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Corona-Blog: Alles Virus oder was?

Wird gelockert, oder nicht? Und warum dort, wenn nicht auch hier? Und warum erst dann, wenn dort schon jetzt? Viele Widersprüchlichkeiten tun sich auf und so sehen manche Auguren zum Beispiel schon Heerscharen von Abiturienten vor Gerichte ziehen, weil diese sich in ihren Prüfungsvorbereitungen benachteiligt fühlen, andere sehen eine Welle von Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen in die Therapiepraxen strömen – sobald diese sich trauen, wieder in eine Praxis zu gehen. Wieder andere sehen die Weltwirtschaft in eine Rezession wie 1929 fallen. Selbst die Idee, dass durch Corona gegen Weihnachten viele Babys erwartet werden könnten, wird schnell von denen kassiert, die meinen, es wären wohl eher mehr Scheidungen. Aber vielleicht wäre ja sogar das Eine so gut wie das Andere?

Allen erdenklichen, medial quotenwirksamen Szenarien [des Schreckens] stehen aber bei genauerem Hinhören auch sehr viele gegenüber, die Ausdruck größerer ‚Entspanntheit‘ sind. So verweisen manche Statistiker zum Beispiel auf die Toten durch Krebserkrankungen oder Sturzverletzungen, deren Zahlen in Deutschland auch in diesem Jahr weit höher sein werden als die durch Covid19. Das, was diese Zahlen vermeintlich erträglicher werden lassen, ist wohl das Wissen um die Phänomene Krebs, Sturz u.a.. Denkt man dies weiter, dann ist eigentlich nicht das Virus als solches das Problem, sondern die Existenz von etwas konkret unerträglich Neuem. Kein Wissenschaftler wäre je auf die Idee gekommen, dieses konkrete Virus finden zu wollen. Vielmehr hat das Virus etwas in uns gefunden, und es ist uns erschienen, weil es dieses Etwas [Angreifbares, Verletzliches …] in uns gefunden hat. Das Virus lehrt uns also, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen. Wann war für Sie das letzte Mal etwas ‚unerträglich Neues‘ geschehen? Welche Lehren haben Sie aus diesem letzten Mal gezogen?

Erinnern wir in diesem Zusammenhang einen Satz des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er sagte einmal: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren.“ Eine Lehre, die man zum Beispiel aus unserer logotherapeutischen Sicht erneut ziehen kann, stammt von Viktor Frankl. Er erkannte: In Kriegszeiten gibt es keine Neurosen. Will sagen: Wenn es wirklich eng wird, dann haben Menschen keine Zeit für Wehwehchen. Dann haben sie ein einziges Thema: Überleben. Wie wiederholt sich diese Lehre heute, wenngleich wir [zum Glück] nicht im Krieg, durchaus aber in einer extremen Covid19-Sondersituation sind?

Beispielhaft darin, dass in vielen Arzt- und Therapiepraxen gähnende Leere herrscht, obwohl ein Besuch dort möglich wäre. Eine Erklärung: Jetzt geht es vielen Menschen um die Verwirklichung des Oberwertes ‚Gesundheit‘ mit der Folge, dass alles vermieden wird, was nicht zwingend ist. So verschiebt sich auch manch psychische Problem aus dem Spektrum des neurotischen Formenkreises vor diesem Hintergrund ein gutes Stück ins Nebensächliche. Ja, sogar eine Vielzahl von Menschen mit Angst- – oder in deren Unterform – Zwangsstörungen erleben nun eine echte Entlastung, eben weil sie sehen, wie viele [gesunde] Menschen ihre Angst individuell ausleben, es quasi ’normal‘ geworden ist, nicht nur Angst zu haben, sondern sie auch zu zeigen. Das Virus lehrt uns, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen und es zeigt uns, dass diese Möglichkeit für viele Menschen darin besteht, ihre Angst zu zeigen. Angst in ihren verschiedenen Formen wie Beziehungs-, Verlust-, Leistungs- oder Entscheidungsangst ist für viele Menschen derart unerträglich neu, dass wir als eine Konsequenz dieses Erlebens in unserer therapeutischen Praxis immer öfter nach unseren Angeboten zur Individuellen Krisenprävention als Angstprävention gefragt werden. Prävention, um das eigene Nichtwissen bezüglich möglicher Ängste aufzuhellen und Umgangsformen zu entwickeln, die die Unerträglichkeit ummünzen helfen in etwas Sinnvolles.

Am Rande angemerkt: Dass wir es mit unserer ‚german Angst‘ auch übertreiben können, zeigt uns der hygienische Übereifer vieler – nicht zwangserkrankter – Zeitgenossen, der sicher auch von denen nicht empfohlen wird, die uns nahelegen, das zu tun, was sich irgendwie immer anbietet: Händewaschen, wenn man unterwegs war. Oder das förmlich sprunghafte Ausweichen anderen Menschen auf dem Gehweg gegenüber, wenn das Risiko droht, für eine Zehntelsekunde das Abstandsgebot von 1,5 Metern zu unterschreiten – auch dies ist keine offizielle Empfehlung, allein schon wegen der Verletzungsgefahr bei solchen Hasensprüngen. Oder der Entzug des Blickkontaktes oder eines Lächelns zu anderen Menschen, weil diese ja potenziell Infektiöse sein könnten – auch dieses Verhalten wurde bislang nicht als notwendig ins Pflichtenheft aufgenommen. Ob ein offizielles ‚Rechte-Heft‘ es den Menschen erleichtern würde, zu wissen, was sie weiterhin dürfen? Also, ich weiß nicht.

Oἶδα οὐκ εἰδώς – ich weiß, dass ich nicht weiß … – Sokrates weiser Satz [der eben nicht besagt, dass ein Mensch wüsste, dass er nichts weiß] wird in der Gegenwart besonders erlebbar. Viele Experten wissen, dass sie nicht wissen, was richtig ist. Weshalb in der Folge manchmal das Eine hier eine Pflicht, das Andere dort kein Recht ist. Wenn aber viele nicht wissen, was richtig ist, dann bieten sich Fahrten auf Sicht im Nebel der Komplexität förmlich an. Diese Nebelfahrten haben nur einen Beigeschmack – das Gefühl, das unerträglich Neue könnte einen beim kleinsten Fehler rammen, bleibt dauerhaft erhalten. Wenn alle Experte wissen, dass sie nicht wissen und [fast] wir alle wissen dies auch, wir also alle gemeinsam im kollektiven Nichtwissen stecken – dann sind mindestens zwei Wege möglich. Entweder kollektive Resignation, Depression oder Aberglaube hinsichtlich der Wunderfähigkeit mancher Politiker, die immer noch nicht wissen, dass sie nicht wissen. Oder die Möglichkeit, die ich ‚konstruktive Reaktanz‘ nenne. Der kollektive Trotz, sich diesem Nichtwissen gegenüber nicht abzugeben, sondern bereit zu sein für das ‚kollektive Staunen‘, das in der Erkenntnis besteht, dass Nichtwissen eben nicht meint, nichts zu wissen. 

Was wir im Moment erleben, passt vielleicht in dieses Bild: Solange das Schiff nicht oder nicht unreparierbar an einen Eisberg gesetzt wird, hat man es wohl eher mehr als weniger richtig gemacht. Die Methoden, das Schiff zu lenken, sind unterschiedlich. Manche Entscheidungsträger in der Welt versuchen, zum Beispiel durch laute Schreie den Eisberg dazu zu bewegen, einfach zu verschwinden. Manche sehen ihn auch nicht, also ist er auch nicht da. Wie zu erwarten, sind dies eher fragwürdige Einstellungen derer, die meinen zu wissen, dass sie wissen.

