Kategorie-Archiv: Sinnorientierte Erwachsenenbildung

Sinn und Mentoring

„Sinnorientiert handelnde Mentoren unterstützen dabei, Menschen fähig zu machen, Sinnfragen des Lebens zu beantworten. Sie ermutigen zur Selbsttätigkeit, damit ihre Gesprächspartner ihre stets gegebene Freiheit und Verantwortlichkeit erkennen und ihrerseits beginnen, mit Hingabe sich für jemanden oder für etwas einzusetzen, das ihres Einsatzes bedarf – und dies trotz womöglich gegebener eigener Erschwernisse, Hindernisse und Krisen. Wenn es Mentoren gelingt, ihre Gesprächspartner in diesem Sinne zu helfen, erfahren beide auf ihre je persönliche Weise, dass Sinn die Kraftquelle ist, nach der jeder Mensch sucht und die einzig in der Lage ist, die Belastungen des Einzelnen zu überwinden und damit die Spannung eines erfreuenden, gelingenden Lebens zu erhalten.“

Wofür? oder Warum? – die Sinnfrage

Menschen in Krisen stellen die Frage nach dem Sinn meist mit einem vorangehenden ‚Warum‘. Warum gerade ich, warum passiert das jetzt, warum wird mir dies oder jenes nicht ermöglicht …
Warumfragen stellen Verständnisfragen dar, sie stellt der ‚Gehirngeist‘, um Klärung in Sachverhalte und Vergleichsmöglichkeiten zu erhalten. Warum fragt nach Ur-Sachen. Mit ‚warum‘ fragen wir, wenn wir etwas tiefgründig erfassen wollen. ‚Warum‘ im Kontext eines Menschen, also zum Beispiel ‚warum hast Du Dich entschieden, diese Maschine und nicht die andere zu kaufen‘, fällt wieder auf den Menschen zurück, wenn er zum Beispiel antwortet: „Ich habe die Preise und Leistungen von A und B verglichen und nach diesen Hauptkriterien entschieden.“
Würde er antworten. „Weil diese Maschine für die Anforderungen der Mitarbeiter in der Abteilung X die bessere Alternative ist“, dann hätte er im strengen Sinne nicht auf ein ‚Warum‘ geantwortet, sondern auf ein ‚Wofür‘.

Die meisten Menschen nehmen eine solche Feindifferenzierung ihres Vokabulars nicht vor – und erschweren sich damit zuweilen lebenspraktisch den Zugang zum Sinn. Will sagen: Es gibt eine Art ‚Sinnsprache‘, die es Menschen erleichtert, abzukommen von formalen Gedanken oder Ursache-Wirkung-Zusammenhängen oder Blicken in die Vergangenheit. Das Wort ‚wofür‘ entspricht dabei eher einem Begriff der Sinnsprache, es öffnet neue Räume, es lockert die Verkrustungen, die Warum-Fragen bislang erzeugt haben können. Und – natürlich – werden Sie erleben können, dass Menschen ‚wofür‘ sagen, obwohl sie an sich ‚warum‘ meinen. Ein Satz wie: ‚wofür hast Du mich zur Welt gebracht‘, kann eine Antwort bewirken, die den Fragesteller auf die Welt des Antwortenden reduziert und damit die vielleicht erhoffte, erfreuende Wirkung verfehlt.

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“.
Wittgenstein

In der Tat: Sinnfindungsprozesse gehen in der Arbeit in unserer Praxis meist einher mit Wortfindungsprozessen und wir achten sehr auf den Umgang mit diesen Fragen und Antworten:
‚Warum sind Sie hier?“ „Weil ich mehr über mich selbst erfahren möchte.“
‚Wofür sind Sie hier?“ „Um zu erkennen, was ich in meiner jetzigen Lebensphase beitragen kann.“

 

