Archiv für den Monat: November 2021

Impfgewissen

To impf or not to impf – das scheint heut die Frage. Soll ich, soll ich nicht? Was ist das Gesollte, wer sagt mir das, was gesollt ist? Kann ich das Sollen wollen?

Das Gewissen gehört zur Grundausstattung eines Menschen und allemal einer freien und zur Verantwortungsübernahme vernunftbegabten Person. Die innere Stimme und der innere Kompass steuern die sittlichen Handlungsentscheidungen eines Menschen.

Für Sokrates (469·399 v.Chr.) war diese Stimme noch Ausdruck des Göttlichen, eine Stimme, die das Schlechte auf Distanz hält. Thomas von Aquin (1226-1274) war sich sicher, dass das Gewissen seinen Menschen nie­ in die Irre führen und Vernunft dann den Rest besorgen würde – vom Gewissen in die gewissenhafte Schlussfolgerung, von dort in die gewissenhafte Handlung, von dort in das gewissenhafte Urteil über die Handlung. Von diesem inneren Gerichtshof sprach auch Kant (1724-1804). Das innere moralische Gesetz müsse mit dem Be­wusstsein der Existenz zusammengehen und der Mensch habe seine aus Vernunft resultierende Pflicht zu erfüllen, so wie ein Gesetz für einen Menschen als ausführende Gewalt zu verstehen sei.

Weniger festgelegt beschrieb Marx (1818 – 1883) das Gewissen als Ergebnis einer individuellen Entwicklungsgeschichte. Und Nietzsche (1844 – 1900) sah im Gewissen gar die tiefste Erkrankung des Menschen und plädierte für die Abschaffung dieser Instanz. Diesen ‚Job‘ übernahm dann Hitler (1889 -1945), der das Gewissen als jüdische Erfindung geißelte und sich selbst auf das Podest des Gesetzgebers stellte, der dafür Sorge tragen würden, dass der Einzelne von der Last der freien Entscheidung entbunden würde.

Freud (1856 – 1939) verglich das Gewissen mit dem Über-Ich, durch das Triebwünsche des ‚Es‘ mittels Geboten und Verboten reguliert würden. Gewönne dabei dennoch das Es, so wäre das ’schlechte Gewissen‘ mit seinen Schuldgefühlen quasi Ausdruck des tiefen Wissens, dass die vollzogenen Handlungen an sich verboten seien.

Demgegenüber formulierte Fromm (1900 – 1980) das Gewissen einerseits als Funktion des Gehorsams, das vor Gefahren im Innen und Außen schützen soll. Andererseits habe das Gewissen die Funktion der Einsicht, mit der nach als richtig erkannten Grundsätzen gehandelt würde.
So interpretiert ist das Gewissen die grundlegendste Entscheidungsin­stanz, in der nichts mehr zur Verhandlung ansteht, sondern in der in reinster Weise nach den grundsätzlichsten aller Werte entschieden wird. Welche könnten das sein?

Glaube, Liebe, Hoffnung [Thomas von Aquin]
Glaube, Liebe, Hoffnung, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung [Katechismus der katholischen Kirche]
Tapferkeit, Freiheit, Güte, Gerechtigkeit [Herbart]
Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sitte, Wissen, Wahrhaftigkeit [Konfuzius]

Oder man schlägt nach bei Kant und findet: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

Das Gewissen gehört zu den spezifisch menschlichen Phänomenen. Es ließe sich definieren als die intuitive Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ.”

Viktor E. Frankl

Ansprache des Peinlichen

Wie soll ich einen Mitarbeitenden auf eine ‚Körper-Peinlichkeit‘ aufmerksam machen?
* zum Beispiel: jemand aus meinem Arbeitsteam riecht unangenehm nach Schweiß
* ich bin als Chef vielleicht bereits auch von Kollegen dazu angesprochen worden
* das Thema ist schwierig, tabuisiert, störend
* der oder die Betroffene hat womöglich hier einen „blinden Fleck“

