Kein Plädoyer für Selbstreflexion

Wussten Sie das schon? Der Begründer einer der weltweit größten psychotherapeutischen Schulen, Prof. Dr. mult. Viktor Frankl, hielt Selbstreflexion für wenig hilfreich. Wie das? Wird doch in jeder Psychotherapie gerade dazu angeregt. Seltsam, oder?
Die Begründung ist gar nicht mal so schwierig zu verstehen. In Frankls Menschenbild wird dargelegt, dass grundsätzlich nicht über die Person gesprochen werden kann, sondern nur zu ihr. Zu ihr zu sprechen meint, dass ‚Person‘ keine feststellbare, beobachtbare oder substantielle Größe im Menschen ist. Vielmehr ist das Wesen der Person ihre ‚Selbsttranszendenz‘, ihr ‚Über-sich-Hinausgehen‘. Nur wenn sich der Mensch auf etwas oder jemanden ausrichtet, das nicht wieder er selbst ist, ist er ganz Mensch und wird zur Person. Selbstreflexion hingegen verhindert dies, vielleicht nicht immer, aber allemal dann, wenn ein Mensch eine psychisch belastende Lebensphase durchläuft. Gerade dann ist es nicht die ‚Methode der Wahl, sich mit sich selbst über Gebühr zu befassen. Learning: In einer Krise lassen Sie am besten die Finger vom Regal mit den Büchern über Selbstreflexion und Selbsterfahrung. Sie werden damit nicht weiterkommen.

Im Gegenteil: Gehen Sie auf Ihre Lebenswelt zu. In der Hingabe an die Aufgaben der Situation richtet sich der Mensch aus auf ein potenziell gelingendes Leben in der Zukunft. Prospektiv, statt retrospektiv – auch, wenn es leichter erscheint, sich mit dem bekannten Vergangenen zu befassen als mit dem noch unbekannten Leben, das von vorn kommt.

Diese Perspektive einzunehmen ist für viele Menschen im ersten Moment fordernd. Manche haben den Eindruck, in der Logotherapie dürfte man nicht bedauern, betrauern, beklagen, betroffen sein. Doch, natürlich, das darf man. Jedoch mit einem etwas anderen Akzent und zwar nicht mit dem Schwerpunkt: warum ist geschehen, was ich da bedaure, betrauere usw., sondern mit worum hat es mir nun zu gehen, wenn ich bedauere, betrauere, dass usw.  Nicht das Vergangenheits-Warum, sondern das Zukunfts-Worum führt den Menschen wieder ins Person-Sein. Für diesen Perspektivenwechsel sind in der originären Logotherapie mannigfaltige Methoden verfügbar. So Sie also einmal in einer Krise stecken, dann wenden Sie sich gerne an eine logotherapeutisch qualifizierten Gesprächspartner.

„Ganz Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer Sache, ganz hingegeben ist an eine Person. Und ganz er selbst wird er, wo er sich selbst-übersieht und vergisst.“ (Frankl). Mit diesem Menschenbild ergibt sich, dass sich der Mensch nicht selbst zum Gegenstand der Erfahrung machen soll: „Aber nicht nur, dass eine vollendete Selbstreflektion nicht gekonnt wird: sie wird auch nicht gesollt; denn es ist nicht Aufgabe des Geistes, sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln. Zum Wesen des Menschen gehört das Hingeordnet-und Ausgerichtetsein, sei es auf etwas, sei es auf jemanden….“ (Frankl)
Gelingt ihm dies nicht und bleibt der Mensch in der Selbstbespiegelung stecken, dann verfehlt er sich und seine Möglichkeiten, etwas in die Welt zu schaffen. Die Folge davon ist die Erfahrung einer inneren Leere (Frankl nennt dies „existentielles Vakuum“). Der damit verbundene Stress führt den Menschen immer stärker in die Selbstbespiegelung, in die Hyperreflexion und mit ihr in eine ‚Sucht‘, das negative Zustandsgefühl irgendwie auszugleichen. Mit einem solchen Zustandsgefühl zum Beispiel in der Angst, des Ärgers, der Bedeutungslosigkeit, der Lustlosigkeit usw. kommt der Mensch dann vielleicht in die Logotherapie und lernt: „Je mehr der Mensch nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon“ (Frankl)