Blockaden im Sinnerleben

Leben Menschen in Bedingungen, die in ihnen Hilflosigkeitsempfindungen, Abhängigkeiten, Ohnmachtsgefühle, Selbstwertzweifel o.a. Phänomene bewirken, die jedoch nicht mit einer grundsätzlichen Frage nach dem Sinn im Leben stehen, dann sprechen wir von einer Sinnleere, sondern einer Richtungslosigkeit der eigenen Motive. Ein Mensch kann also den gegenwärtigen Sinn seinem Leben sehr wohl ausgemacht haben [z.B. eine berufliche Lehre zu beginnen, um als Gärtner
Menschen, die empfänglich sind für florale Ästhetik, in deren Wohnumfeld zu erfreuen], doch erlebt er die damit verbundenen bürokratischen oder zwischenmenschlichen Prozesse als derart hindernd, dass er in eine Demotivationsspirale gerät, die ihm den Blick auf das Sinnvolle erschwert und nach und nach in das Empfinden von Sinnverlust führen kann.

Es ist oft in Therapie und Coaching zu beobachten, dass Menschen ihre Absichten, etwas als sinnhaft Geklärtes, nur deshalb nicht in die Handlung führen, weil sie Einschränkungen anderer Art zulassen, die das Sinnhafte quasi diskreditieren. „Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich ja, aber …“ Sinnbremsen dieser Art können darin liegen, dass man glaubt, über ein zu geringes Maß an Kompetenzen zu verfügen oder dass man meint, mit einem erfreuenden Einstieg ins Berufsleben andere Familienmitglieder, die einen solche Bezug zum Arbeitsleben nicht aufgebaut haben, vor den Kopf zu stoßen … oder

– dass man meint, gegen bestimmte Obrigkeiten, Mächte, Strukturen usw. das als Sinnvoll erachtete deshalb nicht durchsetzen zu können, weil sich einzubringen oder sich mit einer Sache mit ganzem Herzen einzusetzen, als unerwünscht empfunden wird;

– dass man meint, das als Sinnvolles erkannte könnte womöglich doch nicht sinnvoll sein, weil man ja bislang ’nichts besonderes zu Wege gebracht hat‘, ‚andere sicher nicht auf einen warten, wenn man mit diesem Gedanken kommt‘, ‚weil man nicht intelligent genug sei und der erkannte Sinn wohl doch eher eine Fata Morgana sei“

– dass man meint, durch bei anderen wahrgenommenes Desinteresse, Ignoranz, Lethargie etc. einen Hinweis dafür zu erhalten, ‚doch besser die Finger von der Sache zu lassen‘. Auch die abwertend formulierte Zuschreibung, wohl ein ‚Gutmensch‘ zu sein, kann zu einer Demotivation des durchaus als sinnvoll erkannten führen;

– dass man meint, das als sinnvoll Angesehene könnte nicht zu sinnvollen Zielen und sinnvollen Maßnahmen heruntergebrochen werden, weil man ja bislang von ‚keinem Mensch nach diesem Sinnhaften gefragt wurde‘

Hindernisse wie diese hören wir immer wieder in Therapie- und Coachinggesprächen und könnten dazu verleiten, das sinnzentrierte Arbeiten zu verlassen und mit dem Menschen stärker vergangenheitsorientiert [warum sehen Sie sich so, wie hat Ihre Familie Sie geprägt, ….] zu arbeiten. In meiner Praxis habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht, Patienten und Klienten darauf aufmerksam zu machen, dass in einem logotherapeutischen Arbeitsprozess die Vergangenheitsreflexion ’so viel wie nötig und so wenig wie möglich‘ erfolgt und ich in meiner Rolle meinen Gesprächspartner nicht ‚zum Sinn zwinge‘, ich in meiner Prozessverantwortung jedoch darauf achte, dass er ’sich selbst nicht um den von ihm erspürten Sinn in seinem Leben bringt‘, indem er seinen Blockaden mehr Bedeutung beimisst als seinen Möglichkeiten. Ich mache dabei transparent, dass dabei für mich das gute alte Pareto-Prinzip gilt, das in diesem Kontext besagt, dass mit 20% der verhaltenstherapeutischen Zeit bereits 80% der mit Vergangenheitsaspekten verbundenen Erkenntnisse gewonnen werden können. 80% der Zeit verbleiben so im Sinne der sinnzentrierten, nach vorne auf ein gelingendes Leben gerichteten Arbeit,

