Krisenzeiten und Krisenräume

Ich wurde 1961 geboren. Als Mitglied der Silver-Generation habe ich jenseits von Kriegen und gesellschaftlichen Herausforderungen wie zum Beispiel RAF, Brokdorf und Oderflut ebenso noch in Erinnerung die 68er-Krise, die Ölkrise, Tschernobyl, das Platzen der Internetblase, diverse firmengemachte Umweltkatastrophen, 9/11, die globale Finanzkrise, Fukushima, die Krisen rund um Wiedervereinigung, Migration, Klima und nun Pandemie. Es wurde also einiges geboten in sechs Lebensjahrzehnten und ganz nebenbei natürlich auch die unmittelbaren Ereignisse rund um Familie, Freundschaft, Beruf und Gesundheit. Und dennoch tue ich mich schwer, die meisten dieser Situationen für mich persönlich als ‚Krisen‘ zu bezeichnen. Warum? Weil bis auf ganz wenige diese Situationen in mir nicht das für eine Krise zentrale Merkmal des ‚Selbstzweifels‘ sorgten. An sich selbst zu zweifeln meint dabei, an der Stabilität der eigenen Werte und Grundüberzeugungen zu zweifeln. Diese zu klären habe ich früh im Leben begonnen. Sie zu justieren, war genussvolle Lebensaufgabe. Sie auf die Möglichkeitsräume der Zukunft auszurichten, ist bis heute immer wieder ein spannendes Thema, dem ich mich immer wieder proaktiv und präventiv annehme. Und dem sich meine Klienten und Patienten in Coaching und Therapie ihre Zeit nehmen.

Wie schon mehrfach in diesem Blog geschrieben, empfinde ich den Begriff Krise heute deutlich infla­tionär benutzt. Häufig als Synonym für ein ‚komplexes Problem‘ gesetzt, steht Krise für etwas, für das ein Mensch einfach keine ‚Lösung‘ findet. Und weil das Leben weitergeht, gesellt sich zur einen ‚Nichtlösung‘ schnell die nächste. Die Probleme schaukeln sich auf, man weiß nicht mehr, wo man anfangen soll und irgendwann scheint der einzige Weg darin zu bestehen aufzugeben, zu erdulden, die Segel zu streichen, zu fliehen. Menschlich, aber nicht wirklich eine gute Idee.

Ursprüng­lich wurde von ‚Krise‘ im grie­chi­sch-antiken Gerichtswesen als κρίσις: Entschei­dung, Urteil gesprochen. Später wurde der Begriff dann in den Kontext Krankheit gerückt, bei dem sich in deren Verlauf entweder eine Ände­rung zum Besseren oder zum Schlech­teren einstellt. Krise als ‚entscheidende Wendung‘ meinte nun entweder Gene­sung oder Sterben. Hippo­krates schrieb dazu auch in seinem Buch Epide­mien‘, dass „die Krisen zum Leben oder zum Tode führen oder entschei­dende Wendungen zum Besseren oder Schlim­meren bringen werden“.

Im 17. Jahrhun­dert wurde dieser ‚Wendungskontext‘ dann auf die Politik übertragen. Poli­ti­sche Krisen endeten so entweder in Frieden oder Krieg. In Reform oder Revolution. In Verständigung oder Dogma. Berlin, Suez, Kuba, Vietnam, Panama oder auch die amerikanische Capitol-Krise aus diesem Jahr, alle zeichneten sich aus durch vorangegangene massive Probleme in der Verfas­sung, der Kultur oder einer gerechten Güterverteilung.

Beim Aufschaukeln der Probleme entsteht nach und nach politisches Fieber – der ein oder andere erkennt und benennt heute die in unserem Land vergleichbaren Phänomene auch im Kontext Corona. Und so fragen sich irgendwie alle Menschen, wie der passende Wadenwickel zur Fiebersenkung wohl ausschauen könnte? Die einen setzen auf Machtworte, andere auf neue Regeln, die nächsten auf die Wissenschaft, andere auf die Gemeinwohlverantwortung, modernere Geister auf ‚kollektives Lernen über bisherige Denkgrenzen‘ hinweg.

