nicht gerade einfach – verstanden als „ein kulturell und sozialdeterminiertes (und geltendes), dynamisches ichzentrales, selbstkonstitutives Ordnungskonzept“. Es dient „als Orientierungsleitlinie, die den Systeminput einer Person (Wahrnehmung), selektiv organisiert und akzentuiert sowie ihren Output (Verhalten) reguliert, mithin eine ichdirigierte Planung und Ausrichtung des Verhaltens über verschiedene Situationen hinweg ermöglicht“. Kmieciak versteht den Wertbegriff mithin als „hypothetisches Konstrukt“, in dem sich die Werte eines Menschen von außen betrachtet aus den Verhaltensweisen und deren Konsequenzen in Situationen erschließen lassen.

Hans Joas (*1941) Soziologie
„Werte entstehen in Erfahrungen der Selbstbildung und Selbsttranszendenz.“ Erfahrungen also, „in denen wir über uns hinausgerissen werden und in denen uns das Erfahrene subjektiv evident und affektiv intensiv als ,gut’ erscheint“. Wertwahrnehmung entsteht durch ein subjektives Gefühl, dass „etwas ein Wert sei“. Dieses Gefühl entspringt aus Handlungszusammenhängen und Erfahrungstypen. Die bloße Kenntnis von Werten kann niemals Bindung erzeugen. Joas entlastet den Wert von der Verpflichtung: „Wertbindungen entstehen offensichtlich nicht aus bewussten Intentionen, und doch erleben wir das ‚Ich kann nicht anders’ einer starken Wertbindung nicht als Einschränkung, sondern als höchster Ausdruck unserer Freiwilligkeit“. Werte drücken nicht nur Wünsche aus, sondern besagen, was des Wünschens wert ist. Indem wir werten, nehmen wir auch Stellung zu uns selbst.

Milton Rokeach (1918-1988) allg. Psychologie
Werte sind geteilte beschreibende oder vorschreibende Überzeugungen von idealen Verhaltensweisen und Endzuständen der Existenz, die durch ein Objekt und eine Situation aktiviert wird, diese aber gleichzeitig transzendiert. Werte verhalten sich wie Standards für das Selbst und die Welt.

Niklas Luhmann (1927-1998) Soziologie
Luhmanns Auffassung nach lässt sich in der modernen Gesellschaft eine funktionale Differenzierung in einzelne Teilsysteme beobachten. Diese Teilsysteme sind nicht mit durch die Arbeitsteilung entstandenen spezialisierten Systemen zu vergleichen. Vielmehr versteht Luhmann verschiedene Gesellschaftssysteme, wie z.B. das Wirtschafts-, das Wissenschafts- und das Politiksystem.

Im Gegensatz zu anderen Sinnsystemen ist bei sozialen Systemen Sinn unbedingt vorhanden. Ein soziales System wird von Sinngrenzen eingeschlossen, die bestimmte Sinnzusammenhänge umfassen. Innerhalb des Systems wird somit die Anschlussfähigkeit an vergangenes Handeln oder vergangene Kommunikation ermöglicht. (Sinn kann nicht auf andere zurückgeführt werden, sondern bezieht sich immer wieder auf sich selbst. Sinn ist also unabhängig vom Subjekt. Umgekehrt schlägt Luhmann vor, den Begriff des Subjekts auf den des Sinns aufzubauen: als „sinnverwendendes System“.)

Sinn wird definiert als „eine bestimmte Strategie des selektiven Verhaltens unter der Bedingung hoher Komplexität“. Referenzebene ist die Umwelt, die eine Vielfalt von Möglichkeiten anbietet. Sinnverwendung ist eine bestimmte Art der Selektion, bei der die jeweils nicht gewählten Möglichkeiten aber immer noch im Hintergrund bleiben: „Die Welt [..] bleibt als Horizont der Verweisung auf andere Möglichkeiten und damit als Bereich für anschließende weitere Selektionen erhalten.“ Sinn fungiert also als Selektionsregel. Mit jeder Selektion besteht der Sinn und damit die ausgeblendete Möglichkeiten weiter, denn „es könnte auch anders sein.“ (Die Sinnhaftigkeit eines Handelns kann nicht mit einer Form von Zweckgerichtetheit verknüpft sein. Denn der Zweck ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass er, „mit Blick auf eine Möglichkeit, andere ausblendet.“)

Sinn ist nach Luhmann das konstituierende Element für eine soziale Ordnung. Jedes der Teilsysteme bildet seine eigenen Sinnverarbeitungsregeln, die in Form von systemspezifischen Codes für verschiedene Bereiche des Handelns und Erlebens Anweisungen geben. In jedem der Systeme existieren eigene (binäre) Codes (z.B. wahr/unwahr, Recht/Unrecht), die nur in dem System selbst als sinnhafte Selektionen identifiziert werden können. Sinn wird also durch Kommunikation zugänglich, und kann in Form von Symbolen und Werten ausgedrückt werden.

