Archiv für den Monat: Mai 2020

Substanz oder Relation? In der Logotherapie gibt es den dritten Weg: Substanz und Relation.

Wer sich mit dem Gedankengut Viktor Frankls tiefergehend auseinandersetzt, der stößt irgendwann einmal auf eine besondere Facette seines Menschenbildes. Frankl versteht das Geistige eines Menschen, das geistige Bezogensein auf die Welt, die ihn umgibt, nicht als Prozess des individuellen Verstandes, Intellekts, einer Denkleistung oder der Vernunft [also nicht das ‚Gehirn-Geistige‘]. Das Geistige ist die unbewusste Suche nach den Verwirklichungsmöglichkeiten individueller Werte. Diese Suche ist auf die Welt gerichtet, die jederzeit Sinn-Impulse bereit hält. Impulse, die wir als das ‚Gesollte‘ verstehen können. als das, was – wenn nicht von der einzelnen Person, von wem denn dann – hier und jetzt handelnd in die Welt geschafft werden kann. In jedem Moment, in jeder Situation hält die Welt jedem Menschen ein solches Gesolltes bereit. Sinn ist also per se gegeben. Dass Menschen ihn manchmal nicht finden, hat verschiedene mögliche Gründe – in der KrisenPraxis habe ich dazu bereits geschrieben.

An dieser Stelle möchte ich den Aspekt beleuchten, dass das Geistige sich in Koexistenz mit dem Psychischen und dem Körperlichen des Menschen befindet. Das Geistige können wir also nicht loslösen von Psyche und Körper, aber eben auch nicht mit einem der beiden gleichsetzen. Das Geistige ist die dritte Dimension. Geistige Seiendes ist damit nicht materiell Seiendes. Während materiell Seiendes ‚da‘ ist, ist das Geistige ein Sein jenseits von Zeit und Raum. Ich habe versucht, diesen Gedanken Frankls in meinem Buch ‚Coaching des Todes‚ vertiefend zu beleuchten.

Allemal soll hier mit Frankl festgehalten werden, dass der Mensch eben nicht nur Mensch, sondern immer auch ‚Mensch in Welt‘ ist, es also nicht nur Antworten nach dem ‚Was ist der Mensch‘ gibt, sondern auch nach dem ‚Worum geht es dem Menschen in der Welt‘. Während sich viele Antworten auf die erste Frage naturwissenschaftlich-empirisch beantworten lassen, sehen wir in der Logotherapie mit Beantwortung der zweiten Frage die geistige Person sowohl als eine Substanz, die als unteilbare, in keiner Masse aufgehende und einzigartige Einheit zum Psychophysikum hinzutritt als auch als Relation, die sich stets im Anderssein eines jeden Menschen vom Sein eines anderen darstellt. In der wissenschaftlichen Praxis ist ein derartiges Doppelverständnis eines Begriffes eine Art No-Go. Substanz und Relation. Relation und Substanz. Wieso geht Frankl diesen Weg?

Das relationsontologische Verständnis hat eine lange Tradition. Cicero, Hobbes, Hegel und andere haben Personsein als das Spielen einer Rolle verstanden, die sich durch die Beziehung zu anderen Rollen definiert. Das Wesen des Menschen gibt es nicht unabhängig vom Bezogensein auf etwas im Außen. Personsein wird durch In-Beziehung-stehen. Das Bezogensein wird so zum Anfangspunkt des Werdens der Person. Oder wie Buber es kurz fasste: Am Du erst werden wir zum Ich.

Das substanzontologische Verständnis sieht die Person nun als unabhängig von Relationen und zufällig auftretenden Eigenschaften. Auch diese Perspektive kennt viele Namen, wie beispielsweise Aristoteles oder Descartes. Aus dieser Perspektive wird als Person eine unteilbare, individuelle Substanz einer zu Vernunft und Bewusstsein befähigten Natur angesehen. Mit anderen Worten: Person ist Substanz, die bewirken und denken kann, individuell, unteilbar und primär vor allem Bezogensein.

Substanzontologische Aussagen zur Person stehen neben relationsontologischen – dies zumindest in einem vorurteilsfreien Diskurs. Wer das eine meint dem anderen vorziehen zu können, läuft Gefahr, den Menschen zu reduzieren. Dies entspricht nicht sinntheoretischem Gedankengut. Das wiederum macht die Arbeit entlang Viktor Frankls Menschenbild fordernd und anspruchsvoll.
Dies wiederum sind uns die Menschen im sinnorientierten Coaching und Therapie ‚wert‘.

