Corona-Blog: Was der Umgang mit Corona mit der Kindheit zu tun hat

Wenn Kinder im dritten Lebensjahr beginnen, sich in grammatikalisch vollständigen Sätzen auszudrücken, dann aufgrund der Wahrnehmung von Sprache, die ihnen durch ihre unmittelbaren Bezugspersonen vermittelt wurden. Bis sie in Kindergarten und Schule ihre Sprachkompetenz weiter verfeinern, haben sie also vornehmlich das Vokabular aufgenommen, das ihnen von ihrem direkten Umfeld – meist den Eltern – angeboten wurde. Jedoch, und dies greife ich nun auf, stehen hinter die­sem Vokabular eben auch die Kommunikationsbedürfnisse Ihrer Eltern [oder derer, die Sie als die wichtigsten Bezugspersonen Ihrer Kindheit ansehen].

Im kommunikationspsychologischen Mo­dell des amerikanischen Psychologen Dr. Taibi Kahler [Prozesskommunikationsmodell] wird nun der Zusammenhang hergestellt zwischen den Bedürfnissen, sich anderen Menschen mitzuteilen, dem damit verbundenen Vokabular, einem der Sprache angemessenen Verhalten und den Veränderungen, die Sprache und Ver­halten unter Stress erfahren. 

Welche Bedürfnisse hat ein Mensch, wenn er diese durch Kommunikation [z.B. im Rahmen seiner Gespräche über Corona und dessen Auswirkungen auf die eigene Lebensgestaltung] zu befriedigen sucht? In Kahler’s empirischer Forschung konnten sechs Kommunikationsstile und die mit ihnen verbundenen psychischen Bedürfnisse voneinander abgegrenzt und benannt werden. Ab morgen stelle ich alle sechs genauer vor. Hier erst einmal ein grober Überblick.

Mit dem Kommunikationsstil des Logikers zeigt dieser sein psychisches Bedürfnis an, Anerkennung erhalten zu wollen für eine Leistung, die er in einem klar umrissenen Zeitfenster erbracht hat. Menschen mit diesem Stil suchen den Austausch mit anderen, um Informationen und Wissen auszutauschen.

Mit seinem Kommunikationsstil weist der Beharrer auf sein psychisches Bedürfnis hin, Anerkennung erhalten zu wollen für seine aus tiefer Überzeugung erbrachten Leistungen. Menschen mit diesem Stil suchen das Gespräch mit anderen, um Meinungen auszutauschen.

Der Kommunikationsstil des Empathikers entspricht dessen psychischem Bedürfnis, sinnlich angeregt zu werden und Anerkennung zu erhalten für sein Dasein als Mensch. Empathiker suchen den Austausch mit anderen, um ihre Gefühle mitzuteilen.

Der Kommunikationsstil des Rebellen bringt das psychische Bedürfnis zum Ausdruck, Anerkennung erleben zu wollen durch Kontakte mit hohem Spassfaktor. Menschen mit Rebell-Stil suchen den Austausch mit anderen, um zu lachen und einen spielerischen Umgang mit Themen zu erfahren.

Mit seinem Kommunikationsstil zeigt ein Macher sein psychisches Bedürfnis an, Anerkennung erhal­ten zu wollen durch aufregende und spannende Projekte und Grenzerfahrungen. Macher suchen den Austausch mit anderen, um durch klare Ansagen für Neues stimuliert zu werden.

Der Kommunikationsstil des Träumers entspricht schließlich dem psychischen Bedürfnis, Anerken­nung durch Ruhe zu erhalten und dadurch, in Ruhe gelassen zu werden. Menschen mit diesem Stil suchen den Austausch mit anderen, um ihre Vorstellungen, die sie von etwas haben, einzubringen.

Erinnern wir, dass Kinder ihre Sprachwelt durch ihre unmittelbaren Bezugspersonen eröffnet bekommen, so können wir annehmen, dass die­se Personen ihre psychischen Bedürfnisse auch dann befriedigt bekommen wollten, als sie im Gespräch mit ihren Kindern standen. Um dies zu erreichen, nutzten sie die mit ihren Bedürfnissen verbundenen Wortfelder [das Vokabular einer Person mit zum Beispiel einem starken Empathiker- und Macheranteil ist ein hörbar anderes als das einer zum Beispiel ‚Beharrer-Rebell-Person‘]. Die Bandbreite dieser Felder ist dabei umso größer, je mehr Kommunikationsstile die jeweilige Bezugsperson ihrerseits in ihrem Leben entwickelt hat. Erfährt ein Kind so zum Beispiel über seine Eltern die Wortwelten des Empathikers, Logikers und Machers, dann lernt es dadurch indirekt auch die damit verbundenen psychischen Bedürfnisse seiner Eltern kennen. Die Bedürfnisse des Rebellen, Beharrers und des Träumers blieben in diesem Beispiel dem Kind eher vorenthalten, die damit verbundenen Sprachelemente wurden nicht oder kaum ver­mittelt.

