Corona-Blog: Perspektivenwechsel bei Grappa und Käse

Anfang Oktober 2020, seit vier Wochen liegt der Replikationsfaktor des Virus kontinuierlich bei 0,3. Alles, wo sich Menschen in großen Gruppen tummeln würden, ist noch betroffen, alles andere läuft seinen Gang. In Fliegern, Bussen und Bahnen gibt’s mittlerweile eine Maskenpflicht und auf der Straße haben die Leute ein Distanzgefühl entwickelt, das sich weniger in schreckhaftem Zurseitespringen äußert als in einer Art Abstandhalten auf der Autobahn. Ausnahmen wie dort gibts auch auf dem Gehweg, aber im Großen und Ganzen funktionierts.

Ich habe Geburtstag. Ich sitze in Südtirol bei Peter. In der Grappastube. Heute sehen wir uns erstmals wieder nach Corona, und klar: Es werden Fragen gestellt, wie hast Du es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und das ganze wird dann vielleicht so zehnmal wiederholt, weil immer wieder Bekannte dazu kommen, die uns auch erzählen und fragen: wie habt Ihr es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und dann wird erzählt und gefeiert und nach vorne geschaut.

Das Leben kommt von vorn. Wie es immer schon war. Diejenigen Menschen, die einem früher schon auf die Nerven gingen, werden nicht dadurch anders, nur weil sie vergleichbare Bedingungen zu gestalten hatten wie man selbst. Und die, mit denen man früher gut auskam, werden nicht dadurch noch besser, nur weil man jetzt zusammensteht und einander berichtet, wie es vor einem halben Jahr zuging. Oktober 2020 wird für die allermeisten nicht ein besserer Oktober sein als er ohne Corona gewesen wäre. Anders werden dies nur die Menschen sehen, die in persönlicher Gefahr standen oder die einen Menschen in ihrem Umfeld verloren haben. Oder, die nun Anlauf nehmen, um die Probleme ihrer -temporären- Arbeitslosigkeit zu überwinden [die Massensorge, die sich im Frühjahr entwickelte und das Angstbarometer von der Flüchtlingsthematik hin zur Lage der wirtschaftlichen Entwicklung verschob, hat sich bereits zu weiten Teilen verflüchtigt – die Wachstumsmaschinerie ist bereits angesprungen und eingedenk enormer Investitionsprogramme der Staaten werden die Auftragsbücher epochal proppenvoll werden. Trump steht vor der Wiederwahl, Merkel an sich auch].

Menschen, die zurecht in Trauer sind, werden anders auf die Monate zurückschauen. So wie es auch diejenigen taten, die seinerzeit den Tsunami miterleben mussten oder das Oder-Hochwasser oder oder oder. Vielleicht werden viele ein Stück mehr Selbst-Bewusstheit haben, weil in den letzten Wochen die Zeit blieb zu reflektieren, mit Verwirklichung welcher Werte man persönlich die ungewöhnliche Zeit überwunden hat. Worum es einem ging als man im Home-Office saß und versuchte, weiterhin seinen Job zu erledigen. Oder worum es einem ging, als die quengelnden Kinder beruhigt werden mussten, weil die Sonne so schön schien und sie zum Spielen hinaus wollten, aber nicht durften. Worum es einem ging, wenn man der alten Mutter Briefe schrieb und sie eben nicht im Pflegeheim besuchte, weil dies untersagt war. Beim nächsten Schluck des wirklich guten Weins bei Peter denke ich mir aber, dass auch diesmal die Chance zur Klärung der eigenen Werte und das Hineinfühlen in das Zusammenspiel von Werte, Einstellungen, Verhalten und Handlungen von vielen Menschen verpasst wurde. Jetzt, im Oktober ist Corona integriert als weitere Lebenserfahrung [nicht als Werteerfahrung], einige Menschen werden wohl etwas mehr individuelle Krisenprävention betrieben haben, die allermeisten sind zum Alltagstrott zurückgekehrt und werden sich dann zu Silvester mit den Worte zuprosten: ‚Was war das bloß für ein Jahr!?‘

Ich sitze da beim Wein, jetzt auch mit feinem Käse vom Almbauern, und denke mir: Eigentlich schade. Die, die vor Corona den Mist ihrer Hunde nicht wegräumten, haben es durch Corona auch nicht gelernt. Die, die im Stadion Menschen verunglimpften, werden es auch nicht gelernt haben. Die, die es doch eigentlich begriffen haben sollten, dass sie mit ihren Verschwörungstheorien nicht weiterreichten als bis zu denjenigen, die auch ohne sie bislang nicht von Zwölf bis Mittag dachten, erfinden sich dennoch jeden Tag eine neue Mär. Ein ’neuer‘ Mensch ist nicht entstanden, die prophezeite ’neue Normalität‘ ist ausgeblieben. Verzicht wurde geübt und ist bis jetzt auch noch aktuell – schließlich fallen gerade jetzt Anfang Oktober keine sturzbesoffenen Personen über Oktoberfest-Bierbänke; leider gibts aber auch kein feines Theresienplatz-Hendl. Na und? Eine Tragödie?

