Kategorie-Archiv: Krisenmodelle und -konzepte anderer psychologischer Schulen

„Krise stellt in ihrem Problemgehalt eine die vorhandenen
Bewältigungsmöglichkeiten übersteigende Belastungssituation dar,
die als temporäre Erfahrung, raumzeitliche verdichtet vom Subjekt
wahrgenommen wird. Eine Krisensituation hat zwar i.d.R. einen
konkreten Anlass, lässt sich aber begreifen als Kulmination
unterschiedlicher Belastungsmomente, die sich nur schwer oder gar
nicht auf ihre Ursache zurückführen lassen. Auf personaler Ebene
können starke Stimmungsschwankungen, Ambivalenzen sowie
Gefühle der Spannung und Angst auftreten. Eine Krise verlangt zur
Problembewältigung vom Individuum einen qualitativen Sprung zur
Neuorganisation von Kompetenzen. In ihrem Verlauf stellen Krisen
offene Veränderungsprozesse dar, die nicht linear, sondern in
Rückkoppelungsprozessen verlaufen. Eine Krise wird als eine die
ganze Person in Frage stellende starke Bedrohungssituation erlebt.
Der Umgang mit ihr hängt ab von der örtlichen sowie der sozialen und
gesellschaftlichen Umwelt.“

Hugo Mennemann

12 irrationale Vorstellungen nach Albert Ellis, die eine Neurose hervorrufen und aufrechterhalten

1. Die Vorstellung, es sei eine dringende Notwendigkeit, dass Erwachsene von jemandem geliebt werden und zwar für nahezu alles, was sie tun – statt sich also auf ihren Selbstrespekt zu konzentrieren, für praktische Zwecke Anerkennung zu ernten, statt sich darauf zu konzentrieren, dass sie selbst jemandem Liebe zeigen, statt selbst geliebt werden zu wollen.

2. Die Vorstellung, bestimmte Handlungen seien fürchterlich oder schlecht und dass Menschen, die solche Handlungen vollziehen, verachtet werden müssen – statt der Vorstellung, dass bestimmte Handlungen unsinnig oder antisozial sind und dass Menschen,
die so handeln, sich dumm, ignorant oder neurotisch verhalten und Hilfe benötigen, damit sie sich ändern. Wenn Menschen sich schlecht verhalten, macht das niemanden zu einem verachtenswerten Individuum.

3. Die Vorstellung, es sei entsetzlich, wenn die Dinge anders sind, als wir das gerne möchten – statt der Vorstellung, dass die Lage gar nicht so schlimm ist, dass wir widrige Umstände zu ändern oder in den Griff zu bekommen versuchen, sodass sie zufriedenstellender sind, und wenn das nicht möglich ist, sollten wir das lieber vorübergehend hinnehmen und uns in ehrenhafter Weise damit abfinden, dass die Dinge nun mal so sind.

4. Die Vorstellung, menschliches Unglück sei immer von außen verursacht und werde uns von außen stehenden Menschen und Ereignissen aufgezwungen – statt der Vorstellung, dass eine Neurose zu einem großen Teil durch unsere Sichtweise unglücklicher Umstände verursacht wird.

5. Die Vorstellung, dass wir uns fürchterlich aufregen sollten, wenn etwas gefährlich ist oder sein könnte – statt der Vorstellung, dass man der möglichen Gefahr besser offen ins Gesicht blickt und sie zunächst als ungefährlich einstuft und, wenn das nicht möglich ist, das Unvermeidliche einfach akzeptiert.

6. Die Vorstellung, es sei einfacher, die Schwierigkeiten des Lebens und die Eigenverantwortlichkeiten zu meiden, als sich ihnen zu stellen – statt der Vorstellung, dass der so genannte einfache Weg sich letztlich doch oft als der härtere herausstellt.

7. Die Vorstellung, dass wir unbedingt etwas bräuchten, das größer und stärker ist als wir selbst, damit wir uns darauf verlassen können – statt der Vorstellung, dass es besser ist, das Risiko unabhängigen Denkens und Handelns einzugehen.

8. Die Vorstellung, wir müssten in jeder erdenklichen Hinsicht überaus kompetent, intelligent und erfolgreich sein – statt der Vorstellung, dass wir besser manches wirklich gut machen, statt immer und überall gut sein zu müssen, dass wir uns selbst als ein recht unvollkommenes Wesen akzeptieren, das wie alle anderen Menschen seine Grenzen und individuellen Schwächen hat.

