Gefundener Sinn eskaliert sämtliche Zwecke

Als Logotherapeuten und Logocoachs arbeiten wir sinnorientiert. Also dafür, dass Menschen Wege zur Sinnerfüllung entdecken und die gefundenen dann beleben. Vor einigen Jahren, als wir noch Beratungsleistungen in und für Unternehmen erbrachten, stand eine andere Perspektive im Vordergrund. Damals wurde darüber gerungen, welchem Zweck die jeweilige Organisation in der Zukunft wohl zu dienen habe. Welchem gesellschaftlichen Zweck soll das unternehmerische Handeln untergeordnet werden? Bricht man diese Frage ganz weit herunter, so folgen die meisten Unternehmen dem Zweck, für die Bedürfnisse von Menschen einen Beitrag zu leisten. Wer Schrauben für Pipelines entwickelt, schafft ein Puzzleteil dafür in die Welt, um zum Beispiel die Wasserversorgung irgendwo auf der Welt zu verbessern. Am Ende (oder am Anfang) eines solchen Vorgehens steht etwas Gesolltes. Ein Sinn. Leiste einen Beitrag für den Lebenserhalt von Menschen.
Über alle erdenklichen vorangehenden Prozessketten hinweg hat nun der Metallbauer die Schraube in der Hand. Gefragt, wozu dieses Bauteil gut ist, wird er wohl mit seiner Expertise auf die Pipeline verweisen, dahinter wohl auf das Unternehmen, das damit Geld verdient, dahinter wohl auf ihn selbst, der damit auch sein Geld verdient. Und schon ist das Eigentliche (das Gesollte, der Sinn) aus dem Blick, das Wesentliche (das Worum geht es mir als Metallbauer) aus dem Gefühl und das Wichtige (das Warum fertige ich die Schraube) als Zweckdenken in den Vordergrund gerückt.

Sinn und Zweck stehen so sprachlich zwar oft eng zusammen, sind sich aber doch so fern. Will sagen: Erster ist in der Welt, er kann nicht gemacht oder konstruiert werden. Nach dem Zweiten kann sich eine Person ausrichten, muss es aber nicht. Nicht selten wird das Eigentliche gar nicht erst gesucht, sondern der Blick bleibt beim Zweck stecken. Dann denkt sich ein Unternehmen, dass es doch für sich genommen bereits sinnvoll wäre, das zwanzigste Joghurt auf den Markt zu bringen. Dass dieser unternehmensgemachte Denkfehler heute stärker denn je von Menschen – immer öfter auch gerade von denen, die in diesen Unternehmen arbeiten – gefühlt wird, ist für uns in Ausübung unserer Rolle offenkundig. Warum? Weil eben viele Menschen in der Therapie oder im Coaching nach dem Worum, nach dem Eigentlichen ihres Daseins fragen.

Unsere Klienten bringen ihre Sinnorientierung mit, weil sie fühlen, dass es da mehr geben muss als den reinen Zweck, der von Unternehmen kaschiert und als Sinn verkauft oder kommuniziert wird. Damit das Spiel gelingt, laden sie Menschen ein, sich doch selbst ihren Sinn zu konstruieren und tarnen dies dann als Aufruf zur Selbstverantwortung. Am Ende dieses Spiels bleiben dann oftmals Menschen als doppelte Verlierer zurück. Zuerst haben sie die Fähigkeit verlernt, das Eigentliche zu entdecken und dann verlieren sie das Gefühl, überhaupt die ihnen anempfohlene Selbstverantwortung übernehmen zu können, eben weil ihre Konstruktion von Sinn scheitert, da es ihn ja bereits gibt und er nicht konstruiert werden kann. Was letztlich übrigbleibt, sind seltsame Sprachverdrehungen, die auch dadurch nicht besser werden, nur weil sie massenhaft genutzt werden.

Aktuell ist es die (falsche) Nutzung des Begriffs ‚purpose‘ für Sinn, und wir als Logotherapeuten sind gespannt, was als nächstes kommt bis vielleicht irgendwann in grauer Zukunft es ein Einverständnis der ökonomischen Elite dafür gibt, endlich diesen Unsinn vom Sinn zu beenden und ‚sich einmal ehrlich zu machen‘. Ehrlich zu machen für den ‚Zweck‘ (purpose). Ein Unternehmen bezweckt dann einfach, mit seinen Schrauben Geld zu verdienen. Diesen Zweck kann sich auch jeder Mensch, der in einer solchen Unternehmung arbeitet, konstruieren. Egal, ob eine Schraube, ein Joghurt, ein Design, eine Finanzdienstleistung, ein Weihnachtsbaumengel – einem Zweck dienen alle Produkte und Dienstleistungen. Ob hinter diesen Zwecken etwas Eigentliches – ein Sinn – steht, das bleibt offen – wenngleich: er ist.

