Persönliches zu Disziplin, Dummheit und Perspektiven

Das waren noch Zeiten, als der ‚discipulus‘ [lat. für Schüler, Lehrling] beim Lernen ‚diszipliniert‘ nach einer gewissen Ordnung sein Gehirn anstrengte. Damals üblich, und wer undiszipliniert auftrat, dem war ein Eintrag ins ‚Klassenbuch‘ o.ä. sicher. Gut, die Zeiten wandeln sich. Aber gleich so? Wer heute um Disziplin bittet, wird meist schräg angeschaut, es sei denn, man erwartet als Personal Trainer von seinem Schützling den letzten Willen beim Bodyshaping. Disziplin hat sich verlagert – vom Hirn zum Hintern.

Wer heute im Corona-Kontext die Erwartung äußert, dass die Leute einfach mal zu Hause bleiben, der darf sich eines Shitstorms sicher sein. Disziplin wird zum Kampfbegriff und da jeder Dödel heute trotz gegen Null gehender Primärkompetenz seinen Senf zu Allem hinzufügt, bleibt an sich nur eine Wahl: statt Disziplin dann eben Verbot. Top Down läuft das: Die Kanzlerin wünscht sich föderale Disziplin. Da ihr das Geschenk nicht bereitet wird, kommt – wahrscheinlich – eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes und damit das Verbot für manche Landesfürstenden zu Alleingängen.
Da die sich das nicht gefallen lassen, umgehen sie die Order von oben und spielen ihre Spielchen so, als würde es niemandem auffallen. Kleingeistig statt vorbildhaft.

Das Unschöne dabei ist, dass man dem ganzen Schauspiel in real time folgen kann und mittlerweile insbesondere die jungen Menschen eingedenk ihrer permanenten Onlinezeit und medialen Intelligenz schnell durchschauen, wer da wirklich authentisch handelt und wer da um seine Wirkung so sehr kämpft, dass seine Inszenierung durchsichtig wird. Und was ganz oben so läuft, geht im Tröpfelmodell dann bis in die unteren Gefilde der Gesellschaft weiter. Dem Internet sei Dank, dass jedes inszenierte zum Beispiel querdenkende Geblubber heute so schnell als Mist entlarvt wird, dass man sich kaum Sorgen machen muss, dass dessen Halbwertszeit länger besteht als ein paar Stunden. Dummheit wird also recht schnell entlarvt, und wir können uns sicher sein, dass uns unsere Spitzenleute im Kampf ums Kanzleramt noch so manche Dummheit bescheren werden. Das war früher auch so, nur wurde es nicht al dente und 24/7 präsentiert. Man darf gespannt sein, ob sich gar eine Mischung aus Dummheit und Disziplinlosigkeit zeigt – dann wird es ungemütlich und für den Kandidatenden vielleicht gar zum Ende seiner Karrierewünsche.

Wechseln wir die Szenerie und kommen in die Arbeitswelt. Wer hier um keine Primärkompetenz verfügt, dürfte es in absehbarer Zeit immer schwerer haben, ohne ein bedingungsloses Grundeinkommen über die Runden zu kommen. Da es viele Menschen gibt, die keine besonderen Begabungen haben, aus denen sich ein finanzielles Auskommen ableiten lässt und zudem die Robotik ihren Beitrag leistet, dass nervtötende und-oder körperschädigende Arbeiten zumindest in Wirtschaftsunternehmen technologisch erledigt werden, stellt sich der darauf unvorbereiteten Gesellschaft an mehreren Fronten ein echtes Problem. Was machen wir mit der Talentfreiheit, Mangelintelligenz und Zukunftsnaivität so vieler Bürger [also derer, die nach Außen für das, wofür unser Land steht, ebenso bürgen wie der Rest]?  Aber ist es wirklich so schlimm. Leider wohl ja.

Als es dem Manchester Kapitalismus an den Kragen ging und er nach und nach in die soziale Marktwirtschaft transformiert wurde, lagen 150 Jahre Hölle hinter den Menschen. Lebenserwartung bei knapp über 30, Kinderarbeit, Ausbeutung, Minderlohn – das waren nur die Spitze der ‚Errungenschaften‘ der damaligen Zeit. Der Gesellschaft heute hingegen geht es im Vergleich zu jeglichen Epochen der Vergangenheit besser denn je. Nur, dass wir dafür Relikte aus der Vergangenheit erst noch zu tilgen haben. Der Beginn der Umweltzerstörung liegt gefühlt eine Ewigkeit zurück. Das penetrante Festhalten an einer Form von Bildung, die eine riesige Anzahl von Kindern und Jugendlichen geradewegs in die Zukunftsverblödung führt, hängt offenbar allzu oft mit dem Alter der Lehrkörper zusammen – Corona setzt dieser Situation nur noch ein Sahnehäufchen oben auf. Und der deutlich wahrnehmbare, immer stärker werdende Wegfall an Ästhetik an so vielen Stellen des täglichen Lebens mit der aus ihr resultierenden Verrohrung der Gesellschaft ist nur ein weiterer der Klagepunkte.