9. Die Vorstellung, etwas, das uns in unserem Leben einmal sehr stark beeinflusst hat, werde unendlichen Einfluss auf uns ausüben – statt der Vorstellung, dass wir aus vergangenen Erfahrungen lernen und uns nicht übermäßig mit ihnen beschäftigen
oder Vorurteile daraus entwickeln müssen.

10. Die Vorstellung, wir müssten eine bestimmte und perfekte Kontrolle über die Dinge ausüben – statt der Vorstellung, dass die Welt voller Wahrscheinlichkeiten und Zufälle steckt und dass wir das Leben dennoch genießen können.

11. Die Vorstellung, menschliches Glück könne durch Trägheit und Untätigkeit herbeigeführt werden – statt der Vorstellung, dass wir am glücklichsten sind, wenn wir uns vital in kreative Unternehmungen vertiefen oder wenn wir uns Menschen und Projekten außerhalb unserer selbst widmen.

12. Die Vorstellung, wir hätten keinerlei Einfluss auf unsere Emotionen und könnten nicht anders, als uns von den Dingen gestört zu fühlen – statt der Vorstellung, dass wir reale Kontrolle über unsere destruktiven Empfindungen haben, wenn wir uns nur entschließen, die „musturbatory hypotheses“ zu ändern, die wir häufig dazu gebrauchen, derartige Emotionen zu erzeugen.

Albert Ellis

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – Fallbeispiel

Gisbert W. ist 52 Jahre alt und Inhaber eines Mittelstandsunternehmens mit einer 490-köpfigen Belegschaft. Seine Frau arbeitet teilzeitig im Unternehmen in der Finanzbuchhaltung und erkrankt durch einen Schlaganfall derart schwer, dass sie nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren kann und die Ärzte einen dauerhaften Pflegefall voraussehen. Frau W. kann sich nicht mehr sprachlich äußern, vermag jedoch Hinweise zu geben, dass sie ihr Umfeld noch deutlich wahrnimmt. Anders als auf den ersten Blick vielleicht zu vermuten, kommt W. jedoch nicht wegen der schwierig zu bewältigenden Situation im Unternehmen in die Therapie, auch nicht die jäh veränderte Lebenssituation mit seiner Frau ist für ihn vorrangig. Gisbert W. hat das Problem, dass seine drei mehr oder minder pubertierenden Kinder von der Mutter erzogen wurden und er sich nun sorge, ob die drei ihren Halt verlieren und womöglich in ein Umfeld geraten, in dem sie einen Ausgleich für die entstandene Belastung suchen. Herr W. malt ein Bild aus Drogen und Kriminalität und damit aus Angst und Misstrauen – die Psyche formt die Angst und der Zugang zum Geist ist blockiert.

Als Gisbert W. mit seinen drei Kindern in der Sitzung erscheint und noch einmal beschreibt, wie er die Veränderungen, den großen Verzicht, seinen Verdruss und seine Last erlebt und welche Sorgen ihn lähmen, fragt eines der Kinder, was denn das Bestmögliche für die Mutter sei? Die sich entwickelnde Sammlung und die mit ihr verbundenen sinnvollen Handlungen zeigen den Sinnanruf deutlich auf, den die Kinder und ihr Vater achtsam vernommen haben.

Durch die Bewusstmachung des Sinnhaften nach einem Ereignis mit Einwirkung auf die Psyche und dem möglichen Verlust von Gelassenheit und Selbststeuerung – zum Beispiel durch einen entsprechend fokussierenden Therapie-Prozess – vermag der Mensch in einem belastenden Ereignis „zurückzuspringen“ in einen Zustand, der ein gelingendes (Weiter-) Leben erlaubt.

Das Bestreben, diesen Verlust nicht zu realisieren, wird im Folgenden in Anlehnung an die von Viktor Frankl beschriebene „Trotzmacht des Geistes“ der ‚1. Grad Trotzmacht‘ genannt. Diese ist der eigentliche Schutzfaktor. Er findet sich nicht ursprünglich in Form physischer Stärke oder Fitness und auch nicht in Form psychodynamischen Erlebens und Verhaltens. Die Heimat der Trotzmacht ist das Geistige. Erst mit dem Einbezug der geistigen Dimension erhält der Mensch die Gelegenheit, sich so oder anders den aktuellen psychophysischen Bedingungen zu stellen. Zeigt der Mensch in existenziell belastender Situation seinen (Über-) Lebenswillen und strebt er nach sinnerfülltem gelingenden Leben, so ist die Quelle dieses Sinnstrebens der menschliche Geist.

