Kategorie-Archiv: Krisenauslöser

Das Erleben einer Unternehmenskrise – V

Fortsetzung von Teil IV

Naturkatastrophen, Veränderungen der Vertriebskanäle oder Abnehmerstrukturen durch politische Einflussnahmen, der unerwartete Tod des Firmengründers, eines Patentinhabers oder Hauptkunden – dies und noch viel mehr können in der Biografie eines Unternehmens einen Bruch herbeiführen. Einen weit größeren Anteil an Unternehmenskrisen jedoch nehmen Fehlentscheidungen von Managern ein, nicht selten mit dem besonderen Beigeschmack, dass diese aus der Kompetenzperspektive von Mitarbeitern vorausgesehen werden. Diese erkennen anhand ihrer Steuerungsinstrumente, Budgets oder Kundendaten, dass das Unternehmen einen gefährlichen Kurs fährt – trifft diese Kompetenz jedoch auf eine Kultur des Weghörens, der Infragestellung des Mitarbeiterwissens durch die Führungskräfte oder auch des Machthungers von Managern, dann verpasst die Organisation die Möglichkeit, des rechtzeitigen Gegenlenkens. Aus Gesprächen mit Interim Managern im Turnaround-Management wissen wir, dass viele Führungskräfte der Krise mit Abwehrstrategien nach dem ‚Prinzip irrationaler Hoffnung‘ begegnen. Oft ist Grund eine erwartete Schmach und die Scham, sich im privaten wie beruflichen Umfeld für den Schlitterkurs der Firma rechtfertigen zu müssen.

Der Führungsstil, enger gefasst die psychischen Persönlichkeitsmerkmale der für die Existenzsicherung der Organisation verantwortlichen Führungskräfte, werden aus diesem Licht betrachtet zu einem Engpassfaktor für das Krisenmanagement. Verhalten, dem eine ausgeprägte Egozentrik oder Zwanghaftigkeit oder Depressionsneigung oder Hyperaktivität zugrunde liegt, muss unter dem Einfluss von Handlungs- und Entscheidungsdruck besonderes Augenmerk [aber von wem?] geschenkt werden. Was sich im ‚Normalfall‘ für das Unternehmen durchaus günstig erweist und sich in Charme, Überzeugungsstärke, Furchtlosigkeit oder Initiative zeigt, kann umschwenken in Empathie-, Distanz- oder auch Gewissenlosigkeit.

Auch ohne eine Krisensituation ist jenes Managementverhalten für ein Unternehmen riskant, das sich auf die Mehrung des eigenen Gewinns konzentriert. Wird dies flankiert durch die Suche nach Schuldigen im personellen Umfeld oder ‚im Markt‘, dann stellt sich an sich die grundsätzliche Frage, ob am Verbleib dieser ‚Führungsperson‘ ein Unternehmen auf Dauer ein Interesse haben kann. Ähnlich bedenklich ist, in den eigenen Reihen Führungskräfte zu wissen, die sich mit einer Art Kompetenz- oder Vernetzungsillusion in Erscheinung bringen. Ein solches Managementverhalten ist in Krisen dann besonders fatal, weil eine solche Situation mit dem Selbstbild der Personen nicht übereinkommt und die Reaktion meist darin besteht, als Erster von Bord des angeschlagenen Schiffes zu gehen.

Wie nun auch immer die für eine ‚hausgemachte‘ Krisensituation dysfunktionalen Persönlichkeitsmerkmale ausschauen sollten, eins ist klar: Das grundsätzliche Verhalten der für die Existenzsicherung des Unternehmens verantwortlichen Personen war offenkundig unpassend – wäre es passend gewesen, hätte das Unternehmen keine Krise erfahren. Dies kann man beklagen, in einer Krise jedoch nicht ändern, also kann die Bewältigung nur durch Personen initiiert werden, die außerhalb des betroffenen Management-Kreises zu suchen und zu finden sind.

Ist die Krise überstanden, so kann die Analyse der die Krise auslösenden Verhaltensweisen ein erster wichtiger präventiver Schritt für das Verhindern weiterer kritischer Situationen darstellen. Wie war das Verhalten in der Phase des Crashs, welches Verhalten wurde von wem in der Phase des Turnaround gezeigt, welches Verhalten war maßgeblich für ein Gelingen der Konsolidierung, welches Verhalten zu zeigen wäre in der Nachkrisenzeit völlig ungeeignet? Neben der Reflexion dieser ‚lessons learned‘ ist ein mindest ebenso wichtiges Element das Angebot eines umfassenden verhaltensorientierten Coachings, um die kontinuierliche und substanzielle Entwicklung eines in seiner Wirkung förderlichen Verhaltens in Gang zu bringen.