Aber vielleicht hat als ’neue Normalität‘ ja die Digitalkompetenz zugenommen? Schließlich haben viele Menschen sich nun wochenlang mit langsamen Leitungen gequält und ihren Kolleginnen und Kollegen über die Laptop-Kamera gezeigt, mit welchen Kuscheltieren sie so wohnen. Daran kann man sich gewöhnen. Deshalb wollen sicher viele lieber öfter zu Hause hocken und ihre Arbeitsleistung einbringen, oder? Peter, der nun neben mir sitzt und ein kleines Oktoberfest-Bier trinkt [frisch aus dem Fass!] meint, dass es Homeoffice-Anhänger doch schon lange gibt und die die Form der Arbeit auch ohne Corona gewollt hätten, ihre Chefs nur zu geizig waren, die Hardware und die Sicherheitssoftware zu kaufen. Das mag wohl stimmen, wie könnte man wohl sonst die enormen Verkaufszahlen interpretieren, nachdem die Bundesregierung den Kauf von entsprechender Software finanziell unterstützt hat? Wie auch immer, auch an diese ’neue Normalität‘ glaube ich nicht. Der Mensch ist ein Resonanzwesen und eine PC-Maus gibt einem eher wenig davon her – da brauchts dann doch echte Gesichter, in Echtzeit. Überhaupt: Das Virus hat die Strommasten nicht wachsen lassen, also haben wir weiterhin ein Energieproblem. Und ein Digitalisierungsproblem – wo doch sogar die Kanzlerin im virtuellen Dunkel saß und bei einer Videokonferenz fragen musste: Ist Söder noch da? Und ein Flüchtlingsproblem. Und ein Europroblem. Und ein Deutsche-Sprache-Problem, auch bei den Deutschen. Und das Nur-unzureichend-konzentriert-Lesenkönnen-Problem ist auch nicht weniger geworden. Alles beim Alten also, Anfang Oktober. Dafür kommt bald die Winterzeit und die Uhr wird zurückgestellt, so viel ist sicher. Und meine Wünsche sind auch noch dieselben, die ich schon vor einem halben Jahr hatte. Der Wunsch nach einer Weltfriedenskonferenz, der das Langweiligste der Welt endlich beendet: den Krieg als Ausdrucksmittel, den Krieg als unkreatives Machtmittel von Mächtigen. Und eine Weltabfallkonferenz, bei der beschlossen wird, alle Abfallberge, Müllhalden, wilde Entsorgungsdeponien und den sonstigen Dreck dieser Welt per App aufzuzeigen und es endlich zu schaffen, diese ganzen Furchtbarkeiten mit Ingenieurstechnik vernünftig zu beseitigen. Und eine Weltkulturkonferenz, bei der beschlossen wird, nicht nur über das Erbe von Kulturerrungenschaften zu befinden, sondern auch darüber, was nicht mehr zur Kultur der Menschheit gehören sollte. Ich hätte da ein paar Ideen, merke aber schon bei den Gedanken daran, dass sie auszusprechen an dieser Stelle vielleicht nicht so opportun wäre [zum Beispiel die Abschaffung der Gender-Sternchen, das Verbot des Verzehrs von Fledermäusen oder des Tragens gelb getönter Sonnenbrillen] – Grappa-Peter werde ich die anderen aber alle erzählen, sicher hat er dazu noch seine Ergänzungen.

