Aufmerksamkeitsdefizit bei Sinnmangel

In unserer Praxis kommt zuweilen als Nebenthema der eigentlichen therapeutischen Arbeit das Problem von Eltern ins Gespräch, dass ihre Kinder ein Aufmerksamkeitsdefizit verbunden mit starker Aktivität hätten und sie mit diesem ADHS kaum zurechtkämen. Von diesem Syndrom wissen wir heute, dass es deutlich häufiger auftritt und nicht nur in der Kindheit oder Jugendzeit erscheint, sondern auch im Erwachsenenalter erlebt werden kann.

Im Kern wird das Syndrom so interpretiert, dass die Person unfähig ist, sich selbst und andere Menschen adäquat wahrzunehmen und als Mangel der Aufmerksamkeitssteuerung diagnostiziert wurde. In vielen Fällen gibt man als Ursache dem Phänomen der exzessiven Nutzung von Informations- und Kommunikationsmedien die Schuld.

Dreht man dieses Phänomen jedoch einmal um, dann erscheint die ‚Aufmerksamkeitsunfähigkeit‘ als eine spezielle Form der Aufmerksamkeit. Erlaubt man sich diesen Perspektivenwechsel, dann kann man im Verhalten des ‚Betroffenen‘ ein ausgesprochen eigensinniges, ausschließlich persönliche Interessen fokussierendes Verhalten erkennen. Wer dem eigenen Sinn folgt, erscheint für andere vielleicht rebellisch oder undisziplinert. Aus eigener ADHS-Perspektive zielt dieses Vehalten jedoch darauf, in reizüberfluteter Welt sich selbst nicht zu verlieren. Man könnte es daher auf die Formel bringen: Weltkomplexität trifft auf innere Zerrissenheit mit ihr umzugehen, mit der Folge, sich an sich selbst und nicht an der Welt zu orientieren.

So betrachtet wird ADHS zum Selbstschutzmuster. Und Muster dieser Art lassen vermuten, dass dem ‚Betroffenen‘ eine Form eines Sicherheitsgefühl fehlt, das anzubieten Eltern womöglich leicht möglich ist, aber auf das Kind oder Jugendlichen individuell ‚zugeschnitten‘ werden muss. Dies weitergedacht, gehört nicht das Kind in ADHS-Therapie, sondern die Bezugspersonen in ein Gespräch über das, was aus ihrem Wissen heraus das Kind braucht.