Kategorie-Archiv: Krisencoaching

„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 5

Fortsetzung vom 11. August 2016

Herr Vermont steht unter Druck, als zahlenorientierter Manager sucht er nach einer handhabbaren und effektiven Form, um zu einer Verbesserung seiner Situation zu gelangen. Da er seine berufliche Situation klären will, frage ich ihn, welche Ideen er wohl hätte, um die empfundene Unklarheit weiter zu steigern? Neben dem grundsätzlichen Vorteil dieser Intervention, die darin besteht, dass der Klient am Ende erkennt, was bisher noch nicht eingetreten ist, mithin, dass bisher einige mögliche Verunsicherungsstufen vermieden wurden, bietet sich die Frage bei Herrn Vermont an, da er selbst mit einer Portion Humor seine Lage zu Beginn kommentierte. Und so entsteht diese Übersicht:

  • Mich für die Kompetenzentwicklung meiner Mitarbeiter nicht interessieren
  • Informationen über das Image des Unternehmens nicht einholen
  • Ungenaue Delegation von Aufträgen
  • Akzeptanz schwammiger Präsentationen von Angestellten
  • Meetings ohne Stringenz
  • Reden um den heißen Brei herum
  • In Überlegungen über strategische Optionen durch VV oder AR-Vorsitzenden nicht integriert werden
  • Angst vor klarer Positionierung innerhalb des Vorstandes zu haben für den Fall einer Verschlechterung der gesundheitlichen Situation von Tim
  • Bezüglich technologischer Neuerungen nicht up to date sein
  • Den Projektverlauf der Priori-A-Maßnahmen nicht auf dem Radar haben
  • Das Führungsverhalten meiner Direct Reports nicht einschätzen können
  • Die Wirkung der abgeschlossenen Maßnahmen nicht evaluieren können

Nach der Zusammenstellung dieser Übersicht wirkt Herr Vermont erleichtert. Er konnte sich kein Verhalten vorwerfen, das derlei Unklarheiten bisher begünstigt hätte – im Gegenteil, ihm erschien gerade sein Klarheit schaffendes Vorgehen in der Unternehmenssituation als erforderlich. „Und von Ihren Vorstandskollegen, Ihren an Sie berichtenden Mitarbeitern und dem AR-Chef haben Sie dazu ja auch keine Kritik gehört, oder?” „Nein, aber Sie wissen doch, wie schnell sich das Blatt wenden kann, wenn es eine Lobby erst einmal geschafft hat, sich gegen einen zu verbünden.”

Andreas Vermont sieht in Bezug auf die unklaren Einflussfaktoren seine Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Wo soll er ansetzen, wie soll er vorgehen, wer spielt in diesem System, das er ja noch nicht so gut für wen eine Rolle? Herr Vermont steht zweifelsohne unter Stress. Die Situation schätzt er als belastend, kaum kontrollierbar und unvergleichbar mit seinen bisherigen Lebenserfahrungen ein, sein Bewältigungsrepertoire hält er für ‚zahnlos‘, seine Energie aufgrund der privaten Vorkommnisse für erschöpft.

„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 4

Fortsetzung vom 7. August 2016

Die Erzählungen von Herrn Vermont zeigen mir bis hierhin eine Perspektive, die geprägt wird durch seine Autonomie in Entscheidungsprozessen, seinen schnellen und verstandesbetonten Zugang zur Welt, seine Erfolgsorientierung, ein Streben nach materieller Sicherheit und den Wunsch, dass seine Umgebung positiv auf ihn reagiert und dies für ihn Ausdruck des Selbstwertes ist. Aus verschiedenen ‚diagnostischen‘ Brillen, die ich während unseres Gespräches aufsetze, nehme ich einen Menschen wahr, der extrovertiert auftritt, intuitiv spürt und autodidaktisch lernt, nach Faktenlage eine Situation beurteilt und einen Struktur und Sicherheit schätzenden Lebensstil pflegt. Ich nehme einen Menschen wahr, der Präferenzen im analytischen, konzeptionellen und strukturierenden Denkstil zeigt, während das soziale, auf zwischenmenschliche Belange fokussierende Denken weniger deutlich zu Tage tritt. Auf der Bewusstheitsebene [vgl. Beiträge zum Konzept Spiral Dynamics auf dieser Webseite] orte ich Herrn Vermont stark im Ordnungs- und im Leistungs-Mem.