Negative Zustandsgefühle sind ihrer Natur nach Begleitphänomene eines missglückten Strebens nach Sinn. Kann sich ein Mensch von ihnen nicht distanzieren, stellt sich nach und nach das Empfinden innerer Verarmung ein. Dieser Zustand ist ungesund und selbstschädigend, wenn es dem Menschen nicht gelingt, seine ‚psychische Nabelschau‘ (Frankl) zu beenden und sich vielmehr dem zuzuwenden, was ihm seine Lebenswelt als Aufgabe für gelingendes Leben vorlegt. Die Logotherapie sieht in jedem Menschen ein primäres Streben nach Sinnverwirklichung. Gewinnt jedoch die Hyperreflexion des Psychischen die Oberhand, dann verschließt dies den möglichen Blick auf das, worum es dem Menschen in seiner Lebenswelt gehen sollte. Diesen Blick wieder zu eröffnen ist kein ‚Hexenwerk‘, im Gegenteil: Häufig liegt das Sinnvolle direkt vor den Füßen des Menschen, er müsste nur einen Schritt nach vorn gehen anstatt sich selbstbeobachtend von der Welt abzuwenden und sich in seinen Zustandsgefühlen zu vergraben. Selbstreflexion kann daher einen Menschen von seiner existentiellen Bestimmung wegführen und damit der Auslöser für seelische Krankheitsphänomene werden.

Wer nun immer noch glaubt, sich ’selbst‘, seine Subjektivität durch Beobachtung erfahren zu können, übersieht womöglich, dass sich das Ich nicht zum ‚Beobachtungs-Objekt‘ machen lässt ohne seinerseits ‚Subjekt‘ zu sein und zu bleiben. Das Subjekt bildet somit den ‚Standort‘ der Beobachtung und – Frankl – wo aber Standort ist, kann nicht Gegenstand sein, und „so kann denn auch das Subjekt nie in vollendeter Weise sein eigenes Objekt werden.“ Was letztlich vom Subjekt zu sehen ist, ist ein Artefakt. Frankl dazu weiter: „Und all dies gilt nicht zuletzt auch von aller rückbezüglichen Erkenntnis, von reflexiven Akten […]. An das Ich, an sich selbst kann das Ich nicht ‘heran’: mich selbst intendierend bin ich mir selbst schon transzendent. Wenn auch ganz und gar ‘mein’, ist mein eigener Akt, von mir selbst beobachtet, auch schon nicht mehr ich selbst: schon ist er nicht mehr ‘eigentlich’ ich – schon ist er nur noch uneigentliches Ich. (…) Was auch immer ich (intentional) ‘habe’, das bin ich nicht (bin ich nicht ‘existentiell’). Und umgekehrt gilt wiederum: Was ich (existentiell) bin, kann ich nicht (intentional) ‘haben’. Wie das Subjekt seine Existenz, so hat und behält das Objekt seine Transzendenz.“ Diese Überlegung Frankls ist nicht trivial, markiert sie doch einen spannenden Übergangspunkt vom Geistigen [dem Transzendieren auf etwas oder jemanden hin] zum Gehirngeist [dem mentalen Verstehen, dass es dieses Etwas oder dieses Jemand gibt auf das man sich hinentscheidet].

Wir erinnern, dass Frankl Selbsttranszendenz als Hingabe zu jemandem oder etwas außerhalb seiner selbst versteht. Dieses ‚Gesollte‘, das es braucht, um sich ihm hinzugeben, ist Teil der Lebenswelt der Person. Es ist auch da, gäbe es niemanden, der sich ihm hingäbe. Der personale Akt, sich diesem Gesollten hinzugeben, ist die Folge dessen, dass es dieses Du bereits per se gibt, das auf den Entscheid des Ich, sich ihm hinzugeben, förmlich wartet. Wie sich das Ich auf das Du transzendiert, kann versucht werden durch Klärung von Bedürfnissen, Emotionen, Erfahrungen, Persönlichkeitsmerkmalen usw. genauer erfasst zu werden – solche Betrachtungen adressieren den Gehirngeist, das Mentale, das Verstehen des Wie der Transzendenz. Dass sich das Ich transzendiert ist jedoch der Existenz der Person vorgängig. Transzendenz ist somit das Eigentliche der Person, Existenz das Wesentliche und – ich erlaube mir zu ergänzen – Kompetenz das Wichtige.

Was bedeutet das im Krisenkontext?

  • Es gibt auch in diesem Kontext ein ‚Gesolltes‘. Per se. Unabhängig der Person und der von ihr als solche empfundenen Krise
  • Das Psychische gewinnt in Belastungen schnell die Oberhand und verschließt den Blick auf das Gesollte.
  • Eine Selbstreflexion verstärkt diesen ‚Verschluss‘ noch mehr.
  • Eine Fokussierung auf gegebene Kompetenzen zur Bewältigung einer Krise ist unzureichend.
  • Die Öffnung in die eigene Lebenswelt zur Stärkung der Möglichkeit des Gewahrwerdens des per se vorhandenen Sinns im Leben, des ‚Gesollten‘, ist logotherapeutisch die Methode der Wahl.