Archiv für den Monat: Mai 2021

Wo alle Worte zu wenig wären,
dort ist jedes Wort zu viel.

Viktor Frankl

Biografie zurück und nach vorn

Der Philosoph Wilhelm Dilthey meinte einst: „Was der Mensch ist, sagt ihm nur seine Geschichte“. Und so verstehen wir unter Biografie auch eine in einem lebensandauerndem Prozess erworbene Aufschichtung von Erfahrungen, die bewusst oder unbewusst in menschliches Handeln eingehen.

Lebensgeschichte in Form von Erinnerungen und Erinnerungsspuren prägt die verschiedenen Gedächtnissebenen, also neben der kognitiv-rationalen Ebene hinaus auch die körperliche Ebene, die seelisch-feinstoffliche Ebene und die Bewusstheitsebene, mit der ich meine Lebensgeschichte nicht nur erinnere, sondern stets auch de- und rekonstruiere, Nicht nur, dass der Mensch seine Wirklichkeiten konstruiert und Visionen entwickelt, er ist immer auch Konstrukteur seines Damals, seiner Re-Visionen. Viele kennen dieses Phänomen, wenn wir einmal nicht so gut über einen Menschen sprechen, den wir erinnern und dann ein anderer Mensch aber Vorzüge erwähnt, die wir nicht vollends auch bei der Person, über die gesprochen wird, ausschließen können. Hier kommt ein Unterschied hinzu, der einen solchen „macht“ und mit ihm wird eine „Erinnerungsspur“ um einen weiteren Aspekt ergänzt und justiert.

Biografien sind daher permanent im Wandel. Umso wichtiger ist ein Ausgangspunkt. Die sozialwissenschaftliche Biografieforschung bietet einen solchen Punkt an, wenn sie das Betrachtungssystem erweitert und nicht nur individuelle, sondern insbesondere gesellschaftliche Lebensbedingungen adressiert. Dies ist zum Beispiel ein Grund, warum ich selbst derzeit die “Zeitungszeugen“ lese, die mir eine Möglichkeit bietet, die regionalen Bedingungen besser zu verstehen, in denen zum Beispiel meine Eltern in der Nazi-Zeit lebten. Sie erweitern das biografische Spektrum aus persönlichen Erzählungen, fremder Biografien und medialer Dokumentationen.

„Biografie“, im Sinne einer Geschichte über das eigene Gewordensein und Werden, die in individuelle und gesellschaftliche Kontexte eingebunden ist, steht auch immer in Abhängigkeit zur Zeit: Die Beziehung zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als zeitliche Dimensionen ist aber abhängig von Situationen und Lebenslagen. Es gibt Zeiten, in denen wir gegenwartsbezogener leben, ein anderes Mal konzentrieren wir uns mehr auf das, was in der Zukunft geschehen kann bzw. soll oder lenken unsere Aufmerksamkeit mehr auf das, was in der Vergangenheit passierte. Zudem entwickeln Menschen bestimmte Lebensstile, die sich mehr an Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft ausrichten und sowohl durch individuelle Vorlieben als auch die kulturellen Hintergründe bedingt sind.

Eine Biografie hat sehr stark auch einen selbstreflexiven Anteil. Reflexion meint dabei die (Wieder-) Aneignung von Aspekten der eigenen Lebensgeschichte. Die für den Einzelnen bedeutsamen Erfahrungen, die seine ‚Werdensgeschichte’ prägten und sowohl sein aktuelles als auch zukünftiges Handeln beeinflussen, können durch methodisch angeleitete Reflexionsprozesse strukturiert und damit verstehbarer werden. Ein derart angeleitetes selbstreflexives Tätigsein bedeutet, einer Person einen Zugriff auf ihre Innenwelten (Gedanken, Gefühle, Vorstellungen, Glaubenssätze, körperlichen Empfindungen…) zu ermöglichen, ihnen Ausdruck zu verleihen und sich mit ihnen in Beziehung zu setzen. Unterstützende Impulse können dabei Zeitreisen, Postkartenreisen, Visualisierungen, Szenische Arbeiten, Arbeit mit Düften, Musikpuzzles, Selbstzeugnisse, Tagebücher, Gedichte, Fremdfeedbacks, usw. sein.

Unsere Lebenserfahrungen erwerben wir in konkreten gesellschaftlichen und historischen Bezügen. Biografische Selbstreflexion enthält immer auch das Mitdenken der Kontextverwobenheit, die Einbettung in soziale und historische Bezüge, sie geht in ihrer Deutung von Lebensgeschichten auf das gesellschaftlich Typische ein. Die kulturellen, gesellschaftlichen, historischen und familialen Bedingungen, vor deren Hintergrund sich biografische Erfahrungen aufgeschichtet haben, spiegeln sich in der einzelnen Lebensgeschichte wieder. Über das eigene „Weltbild“ hinaus, besteht so die Möglichkeit, andere Sinnkonstruktionen kennen zu lernen, eine Wertschätzung für das jeweils individuelle eines Menschen entwickeln zu können und die Welt in ihrer Gesamtheit bzw. Unterschiedlichkeit besser zu verstehen.