In Bezug auf seine Kommunikationsbedürfnisse höre ich schließlich aus dem Sprachduktus von Herrn Vermont einen Menschen sprechen, dem es um Genauigkeit des Sachinhalts, um zügige Umsetzung in Handlung und um einen lebendigen Austausch geht, bei dem ‚auch nicht zum Lachen in den Keller gegangen wird‘. Andreas Vermont bestätigt meine Wahrnehmungen und reflektiert, dass er sich damit doch auch recht wohlfühle, viel erreicht habe und es sicher Lebenswege gäbe, die weniger Zufriedenheit und Glück widerspiegelten als sein bisheriger.

Und doch – akzeptiert Herr Vermont meinen als Frage formulierten Hinweis – gibt es nun das vage Gefühl, dass eine Schwelle im Leben erreicht ist, die nun vom ihm verlangt, etwas zu entwickeln, was ihm vorher noch nicht möglich war. „Ja, das sehe ich auch so. Es ist für mich so, als wäre mein Leben gerade im Zustand einer Primzahl. Wie ich auch über die entstandene Situation denke, ich komme nicht weiter als bis zu meinen Gedanken, und ich sehe auch nicht, auf welche
Gedanken ich so recht verzichten kann.” „Also können wir festhalten, dass Ihre Gedanken Ihnen für das Jetzt eine nur unzureichende Klarheit erzeugen? Dass es etwas Neues braucht, damit künftige Gedanken wieder klar werden?” „Stimmt. Was könnte das sein?”

Ich spüre die Eile in den Worten von Herrn Vermont und ich nutze die Metapher des Weges, den wir gerade gegangen sind und der auf sein Ende zusteuert. „Wir sind nun einige Zeit durch Ihr Leben spaziert. Sie sind 43 Jahre alt, Sie sind also ‚eine Primzahl alt‘. Das, was war, auf seinen Einfluss auf die Gegenwart hin zu untersuchen, wäre sicher möglich und vielleicht auch erhellend. Dennoch möchte ich Ihnen einen anderen Weg vorschlagen. Im kommenden Jahr sind Sie 44 Jahre alt, diese Zahl können Sie durch 1, 4, 11 und 44 teilen. Ihr ganzes Leben ist die 1, dieses Leben ist ein Original, es gibt es nur einmal. Die 4 repräsentiert die Ganzheit, wenn wir zum Beispiel an die vier Jahreszeiten, die vier Himmelsrichtungen, an den Vierklang Empfinden-Fühlen-Denken-Handeln oder an Physis-Affekt-Kognition-Nous denken. Zur karnevalistischen Zahl 11 haben Sie über Ihre Mutter als Kölnerin ja ohnehin eine gewisse Verbindung, und so manche Humoreske, die Sie in Ihrer Lebenserzählung einbrachten, zeigt mir an, dass es in unserer Zusammenarbeit auch darum gehen kann, trotz der Belastung, die Sie zweifelsohne haben, den Weg zum Humor stets offenzuhalten. Und so könnte das 44. Lebensjahr das Jahr werden, in dem Sie aus ganzheitlicher Sicht und einer freudvollen Stimmung heraus Ihr Recht auf ein gelingendes Leben konstruktiv durchsetzen.”

Herr Vermont greift das Zahlenspiel auf und meint, dass es dann jetzt sein erstes Ziel ist, innerhalb von elf Wochen Klarheit über seine berufliche Positionierung zu erlangen. Dieses Ziel zu erreichen liegt ihm umso mehr am Herzen, da er Aufwendungen im Zusammenhang notwendiger Unterstützungen seines Sohnes vermutet, die einer stabilen finanziellen Grundlage bedürfen. „Einen Ausflug ins Ungewisse kann ich mir nicht leisten”, betont er. Als darüber liegendes Ziel formuliert er aufgrund der Reflexionen aus seiner biografischen Erzählung, dass er erarbeiten will, welche seiner Persönlichkeitsmerkmale „einer Revision bedürfen”, denn „es tut nicht gut, jetzt so dazustehen, wenn das Leben bisher doch so voll war.”

