Das Schema coachen

Im Feld der Psychotherapie nimmt die Schematherapie einen zunehmenden Stellenwert ein. Anfang der 90er Jahren von Jeffrey Young als Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie konzipiert, leistet sie einen Beitrag dafür, Menschen zu helfen, in der Kindheit entstandene, unbefriedigte Grundbedürfnisse als Auslöser ihrer aktuellen Depression zu erkennen. Grundbedürfnisverletzungen werden dabei als ’negative emotionale Schemata‘ angelegt, die dann automatisierte Bewältigungsreaktionen bewirken, die ihrerseits – sofern sie nicht zu angemessenen Reaktionen entwickelt werden – auch im Erwachsenenleben weiterhin aktiv bleiben und unvernünftige Verhaltensweisen hervorbringen.

Da sich solche Verhaltensweisen auch im Berufsleben als Hindernis erweisen können, wurde das Wissen der schematherapeutische Grundlagen auch in einigen Ausbildungsprogrammen des Business Coachings aufgenommen. Im Coaching erhalten wir immer wieder als Auslöser für den Beginn einer Zusammenarbeit einen Mangel an Anerkennung, an Selbstüberforderung oder an Verdruss und Selbstzweifel im Job dargestellt. Stellen wir diese Empfindungen in einen biografischen Kontext so zeigt sich oftmals eine gewisse Analogie zur Kindheit. Liebe gegen Leistung, übervolle Kalender des Schülers, Mobbing in der Schulklasse, freudeloses Lernen oder Angst des Versagens – was hier ein Kind zu ‚managen‘ hat, geht ein in seine Interpretation dessen, was als ’normal‘ angesehen wird. Und dieses ‚Normale‘ hat keine Chance entlernt zu werden, sondern geht später über in die Interpretation von ‚Berufswelt‘.

Wir kombinieren in unserer Begleitung von Führungskräften das Schemacoaching mit den Erkenntnissen der Sinnlehre von Viktor Frankl. Dies indem wir die Schemaaktivierungen und automatisierten Bewältigungsreaktionen explorieren und dann aufbauend auf diesen kognitiven Erklärungen mit dem Klienten an der biografischen Entwicklung und Weiterentwicklungsmöglichkeit seiner Werte arbeiten. Da wir unbefriedigte Bedürfnisse des Kindes auch als Wertekonflikte verstehen können, die das Kind in seinem Umfeld hat aushalten müssen, so können Klienten diese Konflikte eingedenk ihrer weiteren Biografie, ihres erweiterten Rollenspektrums und ihrer aufgebauten Lebenserfahrung konstruktiv lösen, indem sie auf die Werte schauen, die sie trotz dieses erlebten Mangels in ihrem Leben verwirklicht haben und – darüber hinaus – welche sie künftig verwirklichen wollen.

Neurobiologisch ist ein Verhaltensschema ein Verband von Nerven­zellen. Dieser Verband wird durch Reise getriggert, das Schema wird aktiviert und die Person fühlt ihre Situation wie ‚einst als Kind‘. Die dabei entstehenden Emotionen können dabei ähnlich stark sein wie ‚damals‘ – für das Umfeld des Erwachsenen jedoch sind diese Emotionen unerklärlich [nicht selten sogar für den Betroffenen selbst]. Ist nun der Zusammenhang zwischen dem Aktualverhalten und dem einstigen Mangel an Bedürfnisbefriedigung hergestellt, wird im zweiten Schritt das Bündel seinerzeit der verletzten Werte herausgearbeitet und Wege besprochen, diese Werte zu revitalisieren und künftig vor Verletzungen zu schützen.

Die Aufgabe des logotherapeutisch-schemafokussierten Coachings besteht demnach darin, den Klienten zu stärken, die Aktivierung der Antreiberseite [Reaktionsverhalten] zu regulieren und sich die Aktivierung desjenigen Teils seines Wertesystems zu erlauben, das unter dem Einfluss des Schemas blockiert wurde.

Mit diesem Arbeitskonzept wird die Sinnlehre Viktor Frankls vollumfänglich integriert. Sein Menschenbild geht u.a. davon aus, dass der Mensch in der Lage ist, sich gegenüber dem zu distanzieren, was in der Schematherapie eben ‚Schema‘ genannt wird. Diese Fähigkeit zur Selbstdistanzierung ist nach Frankl notwendige Voraussetzung menschlicher Freiheit.

Frankl hat die Selbstdistanzierung einmal mit einer gerne von ihm erzählten Anekdote beschrieben:
Während des Ersten Weltkrieges saß ein jüdischer Militärarzt mit einem Oberst im Schützengraben, als ein heftiges Feuer einsetzte. Ihn hänselnd fragte der Oberst: „Jetzt haben Sie aber Angst, nicht wahr? Da sieht man wieder einmal, wie sehr die arische Rasse der semitischen überlegen ist.“ Worauf der Militärarzt antwortete: „Sicher habe ich Angst. Aber warum sprechen Sie von der Überlegenheit der einen Spezies gegenüber der anderen? Wenn Sie so viel Angst hätten wie ich, wären Sie vielleicht schon längst auf und davon gelaufen.“