Andere erkennen dafür ihre weniger ausgeprägten Wunderfähigkeiten und entscheiden Schritt für Schritt, transparent, wenn auch unter Unsicherheit. Das ganze erscheint langsam, abwägend und alles andere als bei einem Hauruck – in dieser Gruppe mag man wohl unsere politische Elite eher sehen. 

Wieder andere, die einst vollmundig zu wissen vorgaben, welche Entwicklung eine Gesellschaft einschlagen sollte, ziehen sich nun kleinlaut zurück und machen offenkundig, dass sie in ihrem [braunen] Kern nichts zu bieten haben, was als Entscheidungsbasis oder gar als Lehre herangezogen werden könnte. So werden wir hoffentlich eines Tages erleben, dass diese Dampfplauderer zwar nach der Epidemie mit ihren alten Parolen wieder um die Ecke kommen, jedoch niemand mehr daran interessiert ist, sich manch theoretische Verschwörung im Gewand einer ‚deutschalternativen Geschwürung‘ anzuhören. Es besteht auf Sicht also die Hoffnung, dass das Virus uns manches erspart hat. Ist das alles, was wir erhoffen dürfen?

Der richtig große Entwurf einer neuen, solidarischen, gesunden, entschleunigten … Welt wird – so meine Glaskugel – eine Utopie bleiben. Dafür ist das Zeitfenster des Ereignisses zu kurz, ebenso das Zeitfenster, in die post-corona-ökonomischen Wachstumskonzepte etwas hineinzuschreiben, was zum Beispiel nach so etwas wie die Vereinten Nationen von Europa ausschaut oder nach irgendwelchen politischen Welt-Initiativen, in denen sich etwas Positives vorgenommen wird, was eben diese Welt noch nicht gesehen hat. Für so etwas ist das Virus im übertragenen Sinn einfach zu klein, selbst wenn seine Folgeerscheinungen Billionen kosten werden. Aber was sind Billionen, die in Wirtschaftskreisläufe eingespeist werden, die auf unzerstörte Städte, eine funktionierende Infrastruktur, weiterhin bestehende Technologien, kompetente Menschen zurückgreifen können? Sie sind Bumerangs, denn irgendwie kommt das Geld auch wieder zurück, allemal in der ein oder anderen Besteuerung. Das Virus ist eben kein Bombenhagel, kein Atomgau, keine Sintflut, kein Meteor. Wir sollten es daher nicht größer machen als es ist. Das Virus hat uns nicht die Handlungsräume geschlossen. Es hat uns nicht die Freiheit und Verantwortung genommen, auf die Frage zu antworten, worum es jetzt – individuell, in der Familie, im Unternehmen, in der Gesellschaft – zu gehen hat. Ich persönlich glaube, dass dieses Worum für viele nicht sonderlich anders ausschauen wird wie noch vor wenigen Wochen – es sei denn, der aktuelle Zustand bleibt uns über viele Monate erhalten. Aber daran glaube ich so wenig wie daran, dass die Erfolgsfaktoren der Wirtschaft durch die Auswirkungen des Virus substanziell in Frage gestellt werden. Vielmehr sehe ich vor uns, dass das kollektive Wissen um das Nichtwissen einen ungeheuren individuell-kreativen, technologischen und systemisch-vernetzteren Schub auslösen wird, in Wissenschaft, Kunst, Ökonomie und – wer lernbereit ist – beim einzelnen Menschen. Ich glaube: Das neue Staunen beginnt. 

Corona-Blog: Für viele eine Sondersituation, für einige eine Grenzsituation

Sehen Sie sich durch Corona an ‚Grenzen Ihres Lebens‘ angekommen? Fühlen Sie sich ‚am eigenen Leib‘ von den Folgen der Sondersituation überfordert? Ist Ihr Vertrauen ins Leben erschüttert? Haben Sie Ihre Fähigkeiten eingebüßt, Probleme zu lösen? Die allermeisten Menschen werden sagen: Nein. Weil sie mit den drei Situationen noch nicht konfrontiert sind, die der Philosoph Karl Jaspers als Grenzsituation auszeichnet.

Situation 1: Leiden, Sterben und Tod. Wir hören zwar täglich Nachrichten des Grauens und wissen um die schnelle Vergänglichkeit der Existenz, aber die Bilder und Zahlen erschüttern uns nicht – denn es geht bisher ja nicht an den eigenen Kragen. Ganz schnell ändert sich das, wenn Corona die eigene oder die Gesundheit nahestehender Menschen berührt. Bislang ist dies bei 2200 Todesfällen und einigen Hundert schweren Krankheitsverläufen ein statistisch vergleichsweise geringes Problem – bedenkt man die Zahlen anderer Länder oder auch die anderer Krankheiten. Absolut jedoch steht hinter den unmittelbar Betroffenen eine noch größere Zahl von Familienmitgliedern, die von einer Zäsur in ihrem Leben betroffen sind oder sein werden. Viele von ihnen werden bald therapeutische Unterstützung benötigen.

Situation 2: Schuld. Viele der kleinen ‚Delikte‘, die Menschen täglich begehen, führen nicht zu Schuldgefühlen oder Gewissensbissen. Und wenn doch, dann reicht oft eine Entschuldigung oder eine kleine Geste aus, um Schiefes wieder gerade zu rücken. Wir erleben das gerade häufig, wenn eine kleine Unachtsamkeit beim Distanzwahren von anderen Menschen kritisiert wird. Aber wie viel mehr wiegt die Schuld, wenn durch eigenes Fehlverhalten andere Menschen angesteckt werden? Oder, wenn wie offenbar seinerzeit in Ischgl, der gesunde Menschenverstand nicht eingeschaltet, sondern auf behördliche Anweisungen gewartet wird. Es sind eben jene Situationen, die den Unterschied machen zwischen Schuldgefühlen und dem Gewahrwerden objektiver Schuld. Jeder Mensch wird sich aktuell nicht stets perfekt anti-coronal verhalten, selbst Ministerpräsidenten müssen lernen, wie eine Schutzmarke richtig getragen wird. Objektive Schuld jedoch sieht anders aus: Wie bei dem Mann, der gestern in eine Augsburger Postfiliale geht, sich in die Schlange einreiht, dort laut ‚ein bisschen Spaß muss sein‘ singt und dann – vor dem Schalter stehend und die Distanz zur Schutzscheibe missachtend – den Postmitarbeiter fragt, ob am Sonntag [sic!] eine Briefsendung für ihn eingetroffen sei. Als der Postler merkt, dass er hier einer Person mit ‚auffälligem Verhalten‘ gegenübersteht und sie auffordert, vom Schalter zurückzutreten, ruft diese laut: „Ich bin Rentner, und gesund.“ Der Postler, leicht erregt, erklärt deutlich: ‚Was Sie hier machen, gefährdet meine Gesundheit. Gehen Sie bitte, und ich werde darauf achten, dass Sie nicht auch andere Menschen hier gefährden‘. Ohne weiteres Zutun entfernte sich der Mann. Sein womöglich nur ausgeprägter Hang nach Aufmerksamkeit [wir Therapeuten haben bei der Gesamtanschauung der Person eine Reihe von Hypothesen für unsere Wahrnehmungen] mutierte in dieser Sondersituation zu einer ihm [unbewussten] objektiven Schuld. Während eine objektive Schuld sich der bewusst auflud, der sich mit ein paar Freunden ins derzeit im Umbau befindlichen Standesamt Augsburg Zugang verschaffte, dort eine Party abfeierte, herbeigerufene Polizisten bespuckte und ihnen vollmundig mitteilte, er sei infektiös. Da der Alkoholgenuss noch nicht weit genug fortgeschritten war, wird nun wegen Vorsatz ermittelt. Würde einer der Polizisten nun tödlich erkranken, könnte eine Situation entstehen, für die es keine Wiedergutmachung durch den Täter mehr geben kann. Sie würde den Täter mit seiner Unzulänglichkeit und seinem Versagen konfrontieren und seine Schuld würde ihn in die Grenzsituation führen, darauf antworten zu müssen, wie er angesichts seines Fehlers weiterleben kann.

