Vom Sehnen und Suchen

Kennen Sie das Gefühl schmerzlichen Verlangens? Man begehrt nach etwas, das in weiter Ferne zu liegen scheint. Die ‚Sehnen‘ dehnen und strecken sich und man ’sucht‘ nach dem Ort, wo der tiefe Wunsch sich erfüllen könnte. Wer dieses sehnende Suchen überdehnt und es nicht zu kontrollieren vermag, der fühlt sich irgendwann erschöpft und ausgelaugt. Die Realität scheint der Person zuzurufen: mach die Augen auf und sehe, dass du dich verrennst.

Orte der Sehnsucht gibt es viele: ein berufliches Umfeld, ein Kind, ein anderer Mensch, die letztendliche Erfüllung des Lebens. Diesen Ort nicht zu erreichen, bringt die Psyche in den Zustand eines Dauerstresses. Warum also tun sich Menschen die Sehnsucht an?

Sehnsucht als Existenzial menschlichen Daseins – kein anderes Wesen als der Mensch kann in einem Verlangen dieser Art bis zum Rand der Selbstgefährdung aufgehen. Ein Mensch ohne Sehnsucht mag sich vielleicht als grundgelassen, tiefenruhig, vollkommen im Einklang fühlen. Ein solcher Mensch wird zu berichten wissen, wie er gehandelt hat, um sich der Grenzen und Hindernisse zu entledigen, die einst den Weg zum Gegenstand der Sehnsucht versperrt haben.

Im Kern geht es also um einen Gegenstand, auf den ein Mensch sich mit Haut und Haar zu beziehen wünscht. Fehlt er, bleibt der Mensch im Zustand des Verlangens. Wie also den Gegenstand finden? Ein Phantasma ist er ja nicht, eher eine Art perfekter Fixpunkt, der alle Energie aufzehrt.

Den Gegenstand zu finden meint hier, Sinn zu finden. Der Mensch hat die Sehnsucht, zu wissen, worum es ihm geht, wofür es ihn und seinen Beitrag in der Welt braucht. Dieser Gegenstand ist weit mehr als die Befriedigung eines psychischen Bedürfnisse wie denen der Sicherheit, der Nahrung oder der Ruhe. Genauer betrachtet geht es beim Gegenstand nie um einen selbst. Stets ist der Gegenstand auf den man sich hinsehnt in der Lebenswelt der Person. Ihn zu finden, kann man sich rational nicht zum Ziel setzen – ein Versuch, dem oftmals Menschen aus Unternehmens- und Führungskontexten erliegen, weil sie gewohnt sind, vieles aus dem Ziel-, Projekt- und Aktionshorizont heraus zu betrachten.

Die Perspektive zur Sinnfindung ist daher genau andersherum – der Gegenstand findet die Person. Das klingt seltsam, vielleicht gaga, wird aber genauso immer wieder von denen berichtet, die mit einem Mal spürten, eine Art ‚Anruf‘ erhalten zu haben. ‚Dies ist deine Aufgabe‘, ‚dies ist, wofür du da sein sollst‘, ‚dies ist der Auftrag an dich‘.

Sehn-Sucht ist ein Spiel der Psyche. Sie versucht, dem Menschen vorzugaukeln, er könne sich den Sinn im Leben selbst machen. Und seine endlosen und zuweilen in die Sucht führenden Tricks lauten: Vision, Ziel, Aktion.
Der Irrtum liegt darin, dass diese Kategorien sich auf ‚Zwecke‘ richten. Sie sind zweckdienlich, und damit natürlich auch wichtig. Ohne sie kommt man nicht weiter.

Wesentlicher aber ist die geistige Fähigkeit, sich von den Zweckdienlichkeiten entkoppeln zu können und sich dem zuzuwenden, was das Leben als von der Person Gesolltes bereithält. Ist dies vernommen, und die Ausrichtung der Person auf diesen Sinn hin ’selbst-verständlich‘, dann – und erst dann – ist es hilfreich, die wichtigen Akteure der Psyche ans Werk zu lassen: Motive, Absichten, Planungen, Handlungen.