Lothar T. wurde vor drei Jahren arbeitslos. Als erfahrener Ingenieur traf ihn die Finanzkrise wie ein Hammerschlag, seine aus Scham und Stolz unterlassenen Hilfsgesuche und das Gefühl, dass ihn sein privates Umfeld zunehmend ausgrenzte, führte anfangs zu einem Aufbegehren gegen die Situation. Als es ihm misslang, neu beruflich Fuß zu fassen und er sich sein Leben mit Alkohol meinte erträglicher gestalten zu müssen, führte dies schnurstracks in eine weithin bekannte Teufelsspirale. Jedoch, ein Freund, der ihm in einem vertrauten und ruhigen Gespräch ausmalte, sich als „Mensch mit 1.000 Talenten und zehn Flaschen Schnaps wohl von der Erde zu verabschieden“ sorgte dafür, dass Lothar T. seinen per se verfügbaren, jedoch durch psychische Fehlhaltungen versteckten ‚2. Grad Trotzmacht‘, – das „Aufbäumen“ – aktivierte. In der Therapie meinte T. dann auch nachvollziehbar, er habe seine Sinnsuche nur auf den Feldern seines Lebensschachbrettes vorgenommen, wo seine Figuren schon standen, nun wäre er bereit für einen neuen, ihm noch unbekannten Lebensentwurf.

Auch in diesem Fall sei betont: Die Resilienz als „Existenzial“ war auch bei diesem Klienten bereits gegeben. Sie ist weit mehr als eine „Ressource“, deren Aufzehrung dazu führen kann, dass der Mensch immer mehr Anstrengungen unternimmt, um in immer kürzerer Zeit den „leeren Akku“ wieder aufzutanken. Sie ist Bewusstheit für das Wesentliche und Sinnerfüllende. Damit jedoch für Lothar T. das „Aufbäumen“ gelingen kann, braucht er einen „Baum“ – einen „Baum der Selbsterkenntnis“ –, dessen Wurzelwerk sein Wertesystem repräsentiert und ihm anzeigt, was ihm zum Beispiel jenseits guter Beziehungen zu anderen Menschen oder vergangener Erfolge selbst in seiner so haltlos erscheinenden Situation Halt gibt.

Erleben wir Menschen, die dieses Aufbäumen vermissen lassen und Signale der „Selbst-Aufgabe“ senden, arbeiten wir mit ihnen konsequent resilienzbasiert und wertezentriert, indem wir mit Verfahren und Reflexionen wie der Werteaufstellung, der Werteanalyse mittels „LebensWerte-Karten“, der Sinnbiographie, der Messung der Bewusstheitsebenen oder der Analyse des „sozialen Atoms“ herausarbeiten, worin bisherige Sinnbeiträge bestanden und wie das „Zurückspringen“ nach Misserfolgen, Trennungen, Verlusten oder anderem in der Vergangenheit vollzogen wurde. Auch schauen wir, in welcher Weise die Person Aspekte seiner Psyche (zum Beispiel: Affekte, Stimmungen, Denkprozesse und anderes) steuert, wie er Humor zeigt, welche Formen der Selbstvergessenheit zum Wohle eines höheren Wertes die Person erwähnt, wovon er träumt, was ihn staunen lässt. Nach dieser, so kurz wie möglich gehaltenen Phase wird die Person bei zeitlich eng getakteter Begleitung darin unterstützt, einen mit ihm und für ihn stimmigen Lebensentwurf zu entwickeln, (s)eine neue „Schicksalsmelodie“ zu komponieren.

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 4

In Therapie und Coaching hilft uns dies weiter, wenn wir einen belasteten Menschen jenseits bereits vollzogener oder angedachter, jedoch mit „seiner Selbst“ (noch) nicht im Einklang stehenden Handlungen, zu einer für ihn wirklich sinnerfüllten Entlastung führen. Denn unsere zentrale Arbeitshypothese lautet in diesem Kontext: Die Person ist bereit, sich auf einen ihm Sinn gebenden Lebensentwurf einzulassen – seine Resilienz besteht darin, bislang eine grundsätzlich bejahende Antwort auf sein Leben gegeben zu haben. Die Folge dieser Hypothese ist, mit der Person nicht das ihn aktuelle Verstörende, Traumatisierende, stark Belastende in den Mittelpunkt der Arbeit zu rücken, sondern die Klärung der „Kultur seines Bewusstseins und seiner Bewusstheit“ anzugehen.

