Impfgewissen

To impf or not to impf – das scheint heut die Frage. Soll ich, soll ich nicht? Was ist das Gesollte, wer sagt mir das, was gesollt ist? Kann ich das Sollen wollen?

Das Gewissen gehört zur Grundausstattung eines Menschen und allemal einer freien und zur Verantwortungsübernahme vernunftbegabten Person. Die innere Stimme und der innere Kompass steuern die sittlichen Handlungsentscheidungen eines Menschen.

Für Sokrates (469·399 v.Chr.) war diese Stimme noch Ausdruck des Göttlichen, eine Stimme, die das Schlechte auf Distanz hält. Thomas von Aquin (1226-1274) war sich sicher, dass das Gewissen seinen Menschen nie­ in die Irre führen und Vernunft dann den Rest besorgen würde – vom Gewissen in die gewissenhafte Schlussfolgerung, von dort in die gewissenhafte Handlung, von dort in das gewissenhafte Urteil über die Handlung. Von diesem inneren Gerichtshof sprach auch Kant (1724-1804). Das innere moralische Gesetz müsse mit dem Be­wusstsein der Existenz zusammengehen und der Mensch habe seine aus Vernunft resultierende Pflicht zu erfüllen, so wie ein Gesetz für einen Menschen als ausführende Gewalt zu verstehen sei.

Weniger festgelegt beschrieb Marx (1818 – 1883) das Gewissen als Ergebnis einer individuellen Entwicklungsgeschichte. Und Nietzsche (1844 – 1900) sah im Gewissen gar die tiefste Erkrankung des Menschen und plädierte für die Abschaffung dieser Instanz. Diesen ‚Job‘ übernahm dann Hitler (1889 -1945), der das Gewissen als jüdische Erfindung geißelte und sich selbst auf das Podest des Gesetzgebers stellte, der dafür Sorge tragen würden, dass der Einzelne von der Last der freien Entscheidung entbunden würde.

Freud (1856 – 1939) verglich das Gewissen mit dem Über-Ich, durch das Triebwünsche des ‚Es‘ mittels Geboten und Verboten reguliert würden. Gewönne dabei dennoch das Es, so wäre das ’schlechte Gewissen‘ mit seinen Schuldgefühlen quasi Ausdruck des tiefen Wissens, dass die vollzogenen Handlungen an sich verboten seien.

Demgegenüber formulierte Fromm (1900 – 1980) das Gewissen einerseits als Funktion des Gehorsams, das vor Gefahren im Innen und Außen schützen soll. Andererseits habe das Gewissen die Funktion der Einsicht, mit der nach als richtig erkannten Grundsätzen gehandelt würde.
So interpretiert ist das Gewissen die grundlegendste Entscheidungsin­stanz, in der nichts mehr zur Verhandlung ansteht, sondern in der in reinster Weise nach den grundsätzlichsten aller Werte entschieden wird. Welche könnten das sein?

Glaube, Liebe, Hoffnung [Thomas von Aquin]
Glaube, Liebe, Hoffnung, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung [Katechismus der katholischen Kirche]
Tapferkeit, Freiheit, Güte, Gerechtigkeit [Herbart]
Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sitte, Wissen, Wahrhaftigkeit [Konfuzius]

Oder man schlägt nach bei Kant und findet: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

Das Gewissen gehört zu den spezifisch menschlichen Phänomenen. Es ließe sich definieren als die intuitive Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ.”

Viktor E. Frankl