Archiv für den Monat: Mai 2021

Wo alle Worte zu wenig wären,
dort ist jedes Wort zu viel.

Viktor Frankl

Krisenforscher in Deutschland

FRANK BÖSCH ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) und Professor für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam. Er ist Mit- Herausgeber des Handbuchs Krisenforschung, 2020, das aus verschiedenen konzeptionellen und methodischen Perspektiven auf ‚Krise‘ schaut und plädiert dabei für einen reflexiven Ansatz, der den Begriff der ‚Krise‘ selbst als zu beobachtenden Begriff versteht.

FRANK ROSELIEB ist geschäftsführender Direktor und Sprecher des Kieler Instituts für Krisenforschung (‚Krisennavigator‘), ein Spin-Off der Universität Kiel. In mehr als 500 Vorträgen, Veröffentlichungen, Forschungs- und Beratungsprojekten hat sich der Wirtschaftswissenschaftler seit 1998 u.a. mit Krisenkommunikation im Internet, Krisenmanagement bei Lebensmittelskandalen, Katastrophenmanagement bei Terroranschlägen, Business Continuity Management in Banken, Risikokommunikation bei Hochwasserereignissen und Pandemien, Themenmanagement in öffentlichen Einrichtungen und Restrukturierungsmanagement im Mittelstand beschäftigt.

RALPH SCHLIEPER-DAMRICH ist Gründer des Augsburger Instituts für Individuelle Krisenprävention. Das Institut hat die zentrale Aufgabe, einen Beitrag dafür zu leisten, dass Menschen sich und ihr Recht auf ein gelingendes Leben nicht verfehlen. Dabei schlägt es eine Brücke zwischen den Kontexten Sinntheorie von Viktor Frankl und Krisenprävention durch Werteklärung und Krisenpsychotherapie.

ERIKA SCHUCHARDT ist Professorin emer. für Erziehungswissenschaft an der Universität Hannover. 1994 bis 2002 war sie Mitglied des Bundestags, ab 1972 gewählte Synodale der Evangelischen Kirche in Deutschland. Schuchardt schrieb u. a.: „Warum gerade ich …? Leiden und Glauben“ (11. überarbeitete und erweiterte Jubiläumsausgabe, 2002), „Weiterbildung als Krisenverarbeitung“ (Bd. 2, 8. Aufl. 2003) und ist Begründerin des Krisenmodells ‚Lebens-Spiralweg im Komplementärmodell – Krisenmanagement für Person & Gesellschaft.

 

Firmen- und Führungswerteanalyse – online

In jedem Unternehmen arbeiten Führungskräfte und Mitarbeitende mit ihrer je individuellen Geschichte und ihren je individuellen Werten. Jeder Mensch wurde in seiner Entwicklung geprägt von der eigenen Familie, von Erziehung, Schule, Ausbildung und seinem persönlichen Umfeld. Und jeder Mensch hat selbst etwas aus sich gemacht, hat Lebensentscheidungen getroffen und seinen eigenen Grundüberzeugungen entsprechend gehandelt.

Wollen Führungskräfte mit ihren Mitarbeitenden in ihrem Unternehmen eine gemeinsame Richtung einschlagen, miteinander kooperieren und kollaborieren, Projekte realisieren oder sogar ein neues Unternehmen gründen, dann wird einem sehr schnell deutlich, wie wichtig es ist, sich nicht nur über eine Vision, eine Strategie und über Ziele zu verständigen, sondern sich auch über die eigenen Werte und die damit verbundenen Grundüberzeugungen und Verhaltenserwartungen auszutauschen. Wertekommunikation verringert daher Missverständnisse, Arbeitskonflikte und Unzufriedenheit und mehrt die persönliche Lebensfreude.

Die Firmen- und Führungswerteanalyse ermöglicht Ihnen zeitschonend und kostengünstig einen umfassenden Wertevergleich. Und damit wertvolle Gespräche mit Ihren Managementpartnern oder Ihrem Führungsteam. Wir wünschen Ihnen gute und spannende, neue Erkenntnisse.

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Sinnverwirklichung steht vor Selbstverwirklichung

Der Wille zum Sinn ist immer vital. Er tritt nicht erst im Nachklang der Befriedigung von Grundbedürfnissen, auch nicht erst im Nachklang des Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung in Erscheinung. Mit dieser Erkenntnis stellt sich Viktor Frankl gegen Abraham Maslows Konzept der Bedürfnispyramide und weist sogar über diese hinaus. Das Bedürfnis nach Sinnverwirklichung steht in Frankls Sinntheorie an erster Stelle und dieses Bedürfnis besteht selbst dann, wenn die Bedürfnisse in der Maslowschen Pyramide nicht oder nur teilweise befriedigt sind. Maslow gab dieser Einsicht einst auch Recht als er 1966 im Journal of Humanistic Psychology schrieb: „Ich stimme völlig mit Frankl darin überein, dass sich das Hauptanliegen des Menschen in seinem Willen zum Sinn ausdrückt.“ [eigene Übersetzung. Original: „I agree entirely with Frankl that man’s primary concern is his will to meaning.“ Maslow, Abraham: Comments on Dr. Frankl’s Paper, in: Journal of Humanistic Psychology 6 (1966), 107].

