Archiv für den Monat: März 2020

Corona-Blog: Ja, sind wir denn nun ganz von der Rolle?

Die Nachrichten sind zwischenzeitlich voll von aufregenden Ereignissen rund ums Papier für stille Minuten. Nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Ländern wird das gerollte Papier zu einer Art Aktie für den Notfall. Selbst die Politik muss darauf aufmerksam machen, dass ein Notstand der Güter des täglichen Bedarfs überhaupt kein Thema ist – besuche ich selbst den Großhandel, zum Beispiel Metro, Selgros oder den Edeka-Großhandel, dann sind die Regale proppevoll. Was soll das also? Kurz gesagt: Die Psyche meldet sich auf ihre langweiligste Art und Weise. Der Raubtierkapitalismus manch ‚kleinen Mannes‘ – auch Frau – scheint voll durchzuschlagen. Andere stehen fassungslos diesem Treiben gegenüber und fragen sich, wie sich das Phänomen erklären lässt?

Im Coaching werden diese Persönlichkeitsakzentuierungen gerne herangezogen, um Hypothesen darüber zu bilden, was wohl der Urknall für Verhalten wie diese gewesen sein könnte. Dieser ‚Übung‘ will ich nun auch etwas nachhängen [so, wie ich dies in meiner, übrigens den aktuellen Kontaktregeln ensprechenden, Coachingausbildung mit den Teilnehmer*innen praktiziere], ohne Anspruch auf Vollständigkeit – im Gegenteil, eher als Anregung für Sie, vielleicht im Kreise der Familie [gerade Kinder machen da gerne mit] über diese oder andere Besonderheiten in Zeiten des Virus nachzudenken und miteinander zu plaudern.

Lust auf Rolle, weil

  • Ausscheidung ist schambesetzt. Das will man vermeiden.
  • Gier als Verhaltensmuster bestimmter Menschentypen ist die Ursache.
  • Der berühmte Herdentrieb – früher war es der Sommerschlussverkauf, heute die Rolle.
  • Zeitungspapier, Wasser oder Bärlauchblätter – diese Möglichkeiten aus Kriegszeiten will man in unserer zivilisierten Welt nicht mehr in Betracht ziehen.
  • Die Rolle ist eine Ersatzhandlung – das flauschige Papier tut gut in rauer Zeit.
  • Der Virus könnte besonders am Ausgang sitzen, viel Virus, viel Papier. Logisch, oder?
  • Zur Ausscheidung ging man bisher zu McDonalds, ins Museum, zu Freunden und/oder man nahm – als Zusatznutzen – den Besuch im Schwimmbad, im Seniorenheim, natürlich auch den Arbeitsplatz usw. für die Örtchen-Momente in Anspruch. Folge: zu Hause ist nun Papier-Ebbe.
  • Ausgehbeschränkungen führen zu Warteschlangen vor dem Wohnungsklo – die ganze Familie muss, das ins neu und bedarf der Vorratshaltung. Außerdem wird mangels Restaurant wieder mehr zu Hause gegessen, mit den entsprechenden Verdauungsfolgen.
  • Der Virus zwingt uns zu Veränderungen – gegen ihn können wir unmittelbar nichts tun. Anders beim Zwang des eigenen Körpers, da haben wir mit der Rolle ein Sicherheitsgefühl, noch handeln zu können.
  • Nicht zu vergessen, in der Steinzeit haben wir gejagt und gesammelt – wo gibt es diese Gelegenheit noch in einer Überflussgesellschaft?
  • Menschen könnten schlicht den Dreisatz nicht beherrschen: wenn ich eine Rolle in drei Tagen benötige, wie viele sind es dann in zwei, vier, zehn Wochen? Gut, dafür hilft der Rollenkalkulator.
    [Wem die Statistik reicht: Im Durchschnitt verbraucht jeder Deutsche in seinem Leben 3.651 Rollen, pro Jahr 46, pro Sitzung 57 Blätter – Quelle: Industrieverbands für Körperpflege und Waschmittel. Jetzt aber hurtig ins Bad und nachzählen.]
  • Das Virus ist unbekannt – zumindest der Normalbevölkerung. Die Vorstellung seiner Herkunft, seien es Fledermaus, chinesische Wildtiere oder andere von sogenannten Fachleuten formulierten Spekulationen, bereiten Angst, vielleicht auch Ekel. Das Klopapier ist dagegen ein Hort der Sicherheit und des Kontrollerhalts.
  • Mit den Rollen kann man prima auch die von der Regierung verordnete Abschottungszeit rechnen. Sprechen da manche in den Medien von Monaten der sozialen Quarantäne, dann kann man am Verbrauch der Rollen das Ende des Virus kommen sehen. Fast so wie das Maßband, das Soldaten abschneiden, wenn es an das Ende der Dienstpflicht geht. Die letzte Rolle als Maß aller Hoffnung – das ist fast schon lyrisch.
  • Leider – auch das gehört dazu – werden manche Menschen mit spezifischen Zwangserkrankungen besonders auf das Klopapier angewiesen sein. Vielleicht sollten alle Therapeuten diese Perspektive im Auge behalten und mit ihren Patienten den Umgang mit der besonderen Situation erörtern.
  • Auch nicht ganz abwegig mag die Vorstellung sein, dass sich das Papier für ganz andere Nutzungen anbietet als der bekannten. Basteln, spielen, auch die Anfertigung von Lockenwicklern oder der Einsatz als Putzlappenersatz sollten den Massenkonsum mit erklären helfen.
  • … Hier ist Platz für Ihre eigenen Hypothesen …

