Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [4]

Fortsetzung vom 20. Juni 2018

Folgt man der – verbreiteten – Ansicht, das Selbst entstünde in den ersten zwei Lebensjahren dadurch, dass dem Kind gespiegelt wird, dass es geliebt wird, Anerkennung erhält und Akzeptanz erfährt, dann ist die Folge, dass sich ein Kind, das dies nicht erhält, sich nur über seine Leistungen eine Bestätigung dafür einholen kann, dass es selbst etwas zuwege gebracht hat.

Erfährt das Kind in den ersten zwei Jahren Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch, dann entsteht kein Selbst und die Bedeutung der Leistung wird dafür immer größer. Führt diese Leistungsausrichtung dann zur Ausbeutung in eigener Sache, sabotiert der Mensch sich selbst und damit auch die Möglichkeit, ein eigenes Selbst zu entwickeln. Eine diesen Prozess unterstützende Therapie braucht Geduld und braucht an sich sogar das leidvolle Phänomen der Selbstsabotage, im Sinne der Sabotage des falschen Selbst und der Hoffnung, ein eigenes, tragfähiges Selbstbild zu entwickeln.

Das logotherapeutische Menschenbild beruht neben einer Reihe anderer Annahmen auf dem Gedanken Viktor Frankls, dass ‚der Mensch mit Geburt Person ist‘. Personsein in diesem Verständnis bedingt und bedeutet, von Anbeginn mehr zu sein als das durch Eltern Vererbte. Person sein heißt, dass etwas ‚ist‘, was von Anbeginn durchtönt [per-sonare – durch-tönen]. Das, was da durchtönt, ist in unserem Verständnis das dem Kind zueigene Wertesystem, das sich zeigt in seinem originären Charakterstil [Frankl: der Mensch hat ab Geburt Charakter]. Bevor also das Kind womöglich erlebt, dass es instrumentalisiert, sozialisiert, misshandelt, sanktioniert wird oder aber auch, bevor das Kind hoffentlich erlebt, dass es geliebt, gewärmt, gestützt, getröstet … wird, hat das Kind bereits einen Wesenskern herausgebildet, der nun mehr oder weniger durch das Verhalten seiner Bezugspersonen und-oder seiner Umwelt erodiert. Diesen Wesenskern wieder herauszuarbeiten, ist eine der Leistungen unserer Logotherapie, wenn ein Mensch das Empfinden hat, sich selbst verfehlt zu haben, nicht sich selbst zu sein … Menschen, die dieses Empfinden haben und die aus ihrer Selbstsabotage heraus zu ihrem originären Selbst zurückkehren wollen, brauchen eine Unterstützung zur Selbstbesinnung [und damit – im Kern – Zeit zur Erkenntnis ihrer  originären Werte]. Die logotherapeutische Arbeit unterstützt den Menschen, eine Haltung zu sich selbst wieder aufzubauen und dabei den Blick weniger darauf zu richten, wer oder was hat dazu geführt, dass auf die inneren Signale nicht geachtet wurde und man sich ständig weiter ausgebeutet und sabotiert hat – sondern mehr darauf, sich mit dem neugewonnenen Selbstbild auf das Sinnhafte in der Welt auszurichten, die originären Werte zu verwirklichen und sich in der Freiheit, die man hat, zur Selbst-Verantwortung zu bekennen.

Ist die Selbsterkenntnis [i.S.: Werte-Kenntnis] aufgebaut, vermag der Mensch sich in einer meist schnell spürbaren Wirkung, sich selbst zu regulieren, Wer dies gut vermag, trotzt auch ungünstigen Bedingungen, zum Beispiel in der Arbeitswelt. Wer dies vermag, braucht sich nicht über seine Erwartungen zu definieren, sondern kann seine eigenen Verantwortungen übernehmen. Ein Burn-Out und andere Formen der stressbedingten Depression haben in einem derart selbstregulierten Leben keinen Platz.

* wird fortgesetzt *