Bewährt hat sich:
* frühzeitige Ansprache bevor sich das Verhalten oder das Körperphänomen manifestiert
* vertrauliches Gespräch unter vier Augen
* Wertschätzung und Ernsthaftigkeit gleichermaßen: ‚Weil Sie mir wichtig sind und weil Betriebsabläufe gestört werden, führe ich dieses Gespräch.‘
* in Ich-Aussagen sprechen
* keinen ‚Zeugen‘ nennen
* persönliches Gefühl aussprechen: ‚Ich fühle mich gestört …‘, Es ist mir unangenehm …. Ich bin irritiert…‘
* Beschreiben Sie Ihre Wahrnehmung konkret und nachvollziehbar: ‚Ich habe am … gemerkt …, Mir ist aufgefallen … ‚, Ich beobachte seit … ‚
* Brücken zur Selbsterkenntnis: ‚Man selbst merkt das häufig ja gar nicht…‘, sprechen Sie einmal mit Ihrem Partner, Freund, Freundin darüber … ‚
* Bieten Sie progressive Hilfestellung an: ‚Wie kann ich Sie unterstützen…‘
* Vereinbarung: ‚Wollen wir in vier Wochen noch einmal darüber sprechen …‘, ‚Soll ich Ihnen eine Rückmeldung geben, ob es sich verbessert hat oder nicht?‘

zu erwägen:
* gibt es eine noch geeignetere Person, die ein solches Gespräch führen könnte? Wichtig aber, dass die Person nicht erst aufmerksam gemacht werden muss, sondern die Störung selbst bereits artikuliert hat. Fehlt dies, führt man das Gespräch besser selbst.
* es mag besser sein, wenn Frau mit Frau und Mann mit Mann ins Gespräch über solche Themen gehen. Jedoch: Wenn Sie Ihrer Vorgesetztenrolle gerecht werden wollen, dann gehört ein solches Gespräch zu Ihrem Verantwortungsbereich.

Sinnvoll ist:
– was eine überragende Chance hat, Gutes zu bewirken
– was das Wohl aller Beteiligten betrachtet
– was frei ist von selbstsüchtiger Motivation
– was im Hier und jetzt äußerst konkret ist
– was nicht über- und nicht unterfordert
– was einem die Kraft, es zu wollen, zufließen lässt.

Elisabeth Lukas

Thought Leadership

Endlich, wie lange haben wir darauf gewartet, ein neues Buzzword für die Wirtschaft: „Thought Leadership“. Das meint soviel wie ‚Meinungsführerschaft in einer Vordenkerrolle‘. Die außerordentliche Expertin ihres Fachs, die Autorität in seinem Thema, der Innovator des Inhalts – wer diese Hüte auf hat, der ist der Tank des Thinks. In einer suchenden Welt ein reizvoller Gedanke, sich an die Lippen eines Thought-Leaders zu heften. Dabei: Die Gedanken sind frei und jeder Mensch ist verantwortlich und selbstverpflichtet, aus dem Misthaufen des medialen Stalls diejenigen goldenen Ähren zu ziehen und zu veredeln, die sinnvolles (wirtschaftliches) Handeln begründen können. Wer solche Ähren bereitstellt, leistet einen Dienst an der Gesellschaft und wer von dieser dann als Vordenker gewürdigt wird, hat sich bereits verdient gemacht. Wer sich jedoch selbst zum Thought Leader meint aufschwingen zu können, verkennt doch deutlich die Sensibilität derer, die bereits heute in der Lage sind, das Wortgehämmer der selbsternannten Premium-Knowledge-Worker auszublenden und auf die Suche nach den Denkpartnern zu gehen, die lautloser etwas Wesentliches zu sagen haben. So wird also auch dieser Begriff dereinst wieder im Orkus des Manager-Blabla verschwinden, aber bis dahin sicher noch ein paar Bäume für irgendwelche Bücher verdauen und selbstgekrönten Leader-Leuten Hoffnung auf Gehör verschaffen, die an sich für die, die Wesentliches zu entscheiden haben, nichts von Bedeutung zu vermitteln haben. 