Ombrophobie – Brontophobie

Haben Sie Angst vor Regen, Blitz und Donner? Dann gehören Sie auch zur Gruppe der Ombro- oder Brontophobikern – einer Gruppe von Personen, deren Zahl nach den jüngsten Unwettern mit ihren verheerenden Folgen für Menschen und Sachen weiter ansteigen wird.

Angst ist biologisch angelegt und gehört als Grundemotion zum Leben wie Freude, Trauer oder Wut. Wir bekommen Angst, um bei Gefahr rasch reagieren zu können. Es blitzt und donnert – fluchtartig ab in die Höhle, so war das zu Beginn des Menschen. Und wenn es nur der Blitz allein gewesen wäre … aber: Gefahren lauerten an allen Ecken, da war es praktisch, in Flucht oder Kampf gut qualifiziert zu sein. Heute sind immer noch die Emotionen in uns, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie wirklich zu Recht benötigen, sinkt. Also wohin mit der Angst, wenn es gute Gründe für sie nicht mehr gibt? Die Lösung: Wir machen uns die Gründe. Und ‚begründen‘ sie mit Ereignissen, deren Wahrscheinlichkeit nachweislich extrem niedrig ist. Beispiel: Flugangst. Statistisch liegt hier ein Unfall bei 1 : 30 Millionen. 25% der Menschen [laut Allensbach-Studie] haben Flugangst.

An sich in die Boeing 747 vergleichbar mit dem Bären in der Steinzeit. Nur, wer die Kontrolle über sich behält, braucht vor beiden keine Angst zu haben. Flucht vor dem Bären sicherte die Selbstkontrolle [meistens], aber beim Fliegen muss man die Kontrolle in fremde Hände legen [die man nicht kennt, von denen man nicht weiß, ob sie zu einem Menschen mit Lebensmüdigkeit gehören oder zu jemandem, der beim letzten Check die eine Schraube am Getriebe vergessen hat anzuziehen …]. Kontrollverlust, was mach ich nur? Am besten mehr über die Möglichkeit nachdenken, die Kontrolle wirklich zu verlieren. Katastrophierende Gedan­ken, Hyperreflexion, die Angst vor der Angst. Gegenstrategie: Tief atmen, Bauchatmung: ausatmen, bis vier zählen,
einatmen, bis drei zählen. Oder Wechselatmung durch die beiden Nasenlöcher. Oder: nur Kurzstrecken fliegen [wenn San Francisco nur in Europa läge]. Oder nur morgens fliegen, weil dann die Pillen vom Arzt länger wirken. So gewinnt man ein Stückchen Kontrolle wieder. Aber dann: Der Nachbar im Flieger hat auch Flugangst, auch Kontrollverlustangst. Ein Grund mehr für Angst – aber an der Wahrscheinlichkeit eines Unfalls ändert sie nichts.

Warum nur diese Angst, heute, in unser aufgeklärten Gesellschaft? Die Wissenschaft weiß es nicht genau und vermutet eine Melange aus gelernten Botschaften wie ‚du kannst nichts, du weißt nichts‘ aus der Kindheit, einer für Angst passenden Genetik und biografischen Umwelterfahrungen. Aber es würde sich ändern, wüssten man um das Warum der eigenen Angst. Dadurch würde sie nicht weniger.

Viktor Frankl rät: „Sie müssen sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen.“ Also auch nicht von Ihrer Angst. Um sie zu überwinden braucht es ein Wozu.
Wozu ist es gut, die Angst vorm Fliegen für die Zeit des Fluges zu vergessen? Wenn dieses Wozu stärker ist als das Warum, dann wird der Flug deutlich entspannter verlaufen.
Wozu ist es gut, die Angst vor Blitz und Donner für die Zeit des Unwetters zu vergessen?
Wozu ist es gut, die Angst vor Spinnen für die Zeit des Aufenthaltes im Keller zu vergessen? …
Die KrisenPraxis wünscht einen erfreuenden Flug.