„Werte sind allgemeine einzeln symbolisierte Gesichtspunkte des Vorziehens von Zuständen oder Ereignissen.“ Sie nehmen die Funktion von Kürzeln ein, die die ansonsten hochkomplexen Erwartungen an Situationen vereinfachen. Grundlage der Werte ist nicht, dass sie „reale oder real anzustrebende Gesellschaftszustände beschreiben“. (Damit enthebt Luhmann Werte dem moralischen Anspruch.) Werte können nach Luhmann auch nicht über die Richtigkeit eines Handelns werten: für alles Handeln lassen sich positive und negative Gesichtspunkte finden, das „Richtigsein“ einer Handlung ist also nicht beurteilbar. Um aus Werten Informationen über richtiges Handeln zu gewinnen, müsste eine logische Rangordnung existieren – was aufgrund der Intransivität, die Werten nun einmal zugrunde liegt, kaum möglich ist. Werte erleichtern aber die Kommunikation über die Kontingenz von Programmen, indem sie als Ausgangspunkte dienen, über die man sich weitgehend einig ist, oder als eine Art Sonde, mit der man prüfen kann, ob auch konkretere Erwartungen gelingen.

Luhmann führt an, dass Werte nie direkt geäußert, sondern impliziert und für vorausgesetzt gehalten werden. Das sieht er darin begründet, dass offene Äußerungen die „Möglichkeiten auf Annahme und Ablehnung hin duplizieren“. Diese Beobachtungen führen für Luhmann zum Opportunismus: Werte sind dann nicht ein für allemal festgelegt, sondern können geändert werden, wenn dies für die Person sinnvoll erscheint.

Werte sind zwar Teil der Kommunikation zwischen und in sozialen Systemen, aber über den Wert selbst wird nicht diskutiert. Sie sind nicht Gegenstand von Begründungen, sondern dienen als Begründungen an sich: Ihre Gültigkeit liegt in der Unterstellung ihrer Gültigkeit. Diese Begründung ist wie ein „Reflexionsstopp“ in der Wertekommunikation. Werte begründen also nichts, schon gar nicht Handlungen, sondern „gründen in unbegründbare Begründungsverzichten, symbolisierten Superunbezweifelbares“. Werte sind demnach „nichts anderes als eine hochmobile Gesichtspunktmenge. Sie gleichen nicht, wie einst die Ideen, den Fixsternen, sondern eher Ballons, deren Hüllen man aufbewahrt, um sie bei Gelegenheit aufzublasen.“

Walter Böckmann, sinnzentrierte Managementlehre.
Als Schüler von Professor Dr. Viktor Frankl, verbindet er die Sinntheorie mit der Arbeitswelt und löst die Sinnlehre so aus ihrer therapeutischen Umwelt. Im Kontext der Arbeitswelt gehört Leistung unweigerlich mit in den Sinnzusammenhang. Leistung als ein freies und willentliches Erbringen ist, so Böckmann, immer ein sinnvolles Erbringen. Für Böckmann ergibt sich hieraus die Maxime: „Wer Leistung in der Arbeit fordert, muss Sinn in der Arbeit bieten.“ Um Leistung zu erzielen, reichen Motive allein nicht aus. Zwar arbeitet der Mensch auch mit dieser Motivation, eine Leistungsbereitschaft ist aber erst möglich, wenn das Umfeld Sinn anbietet.

Böckmann formuliert einen direkten Zusammenhang zwischen Sinn einer Situation und Handlung: das Erkennen der Sinnhaftigkeit einer Situation löst in dem Erkennenden eine Art Handlungs-, Beteiligungs- oder Realisationszwang aus. Und je mehr die Sinnstruktur der Situation dem Sinnmuster des Menschen entspricht, desto stärker empfindet er diese als Herausforderung und desto eher drängt es ihn zur Verwirklichung. Sinn in der Arbeit, so Böckmann, wird meist nicht nur durch eine einzige Sinn-Kategorie allein erfüllt, unabhängig davon kann jedoch eine bestimmte Situation seine Sinnerfüllung auch in nur einer einzigen Kategorie fordern (z.B. wird ein bestimmtes Handeln einzig aus Liebe oder Freundschaft ausgeführt).

