Coronale Intuition

‚Das sagt mir mein Bauchgefühl‘, ‚irgendetwas stimmt da nicht‘, ‚ich habe einfach gespürt, dass ich das so machen sollte‘ – auf solche Art und Weise meldet sich der orbitofrontale Cortex im Stirnlappen beim Mensch, oder kurz: die Intuition.

Sie ist die Fähigkeit, ohne logisch schlussfolgernden Gebrauch des Verstandes zu Einsichten und subjektiv stimmigen Entscheidungen zu gelangen. Als unbewusstes Wissen, das sich sehr schnell den Weg ins Bewusstsein bahnt, steuert die Intuition menschliches Verhalten. Zugrunde liegen meist einfache Prinzipien, Faustregeln oder eine Art innere Statistik – im Impfkontext folgenden Gegner der Prozedur allzu oft der Wiedererkennung von Entscheidungsmustern in ihrer sozialen Blase. Gibt es im Freundes- oder Bekanntenkreis Menschen, die sich in gleicher Weise verhalten, dann ‚muss da ja etwas dran sein‘ oder ‚ein Fünkchen Wahrheit wird schon dran sein, dass Impfen schlecht ist‘. Eine andere Faustregel ist das Namenserkennungsprinzip. ‚Nur, was der Bauer kennt, isst er‘, so der Volksmund und so entscheiden viele Menschen intuitiv das, was sie eben kennen. Und wenn sie jemanden kennen, der etwas nicht kennt, aber in seiner Unkenntnis dennoch entscheidet, dann folgen Menschen diesem häufig eher als sich vorzubehalten, zuerst jemanden kennenlernen zu wollen, der sich Kenntnis aufgebaut hat und danach auch entscheidet. Und so, wie Millionen dann die Primärkompetenz eines Fußballtrainers anzweifeln, so zweifeln dann auch Millionen die Kompetenz von Virologen an.

Intuition ohne Selbstzweifel bezüglich dieses Nichtwissens führt zwar zu schnelleren Entscheidungen, oft aber eben auch zu Fehlentscheidungen, zu schlichter Dummheit oder im Impfkontext eben auch zuweilen zum Tod.

Die Intuition in existenziellen Fragen aktiv austricksen zu können und zum Beispiel nicht dem Gespür nach eine Beziehung einzugehen, Aktien zu kaufen, eine Führungsrolle anzunehmen oder ein neues Medikament einzunehmen oder abzulehnen, ist trainierbar. Dabei soll die Intuition nicht abtrainiert werden, denn in vielen Alltagssituationen, die mit begrenztem Verstand und begrenzter Zeit zu gestalten sind, ist sie ausgesprochen hilfreich. Sich zu verlieben sollte durchaus der Intuition vorbehalten bleiben, wenn es aber um die Frage geht, ob und mit wem eine Familie gegründet werden soll, dann ist der mentale Sprung in den Verstand eher die Methode der Wahl – es sei denn, man fordert das Glück heraus.

In einer hochkomplex gewordenen Welt nur auf die Intuition zu setzen, erscheint daher waghalsig, naiv und gefährlich. Nur auf die Karte des Verstandes zu setzen, erscheint aussichtslos, anstrengend und unspontan. Man muss also lernen, wann man sich auf seinen sechsten Sinn verlassen kann, und wann man besser [länger, perspektivenreicher und außerhalb der eigenen sozialen Blase] nachdenkt. Denn: Am besten sind intuitive Entscheidungen dann, wenn man in einem Themenfeld viele Erfahrungen gesammelt hat. Beim Autofahren zum Beispiel, selten aber beim Thema Impfen, um das aktuelle Lieblingsthema vieler Deutschen noch einmal aufzugreifen.

Dass es mit der Intuition dann irgendwann auch einmal vorbei ist, zeigt die Bereitschaft von vielen, sich impfen zu lassen, weil durch 2G-Regeln der Sozialkontakt erheblich begrenzt wird. Wenn dann der Verstand doch noch eingreift und entscheidet, dass es wohl schlauer ist, mit seinem Leben etwas Sinnvolleres anzufangen als zu Hause zu hocken und ungeimpft auf einen Freedom-Day zu warten, der womöglich deshalb noch Jahre auf sich warten lässt, eben weil die Fraktion der ‚intuitiv Unwissenden‘ ihrem Verstand keine Chance gibt. Ich persönlich habe [noch] Vertrauen, dass die  Größe dieser Fraktion kontinuierlich dahinschmilzt. Damit diese Schmelze etwas zügiger verläuft, dafür könnte 2G-überall dienlich sein …