Als ehemaliger Manager in der Pharmaindustrie freue ich mich Anfang Oktober 2020 darüber, dass das Virus sein Antidot gefunden hat. In ein paar Monaten wird Deutschland durchgeimpft werden können. Das Virus wird sich einreihen in die vielen anderen Virenwesen, denen sich der Mensch schon hat annehmen müssen. In den Griff bekommen durch Forschung und Wissenschaft, nicht mit Handauflegen, Grenzsperrungen oder – Entschuldigung – Gebeten. Überhaupt hat die Wissenschaft an Bedeutung gewonnen und ebenso die Wissenschaft von der Wissenschaft. Denn manches tut sich an den Universitäten – man hat gelernt, dass die Vielzahl der unterschiedlichen Virologen- Expertenmeinungen nicht unbedingt gut ist, vor laufender Kamera zur Schau gestellt zu werden. Das machen die Wirtschaftsweisen besser – die denken und formulieren dann aus einem Guss ihr durchaus manchmal auch diversifiziertes Statement. So etwas kommt nun im Oktober mit auf die Wunschliste, denn das nächste Virus kommt bestimmt. Warum sehen wir eigentlich nicht im Fernsehen moderne Wissenschaftssendungen, in denen die deutsche Exzellenz dem Volk zu jeweils einem brisanten Zukunftsthema die verschiedenen Forschungsperspektiven aufzeigt, nicht im 45 Minuten Gehetze, sondern dreistündig, mit einem Informationsziel und ansprechenden und verständlichen Grafiken?

Peter bringt noch ein Gläschen. Touristen kommen, zumeist deutsche. Sie schauen so aus wie immer, ihre allzu oft zu kurzen Hosen sind zum Schreien. Wie sehr wünsche ich mir die Wiederauferstehung von Karl Lagerfeld herbei, aber Ostern war ja schon. Ja, und die Corona-Cartoons sind nun auch Geschichte. Das Bilder der Katze mit dem Maul- und Nasenschutz war schon lustig, aber jetzt ist das ebenso gestrig wie die im Frühling immer wieder kolportierten romantischen Vorstellungen einer Solidaritätsgemeinschaft unter uns Menschen. Die gab es vor Corona ja auch schon und  schlummerte vor sich hin, bis der Anlass kam, sie zu zeigen. Im Frühling also die Nachbarschaftshilfe, ähnlich engagiert wie 2015 bei der Unterstützung der Kriegsflüchtlinge. Aber nun dauerhaft mehr Solidarität, liebevolles Umsorgen oder Menschenfreundlichkeit? Nein, ich sehe das nicht. Die Leistungsgesellschaft wird nicht von einer Solidaritätsgesellschaft abgelöst. Dazu fehlt es an Rahmenbedingungen, die zwar diskutiert werden, es bei diesen Diskussionen aber mehr den Anschein hat, als würde damit ein Kampf gegen die Leistungsgesellschaft gefochten. So wird im Beispiel des bedingungslosen Grundeinkommens als einer Art monatlichem Helikoptergeld aus meiner Sicht der Gedankenfehler gemacht, dass kein Mensch in Bedingungslosigkeit lebt und leben will. Viktor Frankl hat dies so zum Ausdruck gebracht: Jeder Mensch hat Bedingungen. Und jeder Mensch ist frei und verantwortlich, sich diesen Bedingungen zu stellen. Wenn ein Mensch also zum Beispiel Bedingungen nicht erfüllen kann, die an einen Bereich seiner Lebensführung gestellt werden, dann ist die Lösung nicht die Erschaffung einer Bedingungslosigkeit, sondern das Ermöglichen von Räumen für Probehandlungen. Für den Eintritt in solche Räume für Probehandlungen ist der Mensch frei und verantwortlich – Betonung auf ‚und‘. Das Virus hat solche Räume eröffnet. Viele Menschen haben sich neu entdeckt und ‚freie Handlungs-Kapazitäten‘ gefunden, die sie auch weiterhin nutzen können. Ein Teil dieser Kapazitäten zeigen sich in dem, was wir mit einem Begriff wie Solidarität in Verbindung bringen können, andere finden wir im Kontext von Bildung, Kunst, Forschung, Journalismus und anderen. Jetzt, im Oktober, zeigen diese erweiterten Kapazitäten bereits Wirkung. Auf dem Weg zum Grappa-Peter bin ich am Studio einer Violinistin vorbeigekommen, die zweimal die Woche mit einem Jugendpsychotherapeuten gemeinsam Stimmungstrainings für 12- bis 16jährige anbietet. Hier wird an den Themen Kooperation und Zukunftswünsche musikalisch und verhaltenstherapeutisch gearbeitet. Ein Beispiel, von vielen weiteren werden wir hören.