Sie möchten dazu mehr Futter?

Hier in Kürze ‚das Wesentliche‘ der Logotherapie:
https://www.youtube.com/watch?v=dGsuZm2lano (7 Minuten)

Hier ein Interview mit der bedeutendsten “Schülerin” von Viktor E. Frankl: Elisabeth Lukas: https://www.youtube.com/watch?v=qhdRbnlavtM (37 Minuten

Das Unmögliche ist das Resultat des Versäumten.

Ralph Schlieper-Damrich

 

Neue Rezension zum Buch ‚Coaching des Todes‘

In der Tradition anspruchsvoller Coachingfachbücher, die sich der Transformation der sinnzentrierten Arbeit mit Menschen widmen und mit dem Namen Viktor Frankl unverrückbar verbunden sind, hat der Augsburger Coach, Therapeut und Autor Ralph Schlieper-Damrich erneut ein besonderes Leseformat entwickelt. In meiner Anschauung erstmalig, bietet hier ein Coach sowohl einen biografischen Einblick in aus seinem Empfinden existenzielle Lebenssituationen als auch eine mutige Weiterentwicklung des Frankl‘schen Gedankengebäudes, der sich nachvollziehbar dargestellte Gespräche mit Klienten anschließen. Indem der Autor sein Werk selbst hybrides Ideenbuch nennt, macht er schon zu Beginn deutlich, dass sich der Leser auf Multiperspektivität, die ein oder andere Provokation und Grenzbetrachtung zwischen Psychologie, Philosophie und gesellschaftlichen Entwicklungen einstellen kann. Spannend fand ich die Idee, Begriffe wie Tod, Abschied, Gefühl, Punkt oder auch Verantwortung in einen mir neuen Verstehensraum zu setzen. Als Führungskraft in einem international tätigen Unternehmen habe ich schon oft mit Coachs zu den verschiedensten Anlässen zusammengearbeitet. Mit dem Coachphilosophen Schlieper-Damrich, dessen inhaltsreiche Arbeit ich bereits lange verfolge, bin ich einig, dass Coaching künftig wesentlich stärker aus dem Schatten der Selbstoptimierungsunterstützung, Performanztreiberei und eines Erfüllungsgehilfen sinnentleerter Führungsstrukturen heraustreten muss. Das Buch Coaching des Todes hat mir dabei auf anregende, zuweilen fordernde, aber auch amüsante Weise zu ganz neuen Überlegungen verholfen. Und ganz nebenbei fanden sich gerade jetzt zu Corona-Zeiten ganz hilfreiche Anknüpfungspunkte – vom Autor unbeabsichtigt, aber das macht ein Buch vielleicht ja gerade aus, dass es sich in Situationen anbietet, wenn man gar nicht daran denkt.

Michael Dagenhof

Corona-Blog: Nicht nur für pandemische Sondersituationen ein wichtiges Thema: Patientenverfügung

Die vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) herausgegebene und ständig aktualisierte Broschüre „Patientenverfügung“ informiert über die Möglichkeiten, eine Patientenverfügung zu verfassen und enthält weitere Informationen und Handreichungen für die Erstellung einer individuellen Patientenverfügung.

Ergänzung: Betreuungsverfügung
Broschüre mit Formularen zur Betreuungsverfügung und Vorsorgevollmacht

Corona-Blog: Dank an die Pharmaindustrie

Manchen Menschen ist sie ein Dorn im Auge. Die Pharmaindustrie. Schnell gebrandmarkt als geldgierig, ethisch fragwürdig oder übermächtig. Fehler in Teilen dieser Industrie werden oft pauschalisiert, Tausende von geachteten Wissenschaftlern, Forschern, Managern und Mitarbeitern werden in der Normalbevölkerung angesehen als hemmungslose kapitalistische Ausbeuter. Die Gedanken sind frei, und zuweilen eben auch einfach nur plump. Wie auch immer. Ich habe selbst lange in dieser Industrie gearbeitet, und wenn es sonst gerade niemand tut: Ich danke den Kollegen der Pharmaforschung und -industrie. Ganz allgemein, nicht nur ‚meinem‘ Unternehmen Sanofi.

Unternehmensprojekte für Impfstoffe und Medikamente gegen Covid-19 in
Deutschland, Österreich und der Schweiz. Quelle: https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/coronavirus/standorte-forschung

Was geschieht konkret in Sachen Forschung rund um Covid19? Lesen Sie hier. Und hier.