„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 3

Fortsetzung vom 4. August 2016

Herr Vermont erzählt mir die Wegstrecken seines Lebens. Als Erstgeborener einer Rheinländerin und eines Kanadiers und als Bruder zweier weiterer Geschwister verbrachte er die ersten zehn Jahre in Kanada. In der Nähe Montreals hatte die Familie ein Haus und eine Umgebung mit
allem, was ein gutes Aufwachsen von Kindern ermöglichte. Andreas wurde dreisprachig erzogen, da sein Vater die englische und französische Sprache sprach. „Mutters Deutsch schwankte hingegen zwischen Hochdeutsch und Kölsch, und Kölsch sprach sie meistens dann, wenn sie sich mit meinem Vater über irgendetwas stritt. Unsere Welt war stabil, ich hatte Freunde, meine Geschwister und ich verstanden uns gut.

Mein jüngerer Bruder erkrankte an Leukämie, als er acht Jahre alt war. Damals waren wir gerade nach Deutschland umgezogen, weil mein Vater in einem Industriekonzern eine Aufstiegsposition angeboten bekommen hatte. Über mehrere Jahre ging die Tortur meines Bruders, die er aber glücklicherweise überstand und bis heute gesund ist. Damals habe ich ihn manchmal sogar etwas beneidet dafür, dass er so oft im Mittelpunkt stand. Unsere kleine Schwester hatte altersbedingt ohnehin die Aufmerksamkeit gepachtet und so blieb für mich die Bronze-Medaille übrig. Andererseits wurde ich dadurch, dass die beiden diese Plätze einnahmen, recht schnell selbstständig. Ich war gut in der Schule und machte allein darum schon wenig Arbeit. Ich trug mit 14 in der Nachbarschaft Zeitungen aus, jobbte immer wieder in den Ferien, besuchte alleine unsere Verwandten in Kanada, hatte meine Kumpel im Handballverein. Dort wurde ich Lucky Luke genannt, weil ich schneller werfen konnte als mein Schatten – Andreas Vermont lacht –, mein
Fahrrad war mein Jolly Jumper und überhaupt war die Zeit recht voll mit allerlei jugendlichem Flachs. Zwei Freunde von damals treffe ich heute auch immer wieder einmal und natürlich auch Sabine, meine erste Freundin, die mich in Museen schleppte, weil sie Kunst studieren wollte. Heute ist sie Zahnärztin – aber das ist ja auch nicht selten eine Kunst.

Als ich mein Abitur machte, fragte mein Vater mich, was ich denn nun machen wolle. Da ich wegen meines kanadischen Passes nicht zur Bundeswehr musste, hatte ich alle Freiheiten. Und weil mir die Mathematik immer das liebste Fach in der Schule war, bewarb ich mich in Hamburg an der Uni und begann dort auch das Studium. Dort lernte ich meine spätere Frau kennen, wir heirateten 1995 und ein Jahr darauf kam dann Tim zur Welt, zwei Jahre später unsere Tochter Melanie
.
In der Spedition, die die Eltern meiner Frau hatten, konnte ich schon während des Studiums arbeiten und ich entwickelte einige Steuerungssysteme, die die Kostenstruktur der Firma verbesserten. An sich fing ich dadurch Feuer, denn ich sah, wie sich Studium und Anwendung
und Geldverdienen und Lernen kombinieren ließen. Erstaunliche Ähnlichkeiten waren das zum Werdegang meines Vaters, der als Ingenieur auch eine solche Mixtur aus Theorie und Praxis schon recht früh praktizierte. Denken und Tun und dann wieder Denken, so war das bei ihm.
Erst tun und dann denken, das ist auch nicht mein Ding, und darum hat auch meine Frau, die sich vor einiger Zeit an den Hals dieses Mannes warf, der ihr wohl schönere Augen als ich machte, einige Fragen in mir aufgeworfen. Aber damit bin ich nun durch, die Probleme heute sind andere, auch wenn es mir sicher besser ginge, wäre ich wieder in einer Beziehung, in der es möglich wäre, sich auszutauschen und gemeinsam das Boot durch die Strömung zu führen.”

 

„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 2

Fortsetzung vom 1. August 2016

„Ich denke nicht, dass die Entwicklung der vergangenen zwei Jahre ein Produkt zufällig sich aufgereihter Einzelprobleme ist. Wenn ich da etwas in mir habe, was sich als Muster immer wieder zeigt und mir nun in meinem Leben mehr schadet als nützt, dann möchte ich diese Unbekannte jetzt kennenlernen und entsprechende Veränderungen einleiten.”