Bedenkt man, dass gerade in den ersten Jahren der Spracherziehung die neuronalen Bahnungen im Gehirn eines Kindes durch das sich immer wiederholende und damit vertiefende Worteangebot gelegt werden, dann versteht man, dass im Prozesskommunikationsmodell davon aus­gegangen wird, dass sich bis zum Schuleintritt einer der sechs Kommunikationsstile als der am stärksten entwickelte herauskristallisiert. Dieser Stil bildet das ‚Basiskommunikationsbedürfnis‘.  

Eine zweite Annahme des Modells besteht darin, dass auch die Reihenfolge der restlichen fünf Stile hinsichtlich ihrer bis zum Schuleintritt entwickelten Stärke bis zum sechsten Lebensjahr ,gesetzt‘ ist und sich über das Leben hinweg ebenso wenig ändert wie das Basisbedürfnis.

Die eigenen Kommunikationsbedürfnisse zu kennen ist für sich genommen bereits eine interessante Facette der Persönlichkeitsentwicklung. Für den Kontext Umgang mit Stress wird sie jedoch noch aufschlussreicher, wenn man über­legt, dass psychische Bedürfnisse von Menschen verletzt werden können – durch andere Menschen [durch deren bewusstes oder unbewusstes Kommunikationsverhalten] oder auch durch Ereignisse wie Krisen oder komplexe Veränderungserfordernisse wie zum Beispiel Corona.  

In einer solchen Situation wird der Mensch konfrontiert mit einem spezifischen ,Lebensthema‘ [jedes Kommunikationsbedürfnis adressiert ein solches Lebensthema – ab morgen dazu mehr]. Tritt eine Situation ein, die das Lebensthema freilegt, dann ist dieser psychische Prozess stets mit Gefühlen verbunden, die die Person entwe­der  gelernt hat, konstruktiv kommunikativ mitzuteilen [authentisches Gefühl] oder die die Person nicht authentisch, sondern vermeintlich aus Gründen des Selbstschutzes als ,Scheingefühl‘ kommuniziert.

Ich fasse kurz zusammen, was ich Ihnen bisher vermitteln wollte:

  • Ihre heutige Kommunikation ist geprägt von einem in Ihrer Kindheit vollzogene Lernprozess, bei dem Ihnen Ihre Bezugspersonen [Eltern] durch deren Sprache auch ihre psychischen Bedürfnisse vermittelt haben. Diesem Prozess konnten Sie sich nicht entziehen. Ihre Sprachwelt ist also zu einem Großteil die Sprachwelt Ihrer Eltern.
  • Ihnen fehlt es an nichts. Will meinen: Sie haben alle sechs Kommunikationsstile verfügbar, nutzen jedoch präferiert das sogenannte Basiskommunikationsbedürfnis. Mit ihm ist eine spezifische Sprachwelt, ein spezifisches Vokabular, verbunden.
  • Das Basiskommunikationsbedürfnis ist mit dem sechsten Lebensjahr fix und ändert sich Ihr Leben lang nicht mehr. Ebenso gilt dies für die Reihenfolge der anderen Stile. [Wenn Sie wissen möchten, wie Ihre persönliche Kommunikations-Architektur ausschaut, dann biete ich Ihnen gerne eine Auswertung (basierend auf einem Fragebogen, der von Ihnen ca. 20 Minuten Online-Zeit erfordert und einem einstündigen telefonischen Auswertungsgespräch zum Preis von Euro 395 netto) an. Schreiben Sie mir einfach bei Interesse eine Mail an team@krisenpraxis.de
  • Jedem Kommunikationsbedürfnis liegt ein ‚Lebensthema‘ zugrunde.

Morgen ergänze ich zu diesen ersten Ausführungen Informationen zur Veränderung der Kommunikation unter Stress. Da Sie wie ich derzeit unter besonderen Lebensbedingungen stehen [Ausgangsbeschränkungen, Homeoffice, Kinder zu Hause, Organisationsaufwand, …] liegt nahe anzunehmen, dass sich neben der Kommunikation, die wir pflegen, wenn wir in einem entspannten Zustand stand, immer wieder auch eine Stresskommunikation [gegenüber anderen Menschen oder im Rahmen der Selbstgespräche auch gegenüber einem selbst] zeigt. Sie belastet das Miteinander und das persönliche Wohlbefinden und wirkt in der Regel zusätzlich negativ. Es ist also günstig zu wissen, wie man persönlich kommuniziert und warum gerade in der Weise, wie man es tut. Und dass es gut ist, dies zu wissen, gilt nicht nur für eine Zeit wie die, die wir gerade kollektiv erleben.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund.