Kategorie-Archiv: Philosophie und Krise

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 8

Wesensmerkmale des Menschen: Gegenstandsunfähigkeit

„Der Mensch allein – sofern er Person ist – vermag sich über sich emporzuschwingen und von einem Zentrum gleichsam jenseits der raumzeitlichen Welt aus alles, darunter auch sich selbst, zum Gegenstand seiner Erkenntnis zu machen.“

„Der Geist ist das einzige Sein, das selbst gegenstandsunfähig ist – er ist reine, pure Aktualität, hat sein Sein nur im freien Vollzug seiner Akte. Das Zentrum des Geistes, die ,Person‘, ist also weder gegenständliches noch dingliches Sein, sondern nur ein stetig selbst sich vollziehendes [wesenhaft bestimmtes] Ordnungsgefüge von Akten. Die Person ist nur in ihren Akten und durch sie.“

Alles Seelische ist gegenstandsfähig – nicht aber der Geistesakt, die Intentio, das die seelischen Vorgänge selbst noch Schauende. Zum Sein unserer Person können wir nur sammeln, zu ihm hin uns konzentrieren – nicht aber es objektivieren. Auch fremde Personen sind als Personen nicht gegenstandsfähig.“

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 7

Wesensmerkmal des Menschen: Selbstbewusstsein / Selbstbewusstwerden

„Der geistige Akt, wie ihn der Mensch vollziehen kann, ist im Gegensatz zu der einfachen Rückmeldung des tierischen Leibschemas und seiner Inhalte wesensgebunden an eine zweite Dimension und Stufe des Reflexaktes. Wir wollen diesen Akt ,Sammlung‘ nennen und ihn und sein Ziel zusammenfassend ‚Selbstbewusstsein‘ nennen.

Das Tier hat Bewusstsein, im Unterschied von der Pflanze, aber es hat kein Selbstbewusstsein. Es besitzt sich nicht, ist seiner nicht mächtig – und deshalb auch nicht bewusst. Mit diesem Selbstbewusstwerden, dieser neuen Zurückbeugung und Zentrierung seiner Existenz, die der Geist möglich macht, ist das zweite Wesensmerkmal des Menschen gegeben.“

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Max Scheler – und seine Kritik an der ‚Dualismus-Idee‘ des Rene Descartes

„Für die Neuzeit hat die klassische Theorie des Menschen ihre wirksamste Form gefunden in der Lehre des Descartes. Dadurch, dass dieser alle Substanzen in ,denkende‘ oder ,ausgedehnte‘ einteilte und lehrte, dass der Mensch allein aus diesen beiden in Wechselwirkung stehenden Substanzen besteht, hat Descartes in das abendländische Bewusstsein ein ganzes Heer von Irrtümern schwerster Art eingeführt.“

„Im äußersten Gegensatz dürfen wir sagen: Der physiologische und der psychologische Lebensprozess sind ontologisch streng identisch. Sie sind nur phänomenal verschieden – aber auch phänomenal streng identisch in den Strukturgesetzen und in der Rhythmik ihres Ablaufs. Die Kluft, die Descartes durch seinen Dualismus von Ausdehnung und Bewusstsein als Substanzen, zwischen Körper und Seele aufgerichtet hatte, hat sich heute fast bis zur Greifbarkeit der Einheit des Lebens geschlossen.“

Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 6

Wesensmerkmal des Menschen: Existentielle Entbundenheit

„Stellen wir hier an die Spitze des Geistbegriffs seine besondere Wissensfunktion, dann ist die Grundbestimmung eines geistigen Wesens seine existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, Ablösbarkeit von dem Druck, von der Abhängigkeit vom Organischen, vom ,Leben‘ und allem, was zum Leben gehört – also auch von seiner eigenen triebhaften ,Intelligenz‘.

Ein ,geistiges‘ Wesen ist also nicht mehr trieb- und umweltgebunden, sondern ,umweltfrei‘ und ,weltoffen‘. Ein solches Wesen hat ‚Welt‘. Ein solches Wesen vermag ferner die auch ihm ursprünglich gegebenen ,Widerstands‘- und Reaktionszentren seiner Umwelt, die das Tier allein hat und in die es ekstatisch aufgeht, zu ,Gegenständen‘ zu erheben und das Sosein dieser Gegenstände prinzipiell selbst zu erfassen, ohne die Beschränkung, die diese Gegenstandswelt oder ihre Gegebenheit durch das vitale Triebsystem und die ihm vorgelagerten Sinnesfunktionen und Sinnesorgane erfährt.“

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 5

„Das Wesen des Menschen und das, was man seine ,Sonderstellung‘ nennen kann, steht hoch über dem, was man Intelligenz und Wahlfähigkeit nennt, und würde auch nicht erreicht, wenn man sich diese Intelligenz und Wahlfähigkeit quantitativ beliebig, ja ins Unendliche gesteigert vorstellte. Aber auch das wäre verfehlt, wenn man sich das Neue, das den Menschen zum Menschen macht, nur dächte als eine zu den psychischen Stufen noch hinzukommende neue Wesensstufe psychischer Funktionen und Fähigkeiten, die zu erkennen in der Kompetenz der Psychologie und Biologie Iäge.“

„Das neue Prinzip steht außerhalb all dessen, was wir ,Leben‘ im weitesten Sinne nennen können, Das, was den Menschen allein zum ,Menschen‘ macht, ist nicht eine neue Stufe des Lebens, sondern es ist ein allem und jedem Leben überhaupt, auch dem Leben im Menschen entgegengesetztes Prinzip.“ […. und dieses Prinzip lautet, dass der Sinn, nach dem ein Mensch im Leben strebt, nicht in ihm, sondern außerhalb von ihm zu finden ist. Damit einem Menschen es möglich wird, den außer ihm liegenden Sinn zu finden, muss er die Veränderung vom Menschen zur Person vollziehen.]

Der Begriff ,Person‘

Das Aktzentrum aber, in dem Geist innerhalb endlicher Seinssphären erscheint, bezeichnen wir als ‚Person‘, in scharfem Unterschied zu allen funktionellen Lebenszentren, die nach innen betrachtet auch ,seelische‘ Zentren heißen.“ Über ‚Geist‘ verfügt nur der Mensch als Person, erst er begründet seine ‚Sonderstellung‘.

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 4

„Unter den zwei Verhaltensweisen, die beide ursprünglich aus dem instinktiven Verhalten hervorgehen, das ‚gewohnheitsmäßige‘ und das ,intelligente‘ Verhalten, stellt das ‚gewohnheitsmäßige‘ die dritte psychische Form dar. Der Inbegriff der Tatsachen, der Assoziation, Reproduktion, des bedingten Reflexes, d.h. jene Fähigkeit, die wir als ‚assoziatives Gedächtnis‘ bezeichnen.“

Assoziatives Gedächtnis ist „in irgendeinem Grad bereits bei allen Tieren tätig.Eng verbindet sich das Prinzip des assoziativen Gedächtnis vom ersten Augenblick seines Auftretens an mit der Handlungs- und Bewegungsnachahmung auf Grund des Affektausdrucks und der Signale des Artgenossen. ,Nachahmung‘ und ,Kopieren‘ sind nur Spezialisierungen jenes Wiederholungstriebes, angewandt auf fremdes Verhalten und Erleben, der zunächst eigenen Verhaltensweisen und Erlebnissen gegenüber tätig ist und sozusagen den Dampf alles reproduktiven Gedächtnisses darstellt. Durch die Verknüpfung beider Erscheinungen bildet sich erst die wichtige Tatsache der ‚Tradition‘.

„Das Prinzip der Assoziation ist im Verhältnis zur praktischen Intelligenz noch ein relatives Prinzip der Starrheit und Gewohnheit. So ist es im Verhältnis zum Instinkt also bereits ein mächtiges Werkzeug der Befreiung.“ [Anmerkung: Und damit wird Assoziation zu einem zentralen Aspekt auch in der Bewältigung von Krisensituationen. Krisenbegleiter sind damit immer auch ein Stück ‚Assoziationsermöglicher‘]

„Wo immer die Natur diese neue psychische Form des assoziativen Gedächtnisses aus sich hervorgehen ließ, hat sie zugleich das Korrektiv für ihre Gefahren schon in die ersten Anlagen dieser Fähigkeiten mit hineingelegt. Dieses Korrektiv ist nichts anderes als die prinzipiell noch organisch gebundene praktische Intelligenz, wie wir sie nennen wollen – die vierte Wesensform des psychischen Lebens. Eng mit ihr einher geht die, ebenso noch organisch gebundene Wahlfähigkeit und Wahlhandlung.“

Bezug zur Krise:
„Ein Lebewesen verhält sich ,intelligent‘, wenn es ohne Probierversuche ein ’sinngemäßes Verhalten‘ neuen, weder art- noch individualtypischen Situationen gegenüber vollzieht, und zwar plötzlich und vor allem unabhängig von der Anzahl der vorher gemachten Versuche, eine triebhaft bestimmte Aufgabe zu lösen.“ [Mit anderen Worten: Sinnhaftigkeit geht stets vor Triebhaftigkeit, wenn es um die Überwindung von Krisen geht.]

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 3

Als die zweite seelische Wesensform, die dem undifferenzierten ekstatischen Gefühlsdrang in der objektiven Stufenfolge des seelischen Lebens folgt, haben wir das anzusehen, was wir als ,Instinkt‘ bezeichnen. In diesem Sinne nennen wir ,instinktiv‘ ein Verhalten, das folgende Merkmale besitzt:

Es muss erstens sinngemäß sein, d.h. so sein, dass es für das Ganze des Lebensträgers selbst, seine Ernährung sowie Fortpflanzung, oder das Ganze anderer Lebensträger (d.h. eigendienlich oder fremddienlich) zweckhaft ist.
Und es muss zweitens nach einem festen, unveränderlichen Rhythmus ablaufen.“

Über Instinkt verfügen Tiere, nicht aber Pflanzen.Im Verhältnis zum Gefühlsdrang ist der Instinkt bereits zwar auf artmäßig häufig wiederkehrend, aber doch spezifische – inhaltlich verschiedene, daher nicht ohne Wahrnehmung gegebene – Bestandteile der Umwelt gerichtet. Er stellt als solcher eine zunehmende Spezialisierung des Gefühlsdrangs und seiner Qualitäten dar.“

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 2

„Die Grenze des Psychischen fällt mit der Grenze des Lebendigen zusammen. Neben den objektiven Eigenschaften der Dinge, die wir ,lebendig‘ nennen, wie Selbstbewegung, Selbstformung, Selbstdifferenzierung, Selbstbegrenzung in zeitlicher und räumlicher Hinsicht, ist die Tatsache, dass Lebewesen nicht nur Gegenstände für äußere Beobachter sind, sondern auch ein Fürsich- und Innensein besitzen, in dem sie sich seIber inne werden, ein für sie wesentliches Merkmal. Es ist die psychische Seite der Selbstständigkeit, Selbstbewegung etc. des Lebewesens überhaupt – das psychische Urphänomen des Lebens.“

Die Stufenfolge der psychischen Kräfte:
– Gefühlsdrang
– Instinkt
– Assoziatives Gedächtnis
– Praktische Intelligenz

Die unterste Stufe des Psychischen – zugleich der Dampf, der bis in die lichtesten Höhen geistiger Tätigkeit alles treibt, auch noch den reinsten Denkakten und zartesten Akten lichter Güte die Tätigkeitsenergie liefert – bildet der bewusstlose, empfindungs- und vorstellungslose ,Gefühlsdrang‘. Objektlose Lust und ein objektsloses Leiden sind seine zwei Zuständlichkeiten.
Über „Gefühlsdrang“ verfügen schon Pflanzen.‘

Der Gefühlsdrang ist auch im Menschen das Subjekt jenes primären Widerstandserlebnisses, das die Wurzel alles Habens von ‚Wirklichkeit‘ ist, insbesondere auch der Einheit und des allen vorstellenden Funktionen voranliegenden Eindrucks der Wirklichkeit.“

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Max Scheler – und die Sonderstellung des Menschen – 1

Max Scheler wurde 1874 in München geboren, studierte dort Philosophie, Psychologie und Medizin. Ab 1918 Professur für Philosophie und Soziologie an der Universität Köln. 1928 starb Scheler in Frankfurt. Seine Hauptwerke: ‚Der Formalismus in der Ethik und die materiale Werteethik‘ [1923/1916] und ‚Die Stellung des Menschen im Kosmos‘ [1928] wurden während der NS-Zeit unterdrückt. Scheler ist Begründer der Philosophischen Anthropologie und mit seinen Gedanken der zentrale Impulsgeber für Viktor Frankl und dessen Sinntheorie.

Scheler sah die großen Veränderungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, die allesamt die traditionelle Sicht auf den Menschen problematisch werden ließen, als Ausgangspunkt seiner eigenen Arbeit an. Den massiven Veränderungen lagen in Darwins Thesen vom Menschen als Produkt der Evolution, in Freuds These vom Mensch als Triebwesen, in Nietzsches Kritik an der tradierten Vernunftauffassung, in empirischen Forschungen, die neue Einblicke in die Fähigkeiten von Tieren vermittelten und auch im ersten Weltkrieg als politisch-soziale Zäsur.

Mit Bezug auf das Wort Mensch gibt es „drei unter sich ganz unvereinbare Ideenkreise“ (die jüdisch-christliche Tradition, den griechisch-antiken Gedankenkreis, der Gedankenkreis der modernen Naturwissenschaft). Diesen drei Ideenkreisen fehlt jede Einheit untereinander. So besitzen wir denn eine naturwissenschaftliche, eine philosophische und eine theologische Anthropologie, die sich untereinander nicht kümmern – eine einheitliche Idee vom Menschen aber besitzen wir nicht. Die immer wachsende Vielheit der Spezialwissenschaften, die sich mit dem Menschen beschäftigen, verdeckt weit mehr das Wesen des Menschen, als dass sie es erleuchtet. Ich habe es daher unternommen, auf breitester Grundlage einen neuen Versuch einer Philosophischen Anthropologie zu geben.“ [Scheler]

„Die Sonderstellung des Menschen kann uns erst deutlich werden, wenn wir den gesamten Aufbau der biopsychischen Welt in Augenschein nehmen.“ Dabei unterscheidet er „drei Wesensstufen des Daseins“, die der Mensch in sich zusammenfasst, nämlich die anorganischen Körper, das Lebendige und den Geist.

[wird fortgesetzt]

Wenn Du denkst, Du denkst, dann denkst Du nur, Du denkst

Das Denken – eine schier unerschöpfliche Quelle zur permanenten Neuerfindung eines Menschen. Manche behaupten, die Fähigkeit zu denken, mache das Wesen des Menschen aus. Andere bringen das Denkvermögen mit dem Wunsch nach Wahrheit in Verbindung. Wieder andere meinen, etwas durchdacht zu haben sei die Basis für vernünftiges Handeln. Fragt man einen Menschen danach, was er gerade denkt, dann kann man auf ‚rückblickendes Denken‘ stoßen oder auf selbstreflexives oder auf planendes, auf abstraktes, auf phantasierendes oder bewertendes, auf vorausschauendes oder ahnendes oder …

Wer denkt, der ist! So sah es der Philosoph Rene Descartes im 17. Jahrhundert: ‚Daraus erkannte ich, dass ich eine Substanz bin, deren ganzes Wesen oder deren Natur nur darin besteht, zu denken und die zum Sein keines Ortes bedarf, noch von irgendeinem materiellen Dinge abhängt, so dass dieses Ich, d.h. die Seele, durch die ich das bin, was ich bin, völlig verschieden ist vom Körper, ja dass sie sogar leichter zu erkennen ist als er, und dass sie, selbst wenn er nicht wäre, doch nicht aufhörte, alles das zu sein, was sie ist.“
In einem späteren Werk fokussiert er weiter: „Ich bin also genau nur ein denkendes Wesen, d.h. Geist, Seele, Verstand, Vernunft – lauter Ausdrücke, deren Bedeutung mir früher unbekannt war. Ich bin aber ein wahres und wahrhaft existierendes Ding, doch was für ein Ding? Nun, ich sagte es bereits – ein denkendes.“

Schließlich gelangt er zu der – vermutlich auch erst durch ihn zu gewisser Berühmtheit gelangten – Zirbeldrüse: „Es ist auch nötig zu wissen, dass, obgleich die Seele mit dem ganzen Körper verbunden ist, es einen bestimmten Teil gibt, über den sie mehr als über alle anderen ganz spezifisch ihre Funktion ausübt. Man glaubt gewöhnlich, dieser Körperteil sei das Hirn oder vielleicht das Herz; das Hirn, weil sich mit diesem die Sinnesorgane verbinden, und das Herz, weil man in ihm die Leidenschaften fühlt. Nachdem ich aber die Sache sorgfältig untersucht habe, bin ich mir gewiss, erkannt zu haben, dass der Körperteil, über den die Seele ihre Funktionen unmittelbar ausübt, eine gewisse sehr kleine Drüse ist, die inmitten der Hirnsubstanz liegt und so oberhalb des Wegs, den die Lebensgeister von dessen vorderen Kammern zu den hinteren nehmen, hängt, dass ihre kleinsten Bewegungen sehr stark den Strom der Lebensgeister zu verändern vermögen und dass umgekehrt die geringsten Veränderungen, die im Strömen der Lebensgeister vorkommen, sehr viel dazu beitragen, die Bewegungen dieser Drüse zu verändern.“

Heute wissen wir, dass die Idee über die Funktion der Zirbeldrüsenseele nicht so ganz aufgegangen ist. Die Schlussfolgerungen, die Descartes aus seiner Denkforschung zog, passen mit heutigen Erkenntnissen nicht zusammen. So ist das mit dem ‚Zeit-Geist‘.

Vielleicht erweisen sich unsere Vorstellungen von der Möglichkeit einer individuellen Krisenprävention eines Tages auch als unpassende Schlussfolgerung? Der heutige ‚Teil-Zeit-Geist‘, dem Menschen einen ‚freien Willen‘ abzusprechen [wie es eine Strömung der modernen Neurowissenschaft behauptet und nur das Gehirn als die handlungsleitende Instanz ansieht], wäre wohl ein solcher Beweis. Aber noch haben sich diese Geister nicht behauptet und laufen ebenso Gefahr, ihrerseits eines Tages mit ihren unpassenden Schlussfolgerungen konfrontiert zu werden.

Damit kommen wir dann auch gleich zu unserem Outing: Ja, in unserem Menschenbild findet sich sehr wohl der freie Wille, das reflektionsfähige Selbst und das sinnfindende Gewissen, die den Menschen über das Tier erheben. Wir konnten Handlungen bei vielen Menschen beobachten, die unser Menschenbild bestätigten. Noch interessanter war es, dass wir viele Menschen mit Bedauern darüber sprechen hörten, dass sie eine Handlung nicht vollzogen hatten und dies zwar gerne korrigieren wollten, die Möglichkeit dafür jedoch nicht mehr sahen.

Aus zahllosen solcher Erfahrungen nehmen wir den Menschen daher bewusst nicht so wie er ist, sondern so wie er sein könnte und in dieser Perspektive ruht auch unsere Haltung, jedem Menschen per se die Fähigkeit zur sinnerfüllten Selbstaufklärung zuzusprechen. Und ganz konkret wird so das Thema einer individuellen Krisenprävention nicht zu einer reinen egozentrierten, zweckdienlichen Angelegenheit, sondern zu etwas, was ein Mensch macht in Liebe oder Hingabe an eine Sache oder eine Person, die er nicht selber ist. Mit anderen Worten: Krisenprävention, nur auf der Basis eines ‚warum soll ich das für mich machen‘, wird scheitern. Auf der Basis eines ‚wofür ist sie gut‘ wird sie gelingen. Krisenprävention wird somit mehr zu einer Lebenshaltung als zu einer Denkleistung.

Und erst jetzt kommt das Gehirn an die Reihe und damit auch die Voraussetzungen, die es zum Denken erfüllen muss. Dazu gehört insbesondere die Fähigkeit, in den eigenen psychischen Binnenraum schauen zu können, um dort bisherige Lebenserlebnisse, Lebenserfahrungen und Erinnerungen zu ordnen, vergangenes und aktuelles Erleben in Worte zu fassen, Handlungen zu reflektieren und Affekte zu regulieren. Sind diese Voraussetzungen nicht oder noch nicht gegeben, dann ist der Übergang aus einer Lebenshaltung in eine Lebenshandlung freilich erschwert. Aus diesem Umstand jedoch umgekehrt abzuleiten, dass wenn einer denkt, er denkt, er dann ausschließlich nur denkt, dass er denkt – dann ist das, denken wir, aus unserer Sicht ein Denkfehler.