Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [1]

Burnout ist keine Krankheit. Burnout ist ein Gesellschaftsphänomen. Die Erkrankung, die entstehen kann, wenn das Phänomen nicht erkannt und ihm nicht gegengesteuert wird, heißt Depression.

Als Auslöser des Burnout werden immer wieder genannt: Zeitdruck und permanente Präsenz, Mobilität und Entfremdung, Arbeitsplatz- und Zukunfts-Unsicherheit und andere Faktoren mehr. Insgesamt: Am Burnout ist der Markt, der Kapitalismus, das Unternehmen, vielleicht sogar der Vorgesetzte als verlängerter Arm des Unternehmens schuld.
Falsch: Denn, Unternehmen haben primär die Aufgabe, ihre Existenz zu sichern. Sie haben nicht die Aufgabe, sich primär an den Bedürfnissen ihrer Mitarbeiter zu orientieren.

Unternehmen folgen stets ihrer Logik und nicht der selbstverschuldeten Unmündigkeit ihrer Mitarbeiter. Individuell selbstverschuldet unmündig zu sein [ein Begriff des deutschen Idealisten Immanuel Kant] sei hier verstanden als Versuch, eine Lastenumkehr vorzunehmen im Sinne eines: Wenn ich mich mit dem, was ist, nicht arrangieren kann, dann muss der Grund dafür im Unternehmen zu suchen sein, das es nicht schafft, mir ein passendes Arrangement zu bieten.
Wir wissen: je mehr Mitarbeiter diese Haltung einnehmen, um so eher zwingen sie das Unternehmen, in dem sie arbeiten, in die Knie. Ein solches unter Druck stehendes Unternehmen wird immer ein ‚enttäuschendes‘ Unternehmen sein, so wie ein permanent unter Druck stehendes Elternteil auf Sicht ein ‚enttäuschendes‘ sein wird.

Wir wissen, Burnout ist eine unzureichende Mündigkeit, eine unzureichende Verantwortung, mit der gegebenen Freiheit umzugehen. Insbesondere: Burnout ist das Abbild eines unzureichend geklärten Wertesystems. Was vielen Menschen noch nicht bewusst ist: Die Klärung der eigenen Werte ist möglich, die Tools sind verfügbar, der Zeitaufwand überschaubar, die Konsequenzen der Klärungsarbeit womöglich anfangs schmerzhaft, dann extrem erleichternd. Wer hingegen sich verfehlt und dies dann Burnout nennt, geht leichtfertig mit seiner Verantwortung um. Man ist halt leicht fertig, wenn man dem Unternehmen den Schwarzen Peter zuschiebt, von ihm Bedürfnisbefriedigung erwartet, ohne dass man selbst weiß, wofür man einsteht, worin der Sinn [und nicht der Zweck] des eigenen Handelns liegt.

Wir wissen: Es gibt keine so genannte ‚humane Arbeitswelt‘ – es gibt Arbeit, die mal mehr mal weniger den individuellen Vorstellungen von Humanität entspricht. Was human ist, entscheidet somit der Einzelne. Bezieht er sich auf seine bewussten Werte, dann setzen diese die Grenzen zwischen human und inhuman. Sind ihm seine Werte nicht bewusst, dann werden ihm die Grenzen gesetzt – Grenzen, die so eng werden können, dass der Druck stetig zunimmt. Versucht nun der derart bedrückte Mensch seine Erwartung an Druckentlastung an das Unternehmen zu äußern, so delegiert er etwas, was er nicht delegieren kann.

Ähnlich verhält es sich, wenn ein Mensch seine Werte nicht kennt, dann aber Wertschätzung von seinem Unternehmen erwartet. Wie soll das denn gehen? Und würde er seine eigenen Werte kennen: wieso sollte man sie dann noch von anderer Seite ’schätzen‘? Wer seine Werte kennt und nach ihnen handelt, braucht keine Wertschätzung. Es wäre sonst ja so, als hätte man ein Buch gelesen und dieses Buch würde einem dann noch einmal vorgelesen – wozu soll das gut sein? Relevant ist, wie der Mensch seine Werte verwirklicht, worin er den Sinn seiner Tätigkeit sieht, welche Wirkung seine verwirklichten Werte haben. Im besten Fall erhält der Mensch für seine Wirkung dann das vertraglich vereinbarte Pendant.

* wird fortgesetzt *