Corona-Blog: Sich ’so oder so‘ den Bedingungen stellen

Unser globales Dorf hat einen winzigen Gegner. Ungefähr 150 Nanometer ist er groß. Ein Nanometer verhält sich zu einem Meter wie der Durchmesser einer 1-Cent-Münze (16,25 mm) zu dem des Erdballs (12.714 km). 150 nm, also 0,00015 mm – ein unsichtbares, winziges Wesen

Im Vergleich: Eine Gehirnzelle ist etwa fünf bis 100 Mikrometer (1 μm = 0,001 mm) groß, also bis zu 0,1 mm und damit x-mal größer als das Virus. Zwar auch winzig, aber in jedem Menschen in Massen vorhanden, und in unserem globalen Dorf schier unendlich verfügbar. Also sollten wir uns von Corona nicht alles gefallen lassen, sondern vielmehr das nutzen, was reichlich verfügbar ist. Hirnzellen.

Viktor Frankl sagte schon: „Jeder Mensch hat Bedingungen, doch er kann sich so oder so diesen Bedingungen stellen„. Das Virus ist eine der aktuell alltäglichen Bedingungen vieler Menschen. Ihm kann man sich nun psychisch oder geistig stellen (und dies in den beiden Varianten: infiziert / nicht infiziert):

[noch] nicht infiziert
psychisch-dysfunktional – z.B. ‚dann krieg ich eben Corona, Hauptsache Spaß‘ oder der Aufbau einer stattlichen Klopapier-Sammlung [dazu morgen mehr].
Personen mit diesem Verhalten zeigen ‚kein Interesse an der Welt‘ und eine provisorische Daseins-Haltung. Tendenziell leben sie entlang ihrer Langeweile in den Tag hinein und aus ihren Trieben heraus [Corona-Party …]. Oder sie zeigen ‚keine Initiative für die Welt‘ und eine fatalistische Lebens-Einstellung. Tendenziell folgen sie der Idee ‚wo der Glaube zurückgeht, wächst der Aberglaube‘ [z.B.: ‚Die Hauptsache ist jetzt Klopapier‘ oder die Neigung, sich Verschwörungstheorien anzuschließen oder – wie auf Fehmarn geschehen – Urlaubsgäste in die eigene Ferienherberge zu ’schmuggeln‘ …].

infiziert
psychisch-dysfunktional – z.B. das vollbewusste Anhusten anderer Menschen nach zuvor vollzogener privat beendeter Quarantäne oder das Verschweigen eigener, bekannter Symptome nach Aufenthalt in einem Risikogebiet, um die Teilnahme des eigenen Kindes an einer Reha-Behandlung zu sichern – mit der Folge, dass eine ganze Kinderklinik gesperrt werden musste.
Personen mit diesem Verhalten lassen deutlich eine Orientierung am Gewissen vermissen. Das Gewissen ist die intuitive geistige Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn aufzuspüren, der in jeder Situation verborgen ist. Dass individueller extremer Belastungsstress oft als die Quelle für derart verfehltes Verhalten zur Begründung herangezogen wird, rechtfertigt nicht die jedem Menschen per se gegebene Möglichkeit, dem Streben nach Selbstverwirklichung die der Sinnverwirklichung voranzustellen.

[noch] nicht infiziert
geistig-funktional – alle Handlungen, die ein Mensch setzt, „in einem Werk, das er schafft oder in einem Erlebnis von Kunst, Natur, Schönheit, Wahrheit, wissenschaftlicher Forschung, oder in dem Erlebnis von Güte, in dem Erlebnis eines anderen Menschen, in dessen Einmaligkeit und Einzigartigkeit.“ [Frankl]
Personen mit diesem Verhalten zeigen ‚Interesse an der Welt‘ und eine wertebasierte  Daseins-Haltung. Tendenziell schaffen sie entlang ihrer Werte etwas in die Welt hinein. Oder sie zeigen ‚Initiative für die Welt‘ und eine hoffnungsvolle Lebens-Einstellung. Tendenziell folgen sie der Idee: ‚wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch‘ [Hölderlin], und handeln, indem sie sich Menschen oder Themen annehmen, ohne dass die Wirkung ihres Handelns auf sie selbst gerichtet ist. Zu einer solchen Handlung gehört auch, sich zum Wohl anderer von Menschen [auch geliebten] fernzuhalten, solange die Gefahr besteht, dass ein anderes, [auch gut gemeintes] Handeln zu einem Schaden werden kann. Die Beurteilung eines solchen möglichen Schadens bedarf einer Primärkompetenz, die aktuell einzig denen zugestanden werden muss, die um die Bewertung der Bedingungen am besten wissen. Es gilt daher hier das Primat der medizinischen Wissenschaft.

infiziert
geistig-funktional: Gerade dort, wo ein Mensch sichtlich hilfloses Opfer einer sichtlich hoffnungslosen Situation konfrontiert ist mit einem Schicksal, das er gar nicht ändern kann, dass gerade dort noch immer eine letzte Sinnmöglichkeit besteht und zwar, Zeugnis abzulegen davon, wessen der Mensch und nur er fähig ist, nämlich eine Tragödie in einen Triumph zu verwandeln, oder ein Leiden in eine menschliche Leistung umzukehren. Das heißt, dass eigentlich es keine Lebenssituation gibt, die wirklich bar wäre jedweden Sinns. [Frankl]. Menschen zeigen dies in ihrem Verhalten, indem sie zum Beispiel nicht aufbegehren, sollte eine sonst erwartbare medizinische Leistung nicht erbracht werden können. Indem sie zum Beispiel tapfer erdulden, was zu ändern gerade nicht möglich ist. Psychisch zuweilen kaum erträglich, kann sich geistig in menschlicher Großartigkeit verhalten werden – in einer Weise, wie es Außenstehende nicht für möglich erachten. Und doch: man muss sich von seiner Psyche nicht alles gefallen lassen.

Jetzt ist eine Zeit, in der das Psychische oder das Geistige bei jedem Menschen vollsichtbar werden. Wer kurz innehalten mag, um hineinzufühlen, wie Geistiges sich individuell vollziehen kann, dem können diese Fragen weiterhelfen:

  • Wer will ich als Opa, Oma, Vater, Mutter, Sohn, Tochter … unter den Corona-Bedingungen gewesen sein?
  • Wer will ich als Mitarbeiter*in meines Unternehmens gewesen sein?
  • Worum geht es mir jetzt konkret und unmittelbar?
  • Was täte mir leid, es gerade jetzt nicht getan, gestaltet, entschieden, gesagt zu haben?
  • Welche meiner Handlungen sind unter den aktuellen Bedingungen eher hoffnungs- oder leidvermehrend?
  • Sehe ich die Kraft des Satzes: „Das Leben hat unter allen Umständen Sinn“ ?

„Es gibt keine Lage, die sich nicht veredeln ließe,
entweder durch Leisten oder durch Dulden“
Goethe

Bleiben Sie gesund.
Hier geht’s morgen weiter. Mit Klopapier.