Das Auge

Zur Erklärung seiner Sinntheorie hat Viktor Frankl immer wieder zu spannenden Metaphern gegriffen. Um die spezifisch nur dem Menschen mögliche Selbsttranszendenz zu erklären, nutzt er mit dem ‚Auge‘ ein sehr deutliches Beispiel für die Weltoffenheit des Menschen. Denn, „die Fähigkeit des Auges, die Welt außerhalb seiner selbst wahrzunehmen, ist in dem Maße gestört, in dem das Auge auch nur im Geringsten sich selbst, beziehungsweise etwas innerhalb seiner selbst, etwa eine Linsentrübung wahrnimmt… unser Sehvermögen ist transzendent“. Es klingt paradox, aber die Fähigkeit des Auges, die Welt wahrnehmen zu können, hängt von seiner Unfähigkeit ab, sich selbst zu sehen. Nur das kranke Auge sieht sich selbst. Wenn ein Mensch zum Beispiel an einem grauen Star leidet, dann nimmt es sein Auge in Form eines grauen Nebels wahr, ist er an einem grünen Star erkrankt, dann sieht er rings um die Lichtquelle einen Hof von Regenbogenfarben. In jedem Fall, wenn das Auge etwas von sich selbst sieht, ist es krank. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschen.

Mit seinem Verweis auf die Weltoffenheit des Menschen beschreibt er dessen Fähigkeit, über sich selbst hinauszuweisen. „Je mehr er sich selbst übersieht, je mehr er sich selbst vergisst, indem er sich hingibt einer Sache oder anderen Menschen, desto mehr ist er selbst Mensch, desto mehr verwirklicht er sich selbst. Erst die Selbstvergessenheit führt zur Sensitivität und erst die Selbsthingabe zur Kreativität“.

Ein Mensch, der sich immer wieder nur mit sich selbst, seiner Selbstoptimierung, seiner Selbstverwirklichung befasst, ist letztlich ein Mensch, der in seinem ‚Willen zum Sinn‘ frustriert ist. Wessen Sinnfindung blockiert ist, der befasst sich mit sich selbst, der versucht, sich selbst Sinn zu machen. Aber: Aufgrund seiner Selbsttranszendenz ist der Mensch eigentlich immer ausgerichtet auf einen Sinn, eine Aufgabe, die ihm sein Leben [und eben nicht er sich selbst] stellt. Auch hier findet Frankl ein gutes Beispiel: Die eigentliche Aufgabe des Bumerangs ist nicht, wie im allgemeinen angenommen wird, zum Jäger zurückzukehren. Er soll vielmehr die Beute treffen und töten. Hat der Bumerang jedoch sein Ziel verfehlt, dann kehrt er zum Jäger zurück. Ähnlich kehrt der selbstbezügliche Mensch immer wieder zu sich selbst zurück, reflektiert so sehr über sich selbst, da er seine eigentliche Erfüllung verfehlt hat. Selbstbezüglichkeit und Weltoffenheit stehen sich damit diametral gegenüber.

Was ermöglicht es dem Menschen, seine per se gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz zu nutzen? Diese Frage beantwortet Frankl mit seinem Verweis auf das ‚geistig Unbewusste‘. Während Siegmund Freud noch im Unbewussten lediglich ein Reservoir verdrängter Triebhaftigkeit sah und einen Mensch als ‚krank‘ diagnostizierte, der die Frage nach dem Sinn im Leben stellte, entfernt sich Frankl von der Vorstellung, der Mensch sei ein einzig von seinen Trieben beherrschtes Wesen. Im Gegenteil: Der Mensch ist das Wesen, das von seinem unbewusst Geistigen getragen wird. So wie beim Auge, das dort, wo der Sehnerv in die Netzhaut eintritt einen ‚blinden Fleck‘ hat, so ist das Geistige dort zu finden, wo der Mensch sich trotz aller Selbstbeobachtung und Selbstreflexion gegenüber blind ist. Dort, wo er „ganz ursprünglich, ganz er selbst ist, ist er sich selbst unbewusst“ [Frankl]. Dieses ‚Geistig-Sein‘ zu entdecken und seine Möglichkeiten zur Lebensgestaltung offenzulegen, ist eine der Aufgaben eines Logotherapeuten oder eines sinnzentriert arbeitenden Coachs. Er hilft dem Menschen dabei, sich seine ihm unbewusste Geistigkeit bewusst zu machen. Sie möchten hierzu Beispiele? Gerne, schauen Sie in diesem Buch in die Praxisfälle …