Im Kontext der Arbeitswelt müssen auch die Wertekategorien Frankls übersetzt werden:

  • Die Verwirklichung schöpferischer Werte bedeutet dann das Ausschöpfen kreativer Möglichkeiten bei Planung und Gestaltung von Arbeitsinhalten und Arbeitsabläufen
  • Die Erlebniswerte differenziert Böckmann in sozial gebundene und sozial-ungebundene Werte.
  • Die Verwirklichung sozial gebundener Erlebniswerte bezieht sich vor allem auf das Verhältnis zu den Arbeitskollegen, den Vorgesetzten und auf das persönliche Ansehen im Unternehmen. Auch der Grad der Verantwortung fällt unter diese Kategorie.
  • Die Verwirklichung sozial-ungebundener Erlebniswerte spielt eine geringere Rolle, hier sind vor allem ästhetische Inhalte von Bedeutung.
  • Die Verwirklichung von Einstellungswerten hat erhebliches Gewicht: nur in dem Maße, in dem ein Arbeitnehmer in seinem Unternehmen auch seine persönlichen Ideale wiederfindet oder diesen nicht konsequent zuwidergehandelt wird, kann er dort auch Sinn finden und somit Leistung zeigen.
  • Neben den drei Wertkategorien Frankls setzt Böckmann die materiellen und psychophysischen Aspekte der Arbeit.
  • Die Berücksichtigung angemessener „materieller Arbeitsbedingungen“ umfasst die Einhaltung der vereinbarten Entlohnung. Materielle Arbeitsbedingungen fasst Böckmann als „Mittel zum Zweck“ konkreter Sinn-Erfüllungen auf.
  • Die Berücksichtigung angemessener psychophysischer Arbeitsbedingungen betrifft die Belastung des Arbeitnehmers durch ökologische und ergonomisch erfassbare Umweltprobleme am Arbeitsort.
  • Im Gegensatz zu Herzberg, der diese Arbeitsbedingungen als extrinsische Motivation bezeichnet, fallen sie bei Böckmann in den Bereich der intrinsischen Motivation.
  • Das Schlagwort Arbeitszufriedenheit übernimmt auch in Böckmanns Theorie eine wichtige Bedeutung. Arbeitszufriedenheit tritt dann ein, wenn der Arbeitnehmer Sinn gefunden hat.
  • Nicht jede Unzufriedenheit mit Arbeitsbedingungen führt allerdings in eine totale Arbeitsunzufriedenheit: Durch Kompensation bestimmter Werte mit Werten anderer Kategorien kann trotz allem immer noch eine gewisse Zufriedenheit vorherrschen.
  • „Kompensation“ ist dabei nicht Werte-Verzicht oder ein Sichzufriedengeben mit minderem Ersatz. Kompensation ist Werte- Austausch, Ausweichen auf andere Sinn-Inhalte innerhalb und außerhalb des Unternehmens.
  • Die einzige Ausnahme bilden Einstellungswerte. Wie auch schon Frankl geht Böckmann davon aus, dass eine erhebliche Frustration von Einstellungswerten nicht kompensiert werden kann.
  • Frustrationen von sozialen Erlebniswerten können bei Isolierung am Arbeitsplatz, keine ausreichende Kontakte usw. entstehen.
  • Ebenso wie Frustrationen von schöpferischen Werten sind sie meist nur kurzfristig durch Einstellungswerte oder materiellen Aspekten kompensierbar.
  • Stimmen die materiellen Bedingungen nicht, so verstärkt sich häufig das Gewicht der Einstellungswerte, z.B. die Arbeit an einer „guten Sache“. Aber auch befriedigende Verwirklichungsmöglichkeiten schöpferischer Werte, sowie die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe kompensiert gut Frustrationen in diesem Bereich.
  • Belastungen im psychophysischen Bereich sind, so Böckmann, am leichtesten, vielfältigsten und vor allem am dauerhaftesten kompensierbar. Die alleinige Kompensation frustrierter Werte durch psychophysische Aspekte ist allerdings kaum denkbar.