Was wir über Burn-Out schon wissen – und: was wir wissen sollten [5]

Fortsetzung vom 24. Juni 2018

Gefundener Sinn im Leben führt zu einer stimmigen psychischen Selbstregulation. Ist der persönliche Sinnbeitrag geklärt [und dies gelingt nur mit zuvor geklärten Werten], dann entscheidet und handelt der Mensch wertebasiert, authentisch, schneller und nachhaltiger. Das Selbst reguliert sich auf den Sinn hin.

Der in anderen Therapieschulen vertretenen Vorstellung, man könne sich durch positives Einreden eines ‚ich bin okay‘ und der Selbsterlaubnis, störende innere Stimmen zuzulassen und nicht negativ zu bewerten, eine ähnlich stabile Selbstsicherheit entwickeln, stehen wir in der Logotherapie skeptisch gegenüber. Kurzfristig mag sich eine Besserung der psychischen Verfasstheit zeigen, ohne dauerhafte therapeutische Begleitung verpuffen jedoch viele der guten Ansätze allzu schnell.

Anders die das Risiko eines Burnouts mindernde Logotherapie [begründet von Viktor Frankl, dritte Wiener Schule für Psychotherapie, und theoretische Basis der von uns entwickelten Konzepte des sinnzentrierten Coachings [Logocoaching] und der individuellen Krisenprävention [Life2Me]], die auf verschiedene Weise dadurch Nutzen bringt, dass sie den Fokus auf die Klärung des eigenen Wertesystems legt:

  • Die Person kann sich wieder identifizieren mit dem was sie selbst ist, nicht nur, was sie hat oder leistet
  • Die Person kann sich im Berufskontext besser von sie schädigenden Bedingungen distanzieren, ohne dass darunter der Selbstwert leidet
  • Die Person kann das Erreichen von Zielen loslösen von der Verwirklichung von Werten – für das erste ist die Währung ‚Geld‘, für das zweite ‚Sinn‘. Wenn beide Währungen verfügbar sind, dann ist das gut. Wenn nicht, dann bleibt der Selbstwert stets auch dann erhalten, wenn der vermeintliche Leistungswert nicht den eigenen und-oder fremden Erwartungen entspricht
  • Die Person erlebt sich im Einklang mit sich und damit per se nicht mehr defizitär – ein Vorteil insbesondere dann, wenn die gegebenen Systembedingungen erwarten lassen, dass einem von verschiedenen Seiten Unzulänglichkeiten suggeriert werden
  • Die Person blockiert sich nicht selbst in ihrer Entwicklung. Wer darauf bedacht sein muss, sich vor Fremdbe- und -verurteilung zu schützen, entzieht sich die erforderliche Energie zur Persönlichkeitsreifung. Wer aber um seine Werte weiß, der kann auch entdecken, was er tun muss, um seine Werte nicht zu ideologisieren. Die Selbsterkenntnis hilft letztlich der wertebewussten Person als auch dem Unternehmen, der Familie, dem Freundeskreis usw.
  • Die Person braucht keine Anstiftung zur Motivation, ihr Wertesystem übernimmt die Steuerung, die Regulierung, die Kontrolle und die Entwicklung des Selbst.

Das erkannte auch Fredmund Malik als er schrieb: „Es ist das Beste, was je zur Frage von Motivation gesagt wurde. Ja, ich halte Frankls Sinn-Theorie für die richtige Motivationslehre schlechthin.“

Und er ergänzt mit Hinweis auf die ‚Frankl‘-Unkenntnis vieler Berater und Führungskräfte: „In den Literaturverzeichnissen der Managementliteratur im engeren Sinne findet sich kein oder nur selten ein Hinweis auf Frankls zahlreiche Schriften und Vor­träge. Wenn überhaupt, dann wird er meistens falsch zitiert.[…] Arbeitslosigkeit und Existenzangst, sowie der Verlust der Glaubwürdigkeit wirtschaftlicher und politischer Führung, sind Grund genug, um die Sinnfrage zu stellen. Alle wirklichen Kenner der Lehre von Frankl haben mir dasselbe berich­tet – sie hat ihr Leben verändert, zum Besseren, zu mehr Gelassenheit, zu in­nerer Ruhe, aber auch zu besserer Orientierung, weil sie plötzllch mit innerer Sicherheit wussten, wohin sie gehörten, zu mehr Orientierung und als Folge dessen zu größerem Engagement und mehr Leistungsfähigkeit – zur Identifika­tion mit sich selbst.[…]

Sinn, so Viktor Frankl, kann aber nicht gegeben, schon gar nicht gemacht wer­den, sondern er muss gefunden werden. „Sinnmacher“, Sinngeber, Sinnstifter zu sein, was von Führungskräften zwar zeitgeistkonform, aber in Unkenntnis des Werkes von Viktor Frankl gefordert wird, ist das genaue Gegenteil dessen, was er selbst vertreten hat. Als Manager können wir nur eines tun, nämlich den Menschen Möglichkeiten zu schaffen, ihren Sinn zu finden. Das aber müssen wir auch tun, damit so viele Menschen wie möglich Sinn in unseren Organisationen und ihrer Arbeit finden können. Suchen und finden muss ihn jede und jeder selbst, aber die Vorausset­zungen dazu sind vom Management, von jedem einzelnen Chef auf jeder Stufe in jeder Organisation für jede Person zu schaffen. Das ist der einzige Weg zu etwas, was dann die Bezeichnung „Motivation“ verdient. Es ist, wie man erkennen wird, etwas ganz anderes, als was man heute unter Motivation versteht.“

„…den Menschen Möglichkeiten zu schaffen, ihren Sinn zu finden“ [Malik]: Wann also kommt endlich die Zeit, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern durch professionelles, auf Frankls Wissen um den Menschen fundiertes Training oder Coaching die Gelegenheit geben, sich ihrer eigenen Werte bewusst zu werden? Muss es erst die nächste Krise in der Branche oder dem eigenen Unternehmen sein, über die dann die Menschen mit Burnout in die Praxen kommen?