Situation 3: Scheitern. Als Grunderfahrung jedes Menschen, führen manche dieser Situationen zu einem fundamentalen Selbstzweifel [dieser spezifische Zweifel ist das zentrale Merkmal einer individuellen Krise und macht deutlich, dass bestimmte Werte zutiefst verletzt wurden], andere zu einem schnellen Hinweggehen und Aufsuchen neuer Möglichkeiten und Wege. Man kann so oder so zum Beispiel mit der Situation umgehen, einen bestimmten Job, auf den man lange hingearbeitet hat, doch nicht wie erwartet zu bekommen. Oder wenn nun – wie bei vielen Start-Ups zum Beispiel befürchtet – durch Corona Businesspläne zusammenbrechen, sich Investoren zurückziehen oder die Innovation es an sich erfordert, dass sich die Gesellschaft so bewegt und so handelt wie sie es vor Corona tat, um erfolgreich zu werden, dann können jetzt Gründer verstärkt in den Selbstzweifel darüber geraten, ob sie die einst angestrebte Unternehmerrolle aufrecht erhalten. Ein anderes Scheitern mag sich ergeben, wenn man dank Ausgangsbeschränkungen seine/n Partner/in mit einem Mal in einem anderen Licht sieht, mit bestimmten Verhaltensmustern nicht klar kommt und es verletzende Auseinandersetzungen gibt, mit denen umzugehen einfach nicht gelingen will. Auch diese Situationen können Grenzen aufzuzeigen, die zu überwinden aus unserer logotherapeutischen Sicht nur durch die Klärung der eigenen Werte und Grundüberzeugungen glückt.

Mit Grenzsituationen umgehen zu können, meint, sie nicht zu leugnen, auszublenden, zu verdrängen oder die eigene Verantwortung für sie abzuschütteln – auch dann, wenn der Auslöser des Geschehens nicht in der eigenen Person liegt. Manche Menschen glauben, dass ein solches Verhalten die Sache irgendwie leichter macht, irgendwann könne und würde sich die Lage ja hoffentlich verbessern. Dabei wird nicht erkannt, dass dieses Vorgehen enorme Lebensenergie vergeudet und damit destruktiv ist. Sich selber einreden zu müssen, dass man einem Schicksal nicht entkommen konnte und kann, belastet den Weg hin zu einer Ausschau nach Möglichkeiten, Alternativen, kreativen Entscheidungen. Letztlich ist der destruktive Umgang mit Situationen des Scheiterns zurückzuführen auf die Flucht vor Gefühlen der Scham, Wut, Trauer, Angst, Verzweiflung. Ihnen aus dem Weg gehen zu wollen ist psychisch verständlich, aber geistig sinnlos, denn Entkommen funktioniert nicht, Handeln schon. Handeln hin zum Sinn, dann übernimmt der Mensch Verantwortung für das, was vor ihm liegt – denn das, was war, kann er bestenfalls verstehen lernen, gestalten kann er nur, was auf ihn wartet.

Corona-Blog – Drängt das Virus den Menschen zur nachhaltigen Lebensstil-Veränderung?

Kaum ein Tag vergeht nun, an dem nicht ein Szenario-, Zukunfts- oder Trendguru zum Besten gibt, was sich nach Corona für die und in der Gesellschaft wohl verändern wird. Von einem entschleunigten, sozialeren, wärmeren, deglobalisierteren Deutschland wird da gesprochen, manche sehen gar eine neue Weltordnung auf uns zukommen, schließlich sei es das erste Mal, dass so ziemlich jeder Zipfel dieser Welt mit derselben Sondersituation zu tun bekommen hat. Überall wird gestorben und gelitten, überall fehlt es an Ähnlichem, überall wird improvisiert und überall zeigt sich das Menschliche in allen möglichen Hilfsbereitschaften. Wenn das keine Gründe sind, aufgerüttelt zu werden und den Menschen zu einer Weiterentwicklung seiner selbst zu führen?

Meine – therapeutische – Perspektive fragt sich bei all diesen Ansagen, ob da nicht ein Knick in der Optik der Vater der Gedanken ist. Ich will es kurz machen: Wird sich im Selbstverständnis des Menschen etwas hinsichtlich seines Lebensstils ändern? Meine Antwort: Nein. Es wird auf individueller Ebene alles so weitergehen wie bisher. Warum? Weil sich die individuellen Wertesysteme durch das aktuelle Geschehen nicht verändern werden. Wer vorher bereits Werte wie Fürsorge, Hilfsbereitschaft, Nähe oder Zuwendung sein eigen nannte, der zeigt diese in seinem Verhalten heute wie zuvor, vielleicht aufgrund der zur Verfügung stehenden Zeit und Begrenzungen nur intensiver – und dies wohl kaum, damit er dafür Held genannt wird. Wer zuvor bereits Werten wie Loyalität, Pflicht, Ordnung, Disziplin folgte, der bleibt auch jetzt bei der Stange und erledigt seine Aufgaben selbst unter widrigen Bedingungen. Auch Helden.

Das ließe sich nun beliebig weiter ausführen, am Ende steht immer der Wert Gesundheit, der als Kollektivwert vom Virus attackiert wird und dem sich alle anderen Wertemaßstäbe unterordnen – bei den allermeisten Menschen zumindest. Weil das so ist und von der Wissenschaft bei allen Widersprüchlichkeiten und Deutungsvielheiten hinreichend genug transparent dargestellt wird, in welcher Weise die Gesundheit bedroht wird, sind Menschen weit überwiegend bereit, in ihren Behausungen zu bleiben und sich an Auflagen und Empfehlungen zu halten. Weil die Politik sich auf Wissenschaft beruft, funktioniert das. Wo Politik dies nicht tut, werden grandiose Fehler begangen und der führende Politiker, der sie begeht wird sein Verhalten, das sich nicht sofort dem Kollektivwert Gesundheit unterordnete, eher über kurz als lang bezahlen [auf die nächsten Wahlen in den USA, Brasilien, UK, in den italienisch von der Lega gefärbten Regionen oder in den auch in den Bundesländern mit Vorlieben für gewisse aber nicht gewissenhafte Deutschlandalternativen bin ich heute schon gespannt. Für Schweden hoffe ich nur das Beste]. Würde die Wissenschaft ihren Job nicht richtig machen und die Politik zudem herumlarvieren, die Katastrophe wäre vorprogrammiert.

