Charakterperspektiven

Ein weites Arbeitsfeld im Kontext psychotherapeutischer Menschenbilder besteht in der Theorie der Entwicklung von Charakter. Dabei lag vor hundert Jahren der Schwerpunkt darauf, pathologische Charakterzüge ausfindig zu machen und zu beschreiben. So schrieb einst Wilhelm Reich, zum ‚phallisch-narzisstischen Charakter gehören fast alle Formen der männlichen und weiblichen Homosexualität, Paranoia und die verwandten Formen der Schizophrenie sowie manifest sadis­tisch-perverse Männer‘. Was heute in diesem Kontext längst wissenschaftlich überwunden ist, hatte seinerzeit gesellschaftliches Spaltungs- und therapeutisches Selbstüberschätzungspotenzial.

Heute sind dank der Einflüsse insbesondere der Verfahren der Humanistischen Psychologie Therapeuten weniger analysierend und deu­tend unterwegs, sondern mehr und mehr ganzheitlicher und empathischer in ihrer Rollenausübung. Dies wiederum hat Auswirkungen darauf, wie ein Therapeut auf das Charakteristische einer Person schaut, die über ihre psychischen Belastungen berichtet.

Eine Perspektive besteht dabei darin, das ‚Warum‘ eines Charakterstils zu beantworten. Der amerikanische Psychologe Daniel Stern zum Beispiel sieht im Charakter eine Art Bewältigungsstrategie für den Umgang mit Mängeln der Bedürfnisbefriedigung. In der körpertherapeutischen Arbeit, zum Beispiel nach dem tiefenpsychologischen Konzept des Hakomi, entspricht der Charakter einem äußerlich beständigen und innerlich dynamischen Persönlichkeitsgebäude, das über den Körper die Steuerung anzeigt, mit der ein Mensch Belastungssituationen, insbesondere aber die jeden Menschen konfrontierenden Grundthemen, verarbeitet. Für das Hakomi-Konzept sind dies die Themen Abhängigkeit, Sicherheit, Authentizität, Wert und Sicherheit. Beim Thema ‚Sicherheit‘ beispielsweise wird über die Betrachtung der Instanz ‚Körper‘ herausgearbeitet, wie charakteristisch ein Mensch auf die Fragen antwortet, wie und wie sehr er sich der Welt anvertraut, wie er Nähe und Distanz gestaltet, welche Lebenserfahrungen auf das Konto Eingebunden-sein, Sicher-sein versus Isoliert-sein, Bedroht-sein eingezahlt haben.

In der existenzanalytischen Arbeit im Rahmen der Logotherapie wird mit dem Begriff des Charakters anders umgegangen. Den Hintergrund dafür bildet in den 1930er Jahren die Tätigkeit Frankls in einem psychiatrischen Krankenhaus in Wien. Dort sprach er mit Hunderten sehr kranker und schwer depressiver Personen und verglich diese Gespräche mit denen, die er mit gesunden Personen führte. Das Ergebnis war interessant, denn auch diese berichteten durchaus von traumatischen Situationen, Enttäuschungen und psychischen Verletzungen. So erkannte er, dass es sowohl  pathogene als auch protektive Faktoren geben musste, die in der Lage waren, als Schutz vor starker psychischer Belastung zu fungieren. Er sah, dass offenkundig Sinnfindung und Sinnerfüllung zu diesem Schutz führten, in dem die Personen weniger auf erlittenes Leid zurückblickten, sondern vielmehr auf die Gestaltung der Zukunft schauten, initiativ blieben, selbst dann, wenn genetisch veranlagte psychische Charakter-Dispositionen wie zum Beispiel eine Sucht- oder  Depressionsneigung gegeben waren. Frankl konstatierte: einen Charakter hat man, aber er ist nicht essentiell. Wesentlich ist, sich das Selbstgestaltungspotential zu erhalten oder – wie es Frankl metaphorisch einmal ausdrückte – : Die genetischen Anlagen und die diversen Umwelteinflüsse sind wie Baumaterial, das individuell zur Verfügung steht. Manche Menschen haben eine Fülle guten Materials, andere weniger. Doch das ist nicht das Bedeutende. Bedeutend ist, was der Einzelne aus dem, was er hat, macht. „Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet“, hat Frankl gesagt. „Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“