Sterben als Kopie

Haben Sie schon einmal überlegt, wer sie geblieben wären, hätten Sie nicht die Segnungen der Erziehung und Sozialisation empfangen? Warum sollte ich das denken, werden viele sagen, denn ‚ich bin ganz zufrieden mit dem, was aus mir wurde und wie ich darin von Eltern und Gesellschaft unterstützt wurde‘. Anderen geht es genau andersherum – einmal nicht das Leben anderer leben, einmal nicht wissen, dass man als Original geboren wurde und als Kopie anderer sterben wird.

Erst einmal im Erwachsenenalter angekommen, erweist sich die Frage nach dem ‚wer bin ich wirklich und wie kann ich mich an diesen Kern, zumindest etwas, wieder zurückbinden?‘ zuweilen als existenziell. Schließlich geht es um nicht weniger als die Identität. Und so kann es sein, dass man sich seiner Selbst nicht mehr so sicher ist und dieser Mangel an Selbstsicherheit auf eine gesellschaftliche Ordnung trifft, in der Macht, Regeln und Leistung ’normal‘ sind, während Bedürfnisse nach Zuwendung, Gemeinschaftswohl oder auch intellektueller Vernetzung kaum befriedigt werden können. Wer sich hier in einer Identitätsfalle fühlt, kann dies anderen Menschen, die dieses Empfinden nicht haben, kaum kommunikativ nachvollziehbar vermitteln. In der Folge passt sich die Person immer weiter den Gegebenheiten an und merkt doch sehr wohl, dass da im Leben etwas einfach nicht stimmt.

Mit dem Kindheits-Enneagramm, das wir vor gut zehn Jahren entwickelt haben, kann in einem logotherapeutischen Gespräch ein Beitrag dafür geleistet werden, dass ein Mensch die Grundzüge des eigenen Originals wieder erkennt. Die Umsetzung dieser Erkenntnisse in ein der Identität entsprechendes Verhalten ist dann im Anschluss die eigentliche Arbeit. Sie ist schwierig, da sich das System um die Person herum – wenn überhaupt – nur langsam ändert. Ergo steht die Person in der Selbstverantwortung, das zu tun, was ihr entspricht – verbunden mit der Überwindung manchmal zahlreicher Begrenzungen, die sich über die Zeit hinweg um die Person gelegt haben. Nach und nach sich von Klammerungen aller Art zu distanzieren, wirkt anfangs befreiend und bedrohend zugleich – und nicht jeder Mensch schafft es, diesen Prozess in für ihn passender Geschwindigkeit und Konsequenz zu gestalten. Klammern sind stark und haben durchaus auch ihre Qualitäten. Sich von einigen zu lösen, fällt leichter, wenn die Person den Sinn in ihrem Leben erfühlt. Die ‚Zutaten‘ für diesen Wahrnehmungsprozess sind ‚Weltoffenheit‘, ‚Selbstempathie‘, ‚Geduld‘ und ein Bewusstmachen innerer Zensoren. Der stärkste eigene, innere Gegner der Sinnfindung ist das Selbstmitleid. Verfällt ein Mensch in diesen Zustand, begibt er sich an sich in den Hass auf sein Umfeld, seine Lebensgeschichte, manchmal sogar auf sich selbst. Dieser Zustand ist fraglos negativ und er bringt auch nichts, außer noch mehr Hass oder Schicksalsergebenheit.

Ein Original hasst nicht – gerade deshalb, weil es keinen Grund dafür hat. Hass kommt hingegen auf, wenn ein Original gezwungen wird, seine Authentizität aufzugeben und zur Kopie anderer zu werden. Und Selbsthass keimt, wenn – wie es Marcel Proust einmal beschrieb – ein Mensch das Bedürfnis entwickelt, seine Leiden gerade von denen mildern zu lassen, die ihn zum Leiden brachten.

Arbeit hin zum Original – eine der originären Arbeiten in der Logotherapie.

„Man überlebt am ehesten seelisch heil, wenn man auf eine Zukunft hin orientiert ist, in der man eine bestimmte Aufgabe erfüllen möchte, die auf einen geradezu wartet. Eine Aufgabe, die einen fasziniert und der Welt dient.

Elisabeth Lukas

Das Wesen der menschlichen Existenz liegt in deren Selbst-Transzendenz. Unter der Selbst-Transzendenz menschlicher Existenz verstehe ich den grundlegenden anthropologischen Tatbestand, dass Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selbst ist – auf etwas oder auf jemanden: auf einen Sinn, den da ein Mensch erfüllt, oder auf mit-menschliches Sein, dem er da begegnet.

Das ist nämlich das Geheimnis der bedingungslosen Sinnträchtigkeit des Lebens: dass der Mensch gerade in Grenzsituationen seines Daseins aufgerufen ist, gleichsam Zeugnis abzulegen davon, wessen er und er allein fähig ist. Ich möchte sagen, menschliche Existenz ist zutiefst durch ihre ‚Selbst-Transzendenz‘ charakterisiert. Menschsein weist über sich selbst hinaus, es verweist auf etwas, das nicht wieder es selbst ist. Auf etwas oder auf jemanden. Auf einen Sinn, den zu erfüllen es gilt, oder auf anderes menschliches Sein, dem wir begegnen. Auf eine Sache, der wir dienen, oder auf eine Person, die wir lieben.

Viktor E. Frankl  

Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht,
darf man den Kopf nicht hängen lassen.

Sepp Schnorcher