Corona-Blog: Ja, sind wir denn nun ganz von der Rolle?

Die Nachrichten sind zwischenzeitlich voll von aufregenden Ereignissen rund ums Papier für stille Minuten. Nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Ländern wird das gerollte Papier zu einer Art Aktie für den Notfall. Selbst die Politik muss darauf aufmerksam machen, dass ein Notstand der Güter des täglichen Bedarfs überhaupt kein Thema ist – besuche ich selbst den Großhandel, zum Beispiel Metro, Selgros oder den Edeka-Großhandel, dann sind die Regale proppevoll. Was soll das also? Kurz gesagt: Die Psyche meldet sich auf ihre langweiligste Art und Weise. Der Raubtierkapitalismus manch ‚kleinen Mannes‘ – auch Frau – scheint voll durchzuschlagen. Andere stehen fassungslos diesem Treiben gegenüber und fragen sich, wie sich das Phänomen erklären lässt?

Im Coaching werden diese Persönlichkeitsakzentuierungen gerne herangezogen, um Hypothesen darüber zu bilden, was wohl der Urknall für Verhalten wie diese gewesen sein könnte. Dieser ‚Übung‘ will ich nun auch etwas nachhängen [so, wie ich dies in meiner, übrigens den aktuellen Kontaktregeln ensprechenden, Coachingausbildung mit den Teilnehmer*innen praktiziere], ohne Anspruch auf Vollständigkeit – im Gegenteil, eher als Anregung für Sie, vielleicht im Kreise der Familie [gerade Kinder machen da gerne mit] über diese oder andere Besonderheiten in Zeiten des Virus nachzudenken und miteinander zu plaudern.

Lust auf Rolle, weil

  • Ausscheidung ist schambesetzt. Das will man vermeiden.
  • Gier als Verhaltensmuster bestimmter Menschentypen ist die Ursache.
  • Der berühmte Herdentrieb – früher war es der Sommerschlussverkauf, heute die Rolle.
  • Zeitungspapier, Wasser oder Bärlauchblätter – diese Möglichkeiten aus Kriegszeiten will man in unserer zivilisierten Welt nicht mehr in Betracht ziehen.
  • Die Rolle ist eine Ersatzhandlung – das flauschige Papier tut gut in rauer Zeit.
  • Der Virus könnte besonders am Ausgang sitzen, viel Virus, viel Papier. Logisch, oder?
  • Zur Ausscheidung ging man bisher zu McDonalds, ins Museum, zu Freunden und/oder man nahm – als Zusatznutzen – den Besuch im Schwimmbad, im Seniorenheim, natürlich auch den Arbeitsplatz usw. für die Örtchen-Momente in Anspruch. Folge: zu Hause ist nun Papier-Ebbe.
  • Ausgehbeschränkungen führen zu Warteschlangen vor dem Wohnungsklo – die ganze Familie muss, das ins neu und bedarf der Vorratshaltung. Außerdem wird mangels Restaurant wieder mehr zu Hause gegessen, mit den entsprechenden Verdauungsfolgen.
  • Der Virus zwingt uns zu Veränderungen – gegen ihn können wir unmittelbar nichts tun. Anders beim Zwang des eigenen Körpers, da haben wir mit der Rolle ein Sicherheitsgefühl, noch handeln zu können.
  • Nicht zu vergessen, in der Steinzeit haben wir gejagt und gesammelt – wo gibt es diese Gelegenheit noch in einer Überflussgesellschaft?
  • Menschen könnten schlicht den Dreisatz nicht beherrschen: wenn ich eine Rolle in drei Tagen benötige, wie viele sind es dann in zwei, vier, zehn Wochen? Gut, dafür hilft der Rollenkalkulator.
    [Wem die Statistik reicht: Im Durchschnitt verbraucht jeder Deutsche in seinem Leben 3.651 Rollen, pro Jahr 46, pro Sitzung 57 Blätter – Quelle: Industrieverbands für Körperpflege und Waschmittel. Jetzt aber hurtig ins Bad und nachzählen.]
  • Das Virus ist unbekannt – zumindest der Normalbevölkerung. Die Vorstellung seiner Herkunft, seien es Fledermaus, chinesische Wildtiere oder andere von sogenannten Fachleuten formulierten Spekulationen, bereiten Angst, vielleicht auch Ekel. Das Klopapier ist dagegen ein Hort der Sicherheit und des Kontrollerhalts.
  • Mit den Rollen kann man prima auch die von der Regierung verordnete Abschottungszeit rechnen. Sprechen da manche in den Medien von Monaten der sozialen Quarantäne, dann kann man am Verbrauch der Rollen das Ende des Virus kommen sehen. Fast so wie das Maßband, das Soldaten abschneiden, wenn es an das Ende der Dienstpflicht geht. Die letzte Rolle als Maß aller Hoffnung – das ist fast schon lyrisch.
  • Leider – auch das gehört dazu – werden manche Menschen mit spezifischen Zwangserkrankungen besonders auf das Klopapier angewiesen sein. Vielleicht sollten alle Therapeuten diese Perspektive im Auge behalten und mit ihren Patienten den Umgang mit der besonderen Situation erörtern.
  • Auch nicht ganz abwegig mag die Vorstellung sein, dass sich das Papier für ganz andere Nutzungen anbietet als der bekannten. Basteln, spielen, auch die Anfertigung von Lockenwicklern oder der Einsatz als Putzlappenersatz sollten den Massenkonsum mit erklären helfen.
  • … Hier ist Platz für Ihre eigenen Hypothesen …

Natürlich: Wenn man nun für sich und – [eventuell] ungewohnt – für die ganze Familie plus im Zuge der Nachbarschafts- oder Altenhilfe zur Rolle greift, dann kann schon mal ein größeres Gebinde nachvollziehbar sein. Für das aktuelle Hortungs- und Hamster-Geschehen jedoch findet sich keine rechte Sinnhaftigkeit. Vielleicht also doch kurz in den Faktor Vernunft investieren und sich an Immanuel Kant orientieren: „Kaufe Klopapier nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

Bleiben Sie gesund.
Morgen geht’s weiter.