Natürlich: Wenn man nun für sich und – [eventuell] ungewohnt – für die ganze Familie plus im Zuge der Nachbarschafts- oder Altenhilfe zur Rolle greift, dann kann schon mal ein größeres Gebinde nachvollziehbar sein. Für das aktuelle Hortungs- und Hamster-Geschehen jedoch findet sich keine rechte Sinnhaftigkeit. Vielleicht also doch kurz in den Faktor Vernunft investieren und sich an Immanuel Kant orientieren: „Kaufe Klopapier nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

Bleiben Sie gesund.
Morgen geht’s weiter.

Corona-Blog: Sich ’so oder so‘ den Bedingungen stellen

Unser globales Dorf hat einen winzigen Gegner. Ungefähr 150 Nanometer ist er groß. Ein Nanometer verhält sich zu einem Meter wie der Durchmesser einer 1-Cent-Münze (16,25 mm) zu dem des Erdballs (12.714 km). 150 nm, also 0,00015 mm – ein unsichtbares, winziges Wesen

Im Vergleich: Eine Gehirnzelle ist etwa fünf bis 100 Mikrometer (1 μm = 0,001 mm) groß, also bis zu 0,1 mm und damit x-mal größer als das Virus. Zwar auch winzig, aber in jedem Menschen in Massen vorhanden, und in unserem globalen Dorf schier unendlich verfügbar. Also sollten wir uns von Corona nicht alles gefallen lassen, sondern vielmehr das nutzen, was reichlich verfügbar ist. Hirnzellen.

Viktor Frankl sagte schon: „Jeder Mensch hat Bedingungen, doch er kann sich so oder so diesen Bedingungen stellen„. Das Virus ist eine der aktuell alltäglichen Bedingungen vieler Menschen. Ihm kann man sich nun psychisch oder geistig stellen (und dies in den beiden Varianten: infiziert / nicht infiziert):

[noch] nicht infiziert
psychisch-dysfunktional – z.B. ‚dann krieg ich eben Corona, Hauptsache Spaß‘ oder der Aufbau einer stattlichen Klopapier-Sammlung [dazu morgen mehr].
Personen mit diesem Verhalten zeigen ‚kein Interesse an der Welt‘ und eine provisorische Daseins-Haltung. Tendenziell leben sie entlang ihrer Langeweile in den Tag hinein und aus ihren Trieben heraus [Corona-Party …]. Oder sie zeigen ‚keine Initiative für die Welt‘ und eine fatalistische Lebens-Einstellung. Tendenziell folgen sie der Idee ‚wo der Glaube zurückgeht, wächst der Aberglaube‘ [z.B.: ‚Die Hauptsache ist jetzt Klopapier‘ oder die Neigung, sich Verschwörungstheorien anzuschließen oder – wie auf Fehmarn geschehen – Urlaubsgäste in die eigene Ferienherberge zu ’schmuggeln‘ …].