Suizid – Wissen für den Alltag

Nach wie vor geistert der Mythos herum, dass Menschen, die vom Suizid sprechen, ihn nicht begehen. Der Wirklichkeit kommt eher nahe, dass gut 3/4 aller Suizidanten diesen zuvor, zuweilen auf subtile Weise ankündigen und damit der Umwelt die Chance geben, ihnen zu helfen. Sätze wie: „Es wäre wirklich das Beste, ich wäre nicht mehr da.“ oder „Ich werdet Euch noch umschauen, wenn Ihr Euer Projekt eines Tages einmal alleine fertigstellen müsst.“ …. – aber auch konkrete Handlungen wie auf ungewohnte und unangekündigte Weise damit zu beginnen, alle möglichen Sachen im Haushalt zu ordnen oder eine Tournee zu allen möglichen Freunden zu unternehmen, können Hinweise auf eine suizidale Stimmung sein.

Ein anderer Mythos meint, dass der, der sich wirklich umbringen will, nicht aufzuhalten sei. Das ist so auch nicht richtig, denn die meisten Suizide werden im Rahmen von akuten Krisen durchgeführt. Würde angemessen unterstützt, die Krise zu überwinden, dann könnte damit auch eine Lebensrettung verbunden sein. Jedoch, nicht immer werden die Krisen anderer, auch naher Menschen, wahrgenommen, passend gedeutet und thematisiert.

In der Krisenberatung stellen wir uns diese Fragen:

  • Gehört die betroffene Person einer Risikogruppe [Mensch in Beziehungskrise, Situation nach schwerem Verlust, Belastung durch Kränkungen und Beschämung, Überforderungen in der Familie, Schule, Arbeit] an?
  • Worin genau besteht die aktuelle Belastungssituation?
  • In welcher Phase steht die Person: Erwägung des Suizids – Abwägung und Ambivalenz – Entschluss [dieser zeichnet sich aus durch eine abrupte Beruhigung der Situation, indirekte Ankündigungen und Vorbereitungshandlungen wie zum Beispiel Testament schreiben, Medikamente sammeln]?
  • Gibt es in der Familie eine Suizidhäufung?
  • Inwieweit ist die suizidale Entwicklung fortgeschritten?
  • Werden konkrete Suizidgedanken geäußert?
  • Inwieweit erscheint die Person im Gespräch gedanklich eingeengt?
  • Entsteht das Gefühl, die betroffene Person emotional nicht mehr zu erreichen?

Dem Umfeld empfehlen wir:

  • Sprechen Sie Ihre Wahrnehmungen an und benennen Sie Ihre Gefühle der Person gegenüber.
  • Vergeuden Sie keine Zeit, sondern konfrontieren Sie die Person mit einer Unterstützungsleistung, die dem Menschen Hoffnung machen kann.
  • Holen Sie sich eigene Unterstützung durch einen Psychologen in Ihrer Nähe.
  • Vermeiden Sie vorschnelles Trösten, Appelle, Belehrung, argumentierendes Diskutieren, Herunterspielen der Situation.
  • Nehmen Sie Provokationen nicht persönlich, lassen Sie sich nicht durch Bagatellisierungsversuche einlullen.
  • Nehmen Sie sich Zeit, mit der Person die aktuelle Situation genau zu beleuchten. Suchen Sie nicht nach Veränderungsmöglichkeiten [Sie können davon ausgehen, dass das die Person längst alles hinter sich hat].

Wenn Krisen ihren Ursprung in der Kindheit haben – II

Menschliche Bedürfnisse und ihre Verletzung stehen in engem Zusammenhang mit dem Empfinden von Krise. Müssen Bedürfnisse kurzfristig hintangestellt werden, so entsteht vielleicht eine Stresssymptomatik. Werden sie dauerhaft nicht befriedigt, zum Beispiel aufgrund eines erschütternden Ereignisses oder aufgrund ihrer Missachtung in der Kindheit, dann kann dies zu erheblichen Beeinträchtigungen in der psychischen Entwicklung eines Menschen führen.

In verschiedenen psychologischen Theorien wurden die Grundbedürfnisse von Menschen zusammengestellt. Klaus Grawe, führender Wissenschaftler in der Psychotherapieforschung, stellt vier Grundbedürfnisse heraus:

  • Bindungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
  • Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
  • Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

In der Schematherapie, in der die Verletzung kindlicher Bedürfnisse besonders stark im Fokus steht, sind fünf emotionale Bedürfnisse bedeutsam:

  • Sichere Bindung zu anderen Menschen haben (Sicherheit, Stabilität, nährende Zuwendung und akzeptiert werden)
  • Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl entwickeln können
  • Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Emotionen auszudrücken
  • Spontaneität und Spiel
  • Realistische Grenzen gesetzt bekommen und selbst die Kontrolle innehaben

Nach Schulz von Thun können diese Grundbedürfnisse so zusammengefasst werden:
wertvoll sein – geliebt sein – frei sein – verbunden sein.