 

Sinnorientierte, die Gewissensbildung unterstützende Erwachsenenbildung [Logoandragogik] – [3]

Kritische Lebensereignisse im Form von Veränderungen des Lebensstils, der Bezugsgruppe, der Infra­gestellung des Sinns im Leben und auch weltanschauliche Suchbewegungen werfen die Frage auf, welchen Beitrag die Erwachsenenbildung zur produktiven und progressiven Verarbeitung kritischer Lebensereignisse leisten kann.

Für den Erziehungswissenschaftler Horst Siebert gehört dies zu den wichtigsten Fragestellungen der Erwachsenenbildungsforschung überhaupt. Sie wird in der konkreten Begleitung von Krisenbetroffenen bedeutsam, gilt doch, „dass Menschen, die ihre Lebens­probleme thematisieren, kein Wissen für nachweisbare Qualifikationen aufbauen wollen, sondern in ihrer Lebenssituation ratlos sind und an ihre Lebenserfahrungen, an problemlösende Anstrengungen und schon vorhandene Wissensbestände anknüpfen wollen.“ Eine solches Angebot der Erwachsenenbildung muss demnach bedachtsam formuliert werden, nicht zuletzt, um nicht womöglich „alltägliche Probleme und ‚normale‘ Krisenzeiten zu pathologisieren, dort wo die Anregung zum Durcharbeiten, zum Umdeuten und zu Weitsicht mit der Kompetenz der alltäglichen Helfer ausreichen würde“.

Soll also krisenpädagogisch geprägte Beratung [oder Therapie, oder Coaching, …] nicht aus ‚gut gemeinten‘ Beweggründen zu einer subtilen Form der Entmündigung des Menschen führen,

  • sei es, dass der Berater versucht, sein Lebensmodell oder das anderer Menschen dem Klien­ten als Beweis gelungener Entwicklung vorzuhalten oder sei es,
  • dass er im kreativen Fluss seiner eigenen Vorstellungen dem Klienten einen Möglichkeits­raum suggeriert, dessen Attraktivität den Klienten zwar berührt, dessen Unerreichbarkeit ihn aber aufgrund seiner empfundenen, ihn begrenzenden Bedingungen zusätzlich destabilisiert,
  • sei es, dass das Set an Normen, Werten, Weltanschauungen und Bedeutungen, das der Klient kultu­rell und sozial erworben hat, durch den Berater als krisenursächlich interpretiert wird, ohne dass dieser die damit verbundenen Loyalitäten berücksichtigt,

dann gilt es, eine Didaktik zu pflegen, durch die vermieden wird, dass der Berater in eine Stellvertre­tung des Denkens, Deutens oder gar Handelns gerät. [wird fortgesetzt]

 

Sinnorientierte, die Gewissensbildung unterstützende Erwachsenenbildung [Logoandragogik] – [2]

Für Bijan Adl-Amini, der es anstrebt, in der wissenschaftlichen Pädagogik die Subdisziplin ‚Krisen-pädagogik‘ zu etablieren, hat diese Pädagogik die Aufgabe, Menschen auf das Leben in Krisen vorzubereiten. „Wir dürfen nicht warten, bis unsere Kinder ins Wasser fallen. Wir sollten beizeiten Schwimmkurse einrichten“, meint der Kieler Erziehungswissenschaftler und will Krisenpädagogik verstanden wissen als Sensibilisierung des Men­schen für den Sinn von Lebenskrisen und für eine pädagogisch initiierte Sinnsuche in ‚Krisensituatio­nen‘, die dafür eintritt, „dem Leiden die quälende Sinnlosigkeit zu nehmen.“

In akuten Lebensbrüchen, die Menschen zwar erfasst, ihre Selbststeuerungskräfte dabei jedoch noch nicht derartig beschädigt haben, so dass ihr Leid nur noch durch spezielle therapeuti­sche Behandlungen, Akut- oder Notfallmaßnahmen zu mindern ist, können pädagogische Interven­tionen dazu beitragen, mit einer angemessenen Didaktik die Überwindung einer Grenzsituation zu unterstützen.