Seine Bereitschaft, einen Lernprozess in Gang zu bringen, sehe ich durch die Lebensgefahr seines Sohnes als fragil an. Jederzeit könnte eine Veränderung unsere Zusammenarbeit beeinflussen und zudem wäre im Fall des Todes von Tim eine akute Belastungsreaktion mit
psychischen Folgeschäden nicht auszuschließen – und dies nicht erst aufgrund des ohnehin massiven Belastungsgrades. Ich frage Herrn Vermont, wie er die gesundheitliche Situation seines Sohnes einschätzt, und er antwortet, dass er um die ärztliche Kunst wohl wüsste, er aber natürlich auch schon an dieses Szenario gedacht habe, zudem aber auch daran, was geschähe, würde sein Sohn dauerhafte Schäden davontragen. „Noch habe ich für eine solche Situation keinen Plan“,
meint Vermont und ich sehe ihm an, dass die Vorstellung einer solchen Eskalation an ihm nagt.

Ich entschließe mich dazu, Herrn Vermont über die Symptome einer möglichen akuten Belastungsreaktion wie zum Beispiel emotionale Taubheit, fehlendes Trauernkönnen, Desorientierung, Gedächtnisstörungen oder starke Erschöpfung zu informieren und ihm deutlich zu machen, dass eine solche Reaktion einerseits völlig angemessen wäre, er andererseits durch die schnelle kommunikative Aktivierung ihm vertrauter Personen für Entlastung sorgen könne.
Ich frage ihn nach Menschen, die er wohl um unaufgeregten Beistand ansprechen könnte, und er benennt zwei Freunde und einen ihm gut bekannten Lehrer seines Sohnes. Wir besprechen, wie diese drei Personen zeitnah von ihm über die aktuelle Situation informiert werden.

Dem Wunsch von Herrn Vermont, dass er auch mich zwischen unseren terminierten Gesprächen anrufen möchte, komme ich entgegen und notiere ihm eine Mobilnummer, über die gewährleistet wird, dass er innerhalb weniger Stunden einen Rückruf von mir erhält.

Auf seinen Entwicklungswunsch zurückkommend, lade ich Andreas Vermont ein, mit mir einen Waldspaziergang zu unternehmen, um auf diesem Weg die Zielrichtung unserer Zusammenarbeit noch genauer zu erkunden und dabei auch ihn und seine bisherigen Lebensetappen kennen zu lernen. Unsere Coaching- und Therapieräume, die ‚Denkkiste‘ und die ‚Sinnkiste‘, liegen mitten im Grünen, der angrenzende Wald bietet sich an für ein Gespräch in Bewegung. Dass Klient und Coach nebeneinander gehen und der Blickkontakt dabei nicht permanent gegeben ist, hat sich schon oft für einen Öffnung fördernden Arbeitsschritt als vorteilhaft erwiesen. Klienten, die sich in einer für sie hilflosen, demütigenden oder kränkenden Situation befinden, können die Geschwindigkeit der Bewegung bestimmen, anhalten, pausieren und eben auch entscheiden, wann sie ihren Gesprächspartner anschauen. Einzig für die Wahl des Weges bleibe ich in der Verantwortung, um in angemessener Nutzung der zeitlichen und körperlichen Ressourcen diesen Prozessschritt durchzuführen und zu beenden.

„Murphys Law von Andreas.“ Dokumentation eines Manager-Coachings bei einer multiplen Krise – Teil 1