Diagnose Corona und dann …

Gestern gesund, heute das Ergebnis: positiv. Vielen Menschen ist es bisher so ergangen, und über 110.000 haben bis heute die Diagnose Corona sogar nicht überlebt. Erst vor wenigen Tagen starben bei uns in Augsburg zwei Männer im Alter von Anfang 30 und Anfang 40 Jahren.

Am Anfang der Diagnose steht häufig zuerst ein Schock. Was passiert nun, was passiert in mir nun? Quarantäne, massive Erkrankung, Krankenhaus, Ansteckung anderer durch mich…? Das geordnete Leben hat einen Dämpfer bekommen. Unvorbereitet wird man mit einer Lebenssituation konfrontiert, die deutlich von der Norm abweicht. Erlernte Reaktionsmuster funktionieren nicht, ebenso wenig Verteidigungsburgen oder andere Verdrängungsmechanismen. Einige wenige schaffen es zwar, selbst schwerkrank noch zu behaupten, das Virus sei nicht existent – eben weil es nicht existent sein darf. Oder sie behaupten, nach einer Genesung müsse man sich nicht impfen lassen, weil man doch nun genügend eigenen Schutz aufgebaut habe – was leider nicht auf Dauer gilt. Die panische Angst vor Verlust des persönlichen Freiraums und der Selbstkontrolle treibt diese Betroffenen in paranoide Denkmuster und in eine ‚implizite Leugnung‘ des Geschehens. Was aber geleugnet wird, wird uneingestanden als ‚gegeben‘ angesehen – das ist das Wesen der Leugnung und so hebelt sich die ‚Argumentation‘ der Leugner von alleine aus.

Bei empathischer, vielleicht auch angemessen humorvoller Begleitung des Betroffenen kann es aber gelingen, dass er die Weichen noch rechtzeitig stellt, um einen Abbruch der Krisenverarbeitung mit Tendenz zu nach und nach sich vollziehender sozialer Isolierung zu verhindern. Dies seitens des Betroffenen zu schaffen, nötigt durchaus Respekt ab, denn für ihn bedeutet die Wahrheitseinsicht nun die Gewissheit des Verlustes einer bislang recht teuer bezahlten Minderung individueller Lebensqualität. Schafft er den Sprung jedoch nicht und setzt die Leugnung fort, dann wird dies häufig begleitet mit einem „Ja, aber das kann doch nicht sein, dass … ?“ und einem Grundton der Überzeugung, dass doch der andere Teil der Gesellschaft ‚auf dem Schlauch stünde‘ und seinerseits in die Irre laufe. Mit dieser Einstellung gewinnt der Betroffene jenseits seiner ‚Blase‘ keine weiteren Anhänger, was es umso wichtiger werden lässt, mit ihm das Gespräch über die unabweisbare Gewissheit des Erkrankungsgeschehens und der Wirkung des Impfschutzes weiterhin zu führen. Allerdings: Die Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft des Betroffenen selbst. Entzieht er sich dem klärenden Gespräch, entsagt er wissenschaftlicher Wahrheit und empirischer Erkenntnis, dann kann er sich längerwährender Zuwendung anderer Menschen nicht mehr gewiss sein. Kommt es jedoch zu einem gelingenden Perspektivenwechsel, so zeigen die Erfahrungen aus den letzten Monaten, dann kann sich die Bewusstwerdung der eigenen Irrgedanken zu einer Aggressivität gegen die eigene Person auswachsen. „Warum musste gerade ich mich derart verrennen…?“.

Wird gegen diese Selbstabwertung durch das menschliche Umfeld des Betroffenen nicht positiv angesprochen oder wird die Person durch seine Peergroup in Frage gestellt, dann können diese  feindlichen Äußerungen den Sog in die Isolierung oder in die Resignation verstärken. Als häufig gewählter ‚Ausweg‘ wird nun durch den Betroffenen die Strategie eingeschlagen, vom ihm positiv gesinnten Umfeld eine Art bedingungslose Zuwendung zu erwarten: „Wenn ich mich nun schon habe impfen lassen, dann erwarte ich nun aber auch, dass ich von Euch wieder gemocht werde“.

