Archiv für den Monat: April 2020

Corona-Blog: Stresskommunikation [Rebell]

Ja, einer fehlt noch. Der Rebell. Belastungssituationen und Krisen verleiht er so etwas wie eine Theaterspiel-Atmosphäre. Mit Grandezza, Dramatik oder einem enormen rhetorischen Aufwand formt dieser Verhaltensakrobat die aktuellen Gegebenheiten nach außen mit einer  gewissen spielerisch-trotzigen Leichtig­keit. Gewähren ihm vertraute Personen keinen Beifall für seine ‚Bemühungen‘, das Ernste nicht zu ernst zu nehmen, sondern sprechen ihn vielmehr auf ein höheres Maß an Eigenverant­wortlichkeit an, versteht er sich darauf, die Schuld für die eingetretene Situation bei anderen zu suchen und zu finden. In der jetzigen Situation kann man sich Personen vorstellen, die zum Beispiel ein kleines, florierendes Geschäft führten, aus ihren Erlösen – obwohl möglich gewesen – nichts in die Rücklagen steckten. Nun mit der Lage konfrontiert, können sie nicht verstehen, dass ihnen andere Menschen ihren Mangel an Prävention ‚vorwerfen‘. 

Eine reflexive sachliche Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen wird von Rebellen gerne ‚zurückgestellt‘ – zu wuchtig wäre wohl der Schmerz. Lieber greift der Problemluftikus zu Ablenkungen aller Art, bis seine Ausblendungs­methoden nicht mehr greifen und er ,bei aller Freundschaft‘ aufgefordert wird, endlich Position zu beziehen und einen Beitrag zur konstruktiven Veränderung der Situation zu leisten.

In der Begleitung eines ,Rebellen‘ gilt es, seine Reali­tätsresistenz, Naivität und Trotzigkeit durch eine ermutigende, ernstnehmende Unterstützung mit bildhafter Gesprächsführung zu steuern, ohne ihn für seine Haltung zu belächeln oder seine Ergebnisverant­wortung in Frage zu stellen. Denn: Günstig ist seine grundsätzliche Haltung ,unter den Menschen gibt es viel mehr Kopien als Originale‘. Sie bewahrt ihn davor, fremdbestimmenden ‚Einflüsterungen‘ von Dritten zu folgen und erhält ihm seine Wahrnehmungsvielfalt und Handlungsflexibilität für wichtige Entscheidungen.

Kommunikationsstil: REBELL
Kommunikationsbedürfnis:
Freiheitsgrade und Vernetzung
Psychisches Bedürfnis:
Will Kontakt und Spaß
Verhalten unter Alltagsstress:
Reagiert mit großer Anstrengung auf Anforderungen, bemüht  sich aber vergeblich, diese in ihrer Tragweite zu erfassen
Verhalten unter Dauerstress: Sucht die Schuld bei anderen, klagt und jammert
Lebensthema:
Eigenverantwortung
Authentisches Gefühl wäre:
Aufrichtiges Bedauern
Scheingefühl [die ‚Masche‘]: Äußert 
Rache und Trotz

Morgen dazu eine kleine Episode aus einer Familientherapie mit Einsatz der Prozesskommunikation.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund. 

Gelassenheit

Gerade eben hat uns die Inhaberin eines kleinen Fachgeschäfts unseren ‚Jahres-Osterhasen‘ persönlich vorbeigebracht. Ich finde: In Skulptur gegossene Gelassenheit. Schön, wenn jeder trotz allem ein gutes Stück davon für sich bewahren kann.

Erste Rezension zum neuen Buch: Coaching des Todes

Schlieper-Damrich, Ralph
Coaching des Todes
In existenziellen Abschieden auf den Punkt kommen
Februar 2020

Coaching des Todes – für mich als Leserin eine Reise, bei der ich auf authentische Weise nicht zu einem sofortigen und schnellen Ziel geführt wurde. Vielmehr waren die zu Beginn des Buches versprochenen Sprünge und Seitenstränge spannend und wie das Leben und der Tod nicht immer straight und voraussehbar. Leser und Leserinnen, die sich ein handliches Coachingbuch mit Tipps und Tools zur schnellen Bewältigung von Abschiedssituationen erhoffen, sollten woanders suchen.

Das Thema ist meines Erachtens so essentiell, dass es – auf den Punkt gebracht – möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden müsste. Dass der Autor sich dies von Coachs erhofft, zeigt einerseits den lebenspraktischen Bezug auf, den das Buch dann vermittelt, wenn nach der Vermittlung theoretischen Rüstzeugs zahlreiche Coaching-Praxisfälle die Verständnisbrücken bauen. Bei der wissenschaftlich-theoretischen Auseinandersetzung, die der Autor mit zahlreichen neuen Perspektiven aus der Sinntheorie und Logotherapie Viktor Frankls anbietet, kommt es sicher darauf an, ob der Leser dem zugrundeliegenden Menschenbild folgen kann und er bereit ist, sich der intellektuellen Herausforderung zu stellen. Gerade die Unterscheidung des existentiellen Abschieds von normalen Abschieden und die damit verbundenen existenziellen Gefühle, deren Vorstellung im Buch viel Raum gegeben wird, bedingen ausreichend Ruhe in der Verarbeitung des Textes. Ebenso gilt dies für die Bedeutung der Verwirklichung der von Frankl so genannten Einstellungswerte und der erweiterten Thesen zur Person.

Ich hatte den Eindruck, dass ich für das Verständnis sehr von einer bereits zuvor vollzogenen Annäherung an das Lebenswerk von Viktor Frankl profitiert habe. Wer sich hier noch nicht gut aufgehoben fühlt, dem mag das Buch Wertecoaching des Autors eine hilfreiche Basis sein. Coaching des Todes erweitert den Reflexionsspielraum und das Methodenrepertoire –ein echter Mehrwert! Mehr noch aber macht das Buch Lust auf Leben mit den dazugehörigen Herausforderungen und hält der Angst vor den Toden im Leben etwas entgegen, was jeder besitzt und nicht erfunden werden muss.

Mir persönlich hat das Buch einen Weg eröffnet, Sinn im Tod zu spüren und das ‚Handwerkszeug‘ gleich mitgegeben, diesen eigenverantwortlich zu verwirklichen. Die Erkenntnis, dass Leben nach Tod auf eine solche Weise in meinen Händen liegt, hält der Verdrängung, der Hilflosigkeit, der Trauer und der Angst, ein gutes Stück Zuversicht und Handlung entgegen. Dort, wo vorher Ohnmacht war, sprengt der Sinn die Türe ins ‚Nichts‘ und lässt einen neuen Lebensraum entstehen. Unglaublich. Für mich ist zudem eine neue, erweiterte Realität entstanden, die es mir ermöglicht, über persönliche Werte ‚in Kontakt zu bleiben‘ mit geliebten Menschen, die ich verloren habe. Und das, obwohl der physische Tod eines Menschen gar nicht im Vordergrund des Buches steht.

Nicole Schwarz

Die Webseite zum Buch