Und diesen Sinn, der ist, kann entdecken, wer über eigene Bewusstheit verfügt – entdecken kann Sinn also nicht ein Abstraktum, wie zum Beispiel ein Unternehmen. Rückt man als im Beruf stehender Mensch von seiner Sinnorientierung ab [vielleicht, weil man in den täglichen Aufgaben keinen wahren Sinn mehr entdecken kann], so bleibt [immerhin und hoffentlich] die Zweckorientierung. Legt man hier als basalen Zweck jeder Organisation das Überleben ebendieser Organisation zugrunde, dann wird in einem kapitalistischen System der Einsatz von Mitteln nachvollziehbar, die eher mehr als weniger einen Gewinn in Aussicht stellen. Keinen Gewinn zu erwirtschaften stellt irgendwann den Zweck des Vorhabens eines Unternehmens in Frage, niemals jedoch das per se gegebene Gesollte. Zum Beispiel keinen Gewinn mit Kohleabbau zu erwirtschaften, hat demnach irgendwann eine absehbare Folge. Dennoch wird damit das per se Gesollte [einen Beitrag zur umweltbewussten Energieversorgung zu leisten] nicht getilgt.

Jemand, der diese beiden, Sinn und Zweck, mit einem Kunstgriff zusammenfallen ließ, war Niklas Luhmann. Er stellte Sinn als etwas heraus, das für die Konstitution von sozialen Systemen nach seiner Sicht bedeutsam ist: „Mit dem Begriff Sinn soll eine bestimmte Selektionsweise bezeichnet werden, nämlich eine Selektion, die das ‚Woraus‘ der Wahl präsent hält und dadurch die Möglichkeit hat, ihre eigene Selektivität zu kontrollieren. Sinn ist punktualisierter Ausdruck für Komplexität, ist Reduktion und Erhaltung zugleich und genau dadurch für Systembildung adäquat, daß die Totalität des Möglichen nicht aufgegeben, aber rekonstruiert wird als dies (-und-anderes): als Selektion von Relevanz. Man kann sich vorstellen, daß diese Struktur sich einlebt als Konsequenz organisch bedingter kontinuierlicher Input-Überlastung.“ Einfacher ausgedrückt: Komplexität ist immer. Individuell ist sie zuweilen überlastend. Lasten gilt es punktuell zu mindern, weil eine allgemeine Entlastung der Dynamik von Systemen nicht entspricht. Damit das klappt, selektiert ein Mensch und nennt das dann Sinn. Hmm, warum nicht Zweck, denn es ist doch für das ‚Überleben‘ des Menschen zweckdienlich, ein Zuviel von Belastungen zu senken. Das wusste auch schon Viktor Frankl, wenn er dazu riet, Leid sofort zu mindern, wenn dies möglich ist – aber, wenn dies nicht möglich ist, das Leiden nicht als Selbstzweck zu verstehen, denn als eine Aufgabe zur Transzendenz.

Letztlich reiben sich alle Perspektiven, die Sinn zu etwas benutzen wollen, an der Sichtweise Frankls, bei der nicht der Mensch sein Leben zu befragen hat, was es denn Sinnvolles für ihn bereithält [ggfls. etwas, was die Komplexität in seiner aktuellen Lebenswelt reduziert], sondern dass der Mensch von seinem Leben befragt wird, was er in seine Lebenswelt hineinschaffen kann. Diese Perspektive ist damit grundsätzlich handlungs- und verantwortungsorientiert, nicht naiv oder weltfremd, weil es die individuellen Bedingungen, die Menschen haben, durchaus würdigt, nur sie eben nicht zum Maßstab dafür macht, dass ein Mensch sich diesen Bedingungen ohnmächtig hingibt. Luhmann versucht hingegen aus seiner Leitidee, alles sei Kommunikation, eine Sinngrenze dahingehend zu entwerfen, indem er auf ein Verhältnis von möglichen Aspekten (in der Umwelt) zu relevanten Aspekten (im betrachteten System) hinweist. Er versteht daher Sinn als „Bezugspunkt von Interpretationen, die ihrerseits als bestimmende Aneignung durch ein Subjekt begriffen werden.“ Was wohl so viel meint wie, der Mensch ist seines Sinnes Schmied, seine Interpretation zielen hin auf Sinn und letztlich: der Mensch macht sich mittels Kommunikation Sinn.