Erfährt der Kollektivwert Gesundheit aber keine gravierende Schädigung, eben weil die meisten Menschen anfangs mit ihrem eigenen Verhalten einen Beitrag dafür leisteten, die politischen Bedingungen angemessen gesetzt wurde und schließlich die Pharma- und Impfstoffforschung es schafften, mit einem starken Wirkstoff um die Ecke zu kommen, dann wird das individuelle Verhalten anschließend wieder zurückfallen in das jeweilige Wertesystem des Einzelnen. Mit dem Bojenmodell will ich das kurz skizzieren. Die folgenden Bilder zeigen metaphorisch den Zusammenhang zwischen Werten und Verhalten auf.

Das Wertesystem mit unseren Überzeugungen stellt quasi den Anker dar, mit dem wir unser Verhalten gut begründen können. Wenn wir gute Gründe haben, dann formulieren wir sie als Grundüberzeugungen, die uns entweder wichtig sind, damit bestimmte Zwecke unseres Verhaltens und unserer Handlungen erfüllt werden. Sind diese Überzeugungen sogar wesentlich, also dem individuellen Wesen entsprechend, dann findet eine Person mit ihren formulierten Grundüberzeugungen und den sie begründenden Werten einen Sinn in der Situation, im Alltag oder sogar im ganzen Leben.

Das Wertesystem leistet somit den Hauptbeitrag dafür, dass eine Person eine Haltung einnehmen oder eine Einstellung für etwas entwickeln kann. Dieser Entwicklungsprozess wiederum führt zu Motiven der Person, die sie letztlich zu Verhaltensweisen und Handlungen bewegt und ihr auch eine entsprechende Kommunikation über ihre Motivationen, Handlungen und ihr Verhalten ermöglicht.

Wird das Wertesystem nun in Unruhe versetzt und kommt die Person aus welchen spezifischen Gründen auch immer unter Stress, dann lohnt sich ein Blick auf die durch diese Unruhe verletzten Werte. Oft vermögen es Menschen, durch ihre Fähigkeit zur Selbstberuhigung eine Gelassenheit zu entwickeln, die dazu dient, eine Werteverletzung nicht zu lange als Beschwernis ertragen zu müssen. Tritt aber ein Sonderereignis wie zum Beispiel Corona ein, dann wirbelt dies die Boje [in diesem Modell das sichtbare menschliche Verhalten und seine erlebbaren Handlungen] aufgrund hoher Schockwellen besonders stark herum. Die Person muss nun deutlich mehr Energie aufwenden, um sich wieder zu stabilisieren als dies in Alltagsstress-Situationen erforderlich ist.

Der Weg hin zu einer Re-Stabilisierung kann erleichtert werden durch sogenannte Resilienz-Faktoren [bei Interesse finden Sie dazu in der KrisenPraxis verschiedene Beiträge dazu]. Jenseits dieser Faktoren muss allemal darauf geachtet werden, dass nicht zu viele der individuellen ‚Halteseile‘ [Haltungen und Einstellungen] reißen und ein Mensch sich als Spielball des Ereignisses ansieht [wie dies im dritten Bild angezeigt ist]. Will sagen, Menschen wollen Herr im eigenen Wertehaus sein und bleiben. In Extremsituationen muss die Politik und die ihnen folgenden staatlichen Instanzen ihre Interventionen so planen, dass die meisten Menschen nicht den Eindruck gewinnen, ihre Werte und die sich aus ihnen ergebenen Einstellungen und Haltungen wären der Politik ‚nichts wert‘. Solange – wie gerade – ein kollektiv übergeordneter Wert wie ‚Gesundheit‘ in Gefahr gerät, die Schockwelle also gefährlich ist, werden Menschen eingeleitete Maßnahmen solange akzeptieren wie das ‚Halteseil‘ hält.

Werden jedoch Interventionen gesetzt, obwohl Menschen diese nicht mehr als notwendig empfinden, dann überdehnt das Seil ohne ‚triftigen Grund‘ und droht zu reißen. Die Folge davon sind im Extremfall anarchische Prozesse, im einfachen die Abwahl derer, die diese Interventionen setzten.

Man sollte also schon recht genau einschätzen können, welche individuellen Wertesysteme hinter einem kollektiven Oberwert wie Gesundheit stehen und dann verteidigt werden, wenn der Oberwert nicht mehr gefährdet erscheint.

Es ist ein bisschen wie in der Schule. Reißt ein Schüler zum Zwischenzeugnis die erforderlichen Noten, dann ist seine Versetzung gefährdet. Empfindet der Schüler dies als Bedrohung, weil er vielleicht durch Nichtversetzung den Kontakt zu seinen Freunden, den Liebesentzug seiner Eltern oder den potenziellen Karriereknick in seiner Laufbahn befürchtet, dann wird die Zeugnis-Intervention [die Schockwelle] dazu führen können, dass er die Anspannung seines Halteseils durch einen intensiven Lernprozess wieder lockert. Empfindet der Schüler das Versetzungsszenario jedoch als nicht bedrohlich, dann pfeift er förmlich auf die möglichen Folgen. Das Problem dabei ist, dass dies nur dann gut geht, wenn es gute Gründe des Schülers dafür gibt, seine Situation als nicht bedrohlich anzusehen. Gute Gründe stellen für uns in der Logotherapie Verhaltens- und Handlungsentscheidungen einer Person dar, die sie auf Basis eines geklärten, für sie stimmigen und mit positiven Gefühlen verbundenen Wertesystems trifft. Gibt es diese guten Gründe nicht [zum Beispiel, weil die Person in Unkenntnis ihrer eigenen Werte ihr Leben lebt], dann läuft eine Person -hier der Schüler – Gefahr, aus Naivität, Fehleinschätzung, mangelnder intellektueller Verarbeitungskapazität oder schlicht Dummheit ein Verhalten zu zeigen, dass inadäquat zur Situation ist.

Nicht übersehen werden darf, dass Menschen zuweilen ihre Situation als überbedrohlich empfinden, sie also eine Schockwelle in ihrer Wirkung deutlich überbewerten und ihre ‚Boje‘ mehr als erforderlich aus der vermeintlichen Gefahrenzone steuern. Man weicht also zum Beispiel einem auf dem Gehweg fälschlicherweise fahrenden Radfahrer nicht nur ein wenig aus, sondern wechselt gleich auf den anderen Bürgersteig. Diese Angst frisst auf Dauer die Seele auf und führt – sofern sie vergesellschaftet wird – zu einer Abhängigkeit derer, die suggerieren, sie könnten mit Interventionen wie Abschottung, Schuldzuschreibung oder der – an sich latente Hilflosigkeit anzeigenden – Nutzung eines kriegerischen Vokabulars die Lage wieder in Ordnung bringen.

  • Anmerkung: Mir persönlich reicht eine gewissenhafte Finanz- und Fiskalpolitik aktuell völlig aus. Der Extrem-Sprech einer ‚Bazooka‘ oder anderer Begrifflichkeiten, die den jeweiligen Sprecher medial kurzzeitig nach oben bringen, ist ebenso unnötig wie töricht. Ich schätze, die Menschen werden sich einst erinnern, wer sie in dieser Situation ruhig, besonnen und lernfähig führte. Und daran, wer nichts Brauchbares von sich gab oder weiterhin die bereits zuvor stets mit kesser Lippe abgesonderten kruden Ideen vortrug. Für Härte in der Sache [nicht in der Polemik] und Verbindlichkeit in der Form [anstatt irgendwelcher alternativer Verschwörungstheorien] gibt es meines Erachtens in Deutschland eine deutliche Wählergunst. Eben, weil dann die Menschen fühlen, dass sie entlang dessen geführt werden, wofür die Paragraphen der europäischen und der deutschen Verfassung stehen.