„Die Schläge des Schicksals, die wir erlei­den, führen auch zur Frage nach dem Lernen am Schicksal. Warum-Fragen, die nicht zu beantworten sind und nicht weiterführen, wären besser in Wozu-Fragen umzuwandeln. Schicksalsschläge und Krisen führen dazu, unser Leben nicht nur zu reflektieren, sondern oft radikal zu ändern, sie zwingen uns in die Tiefe und in den Sinn und führen zur Wandlung.  Statt auswendig zu lernen, ist inwendiges Lernen erforderlich.“ Und Adl-Amini resümiert: „Krisenpädagogik befasst sich mit der Beschreibung, Analyse und Sinnhaftigkeit von Le­benskrisen. Ihr Ziel ist die Erziehung des Menschen zum Sinn, d.h. die Sensibilisierung von Jung und Alt für die Sinnsuche in schicksalhaften Lebensereignissen“ und „für die Lernchancen, die in jeder krisenhaften Veränderung stecken. Im Erfassen der Krisenbotschaft verwandelt sich das Sinnlose der Krise in eine Lebensaufgabe.“  Es sei zentral, zu „begreifen, was den Menschen in der Krise ergreift, erschüttert und verwandelt“ und dazu sieht er insbesondere die biographische Arbeit als methodische Fundgrube an.

Curriculum „Sinnzentrierte Gesprächsführung“

Curriculum „Sinnzentrierte Gesprächsführung“
– für Führungskräfte und Berater –

  • 10 Module, nach freier Wahl zusammenzustellen
  • Jedes Modul sechsstündig
  • individuelles Training
  • auf der Basis der Sinntheorie von Viktor E. Frankl
  • Kosten je Modul: Euro 600 + zzgl. ggfls. Tools + moderate Tagespauschale

Inhalte

Sinnorientierte, die Gewissensbildung unterstützende Erwachsenenbildung [Logoandragogik] – [1]

Erwachsene Menschen, die Fragen zur Lebensgestaltung haben, die einen tiefen Lebensinhalt verloren glauben und einen neuen noch nicht finden konnten, die die Sinnhaftigkeit ihres Seins in Frage stellen und nach Orientierung suchen, finden in der Unterstützung eines Gesprächspartners hilfreiche Impulse, der sein Beratungskonzept auf dem Gedankengut Viktor Frankls aufbaut. Schlägt man nun eine Brücke insofern, dass Beratungsleistungen in diesem Konflikt- oder Krisenkontext immer auch als Facette der Erwachsenenbildung angesehen werden können, liegt es nahe, die am Logos [Sinn] orientierte Erwachsenenbildung [Andragogik] – also die Logoandragogik – als die wissenschaftliche Basis anzusehen, auf der Wertekonflikt-, Sinnfindungs- und Sinnkrisenberatung und -prävention fundiert ausgestaltet werden kann.

Darauf, dass es einen immer stärker werdenden Bedarf an logoandragogischer Beratung geben wird, hat der Soziologe Ulrich Beck in seinem Buch ‚Risikogesellschaft‘ hingewiesen. Zunehmende gesellschaftliche Komplexität und Umbrüche [Stichworte: alternde Gesellschaft, Vernetzungsdichte, Einwanderung, Machtverschiebungen, Infragestellung kirchlicher Institutionen, Digitalisierung, galoppierende Wissensmenge, prekäre Arbeit, permanente Angriffe gegen Geschäftsmodelle von Unternehmen, Seelenleere ….] machen ein präventiv-andragogisches Lernen für den Umgang mit solchen Veränderungen und Krisen unumgänglich. [wird fortgesetzt]