Menschenpflichten in Coronazeiten

Vor knapp 25 Jahren wurde die ‚Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten‚ auf Initiative des InterAction Council im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen veröffentlicht. In 19 Artikeln werden dabei die Pflichten beschrieben, die von allen Menschen gleichermaßen zu erfüllen sind.

Damals und – aktueller denn je – auch heute erscheint es wichtig, auf die Pflichten von Menschen hinzuweisen, um das globale Problem der Corona-Epidemie einerseits durch globale medizinische Lösungen als auch durch individuelle Selbstverpflichtungen in den Griff zu bekommen.

An dieser Stelle soll ein Versuch unternommen werden, eine Auswahl der Artikel auf diesen konkreten Kontext und auf den Mikrokosmos des Einzelnen zu übertragen – als gedankliche Anregung, als Reflexionshilfe aber auch als Beurteilungsmaßstab in Anbetracht des in den Medien immer wieder dargestellten Verhaltens von Minderheiten, die sich mit Begriffen wie ‚Querdenker‘ zu definieren versuchen und auf aggressive, radikale, extremistische oder vernunftentleerte Art und Weise in Erscheinung treten. Dass diese Minderheit dahingehend nicht erreicht werden kann, zur guten Entwicklung der Gemeinschaft einen irgendwie brauchbaren Beitrag zu leisten, ist der Mehrheit in unserem Land zwar – leider – längst klargeworden. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass jeder sich hiervon distanzierender Mensch trotz der Betrachtung solcher Auswüchse von Dummheit, Absurdität oder Selbstüberschätzung das persönliche Spektrum an Grundpflichten nicht aus den Augen verlieren darf.

Artikel 1

Jede Person, gleich welchen Geschlechts, welcher ethnischen Herkunft, welchen sozialen Status, welcher politischer Überzeugung, welcher Sprache, welchen Alters, welcher Nationalität oder Religion, hat die Pflicht, alle Menschen menschlich zu behandeln.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona zu befreien von Debatten darüber, ob bestimmte Personengruppen mehr zum Infektionsgeschehen beitragen als andere. Dazu gehören auch die genannten, zum Beispiel quer-denkenden Minderheiten, in deren Gruppe doch jeder für sich Mensch bleibt, wenngleich sie oder er sich nicht dadurch auszeichnet, die eigenen Affekte angemessen zu regulieren beziehungsweise eigene Ansichten einem kritischen Diskurs zu unterziehen.

Artikel 2

Keine Person soll unmenschliches Verhalten, welcher Art auch immer, unterstützen, vielmehr haben alle Menschen die Pflicht, sich für die Würde und die Selbstachtung aller anderen Menschen einzusetzen.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona zu befreien von Debatten darüber, ob bestimmte Personengruppen ihr direktes oder indirektes Betroffensein vom Infektionsgeschehen durch eigenes [nicht präventives] Verhalten mit zu verantworten haben. Dazu gehört es, sich jeglicher Form von ‚Schadenfreude‘ zu entsagen.

Artikel 3

Keine Person […] steht jenseits von Gut und Böse; sie alle unterstehen moralischen Maßstäben. Jeder Mensch hat die Pflicht, unter allen Umständen Gutes zu fördern und Böses zu meiden.
Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, den Kontext Corona nicht zu seinem Eigennutz zu verwenden [Beispiele: Missbrauch von Coronahilfen, Beschaffungskorruption im Kontext von Masken-Lobbyismus, Hilfestellung für Menschen in durch Corona noch schwierigeren Lebenssituationen…].

Artikel 4

Alle Menschen, begabt mit Vernunft und Gewissen, müssen im Geist der Solidarität Verantwortung übernehmen gegenüber jedem und allen, Familien und Gemeinschaften, Rassen, Nationen und Religionen: Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg‘ auch keinem anderen zu.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, sich im Kontext Corona nicht mit denen zu befassen, in deren Verhalten Gewissen- und Vernunftlosigkeit zum Ausdruck kommt. Er tut dies zum Wohle derer, die die Aufmerksamkeit und Zuwendung in einer Weise bedürfen, weil ihnen durch die Situation Nachteile erwachsen, von denen man selbst nicht wollte, dass sie einem entstehen.

Artikel 9

Alle Menschen, denen die notwendigen Mittel gegeben sind, haben die Pflicht, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um Armut, Unterernährung, Unwissenheit und Ungleichheit zu überwinden. Sie sollen überall auf der Welt eine nachhaltige Entwicklung fördern, um für alle Menschen Würde, Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zu gewährleisten.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist in Anbetracht seiner Mittel, die in der Lage sind, Not zu wenden, verpflichtet, im Kontext Corona Menschen darin zu unterstützen, ihr ggfls. ungesichertes materielles oder soziokulturelles Existenzminimum zu erreichen.

Artikel 10

Alle Menschen haben die Pflicht, ihre Fähigkeiten durch Fleiß und Anstrengung zu entwickeln; sie sollen gleichen Zugang zu Ausbildung und sinnvoller Arbeit haben. Jeder soll den Bedürftigen, Benachteiligten, Behinderten und den Opfern von Diskriminierung Unterstützung zukommen lassen.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, im Kontext Corona diejenigen Menschen, deren Zugang zu Arbeit und Ausbildung versperrt ist, darin zu unterstützen, eine alternative Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer bestehenden oder von ihnen zur Überbrückung der Situation erlernbaren Qualifikationen nutzen zu können.

Artikel 12

Jeder Mensch hat die Pflicht, wahrhaftig zu reden und zu handeln. Niemand, wie hoch oder mächtig auch immer, darf lügen. Das Recht auf Privatsphäre und auf persönliche oder berufliche Vertraulichkeit muss respektiert werden. Niemand ist verpflichtet, die volle Wahrheit jedem zu jeder Zeit zu sagen.

Reflexionsangebot: Jeder Mensch ist verpflichtet, sich im Kontext Corona auf dem aktuellen Stand des wissenschaftlichen Diskurses zu halten und die eigene Meinungsbildung entlang dieses Spektrums an permanentem Wissenszuwachs zu entwickeln. Jeder, begabt mit Vernunft und Gewissen, muss im Geist seiner gesellschaftlichen Verantwortung die Grenzen seines Wissens beachten: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“