Schauen wir nach vorne und wissen um die sukzessive nachösterliche Wiederberuhigung des zuvor vom Virus massiv in Wallung versetzten ‚Wertewassers‘. Was wird geschehen? Die individuelle Boje wird wieder in ihre Ursprungslage zurückkehren [wollen]. Sie hat gelernt wie es ist, wenn der Anker – das Wertesystem – überstrapaziert wird und sie wird ‚motiviert‘ sein, sich nun wieder in dem Radius zu bewegen, den die Ent-Spannung ihr nun wieder ermöglicht. Solange der Oberwert Gesundheit weiterhin als potenziell gefährdet verstanden wird, wird diese Ent-Spannung langsamer verlaufen, aber sie wird verlaufen. Sie wird für diejenigen leichter verlaufen, die in ihrem Leben eine Balance gefunden haben zwischen Freiheitsrechten und Verantwortungspflichten. Wer meint, seine Freiheitsrechte über die Verantwortungspflichten zu stellen, wird ebenso auffällig werden wie das bei ihm schon vor Corona vermutlich war. Wer die Verantwortungspflichten weit vor die eigenen Freiheitsrechte stellt, der wird ebenso auffällig werden – zum Beispiel durch den schnellen Ruf, doch diejenigen ausfindig zu machen, die für die Ausbreitung des Virus verantwortlich waren. Extremisten werden schreien: Stellt sie an die Wand. Extremen Freiheitsrechtlern wird es egal sein, Hauptsache es ist ‚vorbei‘ und man kann es wieder krachen lassen. So wie anders tut Ausgleich gut.

Wer aber im Einklang mit seinen Werten lebt und dabei eine Balance zwischen den beiden Leitplanken [eines jeden Wertesystems], den Werten ‚Freiheit‘ und ‚Verantwortung‘ bewahrt hat, der wird die Sondersituation mit ihren individuellen Stressoren leichter meistern.

Kleine Schritte sind besser als große Worte, oder – wie schon Viktor Frankl wusste – am Ende des Tages zählt nur die Handlung, nicht die Erkenntnis. Wer also aktuell in finanziellen Schwierigkeiten, in der Angst um den Arbeitsplatz, in Sorge um die eigene oder die Gesundheit eines anderen ist, der kann sich ein Blatt Papier nehmen und als Kopfzeile notieren:

Jeder Mensch hat derzeit ‚Corona-Bedingungen‘,
aber jeder Mensch ist frei und verantwortlich, sich zu ihnen einzustellen.

Darunter dann eine Zeile: Meine eigenen Corona-Bedingungen, die mir derzeit am meisten Ärger, Angst, Sorge, Stress, Wut, Trauer … bereiten sind:
1.
2.
3.

Darunter dann zwei Spalten:
Spalte 1: ‚Handlungs- und Verhaltensfreiheiten‘
Spalte 2: ‚Handlungs- und Verhaltensverantwortungen‘.

Hier schreiben Sie nun hinein, wofür es gut ist, die bestehenden Freiheiten in Form von Handlungen und Verhaltensweisen zu nutzen und wofür es gut ist, die bestehenden Verantwortungen in Handlungen und Verhaltensweisen konkret umzumünzen. Und dann beginnen Sie. Konkret. Am besten jetzt!

Bleiben Sie gesund.
Bald wird’s leichter.

Corona-Blog: Koller und Kommunikation

Heute ein kleiner Bericht aus dem therapeutischen Alltag. Es geht um vier Menschen, nennen wir sie Familie Engegluck. Vier Personen in einer 115qm-Wohnung, unterm Dach. Vater 43, Mutter 39, Tochter 19, Sohn 15. Und nun Corona. Niemand ist infiziert, soweit man es wissen kann. Auch alle Großeltern sind wohlauf, die Enkel freuen sich darüber und haben regelmäßig Skype-Kontakt zu ihnen. Ein persönlicher Kontakt ist aufgrund der räumlichen Entfernung nicht möglich. Das zentrale Problem der Familienmitglieder, man könnte es das Glucken-Syndrom nennen, besteht nun darin, dass die zwischenmenschliche Distanz, die im öffentlichen Raum zur Pandemiebekämpfung angezeigt ist, im privaten unmöglich wird. Familie Engegluck kommt sich auf eine Weise nah wie sie es in eigener Erinnerung noch nie hatte, nicht einmal zu Weihnachten.

Jetzt, nach fast zwei Wochen zeigen sich erhebliche Schwierigkeiten im Umgang miteinander in dieser Ausnahmesituation. Die Melange aus Langeweile, der Angst, dass sich ein Familienmitglied infiziert und dies dann die ganze Familie treffen kann, die Frustration, Zukunftspläne [Studium der Tochter, geplante Urlaubszeit, berufliche Projekte] auf Eis legen zu müssen, drohende finanzielle Einbußen, die Pubertät des Sohnes, der sich Anfang des Jahres ‚frisch‘ verliebte und nun eine Trennung von seiner in einer anderen Stadt lebenden Freundin zu ‚überstehen‘ hat – diese Stress-Dosis wird nun noch dadurch erhöht, weil niemand einen Rückzugsort mehr hat und jedes Thema immer wieder durchkaut und als derzeit nicht lösbar angesehen wird. Selbst die vorhandene Erkenntnis, dass es viele Menschen härter getroffen hat und womöglich noch treffen wird, mindert nicht heftiger werdende psychische Reaktionen, die letztlich die Eltern veranlasst, sich therapeutische Hilfe zu holen. Sie selbst haben immer wieder ihren Kindern gegenüber die Wichtigkeit angesprochen, dass nun alle ihre sozialen Kontakte „nullen“, auch um anderen Menschen nicht zu Gefahr zu werden. Auch haben sie, „weil das vorher ja auch schon so war“, die Tagesstruktur beibehalten. Dank funktionierender Technik können die Kinder ihre schulischen Themen weiter im Blick halten und auch die Eltern stehen nicht ganz im Abseits, Vater kann im Homeoffice an verschiedenen Themen weiterarbeiten, die Mutter ist in Kurzarbeit. Man hat Zeiten zum Telefonieren jeweils am frühen Abend verabredet und ebenso wurde beschlossen, das Fernsehen erst nach 18 Uhr einzuschalten, um nicht „komplett durchzudrehen, weil es kein anderes Thema mehr gibt, abgesehen von den zahlreichen Fakenews und den sich widersprechenden Informationen über Zahlen, Daten und Fakten.“

