Bei Krisen zu intervenieren ist wie bei einem Radio eine Art Sendersuchlauf

Intervenieren meint soviel wie ’sich einschalten‘ und ‚vermitteln‘. Dazu braucht es im Kontext einer individuellen Krisenbewältigung eine Person, die – wie bei einem Radio – den für ihr gelingendes Leben unpassenden Sender eingeschaltet hat und [mindestens] eine Person, die gewissenhaft bestrebt ist, dieser Person zu helfen, einen geeigneteren Sender einzustellen. Wir nennen dies in der von uns praktizierten Logotherapie die Suche nach einem geeigneten ‚Einstellungswert‘.

Damit ein solcher Einstellungswert gefunden werden kann, braucht es in der Krisenintervention häufig zu Beginn klärende Worte des Therapeuten, damit die Klientin oder der Klient einen klareren Kopf für die Wertearbeit bekommt. Diese Klärung ist wichtig in der akuten Krisenphase. Zu ihr gehören der Vertrauensaufbau hinsichtlich der Person des Therapeuten, seines Menschenbildes und seiner Weltanschauung und erster Regeln, die der Klient zu befolgen hat, damit aktuelle kontraproduktive Handlungsabläufe unterbrochen werden (insbesondere wichtig bei selbstschädigendem Verhalten). Auch eine Klärung, wer oder was zum Krisengeschehen mittel- und unmittelbar beiträgt, wer oder was dazugehört, wer oder was mittel- und unmittelbar helfen kann, gehören an den Anfang der Intervention.

Was zwischen Klient und Therapeut steht, ist in der Regel ein spezifisches Thema und ein Zustandsgefühl, die der Klient äußert. Beide führen ihn in eine aus seiner Sicht ausweglose Situation – das Lebensradio knackt, kracht und knirscht, Die Therapie wird somit zum Suchfeld der passenden Frequenz, von der der Logotherapeut qua sinntheoretischen Unterbaus weiß, dass es sie gibt, dem Klienten es jedoch mit seiner ihm individuellen Gegenwartsbewusstheit nicht gelingen kann, das verfügbar Sinnvolle zu entdecken. So bleibt ihm die Sehnsucht nach einem Ende des Leids, der verschiedenen Losigkeiten und seiner Mühe. Verständlich, sind die Themen oftmals existenziell: Krankheit,Tod, Abschied,Trennung. Nachfühlbar, sind die Emotionen oftmals überwältigend.

Dennoch: Klärung, Transparenz und Einfühlung an den Anfang gestellt, ermöglicht dies dem Klienten alsbald, zu handeln. Handeln, im Sinne eines ‚den Regler des Lebensradios in die Hand zu nehmen und die passende Frequenz zu suchen‘.

Die Unterstützung des Klienten erfolgt dabei sowohl rational und methodisch geleitet wie auch gefühlebahnend und beruhigend. Hat der Klient das Empfinden, seine Therapeutin oder sein Therapeut würde ’schwimmen‘, einen Prozess ohne Fundament gestalten oder ihn von einem Experiment ins nächste führen, wird die Abwendung nicht lange auf sich warten lassen. Jeder Klient hat das Recht darauf, dass auch in schwerster Situation eine Begleitung methodisch fundiert und  professionell gerahmt erfolgt.

Wie gehen wir vor, was ziehen wir zu Rate:

Schritt 1: Klärung
Diagnose des Aktuellen und Akuten:
Klärung des Zustandsgefühls, der systemischen Komponenten der Krise, des Eskalationsgrads [entlang des Konfliktmodells von Glasl], der Biografie von Person und Krise

Schritt 2: Auftrag
Fokussierung auf das Wesentliche [Benennen der Krise in einem Satz mit wenigen Worten], das eigentliche [Lebens-]Thema, den bisherigen Umgang [entlang der Krisenspirale von Schuchardt], methodische Unterstützung mittels psychometrischer Verfahren

Schritt 3: Stärkung
Der Person des Klienten neben dessen Gefühlen, Zweifeln oder Selbstabwertungen ein zweites Feld eröffnen: Stärken. Methodisch erfolgt dies durch Filterung von Gesprächsinhalten des Klienten hinsichtlich von ihm genannter Werte- oder Sinnbotschaften.

Schritt 4: Deutlichkeit
Am Ende des Tages zählt nur die Handlung. Dieser Leitsatz unserer Logotherapie ist jetzt wichtig. Der Klient tritt aus dem Fokus der Erkenntnisorientierung heraus und in das Feld der Handlungsorientierung hinein. Der Klient lernt den Zusammenhang von „Gesolltem – Sinn – Gegenstandsgefühlen“. Bei diesem Schritt ‚klapperts und rappelts‘ – die Wiederholungen des bereits Erarbeiteten hilft dem Klienten, sich zu vertrauen und seine neue Frequenz nach und nach zu justieren und klarzustellen.

Schritt 5: Sicherung
So wenig wie möglich Hyperreflexion des Gewesenen – mit diesem Plädoyer für die Handlung nach vorne ins Leben ist auch verbunden, dem Klienten zuzuhören, wenn er seine Ideen, seine Erlaubnissätze, seine Entscheidungen vorträgt. In der Regel verlässt der Klient hier das Feld der Therapie und tritt ein in ein Feld des Mentorings. Wo gibt es Stolperfallen, was sind mögliche Lern- und Beziehungsfelder, wo sind noch Hemmungen – wer hier angekommen ist, hat die Krise schon überwunden und arbeitet an menschlichen ‚Problemen‘.

Schritt 6: Wahrung
Jedem Menschen in einer Krise geht es vorrangig und unmittelbar darum, für sich und die gegebenenfalls mitbetroffenen Personen wieder Sicherheit und Handlungsorientierung zu finden. Sind die ersten Schritte gegangen, so gilt es nun, die Neuausrichtung im Leben zu stabilisieren, das Geschehene kommunikabel und das Werdende widerstandsfähig zu machen. Dies ist deshalb wichtig, weil Neuausrichtungen eines Menschen nicht selten zu Irritationen bei denen führen, die manche Hintergründe der Krise nicht kennen oder die sich nach ihrem bisherigen hilfreichen Einsatz nun womöglich indirekt durch die Entscheidungen der Person beeinträchtigt fühlen (man denke zum Beispiel an räumliche Veränderung einer Person, die auch Trennung von Menschen zur Folge haben können, die den Wegfall der Beziehung nun ihrerseits problematisieren und die Person versuchen, von ihrer Entscheidung abzubringen].

Schritt 7: Ausklang
Einen Menschen durch eine Krise begleiten heißt auch zu wissen, wann die Begleitung zu enden hat. Das kontextualisierte Vertrauensverhältnis in eine einfache, gute zwischenmenschliche Beziehung übergehen zu lassen, hilft dem Klienten, zurückzukehren in die eigene Freiheit und Verantwortung, die an sich ohnehin nie verloren waren, die mit ihnen verbundenen Gefühle nun aber allzu deutlich wieder in Vorschein treten. Manchmal helfen bei diesem Schritt knappe Vereinbarungen, die es der Person ermöglichen, den Kontakt zum Therapeuten wieder herzustellen, wenn Unsicherheiten zu Tage treten oder völlig neue Problemstellungen aus der Neuausrichtung erwachsen. Letztlich aber gilt es auch jetzt, mit dem Klienten den Blick nach vorne zu richten, denn wie Kierkegaard einst wusste: Das Leben wird rückwärts verstanden, aber es wird nach vorne gelebt.