Worauf werden wir uns einzustellen haben? Schnelle Lösungen sind mit Demokratie unvereinbar, da sind Diktaturen flotter. Und die einzige Diktatur, die in unserer Gesellschaft derzeit eine Überlebenschance hat, ist die digitale. Angenehmer wird sie dadurch zu gestalten versucht, dass sich Digidiktatur und Ichoptimierung verheiraten. Dass jedem, der den Mund aufmacht, ein seiner individuellen Fasson entsprechendes Digi-Täubchen in den Mund fliegt. Und wer gelernt hat, sein Täubchen vom billigsten Anbieter liefern zu lassen, der leistet seinen persönlichen Beitrag zu Manchester II. Dann rödeln eben die Fahrrad-Arbeiter für diejenigen, die am cleversten ihrem Egoismus frönen. Solidarität und Sorge um Gemeinwohl? Fehlanzeige. Und wie hält man dagegen?

Durch das Training der Wahrnehmung von Pflichten. Wer, wenn nicht ich, ist genau jetzt in der Pflicht, so zu handeln, dass ein gesellschaftlicher – und sei es ein noch so kleiner – Mehrwert entsteht? Zu einer solchen Pflicht kann man politisch jedermann zwingen – wie früher einmal zur Wehrpflicht. Heute versucht man es mit Freiwilligkeit. Das freiwillige soziale Jahr beispielsweise ist ein solcher Versuch. Mit ca. 55.000 Freiwilligen jeweils in den letzten Jahren. Richtig gelesen, nicht 55.000.000 – sondern 55.000, also 0,065% der Gesellschaft. Und das bei einem medizinischen und materiellen Wohlstand, bei Freiheiten und Auswahlmöglichkeiten.

Die Attraktivität der Pflicht ist abhanden gekommen. Wer sich verpflichtet, der verzichtet auch. Das ist der Preis. Und Verzichts-Preise werden immer weniger gerne gezahlt. Insbesondere die, bei denen man nicht weiß, was für einen selbst später einmal herausspringt. Wie gesagt, 0,065% im Freiwilligendienst. Hätten wir nur 5%, das Land sähe anders aus.

Das alles erstaunt, ist doch der Mensch mit Geburt ein Wesen, das nach Sinn strebt. Und Sinnverwirklichung [nicht Selbstverwirklichung] ist ohne vorherlaufende Pflicht zur Sinnfindung nicht zu haben. Man darf gespannt sein, ob das Virus etwas Positives bewirkt, wenn es um das Training der individuellen Wahrnehmung von Sinnmöglichkeiten geht. Selbstbezügliches, egozentrisches Herausposaunen von aus den Fingern gesaugten Blödheiten gehört sicher nicht dazu. Nur gut, dass die meisten Menschen wenigstens darin noch einigermaßen geübt sind, die Spreu vom Weizen zu trennen. Auch das Hoffen auf die Technik, die uns Menschen das Heilsversprechen der Zukunft gibt, führt in die Irre. Die Herren Bezos, Musk oder Branson werden sicher bald ihre All-Phantasien realisieren, und ich wünsche ihnen eine gesunde Rückkehr auf den Boden der Tatsachen. Denn ihr technischer Utopismus trifft zwar sicher den Zeitgeist und als Wegweiser für das Menschenmögliche sind ihre Projekte fraglos auch wichtig. Aber Mond und Mars sind schlicht kein robuster Gesellschaftsentwurf für die Aufgaben im Hier und Jetzt. Im Gegenteil, denkt man an die enormen Ressourcen, die diese Kindheitsträume verschlingen.

Der echte Zukunftsentwurf kann – so sehe ich es – nur von der Generation kommen, die diese Zukunft noch erleben wird und hoffentlich auch will. Daraus leite ich meine eigene Pflicht ab, mit meinen Möglichkeiten einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Jugend diese Zukunft nicht verfehlt.  Jugendliche gehen mit ihren Entwürfen in den gesellschaftlichen Konflikt, das ist wichtig und richtig. Wäre es anders, dann sollten wir uns alle die Kugel geben. Und ich vertraue der Jugend an, dass sie alles dafür tut, damit ihre Zukunft in der Gegenwart nicht untergeht. Das ist manchmal hart, holprig und laut, aber gerechtfertigt. Wo wären wir wohl sonst gelandet, denken wir an die Frauenbewegung, die Antiatomkraftbewegung, die Friedensbewegung, die Regenbogenbewegung usw. Wer heute im Alter noch seinem Pessimismus anhängt, dem ist kaum mehr zu helfen. Wir dürfen, finde ich, froh sein um unsere Jugend. Auch, wenn eine nicht gerade kleine Kohorte dabei ist, dank des Bildungssystems zu verblöden. Und auch dank dessen sich nur 10% der bis 20jährigen an der Gesellschaftsentwicklung, zum Beispiel in der FFF-Bewegung, aktiv beteiligen. Wenn sich dieser Prozentsatz nicht erhöht [denn Themen für die Jugend gibt es zuhauf], dann gute Nacht. Es müssen mehr werden, dann wir brauchen als Gesamtgesellschaft die deutliche Verbesserung der menschlichen Beziehungen untereinander und nicht ’nur‘ die besten neuen technischen Errungenschaften.

Wer ein gelingendes Leben lebt, der lebt gelingende Beziehungen. Wer diese will, kann letzten Ende niemals nur an sich und sein eigenes Wohlergehen denken. Eine solche Perspektive muss weiter reichen, und um so besser, wenn diese Perspektive bei denen nicht Halt macht, die sich für unsere nahe und ihre etwas fernere Zukunft einsetzen: die Jugendlichen. Wer also außer seinem täglichen Genörgel-Palaver partout nichts beitragen will, damit es gesellschaftlich vorangeht, dem sei geraten: Einfach mal die Klappe halten und aus dem Weg gehen.