Wer welchen Wadenwickel nutzen will, der sagt letztlich etwas über seine ‚Bewusstheit‘ aus, über sein ‚Set‘ an Bewältigungsressourcen, die in Summe dazu beitragen sollen, der Krise Herr zu werden. Im Beispiel Corona erklärt dem Menschen ein Wissenschaftler die Art und Weise, wie das Virus um sein Überleben kämpft [Stichworte: Wirtstier, Mutante …], andere Wissenschaftler zum Beispiel erklären, welchen Einfluss eine Pandemie auf eine Volkswirtschaft hat. Die nächsten erklären, was aus wissenschaftlicher Betrachtung heraus zu tun ist, um Infektionswellen zu brechen. Und natürlich trägt die Wissenschaft auch zur Erforschung und Entwicklung der Impfstoffe und hilfreicher Medikamente bei. Die Corona-Wissenschaft läuft auf Hochtouren. Und es ist gut, dass wir sie haben – ich gestehe, ich bin Wissenschafts-Nerd.

Aber: Was auch immer aber an Wissenschaft zusammengetragen wird, sie wird die Lösung des Pandemie-Problems nicht sein. Denn – so wie es Einstein für jedes Problem beschrieb – es findet sich die Lösung eines Problems nie im Raum seines Entstehens. Was aber ist der Entstehungsraum des Virus? Ich folge hier den Überlegungen im Konzept Spiral Dynamics von Don Beck et.al. und der Auffassung der Leopoldina: „Weltweiter Handel, globale Mobilität oder Umweltschäden begünstigen die Entstehung und Ausbreitung von Infektionskrankheiten“. Der Entstehungsraum kann daher vielleicht recht treffend als ‚Raum der Hyper-Leistungsdynamik‘ beschrieben werden. Ein Raum, in dem wir nun aber auch die Errungenschaften der Biotechnologie und Impfstoffentwicklung wiederfinden. Ergo: Das Virus ist in diesem Raum entstanden und wird auch mit Errungenschaften aus diesem Raum heraus erfolgreich in Schach gehalten werden können. Aber: Die Lösung für das ursächliche Problem wird dies nicht sein. Der Lösungsraum wird ein anderer sein – vielleicht repräsentiert durch ein neues Modell der Menschenpflichten und-oder durch ein neues Modell der Gemeinwohlverantwortung?

Andere, allseits bekannte Räume erweisen sich im Corona-Kontext gerade beobachtbar als nicht als passend für die Gestaltung von Lösungswegen. So zum Beispiel der Raum der Macht oder der Raum der Regeln. Die [Pseudo-]Machtspiele und ihre unterschiedlichen Eskalationen wie wir sie in zum Beispiel in unausgegorenen Experimenten der Wahlkampf spielenden Ministerpräsidenten entdecken können oder in Kohorten-Dummheiten, bei denen querdenkende Gruppierungen die Macht der Straße ausprobieren wollen, sind untauglich, wenn auch medial ausschlachtbar. Aber auch die zum Regelfetisch gewordene politische Bürokratie-Bräsigkeit schafft mehr Hindernisse als irgendwie verträglich wäre. Anders hingegen die sowohl egoistischen und sozialverantwortlichen Regeln, die sich die Menschen in Deutschland weithin selbst verordneten als sie bereits vor dem ersten Lockdown damit begannen, ihren Aufenthalt außerhalb der Wohnung, ihre Reisen und Kontakte ’selbstvernünftig‘ herunterzuregulieren. Immerhin, diese Regeln in Form von Selbstverpflichtungen haben gut gewirkt, die Menschen haben das an sich Unentscheidbare entschieden, sie hatten keine Wahl.