infiziert
psychisch-dysfunktional – z.B. das vollbewusste Anhusten anderer Menschen nach zuvor vollzogener privat beendeter Quarantäne oder das Verschweigen eigener, bekannter Symptome nach Aufenthalt in einem Risikogebiet, um die Teilnahme des eigenen Kindes an einer Reha-Behandlung zu sichern – mit der Folge, dass eine ganze Kinderklinik gesperrt werden musste.
Personen mit diesem Verhalten lassen deutlich eine Orientierung am Gewissen vermissen. Das Gewissen ist die intuitive geistige Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn aufzuspüren, der in jeder Situation verborgen ist. Dass individueller extremer Belastungsstress oft als die Quelle für derart verfehltes Verhalten zur Begründung herangezogen wird, rechtfertigt nicht die jedem Menschen per se gegebene Möglichkeit, dem Streben nach Selbstverwirklichung die der Sinnverwirklichung voranzustellen.

[noch] nicht infiziert
geistig-funktional – alle Handlungen, die ein Mensch setzt, „in einem Werk, das er schafft oder in einem Erlebnis von Kunst, Natur, Schönheit, Wahrheit, wissenschaftlicher Forschung, oder in dem Erlebnis von Güte, in dem Erlebnis eines anderen Menschen, in dessen Einmaligkeit und Einzigartigkeit.“ [Frankl]
Personen mit diesem Verhalten zeigen ‚Interesse an der Welt‘ und eine wertebasierte  Daseins-Haltung. Tendenziell schaffen sie entlang ihrer Werte etwas in die Welt hinein. Oder sie zeigen ‚Initiative für die Welt‘ und eine hoffnungsvolle Lebens-Einstellung. Tendenziell folgen sie der Idee: ‚wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch‘ [Hölderlin], und handeln, indem sie sich Menschen oder Themen annehmen, ohne dass die Wirkung ihres Handelns auf sie selbst gerichtet ist. Zu einer solchen Handlung gehört auch, sich zum Wohl anderer von Menschen [auch geliebten] fernzuhalten, solange die Gefahr besteht, dass ein anderes, [auch gut gemeintes] Handeln zu einem Schaden werden kann. Die Beurteilung eines solchen möglichen Schadens bedarf einer Primärkompetenz, die aktuell einzig denen zugestanden werden muss, die um die Bewertung der Bedingungen am besten wissen. Es gilt daher hier das Primat der medizinischen Wissenschaft.

infiziert
geistig-funktional: Gerade dort, wo ein Mensch sichtlich hilfloses Opfer einer sichtlich hoffnungslosen Situation konfrontiert ist mit einem Schicksal, das er gar nicht ändern kann, dass gerade dort noch immer eine letzte Sinnmöglichkeit besteht und zwar, Zeugnis abzulegen davon, wessen der Mensch und nur er fähig ist, nämlich eine Tragödie in einen Triumph zu verwandeln, oder ein Leiden in eine menschliche Leistung umzukehren. Das heißt, dass eigentlich es keine Lebenssituation gibt, die wirklich bar wäre jedweden Sinns. [Frankl]. Menschen zeigen dies in ihrem Verhalten, indem sie zum Beispiel nicht aufbegehren, sollte eine sonst erwartbare medizinische Leistung nicht erbracht werden können. Indem sie zum Beispiel tapfer erdulden, was zu ändern gerade nicht möglich ist. Psychisch zuweilen kaum erträglich, kann sich geistig in menschlicher Großartigkeit verhalten werden – in einer Weise, wie es Außenstehende nicht für möglich erachten. Und doch: man muss sich von seiner Psyche nicht alles gefallen lassen.

Jetzt ist eine Zeit, in der das Psychische oder das Geistige bei jedem Menschen vollsichtbar werden. Wer kurz innehalten mag, um hineinzufühlen, wie Geistiges sich individuell vollziehen kann, dem können diese Fragen weiterhelfen:

  • Wer will ich als Opa, Oma, Vater, Mutter, Sohn, Tochter … unter den Corona-Bedingungen gewesen sein?
  • Wer will ich als Mitarbeiter*in meines Unternehmens gewesen sein?
  • Worum geht es mir jetzt konkret und unmittelbar?
  • Was täte mir leid, es gerade jetzt nicht getan, gestaltet, entschieden, gesagt zu haben?
  • Welche meiner Handlungen sind unter den aktuellen Bedingungen eher hoffnungs- oder leidvermehrend?
  • Sehe ich die Kraft des Satzes: „Das Leben hat unter allen Umständen Sinn“ ?