Einen zentralen Platz nimmt dabei sein „Sinn-Organ“ ein, das „Gewissen“. Es unterstützt dabei, das einer jeden Situation innewohnende Sinnhafte zu erspüren. In einer Krisen- und Belastungssituation sich von der Stimme des Gewissens tragen zu lassen und Sinnvolles zu tun oder etwas sinnvoll zu unterlassen, verstehen wir „als die Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren“ [Frankl]. Neben dem Bewusstsein, das das Seiende und Wirkliche erkennt, erkundet das Gewissen das Seinsollende, das erst noch zu verwirklichen ist. Das Gewissen zeigt also die Möglichkeiten auf, die auf Verwirklichung warten. Es ist die „Resilienzstruktur“, auf die der Mensch „wieder hin zu springen“ (re-salio) befähigt ist und die eine zutiefst und einzig humane Eigenschaft anzeigt, insbesondere in Situationen, die sich durch Diffusität, Unberechenbarkeit und persönlicher Erschütterung auszeichnen. Ist das Sinnorgan untrainiert, so kann der Mensch den Sinn verfehlen, er kann sich „verirren“.

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 3

Betrachten wir die Liste der „Schutzfaktoren“, deren Vorhandensein Resilienz entwickeln helfen soll, so könnten wir schnell zur Annahme kommen, dass sich Menschen deshalb in einer Krise befinden, weil sie eben derart ungeschützt im Leben stehen – von einem positiven Lebensmodell ist wenig zu hören, gute Beziehungen zu Vertrauenspersonen sind rar, der Glaube an die eigene Kraft ist einer lethargischen Grundhaltung gewichen und so weiter.

Was ändert sich aber, wenn wir als sinnzentrierte Berater die individuelle Resilienz nicht in Frage stellen, sondern im Gegenteil als Existenzial, also als jedem Menschen per se gegebene Grund-eigenschaft, festschreiben. Was ist, wenn wir dieses Menschenbild pflegen und auf dieser Basis mit unseren Mitteln einem Krisenbetroffenen helfen, sich auf den aktuell gegebenen Sinn im Leben zu zentrieren?

Ein solches Menschenbild sieht den Menschen als grundsätzlich ausgestattet an, um den Widrigkeiten seines Lebens zu trotzen. Diese Arbeitshaltung bedeutet nicht nur für einen Therapeuten oder Coach, sondern auch für den betroffenen Menschen eine interessante Herausforderung: Oftmals hören wir, dass eine massive Belastungssituation doch eine Reaktion wie Depressivität, Resignation, Antriebsverlust, Gefühllosigkeit oder anderes erzeugen müsse, eine psychische Störung doch „normal“ sei. Erwidern wir, dass es vom konkreten Menschen abhängt, ob dieser sich von den Geschehnissen um ihn herum überhaupt belasten lässt – letzten Endes individuelles Verhalten nicht durch die Bedingungen diktiert wird, die der Mensch antrifft, sondern von den Entscheidungen, die er trifft – so erleben sich in diesem Diskurs unsere Gesprächspartner auf unerwartete Weise geistig mündig und in ihrem freien Willen und ihrer Verantwortlichkeit ernstgenommen.

Trotz und wegen widriger äußerer Umstände die Bedingtheiten in die eigene Hand zu nehmen und über sich hinauszuwachsen, sehen wir als Urgrund menschlicher Resilienz an. Wir stützen uns damit auf die von Viktor Frankl begründete Sinntheorie. In ihr spielt die geistige Dimension eine überragende Rolle, die es dem Menschen ermöglicht, sich dem Sinn im Hier und Jetzt gegenüber auszurichten.

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 2

Im Zeitverlauf hat der Resilienz-Begriff unterschiedliche Fokussierungen erlebt. Während Jeanne und Jack Block, die den Begriff Resilienz in den 50er-Jahren unter dem Stichwort Ego-Resilience einführten, ein Persönlichkeitsmerkmal auszumachen meinten, das sich aus dem multifaktoriellen Zusammenspiel von genetischen, biologischen und sozialen Bedingtheiten und Einflüssen entwickelt, sieht Corina Wustmann eher eine im Stresskontext gegebene Kompetenz im Spiel, wenn sie meint, Resilienz sei „die Fähigkeit einer Person oder eines sozialen Systems, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umzugehen.“ Und Pauline Boss ergänzt, „Stress bedeutet, dass die Brücke unter einem gewissen Druck steht; Spannung bedeutet, dass die Brücke schwankt, aber hält; Krise bedeutet, dass die Brücke einstürzt; und Resilienz bedeutet, dass sich die Brücke unter dem auf sie ausgeübten Druck biegt, diesen Druck aber absorbieren kann, ohne dadurch Schaden zu nehmen.“

Dass all diese Definitionen Einende, ist ihre rückwärtsgerichtete Perspektive. Gerät ein Mensch in eine Überlast, so mag im Verlauf der Entlastungsarbeit zwar trefflich analysiert werden, dass der Grad an Resilienz diesen Anforderungen womöglich nicht entsprach. Entweder war dann die Bewältigungsstrategie des Klienten unzureichend oder sein Ressourcen-Set nicht optimal eingestellt. Oder es waren halt multifaktorielle Bedingtheiten, die sich zu einer veritablen Krise auswuchsen und von der Person nicht mehr gehandhabt werden konnten: Resilienz als prozessualer Vorgang oder als skalierbarer Gradmesser für die Robustheit in Belastungssituationen?