Als Andreas Vermont das Gespräch mit mir sucht, liegt die Trennung von seiner Frau 17 Monate zurück. Der Motorradunfall seines ältesten Sohnes, bei dem dieser sich schwere Verbrennungen zuzog und seither auf der Intensivstation einer Spezialklinik, noch in Lebensgefahr schwebend, im künstlichen Koma liegt, geschah vor knapp drei Wochen. Der fast 17-jährige Tim, der im Zuge des Scheidungsprozesses die Entscheidung traf, bei seinem Vater bleiben zu wollen, wurde seither von Herrn Vermont alleine ‚gecoacht‘. Als ein Freund von Tim den Vorschlag zu einem Kurzurlaub machte und anbot, Tim auf seinem Motorrad mitzunehmen, war Andreas Vermont einverstanden. Er selbst hatte früher gerne auf diese Weise Reisen unternommen, Tims Freund war ihm gut bekannt und hatte nicht den Ruf eines ‚Draufgängers‘ auf seiner Maschine. Die Polizei sollte dies bestätigen, als sie Herrn Vermont vom Unfall berichtete. In einem Tunnel in den Schweizer Alpen
hatte sich ein Unfall zwischen zwei PKWs ereignet, in den dann auch ein Kleinbus verwickelt wurde und auf diesen letztlich Tim und sein Freund auffuhren. Durch den Unfall entstandener Rauch hatte plötzlich die Sicht genommen, sich entzündendes Benzin des Kleinbusses war dann der Auslöser für den Brand, der zwar von anderen Beteiligten schnell gelöscht werden konnte, jedoch zu den starken Verletzungen von Tim führte.

Andreas Vermont war erst vor kurzem in einem börsennotierten Mittelstandsunternehmen
zum Technikvorstand avanciert. Seinen analytischen Blick für die Problemzonen eines Unternehmens hatte er zuvor als Chefcontroller in einem Konzernumfeld zum Einsatz gebracht, ihm lief der Ruf eines Machers voraus, der durchaus in der Lage sei, mit klarer Kante zu entscheiden. In den vergangenen Wochen jedoch braute sich eine Wetterlage gegen ihn zusammen, seine ‚strapazierende‘ Handlungsgeschwindigkeit wurde kritisiert, seine Informationspolitik ebenso. Gesamtbetriebs- und außerordentliche Aufsichtsratssitzungen
beschäftigten sich auf Geheiß der Arbeitnehmervertretung mit seiner ‚Personalie‘ und Andreas Vermont fand sich innerhalb kürzester Zeit einer Belastung ausgesetzt, die er nun mit hörbarem Galgenhumor als ‚Murphys Law of Andreas‘ titulierte.

Die Scheidung von seiner Frau, die Trennung von seinem früheren Unternehmen, die ernste Gesundheitsgefährdung seines Sohnes, das aktuelle Alleinsein, die geschäftliche und arbeitsinhaltliche Neuorientierung, die durch die Scheidung und den Umzug realisierten finanziellen Veränderungen, die latenten Vorwürfe der Ex-Frau in Bezug auf die Freigabe des Motorrad-Urlaubs, die neue Wohnung, die neue Struktur des Freundeskreises, das neue Kollegium, die mangelnde Erholung und viele weitere Einzelthemen hatten die Summe der Belastungen in einen Bereich entwickelt, der die Dekompensationsgrenze bereits zu überschreiten drohte. Die sich abzeichnende zusätzliche Berufsproblematik war letztlich zu viel für den 43-Jährigen, dessen Lebensphase geprägt ist durch die Klärung der Fragen nach der Ausgestaltung der zweiten Lebenshälfte, der Fragen nach Lebenssinn und Lebensauftrag.

Für die aktuelle Situation gab es für Andreas Vermont kein Vergleichsmodell, die durch sie aufgeworfenen Aspekte galt es nun zu integrieren. Einen Teil des Lernprozesses wollte Herr Vermont durch ein Coaching begleitet wissen und ich hatte den Eindruck, dass es ihm nicht nur um eine Reflexion der Berufssituation ging, sondern um einen bewusst vollzogenen seelisch-geistigen Entwicklungsweg im ‚aufsteigenden‘ Sinne.

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Grafik nach B. Lievegoed

Wird fortgesetzt.

Ralph Schlieper-Damrich

13. Juni 2016

„Wenn man den Menschen erzählt, was sie verstehen,
das schätzen sie nicht.
Man muss ihnen etwas erzählen, was sie nicht verstehen.
Was sie aber gerne verstehen möchten.
Das ist das pädagogische Grundprinzip.

Das Wichtigste liegt in dem verborgen, was man nicht versteht.

Eigentlich könnte ich hier gleich auch aufhören.
Denn von dem Ungeheuren, was wir als Menschen eigentlich verstehen müssten,
verstehe ich gar nichts und ihr auch nichts.
Dennoch, ein bisschen verstehe ich und eines Tages können wir doch alles verstehen.
Deswegen fangen wir jetzt damit an.“

Joseph Beuys

[Mit diesem einleitenden Zitat beginnt unsere Ausbildung zum Krisencoach.]

Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort?

Mit dieser Frage kommt er irgendwann auf eine inhaltliche Zuspitzung: der Gesprächsprozess in Logotherapie oder sinnzentriertem Coaching.

Mit diesem Perspektivenwechsel begleite ich meine Klienten und Patienten hin zu einer für sie lebenswesentlichen Aussage: ‚Welchen Beitrag leiste ich dadurch, dass ich auf eine Frage meines Lebens die Antwort bin?‘

Nun beginnt das Denken und Grübeln und immer wieder verheddern sich die Gedanken in einem ‚was mache ich‘ oder einem ‚warum mache ich was‘. Diese Fragen jedoch führen zu Antworten des Lebenszwecks, zu etwas im Leben Wichtigen. Und so landet man dann oft bei Positionsbeschreibungen, Aufgaben, Rollenbezeichnungen oder Erwartungen anderer. Manchmal auch zu besonderen Fähigkeiten oder Kompetenzen, die man zeigt oder erworben hat. Nur: Ohne ein ‚Wofür‘ ist jede Kompetenz nicht mehr als ein biografisches Lebenssteinchen. Ohne ein ‚Wozu ist es gut, dass ich diese Kompetenz einsetze‘, bleibt sie nur ein Teil des Egos.

Welche Frage stellt Ihnen Ihr Leben gerade jetzt [wieder]?
Und sind [nicht haben] Sie die Antwort auf diese Frage?

Aus der Krisencoaching-Praxis V

Seit jener Situation, meint Helmut B. sich etwas zurückgenommen und die Probleme anderer nicht immer zu seinen gemacht zu haben. Er fände, sein Engagement im Job müsse reichen, um in seiner Funktion angesehen zu bleiben. Seinen Beruf sähe er weiterhin als Berufung, und die Aufgaben, die er erfülle, seien für viele Menschen wichtig. Zudem habe er sich so viel Wissen angeeignet, dass man ihm kaum mehr etwas Neues beibringen könne, vielmehr sei es oft an ihm, anderen aufzuzeigen, wo die Qualität noch nicht stimmt. „Das beschert einem aber auch nicht nur Freunde.“ „Und wenn ich genau hinschaue, dann läuft der gleiche Film ja auch zu Hause ab. Wenn ich sage, dass ich schon der Ansicht bin, dass unsere Familie öfter gemeinsam etwas unternehmen solle und ich mich freuen würde, wenn es dazu von allen Anregungen gäbe – ich dann aber nur zu hören bekomme, dass mir mein Job doch vor allem anderen gehe und ich weiß, dass dies doch nicht so ist, dann fühlt sich das für mich sehr einsam an und mich überkommt eine Angst, wenn ich an die Zukunft denke. Ich glaube, wenn das so weitergeht, dann ist mir das alles scheißegal und ich mach nur noch das, was ich selbst will.“

Meine Frage, ob er es für günstig halte, einmal auf die Kommunikationsbedürfnisse seiner Frau und Kinder zu schauen, um über diesen Weg mögliche Wege zu einer aktiven und bewussten Veränderung im Beziehungsmanagement zu kommen, bejaht er. Seine Aufgabe besteht in den folgenden Wochen darin, die Gespräche mit und zwischen seinen Familienangehörigen aufmerksam zu studieren und aus seinen Wahrnehmungen eine begründete Zusammenstellung der Kommunikationsbedürfnisse der Familie abzuleiten.

In unserem nächsten Treffen bringt Helmut B. die von ihm reflektierte Übersicht mit.