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Wenn Krisen ihren Ursprung in der Kindheit haben – I

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Dieser Satz steht auf einem kleinen Brettchen, das in meinem Therapieraum hängt. Schon oft haben Klienten über diesen Satz geschmunzelt, manchmal auch wehmütig, zuweilen öffnete er aber auch eine finstere Kiste der Erinnerungen.

Das krude Bild von dem, was ein Kind auszeichnet, und das über Jahrhunderte hinweg, von Generation zu Generation weitergereicht wurde, führt Menschen auch heute noch zu Erinnerungen an Erlebnisse in ihrer eigenen Kindheit. Und mit ihren Erinnerungen verbinden sie Bezugspersonen, die ihrerseits Kindheitserlebnisse hatten, die diese mit Bezugspersonen aus ihrer Kindheit in Verbindung bringen. Wird das Bild vom Umgang mit Kindern nicht einer Bereinigung unterzogen, dann wundert nicht, dass Klienten berichten, sie seien als Kind mit den Attributen dumm, gierig, böse, unbeherrscht oder unwichtig belegt worden. Selbst das Alleingelassenwerden, das Schreienlassen, das Schmerzenertragenmüssen, das Gezüchtigt- oder Missbrauchtwerden stellen Klienten als die ‚Normalität‘ ihres Kindeslebens dar und bestätigen, was Lloyd deMause in seinem Buch über das historische Bild von Kindheit beschrieben hat. Die Vorstellung, die bis weit in die Neuzeit hineinreicht, dass ein Kind ohnehin später keine Erinnerung an diese frühe Zeit hat, wenn es erst einmal in die Schule gekommen ist, darf als ein Grund für das Verhalten Kindern gegenüber angenommen werden.

Nur langsam setzt sich heute ein Verständnis über das Kindsein durch, dessen Wirkung noch weitgehend unerforscht ist und womöglich auch erst in einigen Jahrzehnten dazu führen wird, ein wirklich neues Zeitalter der Begleitung von Kindern ins Leben zu begründen. Dieses Bild vom kindlichen Menschen sieht es an als Wesen, das wach- und empfindsam, schutz- und liebebedürftig, sofort sozial integriert und kommunikativ ist und das alle Erfahrungen ab der Zeugung im Gedächtnis bewahrt. Dieses Bild vom Kind hat in der neueren Entwicklungspsychologie eine Diskussion über die Bedürfnisse des Kindes in Gang gesetzt – und in der Folge zu Überlegungen geführt, die die Auswirkungen der unzureichenden Sicherung dieser Bedürfnisse auch im Erwachsenenalter thematisieren. Dazu in einigen Tagen mehr.

Vorsicht Arzt

In den USA starben 2013 mehr als 250.000 Menschen an den Folgen von Ärztefehlern. Dabei wurden nur Krankenhausärzte berücksichtigt. Mehr Tote gab es nur durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

„Menschen sterben wegen Kommunikationsproblemen, einer zersplitterten Gesundheitsversorgung, Diagnosefehlern, Überdosierungen oder vermeidbaren Komplikationen“, meint Martin Makary, der die Studie der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore anleitete. Und er eht davon aus, dass sich dieses Verhältnis auch auf andere Industrienationen übertragen lässt.

Hört ihr die Kinder weinen

deMBuchIn seinem 1980 erschienenen Buch „Hört ihr die Kinder weinen“ reflektiert der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Lloyd deMause die Geschichte der Kindheit, die für ihn „ein Alptraum ist, aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell missbraucht wurden.“

Im Zusammenhang mit individuellen Krisen kann oftmals nicht darauf verzichtet werden, einen Blick auf die ersten Jahre der Entwicklung des Klienten oder Patienten zu werfen. Hier jedoch stehen zu bleiben und einzig das Eltern-Kind-Verhältnis zu betrachten, greift vielfach zu kurz. Es ist daher hilfreich, das Wissen über Kindheit und Kindsein zu vertiefen. In diesem Monat wird es daher dazu eine Reihe von Impulsen geben, die auch für eine eigene ‚Rückschau‘ geeignet sein können.