Vieles, was die Familie tut, erfüllt einen guten Zweck. Sie distanzieren sich zum eigenen wie zum Schutz anderer in der Öffentlichkeit so gut es eben geht, sie distanzieren sich von einem information overload durch Medienverzicht, sie distanzieren sich inhaltlich durch Beibehalten wesentlicher Routinen in ihren Lern- und Arbeitsprozessen. Aber eine Distanz bröckelt – die private. Individuelle Verhaltensweisen, die sonst während des Alltags ‚untergingen‘ und kaum von den anderen Familienmitgliedern beachtet wurden, gewinnen nun an Aufmerksamkeit [z.B. Schwester zu Bruder: „Was treibst Du denn solange auf dem Klo?“, „Sohn zu Vater: Brauchen die das in der Firma wirklich, was Du da machst?]. Werden sie thematisiert, erzeugen sie Gefühle des Kontrollverlustes, der Peinlichkeit, der Hilflosigkeit oder das seltsame Empfinden, unter permanenter Beobachtung zu stehen. „Wir gehen uns mittlerweile derart auf die Nerven, dass wir uns darüber sorgen, selbst Schaden zu nehmen, der auch dann bestehen bleibt, wenn sich in Sachen Corona wieder Entspannung ergeben haben wird.“ Die Eltern berichten, dass es bereits sogar zu verletzenden Äußerungen gekommen ist, wenn jemand über etwas bloß berichtete, was ihn erfreute oder was als humorvoll angesehen wurde. Auf die Reaktionen folgten dann zwar regelmäßig auch Entschuldigungen, „aber die Frequenz der Konflikte nimmt doch zu“. Überraschend für alle ist es, dass die ‚Aufreger‘ sehr unterschiedlich sind und es auch nicht ‚das‘ Familienmitglied gibt, das permanent aus der Rolle fällt oder Anlass gibt, sich auf Dauer über es zu ärgern. „Wir sind es einfach alle nicht gewohnt, so eng aufeinanderzuhocken. Ohne den übergeordneten Grund würden wir wohl diesen Zustand auf Dauer nicht aushalten wollen“, beschreibt der Vater die Lage.

Nun sind die Bedingungen wie sie sind, die Wohnung um weitere Räume anzubauen gelingt nur in der Phantasie und der Idee, die akzeptierten Ausgangsregeln zu brechen, steht die Vernunft gegenüber, die alle vier Familienmitglieder deutlich bekräftigen. „Neulich hab ich mich so geärgert, da bin ich dann rausgelaufen und wollte zu meiner Freundin, aber dann hab ich mir gesagt, dass das nicht okay ist und dann hab ich zwar mit ihr telefoniert, aber als ich dann wieder zu Hause war, war der Ärger nicht weg. Ich meine, das liegt daran, dass einfach in jedem zweiten Satz über das Virus gesprochen wird und auch meine Freundin ihre Probleme damit hat“, meint die 19jährige. Und die Mutter ergänzt: „Die ganze Aufregung um mich herum, ist für mich viel zu viel. So viel Familie kann doch niemand auf Dauer ertragen.“

In einem online geführten Gespräch kann die Familie diesen Aspekten zustimmen:

  • Gäbe es nicht die gemeinsame Antwort auf die Frage  ‚Worum ist es für jeden Einzelnen gut, ‚trotz allem‘ die aktuelle Situation zu ertragen?“, dann wäre der psychische Druck für jeden und das gesundheitliche Risikopotenzial deutlich größer. Es gibt offenbar einen Sinnbeitrag, den jeder der Familie erfüllen will und der über dem psychischen Verlangen steht, zum Beispiel sich mit anderen Menschen zu treffen. Dem Freiheitsrecht hat die Familie eine Verantwortungspflicht zur Seite stellen können, ohne dass das eine für das andere geopfert wird.
  • Die empfundene Enge bringt individuelle Besonderheiten einer jeden Person hervor, die zu entdecken zuvor kaum gelungen wäre. Da diese Besonderheiten gerade jetzt unter verstärktem Stresseinfluss zutage treten, lernt die Familie, dass sie bislang ein Zusammenleben führen konnte, das recht entspannt und ausgeglichen erlebt wurde.
  • Auf die Frage, wie man wohl die Familie als Außenstehender bis zum Eintritt der Corona-Sondersituation erlebt habe, werden diese Zuschreibungen genannt: entspannt, ruhig, freundlich-unaufdringlich, diszipliniert, selbständig, intellektuell.
    Und wie wäre das nun?: nervös, fixiert, wartend, besorgt, verlässlich, umsichtig.
  • Auf die Frage, was wohl die größten Unterschiede zu anderen, bekannten Familien sind im Umgang mit der Situation, wird gesagt: weniger grübelnd, auf blöde Weise sind wir uns unsere Eigenheiten wichtiger als das Virus, wir nörgeln weniger über die quasigesetzlichen Auflagen, vielleicht wirken wir auf andere zu obrigkeitshörig oder spießig.
  • Das zentrale Problem ist der mangelnde Rückzugsraum. Spaziergänge oder sportliche Aktivitäten sind schön, „aber an sich bräuchte eigentlich jeder von uns jetzt eine Art Baumhaus“. „Im normalen Leben war da ja in den letzten Jahren immer anders, die Zeiten, in denen wir alle beisammen waren, machten vielleicht so 10-15% aus, und jetzt sind es mindestens 80.“

Dem Vorschlag, eine Kommunikationsbedürfnisanalyse vorzunehmen, mit der ein Blick auf die individuellen Stressmuster geworfen werden kann und die die erlebten Phänomene womöglich leichter zu erklären vermag, wird zugestimmt. Das Ergebnis:


  

Auswertungsergebnisse von o.l. nach u.r.: Tochter, Sohn, Mutter, Vater

An dieser Stelle können die ganzen Details, die der Familie halfen, ihre spezifische Bedürfnis-Konstellation im Kontext der Sondersituation zu beleuchten, nicht aufgeführt werden. Wenn Sie als Leser*in einige Tage im Blog zurückgehen und die Bedürfnisse insb. der Träumer, Empathiker und Macher anschauen, können Sie vermutlich hineinspüren in diese vier Personen im Einfluss des von ihnen erlebten ‚Dichtestress‘.

Mit der Familie wurde besprochen:

  • Normalität des Empfindens: Dass die vier aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisse einen Distanzverlust besonders beklagen, ist wie es ist und okay. Zuweilen wird das Phänomen auch Lagerkoller genannt, was einen psychischen Erregungszustand bei zwangsweiser Unterbringung meint, wie er sich zum Beispiel in Gefängnissen, Deportierungs- [von Viktor Frankl auch beschrieben] oder Flüchtlingslagern oder bei langem Aufenthalt in Bunkern oft entwickelt. Der  „Koller“ [ahdt. kolero = „Wut“, lat.: cholera = „Zorn“ – Choleriker!] ist eine Erregung, die sich aus einer unveränderbaren ‚Zwangs-‚Situation ergibt. Reaktion auf einen Koller können sein: Angst, Wut, Hyperaktivität, Depressivität.
  • Unterschiede zu einer ‚echten‘ Zwangssituation werden von der Familie erkannt – es könnte also durchaus extremer zugehen. Die Familie erkennt, dass es ausreichend Positives gibt, dass das Zusammenleben weiterhin ermöglicht.
  • Wenn Menschen ungewohnt lange zusammen sind, dann braucht es ‚Entspannungsregeln‘, zum Beispiel: Der Schaukelstuhl ‚gehört‘ an einem Tag der Woche von 14-17 Uhr der Person X, oder Y kann an einem Tag der Woche ungestört zwei Stunden in der Badewanne liegen, das Telefon wird abwechselnd jeden Tag für 15 Minuten genutzt, um absolut ungestört mit einer Person zu sprechen. Oder: Wenn Drei für zwei Stunden spazieren gehen, dann freut sich der Vierte, weil er in dieser Zeit alleine sein kann, zum Beispiel, um mit jemanden zu telefonieren.
  • Die Familie führt abendlich eine kurze Familienkonferenz durch: Was war das Erfreuende des Tages, was das Ärgerliche, was wird morgen erledigt, wer hat für morgen einen erfüllbaren Wunsch, was kann jeder tun, um anderen anzuzeigen ‚ich bin gerade im Dauerstress‘.
  • Die Familie anerkennt, dass es Konflikte immer wieder geben kann – aber gelöst gehören. Der Kuss am Abend vor dem Schlafengehen als Zeichen für den Neuanfang ist ein vielbewährtes Ritual.