Wollen Sie beginnen, Ihre Biografie zu schreiben? Dann haben wir für Sie hier ein einfaches und kostenfreies Online-Tool erstellt.

Ende mit dem Streiten

Sich in der Sache zu streiten, ohne sich menschlich fertig zu machen, das ist für viele Menschen gar nicht einmal so einfach. Noch schwieriger ist es, den negativen Affekt in einem Streit herunter zu regeln und einen Schritt in Richtung Streit-Ende zu gehen, ohne darauf zu warten, dass es der Streitpartner tut. Die Klassiker kennt doch jeder: Der eine ist über etwas verärgert, stinksauer, wird laut oder schimpft herum. Irgendein Bedürfnis ist nicht befriedigt und die Psyche schreit ‚aua‘, da ist was, das tut mir weh. Der andere fühlt sich durch das Gekeife, Gemeckere, Gemaule gekränkt, verärgert, stinksauer …. Das Fehlverhalten auf der einen Seite wird aufgrund des Fehlverhaltens auf der anderen Seite gerechtfertigt. Und umgekehrt. Wie Kräfte raubend und ermüdend. Nun ist es (zumindest) an einem, diesen Kreislauf des Negativen zu brechen. Wie? Mit einer Wandelanleihe in Liebe. Trotzdem ja zur Liebe sagen. Wer das (zumindest ein wenig) tut, der distanziert sich von seinem psychischen Negativ-Affekt und betrachtet den anderen wohl und willentlich (Wohlwollen) als Person, der weit mehr ist als ein Jemand, der als Grund für das Missempfinden herhalten soll. Bevor man sich also im Streit windet, sollte man alles daran setzen, sich zu überwinden.

Krisenforscher in Deutschland

FRANK BÖSCH ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) und Professor für deutsche und europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam. Er ist Mit- Herausgeber des Handbuchs Krisenforschung, 2020, das aus verschiedenen konzeptionellen und methodischen Perspektiven auf ‚Krise‘ schaut und plädiert dabei für einen reflexiven Ansatz, der den Begriff der ‚Krise‘ selbst als zu beobachtenden Begriff versteht.

FRANK ROSELIEB ist geschäftsführender Direktor und Sprecher des Kieler Instituts für Krisenforschung (‚Krisennavigator‘), ein Spin-Off der Universität Kiel. In mehr als 500 Vorträgen, Veröffentlichungen, Forschungs- und Beratungsprojekten hat sich der Wirtschaftswissenschaftler seit 1998 u.a. mit Krisenkommunikation im Internet, Krisenmanagement bei Lebensmittelskandalen, Katastrophenmanagement bei Terroranschlägen, Business Continuity Management in Banken, Risikokommunikation bei Hochwasserereignissen und Pandemien, Themenmanagement in öffentlichen Einrichtungen und Restrukturierungsmanagement im Mittelstand beschäftigt.

RALPH SCHLIEPER-DAMRICH ist Gründer des Augsburger Instituts für Individuelle Krisenprävention. Das Institut hat die zentrale Aufgabe, einen Beitrag dafür zu leisten, dass Menschen sich und ihr Recht auf ein gelingendes Leben nicht verfehlen. Dabei schlägt es eine Brücke zwischen den Kontexten Sinntheorie von Viktor Frankl und Krisenprävention durch Werteklärung und Krisenpsychotherapie.

ERIKA SCHUCHARDT ist Professorin emer. für Erziehungswissenschaft an der Universität Hannover. 1994 bis 2002 war sie Mitglied des Bundestags, ab 1972 gewählte Synodale der Evangelischen Kirche in Deutschland. Schuchardt schrieb u. a.: „Warum gerade ich …? Leiden und Glauben“ (11. überarbeitete und erweiterte Jubiläumsausgabe, 2002), „Weiterbildung als Krisenverarbeitung“ (Bd. 2, 8. Aufl. 2003) und ist Begründerin des Krisenmodells ‚Lebens-Spiralweg im Komplementärmodell – Krisenmanagement für Person & Gesellschaft.

 

Firmen- und Führungswerteanalyse – online

In jedem Unternehmen arbeiten Führungskräfte und Mitarbeitende mit ihrer je individuellen Geschichte und ihren je individuellen Werten. Jeder Mensch wurde in seiner Entwicklung geprägt von der eigenen Familie, von Erziehung, Schule, Ausbildung und seinem persönlichen Umfeld. Und jeder Mensch hat selbst etwas aus sich gemacht, hat Lebensentscheidungen getroffen und seinen eigenen Grundüberzeugungen entsprechend gehandelt.

Wollen Führungskräfte mit ihren Mitarbeitenden in ihrem Unternehmen eine gemeinsame Richtung einschlagen, miteinander kooperieren und kollaborieren, Projekte realisieren oder sogar ein neues Unternehmen gründen, dann wird einem sehr schnell deutlich, wie wichtig es ist, sich nicht nur über eine Vision, eine Strategie und über Ziele zu verständigen, sondern sich auch über die eigenen Werte und die damit verbundenen Grundüberzeugungen und Verhaltenserwartungen auszutauschen. Wertekommunikation verringert daher Missverständnisse, Arbeitskonflikte und Unzufriedenheit und mehrt die persönliche Lebensfreude.