Die Geschichte der Kindheit nach deMause

1. Kindesmord (Antike – 4. Jh.n.Chr.)
Kindstötungen und sexueller Missbrauch von Kindern sind weit verbreitet, werden nicht geächtet oder hinterfragt.
2. Weggabe von Kindern (4.–13. Jh.)
Kinder werden als Gottesgeschöpfe [Kinder Gottes] angesehen, ihnen wird ‚Seele‘ zugesprochen und dürfen daher nicht mehr ungestraft umgebracht werden. Dafür jedoch werden sie, weil sie als ‚böse‘ gelten, oft in fremde Hände gegeben und gezüchtigt.
3. Formung von Kindern (14. – 17. Jh.)
Kinder werden zu elterlichen Projektionen. Um ‚richtig erwachsen zu werden‘ gilt es, sie physisch, psychisch und moralisch zu formen.
4. Intrusion (18. – 19. Jh.)
Das Kind wird weniger als ‚Problem‘ angesehen, sondern als ein Wesen, um das sich auch gekümmert werden muss. Die Kinderheilkunde wird entwickelt und senkt die Sterblichkeit. Nach wie vor jedoch werden Kinder in ihrem Verhalten sanktioniert, sie werden bestraft und bedroht, wenn sie sich nicht fügen.
5. Sozialisation (19. – Mitte 20. Jh.)
Kinder gelten als nicht sozial, mithin brauchen sie Erziehung und Schulung entlang sozialer Normen.
6. Unterstützung (ab Mitte des 20. Jh.)
Kinder werden darin begleitet, sich gesund und gut zu entwickeln. Ihre Bedürfnisse gewinnen an Bedeutung, sie erhalten mehr empathische Zuwendung.

Innere Stimmen und Krisenprävention

Wenn sich Menschen allein mit Ereignissen mit Krisenpotential mental befassen, so beginnt unweigerlich ein Gespräch verschiedener innerer Stimmen. Vielleicht meint eine dieser Stimmen: „seh das nicht so kritisch, es wird schon gutgehen“, eine andere – womöglich ähnlich der Sätze, die die eigene Mutter immer sagte – ruft: „pass auf, die Menschen wollen nichts Gutes“, wieder eine andere entgegnet: „wenn ich hier scheitere, dann ist alles verloren“ und vielleicht meldet sich sogar eine Vierte: „ich will gar nicht daran denken, ich zieh mein Ding nun einfach durch, dann sehen wir weiter.“

Dieser Dialog innerer Stimmen zeigt bestehende Widersprüchlichkeiten in uns auf, die insbesondere dann ‚greifen‘, wenn wir unsicher oder unwissend sind. Stimmengewirr im Inneren zeigt uns daher an, dass zuerst noch eine ‚innere Ordnung‘ geschaffen werden muss, um die aktuelle, erwartete oder mögliche Situation gedanklich bewältigen zu können.

Die vielen Stimmen haben zumeist einen guten Zweck: Sie setzen eine Suchbewegung frei, durch die der Mensch günstigstenfalls einen Weg findet, der ihn vor Gefahren und seelischen Verletzungen schützt und ihn in seiner Selbstkontrolle und Selbstwirksamkeit belässt.

Aber nicht jede innere Stimme ist immer ausgewogen präsent. Manche übernehmen als ‚Hauptselbste‘ die Steuerung des Alltags, mit ihnen fühlen wir uns direkt und stets verbunden und identifiziert, z.B. ‚der Beschützer‘, ‚der Boss‘, ‚der Perfektionist‘, ‚ der gute Vater‘, ‚der Charmeur‘.
Schaut man sich die Funktionen an, die ein Hauptselbst für einen ausübt, so könnte man beim Beschützer vielleicht sagen: „Er ist der, der mich davor bewahrt, meine Impulse nicht mehr kontrollieren zu können“, „er ist der prüfende Blick, damit ich so auf andere wirke wie ich es auch will“, „er trifft meine Entscheidungen“ ….

‚Verdrängte Selbste‘ stellen hingegen die Seiten dar, die der Mensch an sich ablehnt. Sie binden viel Energie und zeigen sich spürbar in Emotionen, wenn sie – oft auch in Träumen – auftauchen. Würden sie ‚freigelassen‘, dann droht eine wie auch immer geartete Sanktion. Der Mensch ist daher bestrebt, diese Selbst wieder zurückzudrängen, wenn sie sich zeigen – daher sind ‚quasi mit einem Bein‘ immer auch im Feld des ‚Beschützers‘.

