Sinn ist objektiv

In der Logotherapie von Viktor Frankl wird der geistigen Dimension des Menschen ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Das besondere Verdienst Frankls besteht darin, der die Geistigkeit des Menschen in den Mittelpunkt stellenden therapeutischen Arbeit ein nicht-reduktionistisches Menschenbild zugrunde zu legen. Frankl betonte stets die Bedeutung, die Transzendenz in die Wesenslehre vom Menschen mit einzuschließen. „In der Analyse menschlicher Existenz kommen wir ohne den Einbezug der Transzendenz nicht aus“, so sein Credo. Ohne Bezug zur Transzendenzfähigkeit des Menschen kann ein wahrer Humanismus nicht gedacht werden – vielmehr wird ein solcher ‚Humanismus‘ zum Nihilismus, zu einem Leben, das für die Sinnimpulse aus der individuellen Welt einer Person unempfänglich ist.

Im Sinne Frankls arbeitende Therapeuten können nicht voraussetzen, dass ihre Patienten die Überzeugung teilen, dass das Leben jedem Menschen zu jeder Zeit einen Sinn bereit hält, auf den er sich transzendieren kann. Gerade in Krisen oder langfristigen Extrembelastungen wie zum Beispiel Corona fehlt es vielen Menschen am Glauben daran, dass es auch in diesen Lebensstationen einen unbedingten Sinn gibt. Zudem ist Gott als eine mögliche Sinninstanz im Erleben vieler abhanden gekommen oder Menschen konnten mit Gott im Kontext einer wissenschaftsorientierten, aufgeklärten Epoche ohnehin wenig anfangen. Den Sinn im Leben mit ‚Gott‘ zusammenzudenken, trifft die Lebenswirklichkeit vieler Menschen daher nicht [mehr]. Als ebenso wenig tragfähig erweist sich heute mehr denn je die Idee des ‚Sinnkonstruktivismus‘. Sich Sinn selbst zu erschaffen – in Form von Zielen, Zwecken oder Absichten – gelingt vielen Menschen nicht, weil sie die aus ihrer Sicht dazu erforderliche Ressource an Freiheitsgraden nicht realisieren können. Betrachtet man dies genauer müsste man zum Schluss kommen, dass Sinnfindung nur im Kontext von Freiheit gedacht werden kann.

Viktor Frankls Sinnlehre setzt hierzu einen völlig anderen Akzent. Für ihn steht der ‚Sinnobjektivismus‘ im Mittelpunkt. Sinn ist per se für jeden Menschen jederzeit gegeben – und mit ihm der objektive Aufforderungscharakter des Lebens. Das Leben, das dem Menschen Fragen stellt, denen der Mensch antworten hat, erfordert von ihm die Ressource ‚Verantwortung‘ – ein Wert, den jeder Mensch jederzeit ‚unbedingt‘ verfügbar hat und ihn verwirklichen kann. Dies eben auch in einer Zeit, die durch Begrenzung von ohnehin immer im Leben ‚bedingten‘ Freiheiten gekennzeichnet ist. Sinnvoll zu leben kann so zum Beispiel auch in der Coronazeit verstanden werden als Auftrag des Lebens zur verantworteten Ausgestaltung der gegebenen Möglichkeiten vor dem Hintergrund der Wirklichkeit. 

Dass sich Menschen unter dem Einfluss ihrer zur Gewohnheit gewordenen Freiheitsgrade andere Möglichkeiten zur Lebensgestaltung erhoffen, ist in Krisenphasen nachvollziehbar und fraglos wünschenswert. Doch stehen gesellschaftspolitisch erworbenen Grundrechten stets auch lebensindividuelle Grundpflichten gegenüber. Pflichten, die keinen metaphysischen Überbau für ihre Beherzigung benötigen, sondern -lediglich- die Fähigkeit, hinzuhören auf die Erfordernisse des Moments. Diese Fähigkeit gilt es zu trainieren. Ein solches Training zu unterlassen, zwingt den Menschen dazu, sich permanent Sinn machen zu müssen. Ein sehr kräftezehrendes Unterfangen wie wir Sinntherapeuten immer wieder feststellen müssen, wenn uns Menschen gegenübersitzen, die uns zu verstehen geben, dass sie sich durch ihre Selbstoptimierungsbemühungen, ihre ambitionierten Lebenszielentwürfe und ihren Dauerstress durch einen selbstauferlegten Aktionsberg zu verfehlen drohen. Ein Verfehlen, das auch schon ohne [Corona]-Krise psychisch stark belastet.