An diesem Punkt angekommen wird manchem Betroffenen irgendwann bewusst, dass einst vorschnelles selbstgerechtes und egozentriertes Beharren auf einer Irrmeinung nun zu einer Art ,Ausverkauf der Würde‘ mutiert ist. Umso wichtiger ist es nun, die Umlenkung von Meinungen in vernunftbasierte Einsichten zu erhalten und den Betroffenen dabei zu unterstützen, sich der positiven Wirkung seiner Neuausrichtung gewahr zu bleiben – auch, wenn dies im Kontext womöglich ihn kritisierender Personen seines privaten Umfelds sehr schwerfallen mag. Der selbstgefasste Entschluss, mit der neuen individuellen Einstellung zu leben, setzt Kräfte frei, die bisher im Kampf gegen sie eingesetzt wurden.

Wenn Viktor Frankl einst wusste, dass kein Mensch ohne Bedingungen ist, aber stets frei und verantwortlich ist, sich so oder so zu diesen Bedingungen zu stellen, dann wird im Coronakontext deutlich, wie anstrengend es sein kann, sich vom einen ’so‘ zum anderen ’so‘ zu wenden. Jedoch: unmöglich ist es nicht, täglich beweisen Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen ihre Vernunftbegabung.

Der Sinn im Alter

Menschen suchen nach etwas, das ihrem Leben Bedeutung verleiht. Dieses Etwas ist nicht gleichzusetzen mit dem ‚Sinn‘, der im Leben eines jeden Menschen stets per se gegeben ist. Bedeutung meint die kognitiv bemessene Wichtigkeit, die ein Gegenstand, ein Sachverhalt oder auch ein Mensch für einen Menschen haben kann. Der Mensch deutet also in Etwas etwas hinein und interpretiert das Ergebnis dann als mehr oder minder bedeutungsvoll. Analog erhoffen Menschen, dass sie selbst, ihre Taten, Werke und Leistungen für andere voll von Bedeutung sind. Dass sie gebraucht werden, dass sie nachgefragt werden, dass sie zu etwas beitragen können, dass sie für etwas angesehen werden – es ist naheliegend, dass insbesondere im Beruf diese Hoffnungen auf Erfüllung warten. Aber Menschen im fortgeschrittenen Alter, die sich nach ihrer Berufstätigkeit nun in der Phase der Freitätigkeit befinden, sich also noch nicht im Ruhestand befinden, fühlen häufig ein Bedeutungsdefizit. Sie erleben, nicht mehr ‚gefragt‘ zu sein, ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Expertise, ihre Motivation sind mit einem Mal gefühlt wertlos. Faktisch ist dies meist ein Denkfehler. Nur, weil ein Luftballon, in den ich immer wieder im Beruf hineingeblasen habe, nun diese Luft nicht mehr bekommt, ist der Ballon ja weiterhin da. Es braucht ’nur‘ einen neuen, unverbrauchten Atem. Einen Atem der Identität, der eigenen Werte, des Willens zur Freiheit und Verantwortung, das eigene Wertesystem einzusetzen für neue Aufgaben. Die Bedingung? Das eigene Wertesystem muss man kennen. Ist es nicht reflektiert, dann hofft man auf Aufgaben und fällt über kurz oder lang auf die Nase, weil man sich in die Hände derer begibt, die der Ansicht sind, die Person mit irgendwelchen Themen beglücken zu müssen, damit sie irgendwie beschäftigt ist.

Also: Entdecken und erarbeiten Sie zuerst Ihr Wertesystem. Dann klären Sie, welche dieser Werte sie frei und verantwortlich verwirklichen wollen. Und dann schenken Sie sich etwas Geduld, damit Sie die Angebote und Aufgaben, die Ihnen aus Ihrer Lebenswelt entgegenkommen, daraufhin überprüfen können, ob damit diese Werte in einer erfüllenden Tätigkeit aufgehen können. Wenn nicht, dann sagen Sie wertebewusst ’nein‘. Wenn ja, dann erfreuen Sie sich der freitätigen Bedeutung solange Sie es wollen.