Solange keine Wahl, bis die föderalen politischen Machtinstanzen suggerierten, sie könnten unter Unsicherheit bessere Entscheidungen treffen als das Volk. Wir durften alle lernen: Das ist nicht so. Individuelle Menschenverstands-Vernunft ohne Machteinsatz ist offenkundig besser als der Einsatz von Macht, mit der Unentscheidbares entschieden werden soll. Ein Virus ließ und lässt keine Wahl. Gewinnt es das Spiel, dann sind wir wieder ohne Wahl, denn dann müssen wir ein Leben führen mit Virus. Und dann braucht es wieder individuelle Menschenverstands-Vernunft. Machteinsatz ist auch hier überflüssig, generell wie föderal.

Aber ich will nicht rigide kritisieren, denn föderale Strukturen haben auch viel Gutes, vor allem die Möglichkeit, voneinander zu lernen und dadurch immer besser zu werden. Wenn das, was da zu lernen ist, eben für alle nicht gleichermaßen Neuland ist. So wie der Umgang mit einer Pandemie, für die man sich in den Jahren zuvor außerstande sah, Deutschland in einen angemessenen Präventionsstatus zu bringen [da von wissenschaftlicher Seite her lange klar war, dass so etwas wie Corona zeitnah auf uns zukommen würde – so klar, wie seit langem das mangelhafte allgemeine Bildungsniveau, die mangelhafte Altenpflege, die mangelhafte Digitalisierung, die mangelhafte Agrarentwicklung auf uns zukamen und weiter zukommen].

Unsere virale ‚Krisen‘-Zeit dauert nun über ein Jahr. Die Wadenwickel wurden vielfach in kaltes Wasser gelegt, um das Fieber zu senken und trotzdem hat es viele Menschen und – meist – kleine Unternehmen heftig erwischt. Es steht zu befürchten, dass es ohnehin zur echten Krise erst noch kommen wird. Dann, wenn sich allen zeigt, dass aus der kollektiven Sondersituation eine Vielzahl individueller Ereignisse [Pandemie-Burn-Out, Pandemie-Pleite, Pandemie-Entfremdung …] geworden sind. Wenn man staunend und bewusst wahrnimmt, wer und was alles diese Zeit nicht ‚überlebt‘ hat.

Ein Blick in die Zukunft: Viele Sonderereignisse, die Menschen in ihrem Leben erleben, finden ihren Weg nicht ins kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Ich schätze, dass dies Corona ebenso ergehen wird wie die letzte Flüchtlingsdynamik oder die letzte Finanzkrise. 9/11 oder auch lange sichtbare Naturkatastrophen wie die Oderflut haben eben aufgrund ihrer dauerhaften Wahrnehmungskraft die Möglichkeit, sich tiefer einzubrennen. Aber auch diese Erinnerungen werden irgendwann entlernt sein, dann stehen sie in den Geschichtsbüchern und nur diejenigen werden sie wieder thematisieren, deren Leben seinerseits unmittelbar betroffen war. Das aber ist bei Corona nicht zu erwarten, außer eben bei denen, die in den kommenden Jahrzehnten ihrer Toten erinnern werden, die das Virus hinterlassen haben wird. Eine solch tiefe private Tragödie bleibt den allermeisten Menschen unter Corona jedoch wirklich erspart, eben auch, weil der Raum der Leistungsdynamik es ermöglichte, dass ein paar Wochen nach dem ersten Auftreten des Virus in Europa dessen Genom entschlüsselt war, wenige Monate später die Studien für Impfstoffe weit vorangeschritten waren und nun nach einem Jahr die Impfung möglich ist. Für viele zwar, die nicht anders können als sich mit ihren Gedanken selbst in die Quere zu kommen, entweder zu spät oder als Teufelszeug interpretiert, für die Mehrheit der Gesellschaft aber ein wahrer Sieg der wissenschaftlichen Entwicklung und Vernunft – wenn auch dieser Raum nicht die Lösung der Ursache birgt.

Ich bin 1961 geboren. Am 13. August 1961 wurde Deutschland geteilt, am 27. Oktober 1961 standen sich sowjetische und amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie gegenüber, bereit zum Gefecht. Kinder wurden und werden 2020 und 2021 geboren. In ein paar Jahren werden sie Bilder sehen von Städten, abends weitgehend menschenleer – gut, dass es nur ein Virus war.