„Es gibt keine Lage, die sich nicht veredeln ließe,
entweder durch Leisten oder durch Dulden“
Goethe

Bleiben Sie gesund.
Hier geht’s morgen weiter. Mit Klopapier.

Neues Buch von Ralph Schlieper-Damrich

Gerne möchte ich Ihnen mein soeben erschienenes neues Buch für Logotherapeuten und sinnorientiert arbeitende Coachs vorstellen.
Ich freue mich, wenn es auf interessierte Leserinnen und Leser trifft.

Zum Buch: Jetzt kommen Sie doch einmal auf den Punkt! Hinter diesem Appell steht meist eine bei einer Person erlebte Unklarheit, Langsamkeit, Unschlüssigkeit oder Ineffizienz. Man wünscht sich ein verbindliches und eindeutiges Wort. Was aber, wenn es einem Menschen selbst im inneren Dialog an solch deutlichen Worten fehlt? Und was, wenn dann zudem eine Situation eintritt, die sich durch einen unumkehrbaren, unwiederbringlichen, unersetzlichen Verlust oder eine sich plötzlich auftuende, einmalige Möglichkeit auszeichnet? Eine Situation, die eine klare Stellungnahme erzwingt? Ralph Schlieper-Damrich nennt diese Situationen ‚Tode im Leben‘ und das, was ihnen bestenfalls folgt ‚existenzielle Abschiede‘. Deren Besonderheiten und Hintergründe beleuchtet dieses Buch – psychologisch, auf Basis der Sinntheorie Viktor Frankls existenzphilosophisch und mit zahlreichen Fallvignetten aus der Praxis. Und es lädt ein, sich zum Prozesscharakter in Logotherapie und –coaching eine erweiterte Perspektive zu erarbeiten, denn: Problementstehungsprozess, Coach/Therapeutenauswahlprozess, Coaching/Therapieprozess, Veränderungsprozess, Lösungsprozess, wohin man auch schaut, der Prozess dominiert – nicht der Punkt. Aus gutem Grund rückt er daher in diesem Buch in den Vordergrund. Denn es geht um die Todespunkte im Leben. Besondere Punkte, die zu besonderen Abschieden führen, besondere Stellungnahmen erfordern und besondere Gefühle auslösen. Punkte, die den Klienten dazu aufrufen, sofort verantwortungsvoll und wertebasiert zu handeln. Das Buch bietet Geschichten über diese Punkte und über existenzielle Abschiede. Und es sensibilisiert für die Besonderheit existenzieller Gefühle. Es integriert eine kleine ‚Philosophie des Punktes‘, es regt zu einer Neubetrachtung der von Viktor Frankl so genannten Einstellungswerte und zu seinen Thesen zur Person an – und es versucht den Beweis anzutreten, dass jeder Mensch an ‚Leben nach Tod‘ glaubt.

Zur Person: Ralph Schlieper-Damrich zählt zu den erfahrensten Krisencoachs und Logotherapeuten im deutschsprachigen Raum. Seine Berater- und Therapeutentätigkeit umfasst bislang mehrere Hundert von ihm begleiteter akuter Krisen- und existenzieller Lebenssituationen. Er ist Autor zahlreicher Buch- und Online-Publikationen in den Themen Krise, Krisenprävention und Sinn. Als Pionier in der Transformation der Logotherapie Viktor Frankls ins Coaching positioniert er sich deutlich jenseits des aktuellen Coachingmainstreams. Zu seinen Kunden zählen große und mittelständische Industrieunternehmen, Banken und Versicherungen, Organisationen aus dem Dienstleistungs- und IT-Sektor, politiknahe Institutionen und zahllose Einzelpersonen. Ralph Schlieper-Damrich studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, gefolgt von dreizehn Jahren in leitenden Funktionen im Personal-, Qualifizierungs- und Kulturmanagement von Konzernen und internationalen Bildungsinstitutionen. Er promovierte in Philosophie zum Kontext ‚logos und crisis – sinnorientierte Krisenberatung nach Viktor Frankl‘ und verfügt durch seine Vollausbildung in der originären Logotherapie mit anschließend langer klinischer Hospitation über die Erlaubnis zur Leitung einer psychotherapeutischen Praxis. Dr. Ralph Schlieper-Damrich lebt und arbeitet mit seiner Frau in Augsburg.

Die Internet-Seite zum Buch lautet: https://buecher.perspektivenwechsel.de/