Viktor Frankl: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Corona-Blog: Stresskommunikation [Rebell]

Ja, einer fehlt noch. Der Rebell. Belastungssituationen und Krisen verleiht er so etwas wie eine Theaterspiel-Atmosphäre. Mit Grandezza, Dramatik oder einem enormen rhetorischen Aufwand formt dieser Verhaltensakrobat die aktuellen Gegebenheiten nach außen mit einer  gewissen spielerisch-trotzigen Leichtig­keit. Gewähren ihm vertraute Personen keinen Beifall für seine ‚Bemühungen‘, das Ernste nicht zu ernst zu nehmen, sondern sprechen ihn vielmehr auf ein höheres Maß an Eigenverant­wortlichkeit an, versteht er sich darauf, die Schuld für die eingetretene Situation bei anderen zu suchen und zu finden. In der jetzigen Situation kann man sich Personen vorstellen, die zum Beispiel ein kleines, florierendes Geschäft führten, aus ihren Erlösen – obwohl möglich gewesen – nichts in die Rücklagen steckten. Nun mit der Lage konfrontiert, können sie nicht verstehen, dass ihnen andere Menschen ihren Mangel an Prävention ‚vorwerfen‘. 

Eine reflexive sachliche Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen wird von Rebellen gerne ‚zurückgestellt‘ – zu wuchtig wäre wohl der Schmerz. Lieber greift der Problemluftikus zu Ablenkungen aller Art, bis seine Ausblendungs­methoden nicht mehr greifen und er ,bei aller Freundschaft‘ aufgefordert wird, endlich Position zu beziehen und einen Beitrag zur konstruktiven Veränderung der Situation zu leisten.

In der Begleitung eines ,Rebellen‘ gilt es, seine Reali­tätsresistenz, Naivität und Trotzigkeit durch eine ermutigende, ernstnehmende Unterstützung mit bildhafter Gesprächsführung zu steuern, ohne ihn für seine Haltung zu belächeln oder seine Ergebnisverant­wortung in Frage zu stellen. Denn: Günstig ist seine grundsätzliche Haltung ,unter den Menschen gibt es viel mehr Kopien als Originale‘. Sie bewahrt ihn davor, fremdbestimmenden ‚Einflüsterungen‘ von Dritten zu folgen und erhält ihm seine Wahrnehmungsvielfalt und Handlungsflexibilität für wichtige Entscheidungen.

Kommunikationsstil: REBELL
Kommunikationsbedürfnis:
Freiheitsgrade und Vernetzung
Psychisches Bedürfnis:
Will Kontakt und Spaß
Verhalten unter Alltagsstress:
Reagiert mit großer Anstrengung auf Anforderungen, bemüht  sich aber vergeblich, diese in ihrer Tragweite zu erfassen
Verhalten unter Dauerstress: Sucht die Schuld bei anderen, klagt und jammert
Lebensthema:
Eigenverantwortung
Authentisches Gefühl wäre:
Aufrichtiges Bedauern
Scheingefühl [die ‚Masche‘]: Äußert 
Rache und Trotz

Morgen dazu eine kleine Episode aus einer Familientherapie mit Einsatz der Prozesskommunikation.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund. 

Corona-Blog: Stresskommunikation [Macher]

Wer seine Motivation aus konkretem Handeln zieht, der ist gerade wohl am schlechtesten dran. Zu Hause hocken – für viele ‚Macher‘ steht das Leben gefühlt komplett still, und gerade das zu ertragen, fällt ihnen anders als anderen Menschen enorm schwer. Macher wollen Action, einen Baum ‚ausreißen‘, mehr tun als reden. Aus ihrem Kommunikationsstil hört man den Druck heraus, unter dem sie stehen, wenn für sie einfach zu wenig geschieht. Sie fordern, dass etwas passiert [zuweilen, wie bei Präsident Trump mit einem Hauch von Irrationalität] und man hört förmlich das Ausrufezeichen hinter ihren meist kurzen, knappen Sätzen. Andere emotional zu unterstützen ist nicht das Ding eines Machers – der ‚Befehlston‘ schon. Aber, wenn es ungerecht zugeht, dann kann ein Macher schon deutlich mit der Faust auf den Tisch hauen und damit seinem Umfeld signalisieren, ‚ich bin für Euch da – mit meinen Taten‘.

Kommunikationsstil: MACHER
Kommunikationsbedürfnis: Austausch von Handlungsmöglichkeiten [Lets talk about a deal!]
Psychisches Bedürfnis:
Will Aufregung und Aktion
Verhalten unter Alltagsstress:
Erwartet von anderen, dass sie stark sind und sich selbst helfen Verhalten unter Dauerstress: Ignoriert oder bricht Regeln, versucht zu manipulieren
Lebensthema:
Bindung
Authentisches Gefühl wäre:
Nähe
Scheingefühl [die ‚Masche‘]: zeigt anderen seine ‚Rache‘ 

Macher unter Corona-Stress neigen dazu, in die Situation Streit und Anklagen hineinzutragen und damit die eingetretene massive Belastung noch weiter zu eska­lieren. Rachevolles Verhalten wird denen gegenüber gezeigt, die dem Macher in welcher Form auch immer, die Handlungs-Handschellen anlegen wollen. Die Fähigkeit zur Selbstberuhigung und -distanzierung ist unter Stress vielen Machern nicht wirklich gut gegeben. Wollen ihm vertraute Personen den ,eigenen Anteil an der Verschärfung der Situation‘ ansprechen, dann erfahren sie hierfür Ablehnung und Abweisung bis hin zur Trennung. In der Begleitung eines ,Machers‘ gilt es, seine Vertrauensresistenz, Handlungsschnelligkeit und Offen­sivkraft durch eine erfahrungsbasierte Unterstützung mit deutlicher Grenzziehung und klaren Vereinbarun­gen zu steuern, ohne ihn dabei zu demütigen oder ihn mit Moralvorstellungen zu lenken.

Günstig ist seine grundsätzliche Haltung des ’nur dem Mutigen gehört die Welt‘. Sie ermöglicht ihm die tatkräftige und zügige Umsetzung umfassend reflektierter Entscheidungen. 

Morgen komme ich zum Abschluss, mit dem Rebellen.
Und wenn Sie daran interessiert sind, zum Beispiel Auswertungen der Kommunikationsbedürfnisanalyse für sich und Ihre Familie zu beauftragen, dann stehe ich Ihnen dafür gerne zur Verfügung. Die Ergebnisse erhalten Sie als pdf und das Auswertungsgespräch können wir dann zeitnah über Skype, Zoom oder auf einem anderen Weg sicher leicht realisieren.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund.