Die Firmen- und Führungswerteanalyse ermöglicht Ihnen zeitschonend und kostengünstig einen umfassenden Wertevergleich. Und damit wertvolle Gespräche mit Ihren Managementpartnern oder Ihrem Führungsteam. Wir wünschen Ihnen gute und spannende, neue Erkenntnisse.

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„Ich finde, die beste Methode, Kindern Ratschläge zu geben, ist die, herauszufinden, was sie wollen, und ihnen dann zu raten, genau das zu tun.“

Harry S. Truman

Sinnverwirklichung steht vor Selbstverwirklichung

Der Wille zum Sinn ist immer vital. Er tritt nicht erst im Nachklang der Befriedigung von Grundbedürfnissen, auch nicht erst im Nachklang des Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung in Erscheinung. Mit dieser Erkenntnis stellt sich Viktor Frankl gegen Abraham Maslows Konzept der Bedürfnispyramide und weist sogar über diese hinaus. Das Bedürfnis nach Sinnverwirklichung steht in Frankls Sinntheorie an erster Stelle und dieses Bedürfnis besteht selbst dann, wenn die Bedürfnisse in der Maslowschen Pyramide nicht oder nur teilweise befriedigt sind. Maslow gab dieser Einsicht einst auch Recht als er 1966 im Journal of Humanistic Psychology schrieb: „Ich stimme völlig mit Frankl darin überein, dass sich das Hauptanliegen des Menschen in seinem Willen zum Sinn ausdrückt.“ [eigene Übersetzung. Original: „I agree entirely with Frankl that man’s primary concern is his will to meaning.“ Maslow, Abraham: Comments on Dr. Frankl’s Paper, in: Journal of Humanistic Psychology 6 (1966), 107].

Als es lange noch kein Facebook gab …

… schrieb in Wien 1923 der damals 17-jährige Viktor Frankl diese Zeilen unter dem Stichwort ‚Freude, Schöner Götterfunken …‘

„Ich hasse nichts so sehr wie den gesunden Menschenverstand. Und auch den blinden Optimismus; er ist nichts als ein Vorurteil. Und auch die naive Kritik des Philosophierens, das so manche Illusion zerstöre. Denn man muss anständig gegrübelt haben, bevor man berechtigt ist, über das Philosophieren zu schimpfen. Und dann erst recht nicht deshalb, weil es uns oft die Lebensfreude nimmt.
Ich hasse die Phrase vom ‚Selbstzweck‘ des Lebens. Sie nimmt ihm am meisten Wert und Sinn.
Es gibt andere Wege zu einer Anerkennung von Wert und Sinn des Lebens, die berechtigt ist. Man muss nur aufrichtig sein. Und seine Zweifelqualen scheuen! Es gilt, mit dem Mute des Ödipus der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, wenn es auch nicht ausgeschlossen ist, daß man geblendet wird.
Die größten Menschen waren es, die so taten: Schopenhauer wurde geblendet. Beethoven nicht: er schrieb die ‚Neunte‘.
Und Nietzsche – ja, Nietzsche: Nietzsche-Begeisterung ist noch lange kein Zeichen von geistiger Superiorität.
Man muß ihn in seiner Entwicklung miterleben, mit dem jungen Nietzsche beginnen, sich also von Schopenhauer erziehen lassen: dann sehen, wie „sich die Logik in den Schwanz beißt“; dann sich von Nietzsche zurufen lassen: „Sokrates, treibe Musik!“.
Und nun über Schopenhauer hinauskommen, die Erlösung – erleben …
„So ist doch immer das Finale, daß der Mensch auf sich zurückgewiesen wird.“ (Goethe)

Wie könnten diese Sätze in die Gegenwart übersetzt werden?

  • Frankl sieht den Menschen als mehr an als lediglich mit gesundem Menschenverstand ausgestattet.
  • Blinder Optimismus ist weltfremd und entzieht dem Menschen die Energie zu verantwortlichem Handeln.
  • Leben ist kein Selbstzweck, sondern es hat Aufforderungscharakter.
  • Der Zweifel gehört zum Leben.
  • Nietzsche kann begeistern, aber seine Lehre ist nicht alles.
  • Wird Schopenhauer überwunden kann der Mensch Befreiung erfahren.
  • Beethovens Symphonie ist ein Inbegriff für Transzendenz.
  • Am Ende aber kommt es immer auf jeden Menschen an. Auf ihn in Freiheit und Verantwortung.

 

 

„Man überlebt am ehesten seelisch heil, wenn man auf eine Zukunft hin orientiert ist, in der man eine bestimmte Aufgabe erfüllen möchte, die auf einen geradezu wartet. Eine Aufgabe, die einen fasziniert und der Welt dient.

Elisabeth Lukas