Corona-Blog: Krisenprävention in eigener Sache

Zum Ende des achten Lebensseptils [Lebensalter 52-58 Jahre] ist es nun für mich selbst auch wieder einmal die Zeit, einen präventiven Blick in die nächste Lebensphase zu werfen. Gründe dafür gibt es genug, schließlich sind viele Veränderungen, auch in Form von Loslösungen, Trennungen und Abschieden, eingetreten – räumlich, zwischenmenschlich, beruflich, familiär.
Zeit für einen verantwortlichen Blick nach vorn ist zudem ausreichend gegeben, und die erforderlichen Tools und Methoden zur Werteanalyse und -entwicklung dafür habe ich selbst entwickelt. Es mangelt also an nichts. Worum soll es also in den nächsten Jahren gehen? Würde ich eine solche Frage Sigmund Freud stellen, so müsste ich mich seiner legendären Antwort rechnen: „Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank“. Freuds Schüler, Viktor Frankl, sah das ganz anders: „Nun, ich persönlich bin nicht der Ansicht, dass es sich da um eine Krankheit handelt, etwa um das Symptom einer Neurose. Vielmehr meine ich, dass der Mensch damit, dass er die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, ja mehr als das, dass er wagt, die Existenz eines solchen Sinnes sogar in Frage zu stellen, – ich meine, dass der Mensch damit nur seine Menschlichkeit manifestiert. Noch nie hat ein Tier danach gefragt, ob das Leben einen Sinn hat. Das tut eben nur der Mensch, und das ist nicht Ausdruck einer seelischen Krankheit, sondern der Ausdruck seiner Mündigkeit würde ich sagen.“

Einen mündigen Blick auf das Leben zu werfen, das auch für mich von vorn kommt und für das ich zu entscheiden habe, worum es mir gehen soll, bedingt einen tieferen Blick. Einen Blick auf die persönlichen Werte, denen ich [erstmals, erneute oder veränderte] Aufmerksamkeit schenken will. Erst, wenn diese Werte geklärt sind, ergeben sich Fragen nach wertebasierten Zielen, wertebasierten Beziehungskonstellationen, wertebasierten Engagements usw. – zuerst das Wertefundament, dann die Überlegungen, wie die Zimmeraufteilung des Wertehauses ausschauen soll.

Mithilfe unserer LebensWerte-Karten, einem schönen und ungestörten Platz an der Sonne und ausreichend Zeit mache ich mich ans Werk. Aus den über 400 Werte-Begriffen wähle ich in aller Ruhe diejenigen, bei denen ich mit Blick auf meine nächste Lebensphase spontan ein positives Gefühl verbinde. Viele Werte, die bislang voller Bedeutung waren, verlieren dabei nicht an Wert, doch werden sie fühlbarer nachrangiger. Sie tauchen in der Auswahl der ’neuen‘ Wertelandschaft nicht mehr auf. Und auch in der Auswahl [siehe Bild] finden sich einige Werte, die in einem bestimmten Kontext auch bislang schon ihren ‚StellenWert‘ in mir hatten, nun aber nach einem ‚frischen Sinn-Wind‘ suchen. Diese Werte sehnen sich nach etwas, die ‚Sehnsuche‘ mit ihrem Wert der ‚Sehnsucht‘ entdecke ich als Mittelpunkt der Wertelandschaft. Als ich die Karte in der Hand halte, überrascht und erstaunt sie mich, und ich fühle: Dieser Wert ist für mich der neue Einstellungswert [mehr zu dieser Wertekategorie finden Sie hier in der KrisenPraxis]. Wohin genau er sich ausrichten wird, ist längst noch nicht entschieden und klar. Aber er ermöglicht eine neue aufmerksame Orientierung. Der Sinn wird sich finden, dessen bin ich mir bewusst. Und so wie im vergangenen Lebensseptil auch, das geprägt war durch den Satz „ich leiste einen Beitrag dafür, dass Menschen sich nicht verfehlen„, wird es für die Zeit vor mir wieder einen Sinnbeitrag geben. So ungewiss es noch ist, welche Worte sich unerwartet einstellen werden, eines ist mir jetzt bereits klar: Der neue Sinn wird nichts, aber auch rein gar nichts mit Corona zu tun haben. Denn ich werde mir weiterhin weder von mir alles gefallen lassen, noch nun von einem Virus.