Existenzphilosophische Betrachtung von Krisen

Haben Krisen einen Eigensinn? Manche Menschen glauben ja, sie hätten Reifeprozesse nur vollziehen können, weil sie Krisen zu überwinden hatten. Nun gut, es ist schwer gegen diese Meinung zu argumentieren, weil sie ja stets ‚ex post‘ formuliert wird. Unsere Arbeitshaltung entspricht sie nicht – im Gegenteil: wir sind davon überzeugt, dass Krisen vermieden werden können, wenn ein Mensch sich seine Werte bewusst macht und sie präventiv und szenarisch mit seinem Lebensmodell in Abgleich bringt.

Ist eine individuelle Krise jedoch erst einmal im Gange, dann hat sie immer einen bedrohlichen Charakter und verletzt das menschliche Streben nach Gleichgewicht, Harmonie, Zugehörigkeit,
Eingebundenheit, Ungestörtheit. Die Orientierung im Leben, die Kontrolle über das eigene Leben, zumindest in einem bestimmten Maß, ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wird dieses Grundbedürfnis erfüllt, vermittelt das existentielle Sicherheit. Demgegenüber werden Daseinskrisen als emotionale Erschütterung empfunden und rufen zur Klärung der eigenen Existenz auf.

EIne Reihe von Krisentheoretikern ist nun der Ansicht, dass diese Klärung nur mit Krisen überhaupt zu bewerkstelligen ist. Als ein Beispiel sei genannt: „Der Mensch verwirklicht seine eigentliche Existenz nur in der Krise und nur durch die Krise. Und weil diese eigentliche Existenz nur im Prozeß und nie als Ergebnis zu erringen ist, so heißt das: Der Mensch existiert nur, sofern er in der Krise steht.“ [Bollnow] Die Idee, Krisen würden gebraucht, um als Mensch auf eine höhere existenzielle Ebene zu gelangen, mutet in unserem Empfinden als reduzierend [der Mensch ist nichts anderes als das Ergebnis seiner Krisen] und inhuman an.

Nahezu wohltuend ist hingegen die Perspektive von Kierkegaard, der Krise nicht in den Kontext von Gefahr setzt, sondern von Transformation und ‚Metamorphose’. Krise meint hier den Übergang eines psychischen in einen geistigen Zustand des Menschen. Auf psychischer Ebene erfährt der Mensch zum Beispiel Leid, er fühlt sich psychisch belastet oder sogar krank – doch durch den Übergang auf die geistige, sinnorientierte Ebene erhebt sich die Person über ihr Leid. Und dies nicht, weil in jeder Krise eine Chance steckt oder es in jeder Krise einen Sinn zu entdecken gilt, sondern weil es trotz einer Krise eine weitere Ebene gibt, auf der Sinn gefunden werden kann. Nur: Diese Ebene gibt es auch ohne Krise, weshalb wir dafür plädieren, eine persönliche Entwicklung auf geistiger Ebene einzuleiten, um über diesen Prozess in den Zustand zu kommen, ‚Herr‘ über jede Krise zu bleiben.

Die sinnzentrierte Psychotherapie [Logotherapie], hier als Daseinsprävention verstanden, ist die einzige Therapierichtung, die eine solche Entwicklung persönlicher Stabilität für schwere Zeiten substanziell ermöglicht.