Bild 2   Bild 6

Ehefrau, 41 Jahre                                  Sohn, 12 Jahre

Bild 4   Bild 3

Tochter, 17 Jahre                                   Tochter 15 Jahre

Bild 5

Sohn, 19 Jahre

Helmut B. erzählt, wie es ihm bei seinen Beobachtungen ergangen ist. Seine Frau erlebt er als meinungsstark und konsequent. Zuweilen würde er sie dafür sogar beneiden. Er habe ihr von seinem PCM-Ergebnis berichtet, worauf sie schmunzelnd gemeint hätte, dass es ihr auch gut täte, wüsste sie einen Mann an ihrer Seite, der nicht so oft sich selbst zum Thema machen würde, sondern mehr seinen Kindern die Orientierung geben würde, die diese in ihrem Alter dringend brauchen. „So hatte ich das bisher nicht gesehen, ich dachte, meine Kinder wären bereits derart klar, dass sie mich nur als Hindernis ansehen.“ Daraufhin habe er mit seinem Ältesten gesprochen, der ihm erzählt habe, dass er doch einige Male versucht habe, ihn von seinem Missmut wegzuführen, „aber die Art, wie er das versucht habe, hätte ihn mehr verletzt als wachgerüttelt.“  Es sei ein gutes Gespräch ‚unter Männern‘ geworden und sein Sohn habe ihm signalisiert, dass es kein Problem sei, das Familiengefühl neu zu beleben – es müsse nur „mehr Spaß machen, Familie zu sein“. Daraufhin hätten sie überlegt, wie man das anstellen könnte und es wäre die Idee geboren worden, bald eine Familien- und Freundesfeier zu organisieren, an der die ganze Familie beteiligt sei und jeder die Möglichkeit hätte, die Freunde zu benennen, die eingeladen werden sollten. „Mein Sohn hat darüber dann mit allen anderen gesprochen und alle fanden diese Idee klasse.“

Helmut B. führte nach und nach weitere Gespräche mit seiner Familie und erlebte sich dabei in seinen Rollen auf eher kritische Weise interpretiert, durch seine Initiative aber auch wertgeschätzt, denn – so die jüngste Tochter – „machst Du endlich mal den Mund so auf, dass wir wissen, wie es Dir wirklich geht.“

Diese Coachingsequenz hat dem Klienten einen gangbaren Weg eröffnet, aktiv zur Verbesserung seines privaten Umfeldes beizutragen. Auf diesem Fundament konnten wir unsere Arbeit in Richtung ‚Auflösung hinderlicher Glaubenssätze‘ und ‚Reflexion des individuellen Wertesystems‘ fortsetzen.

Aus der Krisencoaching-Praxis IV

Die Auswertung der Daten von Helmut B. bestätigt meine Hypothese. Sein Basiskommunikationsbedürfnis ist das eines ‚Empathikers‘, gefolgt vom ‚Beharrer‘. Das Empathiker-Erdgeschoss hat Helmut B. verlassen, hier hat er offenkundig über einen längeren Zeitraum keine gelingende Kommunikation mit für ihn relevanten Personen gestalten können. Der damit verbundene Stress könnte an sich nun auf dem nächsthöheren Stockwerk reduziert werden, Helmut B. ‚läutet‘ dazu die Phase des Beharrers ein. Aber es scheint, als würde auch dies noch nicht zum erwünschten Erfolg führen ….
Bild 1Helmut B. reflektiert seine lebensgeschichtliche Entwicklung und beschreibt sich bereits als Kind als einfühlsam und sensibel. Er erinnert zum Beispiel, sich als Fünfjähriger um einen Freund gekümmert zu haben, der aufgrund einer Krankheit lange Zeit tagsüber zu Hause bleiben musste. Hilfsbereitschaft wäre ihm schon immer wichtig gewesen, ob er zu ihr durch die Eltern angehalten wurde, könne er nicht sagen, vermute jedoch, dass er diese Haltung aus eigener Anschauung entwickelt habe. Von jeher tue es ihm gut, wenn er nach seinen Gefühlen gefragt würde und sich jemand darüber freut, mit ihm auch jenseits von Zielen und Maßnahmenplanungen zu sprechen. Leider sei aber nicht jeder an persönlichen und menschlichen Beziehungen interessiert. Früher hätte er gedacht, dass es an ihm läge, wenn die Leute so kurz und knapp waren. Dann war er besonders bemüht, ihnen Gutes zu tun – merkte dann aber auf unangenehme Weise, dass er eine solche Unterstützung nicht erhielt, als einer seiner Vorgesetzten ihn zur Realisierung von Projektaufgaben heranzog, ohne seine damals prekäre private Situation zu berücksichtigen. „Das hat mir dann schon wehgetan als ich ausgesaugt wurde wie von einem Vampir. Es war zudem anstrengend, diesen Anforderungen gerecht zu werden und als dann auch noch gemeckert wurde, hab ich mir schon meinem Herz auf höchster Stelle Luft verschafft.“

[wird fortgesetzt]