‚Zerstörerische Selbste‘ waren einst verdrängte Selbste und haben sich quasi ‚destruktiv verselbständigt‘. Sie stellen in der Regel wesentliche Themen für therapeutisches Arbeiten dar, denn ihre Kontrolle kostet die betroffene Person oftmals so große Energien, dass sie – wenn sie nicht mehr aufrechterhalten werden können – den Menschen in Erschöpfung oder Krankheit führen.

‚Verletzliche Selbste‘ – sie zeigen sich meist als Unterform von verdrängten Selbsten und spiegeln in ihrer Dynamik die verschiedenen Seiten des Kindes in uns wider. Das Verdrängen dieser verletzlichen Seiten wird vollzogen durch innere Stimmen der Macht – oder andersherum: ein Macht-Selbst bedarf des inneren Prozesses der Verdrängung individueller Verletzlichkeit. Endet der Verdrängungsprozess durch Integration des Erlebten, so mindert dies den Einsatz des ’sich-selbst-gegen-Verletzlichkeit-zur-Wehr-setzenden‘ Macht-Selbst.

Die individuelle Chiffre der verschiedenen Selbste eines Menschen zu entschlüsseln, ist einem Menschen mit ausreichender Reflexivität und Selbststeuerungsfähigkeit meist schnell möglich. Wir leisten dies mit unseren Kurzzeittherapie-Angeboten mit Methoden der Schematherapie und der Transaktionsanalyse.

Sturheit – nicht selten die Basis veritabler Krisen

Ein klassisches Beispiel für die Sturheit eines Glaubenssatzes ist die Geschichte
vom Menschen, der glaubt, er sei eine Leiche. Er isst nicht und geht nicht zur Arbeit.
Er sitzt einfach die ganze Zeit über da und behauptet, er sei eine Leiche.

Der Psychiater versucht, den Mann davon zu überzeugen, dass er nicht wirklich
tot ist. Sie streiten lange über diese Frage. Schließlich sagt der Psychiater:
„Können Leichen bluten?“

Der Mann denkt einen Augenblick lang nach und sagt dann: „Nein. Weil alle
Körperfunktionen zum Stillstand gekommen sind, kann eine Leiche nicht bluten.“

Daraufhin sagt der Psychiater: „Also gut, dann wollen wir jetzt einmal ein Experiment
machen. Ich werde eine Nadel nehmen, Ihnen damit in den Finger stechen und
schauen, ob er blutet.“

Da der Patient ja eine Leiche ist, kann er nicht viel dagegen einwenden. Der
Psychiater sticht ihm also eine Nadel in den Finger, und der Finger des Mannes
fängt zu bluten an. Der Patient schaut sich die Sache völlig verblüfft an und ruft aus:
„Verdammt! Leichen bluten ja doch!“

nach: Dilts, R.: Die Veränderung von Glaubenssystemen. 1993

Anzeichen akuter Belastung bei Verlusterlebnissen

Je ausgeprägter die folgenden Reaktionen einer Person auf ein eingetretenes Verlustereignis, desto eher sollte ihr zeitnah geholfen werden:

Fehlende Trauerreaktion: Der Mensch hat den Verlust [noch] nicht realisiert, er wirkt teilnahmslos, geschäftig, emotionslos.

Depersonalisation: Der Mensch erlebt sich völlig anders als normal „Ich kann nichts fühlen…’„ „Ich stehe neben mir und weiß nicht, was los ist“, „Ich müsste traurig sein, aber ich fühle mich völlig leer…“

Derealisation:  Der Mensch erlebt seine Umwelt anders als sonst. „Ich glaube, ich bin in einem Film…“, Wo bin ich, wer sind Sie, was ist hier passiert…?“

Ergänzende Symptome: Gedächtnisstörungen, Gefühl der Überforderung, Kontrollverlust über die eigene Person und/oder die Situation, Erschöpfung, Verzweiflung, körperliche Stress-Symptome, sich aufzwingende Wiedererinnerungen z.B. Bilder, Geräusche oder Gerüche; Ein- und Durchschlafstörungen, Alpträume, Heißhunger, Übelkeit, Appetitlosigkeit