Wenn man Sinn derart utilitarisiert, darf man sich der Frage ausgesetzt sehen, inwieweit man damit dem Selbstoptimierungsstress innerhalb der Gesellschaft weiteren Vorschub leistet. Denn es liegt nahe anzunehmen, dass sich Unternehmen auf den Weg machen, ihren Mitarbeitenden die ‚Interpretation‘ des vermeintlich Sinnvollen zu ‚erleichtern‘, zum Beispiel durch ‚sinnstiftende Arbeitsumgebungen‘, ‚Feelgood-Abteilungen‘ oder andere Sinnigkeiten mehr. Ganze Heerscharen von Beratern und Think Tanks bemühen sich bereits darum, Unternehmern zwar deutlich zu machen, dass die Wahrnehmung von Sinn dem Subjekt vorbehalten sei, es aber vielleicht doch helfen könne, diese Wahrnehmung mittels Selektionshilfen zu erleichtern. Das dahinter stehende Menschenbild, das vielleicht auch verstanden werden kann als: Wir verstehen den Menschen als nach einer Vormundschaft seiner Sinnwahrnehmung strebenden Wesen, zeigt im Kern die Angst vieler Unternehmen an, Arbeitskräfte im hart umkämpften Wettbewerb zu verlieren.

Dabei wäre die Antwort doch einfach. Wir als Unternehmen wollen überleben, das ist unser primärer Zweck. Damit das gelingt, müssen wir etwas leisten, was Menschen, in welcher Rolle, wie und wo sie mit uns auch immer zusammenarbeiten, als bedeutsam und wichtig ansehen. Diesem Zweckdenken müssen wir unsere zweckdienliche Leistung zur Seite stellen. Fühlt sich ein Subjekt aufgerufen, das Zweckdenken eines Unternehmens in Frage zu stellen, so stehen kontextuell, situativ und systemisch verschiedene Wege der Kritik am Zweck zur Verfügung. In höchster Instanz jedoch kann ein Subjekt das, wofür er sich aufgerufen fühlt durch Anrufung an sein Gewissen geltend machen. In diesem Moment fühlt das Subjekt die Notwendigkeit, seine Einstellung nicht an einem Zweck, sondern an Sinn auszurichten. Kurz: Nicht die Summe aller, fraglos meist auch gut gemeinter Zwecke zum Erhalt von Leistungskraft, Wohlbefinden, Kreativität usw. ergibt Sinn. Vielmehr eskaliert gefundener Sinn alle Zwecke.

Wer sinnorientiert lebt, hat seine Weltoffenheit und den Sinn, den es in dieser Welt stets gibt, aktiviert. Wer Sinn in dieser Lebenswelt finden will, fragt nach dem Worum (hat es mir nun zu gehen). Wer dieses Worum kennt, ist kein besserer Mensch, aber – so unsere therapeutische Erfahrung – ein sinnorientiertes und selbstgesteuertes anstatt eines rein zweckbewussten Wesens, denn „bloßes Überleben kann nicht der höchste Wert sein. Mensch sein heißt ausgerichtet und hingeordnet sein auf etwas, das nicht wieder es selbst ist. [Frankl]“

Fazit: Weltoffenheit und Zweckdenken sind in vorgestelltem Verständnis handlungssteuernd. Während das Erste jedoch ohne das Zweite auskommt, wird das Zweite ohne das Erste schnell zum Selbstzweck. Zweckdenken kann solange erfreuend auf eine Person wirken, solange sie psychisch [emotional und kognitiv] einzuschätzen vermag, einen bedeutungs- und wertvollen Teil zu einem Beitrag zu leisten, den sich ein [privates oder berufliches] System zum Ziel gesetzt hat. Ob das subjektiv Erfreuende sich im Hintergrund auf einen objektiven Sinn stützt, bleibt meist solange nichtthematisiert, bis sich die Person die Frage meint vorlegen zu müssen, worum es ihr jetzt zu gehen hat. Diese Frage unbeantwortet zu lassen, kann alsbald in verschiedene Formen dysfunktionaler bis pathologischer Selbstzweckorientierung führen. Sie sich immer wieder im Leben aktiv vorzulegen hingegen ist nach unserer Einschätzung die best-practice-Handlung im Sinne einer individuellen Krisenprävention.