Archiv für den Monat: Juli 2019

Die Psychologie ist tot, es lebe die Psychotherapie.

Heureka, bald gibt es viele neue Psychotherapeuten.

Das hat uns noch gefehlt. Deutschland wird als psychisch krank erklärt, sonst würde wohl kaum ein Ministerium ein Gesetz erlassen, so wie es nun als Psychotherapeutengesetz von Minister Spahn geplant ist.

Was kommt da auf Sie zu? Die 19-20jährigen Abiturienten studieren künftig nicht mehr Psychologie, um danach als eine der vielen Optionen vielleicht irgendwann einmal zu entscheiden, mit persönlicher Reife in eine Arbeit als Psychotherapeut einzusteigen. Nein, künftig erhält man nach fünf Studienjahren die staatliche Approbation für Psychotherapie. Dann ist man also so um die 25 Jahre alt. Dann ist man Psychotherapeut, und zwar für Menschen von 0 bis 130.

Warum kommt mir da gerade der 44jährige Patient in den Sinn, der es als Fernfahrer auf dem Weg von Aberdeen nach Florenz gerade noch schafft, sein Gefährt am Autobahnrastplatz Augsburg abzustellen, nachdem er zwei Stunden zuvor vom Tod eines Freundes, eine Stunde zuvor vom Tod seines Firmenchef und zehn Minuten zuvor vom Tod seines Vaters erfahren hat. Völlig aufgelöst gelingt es ihm, eine für ihn passende psychotherapeutische Krisenprävention zu finden. Wie wäre es, würde ihm nun eine 27jährige gegenübersitzen …

Oder der 72jährige Patient, dessen Depression sich einfach nicht legen will, da er sein unternehmerisches Lebenswerk gefährdet sieht, weil seine ‚verantwortungslosen‘ Kinder es einfach nicht schaffen [wollen], ihrerseits Nachkommen zu zeugen, was ihm die Weitergabe seines Besitzes erleichtern und sein Denkmal sichern würde und so weiter, und so weiter …

Ja, und nun kommt eben eine Zeit auf uns zu, in der die ‚alten Hasen‘ nach und nach ihre Praxen auflösen und abgelöst werden von Mittzwanzigern, die in ihrer Studienzeit 60% direkt mit Patienten [vermutlich Übungspatienten, so ähnlich wie bei den FriseurgesellInnen, die per Plakat nach Opfern suchen] arbeiteten und ein halbes Jahr lang, sic!, sich den theoretischen und klinischen Grundlagen hingaben.

Das klassische Psychologiestudium ist also bald tot. Der Master in Psychologie führt nicht zur Approbation, ist daher attraktivitätsbefreit. Und wer das neue Psychotherapiestudium absolviert mit Ausblick auf die schnelle eigene Praxis und volle Terminkalender, muss sich nicht einmal in den 40% Nicht-Praxiszeit wirklich mit Psychologie auseinandersetzen. Er braucht lediglich eine Ergänzung in einer der sogenannten Bezugswissenschaften. Das kann dann auch ein Fach aus der Soziologie oder Kulturwissenschaft sein. So werden ernste psychische Probleme von Menschen sicher angemessen adressiert werden.

Aber vielleicht finden sich noch Eltern, die mit ihren Kindern darüber ins Gespräch kommen, ob deren Berufswunsch über diesen Weg wirkliche eine schlaue Idee ist … – was wir doch nicht brauchen in Deutschland sind Tausende zu junger, arbeitsloser Psychotherapeuten.