Ja, das Wachstum hat einen Dämpfer bekommen, aber die einstigen Zerstörungsrezessionspropheten erkennen zunehmend, dass Ökonomie heute resilienter ist als vor zehn Jahren. Und diese Resilienz wird Folgen haben. Am Fuße meines Weinglases sehe ich eine Wirtschaft, die noch globaler werden wird, aber mit mehr Lieferantenstandbeinen und einer etwas anderen Lagerhaltung. Irgendwie ist es ja auch schöner, im eigenen Weinkeller eine Flasche bei spontanem Bedarf zu finden als erst dann, wenn der Besuch vor der Tür steht, eine Buddel über amazon bestellen zu müssen.

Peter bringt mir noch einen Grappa. ‚Geht aufs Haus‘, meint er. Das gab es früher auch schon, nicht nur bei Peter. Die Geste zeigt mir aber an, dass gute Beziehungen zu pflegen weiterhin ein Hauptmotiv von Menschen ist. Nun mehr denn je, denn Quarantäne & Co. dienten der Verwirklichung des Oberwertes Gesundheit. Jetzt, im Oktober, ist die Lage im Griff. Jetzt geht es um den Wert Präsenz. Wie bei einem Kind, das vor kurzem noch einen gebrochenen Arm hatte und sich schonen musste, dessen Gips aber nun entfernt und die Muskulatur wieder hergestellt ist. Nun rufen es seine Freunde zum Mitspielen auf – und das Kind will. Auch, wenn es immer wieder noch zwickt. Manche Kinder übertreiben, und brechen sich wieder irgendetwas. Andere passen auf oder setzen sich zum Ausruhen immer wieder mal auf die Ersatzbank. Und jedes Kind lernt die Reaktionen der anderen kennen, so wird das Spiel komplexer. Durch Präsenz. Einfach nur rumsitzen und nichts tun – für die allermeisten ist das nicht vorstellbar. Die Präsenz-Maschine ist deshalb wieder hochgefahren, schließlich will man zeigen, dass man da ist und die eigenen Kompetenzen und bisherigen Wirkungskreise nicht wegquarantänisiert wurden.

Der Wein schmeckt, der Grappa auch. Die Geschäfte sind alle geöffnet, die Tüten der Touristen gefüllt. Die Leistungsgesellschaft hat uns wieder und alle wissen, wenn es nötig ist, dann zeigt sich auch die Solidaritätsgesellschaft. Bei letzten Schluck frage ich mich, wie es beide Ausrichtungen lernen könnten, gemeinsam den Weg zu ebnen für eine weltoffene, europäische Universalitätsgesellschaft, in der spontane, sozialökonomische, situative Kooperation auf intelligentere Weise möglich wird als bislang. Dass es ein kleines Virus schafft, dass innerhalb kürzester Zeit Grenzen wieder hochgezogen werden, nationalistisch kruder Menschenhass geschürt wird oder wir wartend zu Hause hocken, bis Politiker meinen, dass es nun Zeit sein könnte, etwas zu ‚lockern‘, ist doch absurd. Ob es wohl einmal eine einzige App geben wird, über die sich nicht nur alle Europäer überregional bis lokal über die Zustände von Luft und Wasser, bis hin Stadtverschmutzung, UV- oder eben auch Viruslast informieren können, sondern auch durch eine künstliche Intelligenz Anregungen erhalten, freiwillig ihren Anteil zur Verbesserung von Belastungsparametern zu leisten. All diese Informationen sind an sich verfügbar, aber ineffizient organisiert und für den Einzelnen viel zu mühevoll zu recherchieren. Und wieder könnte die europäische Exzellenz zusammenkommen und die Daten bündeln, die für Otto-Normalverbraucher relevant und gestaltbar sind.

Am Ende des Tages zählt nur die Handlung, wusste schon Viktor Frankl. Corona hat gelehrt, dass das jedem möglich ist. Am Ende des Tages zu Hause geblieben zu sein, hat gezählt [und dass das Interesse an Fake-News sprunghaft abgenommen hat, ist ein schöner Nebeneffekt. Wenngleich: Sich vorzustellen, dass der Wuschelkopf von Boris Johnson das Virus in UK erst zu rechter Verbreitung geführt hat, entbehrt nicht eines gewissen Amusements]. Wenn individuelles Handeln zum Wohl der europäischen Gesundheit künftig initiiert werden würde durch eine pfeilschnelle, wissenschaftlich validierte App-Information, wäre wohl ein wichtiger Meilenstein für eine universale Bürgerinitiative gelegt. Und in Europa würde man zunehmend verschont von Politikern, die ihre fachlichen Inkompetenzen zu übertünchen versuchen mit schnellen nationalistisch-rassistischen Zuschreibungen. Peter meint das auch, wir sind schließlich in Italien.