Aus der Sicht eines sinnzentriert arbeitenden Therapeuten und Coachs frage ich mich: Wie und woraufhin arbeite ich mit einem Menschen, wenn es um Resilienz geht?
Reichen die von Rosemarie Welter-Enderlin genannten Schutzfaktoren aus, um einen Menschen in seiner Widerstandskraft derart zu stärken, dass die nächste Belastungssituation geschmeidig gemeistert werden kann?

Schutzfaktoren zur Entwicklung von Resilienz (nach: Welter-Enderlin)

  • Positive Lebensmodelle (Vorbilder)
  • Entwicklung von guten Beziehungen zu Vertrauenspersonen
  • Entwicklung von Eigenverantwortlichkeit
  • Beziehungen, die auf Gegenseitigkeit angelegt sind
  • Glaube an die eigene Kraft, der es ermöglicht, Schwierigkeiten anzupacken, Überwindung der Tendenz, sich als Opfer zu fühlen
  • Entwurf realistischer Ziele im Rahmen einer Langzeitperspektive, gut für sich selbst zu sorgen
  • Mit Mut auf belastende Situationen zu reagieren

 

Resilienz und eine sinntheoretische Perspektive – 1

„Ich hätte auch gern ein dickeres Fell.“ „Gegen solche Situationen gibt es ja keine Spritze.“ „Andere nehmen sich so etwas nicht so zu Herzen wie ich.“ „Ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren kann.“ Wer so spricht, ist meist überraschend getroffen worden. Und auf dem Weg, der Lage Frau oder Herr zu werden, erkennt man: Es fehlt an etwas Wesentlichem.

Georgie Parker ist ein stattlicher Mann und Besitzer eines schmucken Nachtclubs. Jeden Tag brummt das Geschäft, auch dank seines Mitarbeiters Joe, der ganz wunderbar mit rauchig-knorriger Stimme neben Bass und Alt-Sax seine düsteren Balladen singt. Eines Tages flattert ein Angebot in die Garderobe von Joe – eine stadtbekannte Adresse will ihn abwerben. Als Joe seinen Chef informiert, bemerkt er zwar dessen Gesichtsentgleisung, ahnt aber nicht, dass dies für Parker „Krieg“ bedeutet. Und diesem Krieg fällt Joe fast zum Opfer. Schwer angeschlagen, ist Joe nicht mehr in der Lage, seiner musikalischen Berufung nachzugehen. Er ist fertig. Verzweifelt versucht er, auf die Beine zu kommen, doch es gelingt ihm nicht. Er sucht eine Wendepunkt-Hilfe. In der Akutintervention erarbeitet er sich einen neuen Weg möglicher persönlicher Entfaltung – auf diesem Weg erkennt er zwar, dass er „überleben“ kann, vermisst jedoch die erfüllende Befriedigung in dem, was er tut. Joe verzweifelt, greift zur Flasche, verliert dadurch wichtige Beziehungen, besinnt sich, will wieder anknüpfen und erfährt Abweisungen, auch von ehemals „guten Freunden“. Die Lage ist entsetzlich, und Joe trifft einen Entschluss …

Der Film „Schicksalsmelodie“ mit Frank Sinatra als „Joe“ aus dem Jahr 1957 zeigt die Phasen

  • Zufriedenheit
  • Ereignis mit Einwirkung auf die Psyche und möglicher Verlust von Gelassenheit und Selbststeuerung
  • missglückte Ausgleichsanstrengungen und zunehmende Eskalation
  • Teufelskreis und Griff nach jedem Strohhalm
  • Verlust nahezu jeglicher Widerstandskraft
  • Entscheid: Aufbäumen oder Untergang

Die Dramaturgie des Films und vielleicht jedes Lebens kommt dann zum Spannungshöhepunkt, wenn die Frage im Raum steht: Wie stellt sich der Mensch kritischen Situationen? Biegt er „nur“ oder bricht er unter seiner Situation? Rosemarie Welter-Enderlin skizziert mit diesem Bild den derzeit viel beachteten Begriff der Resilienz: „Resilienz hat mit der Fähigkeit zu tun, sich von Schwierigkeiten zwar beeinträchtigen, aber nicht zerstören zu lassen“.