Eigentlich schon

„Eigentlich brauche ich ja kein Coaching, eigentlich habe ich ja keine Krise, eigentlich ist ja soweit alles in Ordnung“ sagt der Klient, und doch sitzt er mir gegenüber. Warum? Warum eigentlich? Will er mir sagen, dass die falsche Person vor mir sitzt, oder dass er nur nicht weiß, welchen Anteil am Problem ihm gehört? Meint er, dass er Besseres zu tun hat, etwas anderes braucht oder dass er von jemandem gedrängt wurde? Als Coachs und Therapeuten erleben wir recht häufig, dass Klienten durch bestimmte Formulierungen ihre Aussagen relativieren und unscharf machen. So drückt ein Klient durch häufige „Ja, aber“-Sätze aus, dass er auf der Stelle tritt („ja, Sie haben Recht, dass es besser wäre, nicht so unter Zeitdruck zu stehen, aber ich denke, dieser Stress gehört einfach dazu“). Auch das ‚eigentlich‘ ist ein solcher Weichzeichner. „Eigentlich-Sätze“ können verwirrend wirken und beim Hörer des Satzes eine Art Trance induzieren. Das Wort klingt mysteriös und wie ein Versteckspiel. Eigentlich (weiß ich etwas), aber eigentlich (verrate ich es nicht), denn eigentlich (weiß ich doch nicht …). Der Chamäleoncharakter des Begriffs und die durch ‚eigentlich‘ entstehende Mehrdeutigkeit der Aussage machen das, worum es wirklich geht, schwer fassbar.

Viele in Coaching oder Therapie verwendeten „Eigentlich-Sätze“ drücken eine Ambivalenz des Klienten aus. Daher müssen sie hinsichtlich des gemeinten Sinns überprüft werden. zum Beispiel durch die Umkehr des Eigentlich-Satzes. „Eigentlich will ich so nicht mehr arbeiten“, wird dann zu: „Ich will so nicht mehr arbeiten.“ Eine alternative Aussage des Eigentlich-Satzes kann hervortreten, wenn wir das „eigentlich“ durch „im Grunde“ ersetzen: Im Grunde will ich mit dieser Arbeit aufhören. Dies kommt der ursprünglichen Bedeutung von „eigentlich“ zwar nahe, ist allerdings oft von Klienten so nicht gemeint. Hilfreich kann nach einem „Eigentlich-Satz“ die Nachfrage sein: „Und was wollen Sie uneigentlich?“

Ursprünglich stammt „eigentlich“ von dem altgermanischen und mittelhochdeutschen Wort „eigen“ ab mit der Bedeutung ‚in Besitz genommen, besessen‘. Diese Bedeutung findet sich noch in ‚leibeigen‘. Später meinte es „ausdrücklich bestimmt, ursprünglich, wirklich, genau genommen“. Die letzte Silbe ‚-lich‘, stammt aus dem Mittelhochdeutschen und war ursprünglich ein selbstständiges Wort. Aus demselben Stamm leitet sich das Wort Leiche ab (Körper, Gestalt). So wird aus eigen und -lich die Umschreibung von: „die Gestalt des Wirklichen habend“.

Von den vielen verschiedenen Bedeutungen, die „eigentlich“ haben kann, sind zwei für den Coach und Therapeuten besonders wichtig. ‚Eigentlich‘ im Sinne des Ursprünglichen, des Wirklichen, des Genau-Genommenen, des Im-Grunde-und-bei-tieferer Überlegung-Gemeinten und im Sinne einer verwirrenden, Bedeutung kaschierenden, vagen Aussage. Um im Gespräch nicht in die Irre zu laufen gilt es, den gesamten Kontext [Körpersprache, Betonung, vorangegangene und folgende Sätze, Häufigkeit, inhaltlicher Rahmen] zu beachten, in den ‚eigentlich‘ eingebettet ist. Wenn das gelingt, dann macht es ‚eigentlich‘ Spaß, sich den Horizont der Gestalt des Wirklichen zu erarbeiten.