Corona-Blog: Man kann doch nicht den ganzen Tag lesen …

Die eigenen vier Wände – manchmal können sie einem aber auch zu eng werden. Und wenn dann auch noch die Sonne lacht, dann rumort es innerlich: Ich bin ein Mensch, holt mich hier raus!
Und in Anlehnung an eine Strophe in einem Grönemeyer-Song: Der Fuß will vor die Tür, aber er darf nicht – jedenfalls nicht überall hin. Was kann also getan werden, um das angeschlagene Gemüt zu erheitern und zu beruhigen? Ein paar Tipps:

  • Wenn es die Räumlichkeiten zulassen, dann stellen Sie Ihr TV-Gerät so auf, dass Sie nicht automatisch hinschauen, sollte es eingeschaltet sein. Wählen Sie einen Sender, der nicht pausenlos dieselben Nachrichten abspult, sondern einen guten Mix zwischen Nachrichten, Kommentaren und Unterhaltung anbietet. Mein Favorit: phoenix.
  • Nehmen Sie sich an jedem Abend ein konkretes ‚Unangenehmes‘ vor, das Sie am Folgetag abschließend erledigen wollen. Mit Abschluss der Sondersituation, die wir alle erleben, haben Sie dann den Kopf wieder richtig frei für die schönen Dinge im Leben. Was mache ich selbst morgen? Schuheputzen, o graus. Heute war es die private Ablage, die mich/uns hier auch nicht mehr länger mahnt, erledigt werden zu wollen.
  • Lüften Sie jeden Tag. Frische Luft in der Wohnung tut ebenso gut wie ein Spaziergang.
  • Die Klassiker gelten natürlich weiterhin: Sport, Sex, gute Musik, gute Filme, gute Bücher, Telefonate mit Freunden, die mit dem Satz beginnen: Lass uns sprechen, aber bitte nicht über Corona und seine Folgen. Was mir selbst zudem auch immer gut tut: Blumen. Ein festes Ritual und immer ein erfreuender Blickfang.
  • Machen Sie eine Liste der Aktivitäten, mit denen Sie wieder beginnen werden, wenn die Sondersituation überwunden sein wird. Wo und mit wem werden Sie zuerst feiern? Wen oder was werden Sie zuerst besuchen? Welches Geschenk werden Sie sich zuerst bereiten? Vielleicht gilt es aber auch, etwas nun würdevoll zu betrauern?
  • Wer etwas Geld übrig hat: Vielleicht können Sie eine kulturelle Einrichtung Ihres Wohnortes unterstützen, mit einer Spende oder einer Hilfe beim Einsatz der sozialen Medien? Jazzclubs, Marionettentheater, Kleinkunstbühne, Zirkus, … es gibt viele Adressen, die sich freuen, wenn sie mit Ihrer Hilfe leichter über die Runden kommen. Ich selbst habe gestern unserem rührigen Kinounternehmen bereits einen Schwung Kinokarten abgekauft.
  • Haben Sie einen positiven Lieblingssatz, den Sie sonst auch immer zu sich sagen, wenn es Ihnen einmal nicht so gut geht? Dann nutzen Sie unseren Countdown bis zum Ende des Lockdowns auf unserer Seite oben und sprechen Sie Ihren Satz genauso häufig aus wie es noch Countdown-Tage hat.
  • Vielleicht haben Sie ja auch Freude an einer Weiterbildung, die Sie zu Hause durchführen können oder die Sie für die Zeit danach einplanen wollen? Es gibt unglaublich viele Angebote dazu, ich beschränke mich hier nur auf unsere eigenen 🙂 – Vorsicht: Eigenwerbung : www.life2me.de, www.ausbildung-zum-krisencoach.de [führende deutschsprachige Individualausbildung, keine Gruppe], www.coachpro.de und eine Reihe anderer Angebote auf http://www.wertepraxis.de
  • Und ist das Herz wirklich einmal zu schwer und niemand da, mit dem man sich gut austauschen kann:
    Die deutschen Logotherapeuten helfen Ihnen gerne weiter.
    Ebenso die Telefonseelsorge.
    Viele gute Tipps finden Sie auch im Psychiatrienetzwerk. Und auch hier in der KrisenPraxis hoffen wir, dass Sie Beiträge finden, die Ihnen gerade jetzt gut weiterhelfen können.
  • Allemal hilfreich: LACHEN. Bei Youtube gibt’s auch immer wieder Amüsantes jenseits des C-Wortes. Hier ein Beispiel.

Bleiben Sie gesund!

Corona-Blog: Stresskommunikation [Träumer]

Ludger K. ist Facharbeiter in einem Augsburger Unternehmen und wie viele unmittelbar betroffen vom Corona-Problem. Gemeinsam mit seiner Frau kommt er in die von ihr initiierten Paar-Logotherapie. Sie eröffnet das Gespräch damit, dass es eigentlich nicht der aktuellen Situation bedurft hätte, um sich zusammenzusetzen, aber jetzt ist es eben besonders schlimm. Ihr Mann würde einfach nur rumhängen und wenig Produktives zustande bringen. „Er bekommt den Hintern nicht hoch – wie immer, wenn die Lage ein entschlossenes Handeln erforderlich machen würde. An sich ist es eine beneidenswerte Gabe, sich von nichts anfassen zu lassen, aber es ginge nun mal auch nicht, sich realitätsfremd zu verhalten.“

Bei den Worten seiner Frau zeigt Ludger keine sonderliche Überraschung. Er erwidert nur kurz, es brächte ja nun nichts, sich aufzuregen oder in hektische Betriebsamkeit zu verfallen – was seine Frau zum Anlass nimmt aufzuzählen, an welchen Stellen in der Kindeserziehung, im Haushalt oder auch in der beruflichen Weiterentwicklung die Gegebenheiten kein Nachlassen der Aktivitäten zuließen.

Ludger hört sich alles an und meint nur, der Spuk wäre schon irgendwann wieder vorbei und dann wäre immer noch Zeit, sich neu auszurichten. Seine Anmerkungen geben mir zu verstehen, dass sich da eine Person durchaus vital mit der Situation auseinandersetzt – nur eine völlig andere Sichtweise einnimmt als seine Frau. Ludgers Temperament zeigt Züge einer eher phlegmatischen Abwartehaltung, seine Stimme und Wortwahl sind unaufgeregt, es wirkt als würde er sich eher wundern darüber, dass sein Umfeld die Situation mit Sorgen, Grübeleien und Negativszenarien kommentiert.

Mich erinnern die beobachtbaren Phänomene an das Kommunikationsbedürfnis eines Träumers. In der Hoffnung, die Belastungssitua­tion würde sich womöglich wie von ‚Geisterhand‘ auflösen, verpassen diese ,Krisenaussitzer‘ wichtige Zeitpunkte, um aktiv und selbstverantwortlich zu handeln. Meist haben vertraute Personen vergeblich versucht, sie zu deutlichen Entscheidungen und Aktionen zu bewegen – das Ergebnis sind tendenziell halbherzige Schritte, ein ‚Sich-Verzetteln‘ in wenig wirkungsvollen Maßnahmen und eine Reduzierung der Kommuni­kation auch mit wohlgesinnten, konstruktiven Gesprächspartnern.

In der Begleitung eines ‚Träumers‘ gilt es, seine Beratungsresistenz, die Fokussierung auf seine Innenwelt und seine Vorsicht vor proaktivem Handeln durch eine profunde und direktive Unterstützung mit konkreten Arbeits- und Zeitplänen zu steuern, ohne ihn dabei zu überfordern oder ihm seine Eigenverantwortung zu beschneiden.
Günstig ist seine grundsätzliche Haltung eines ‚in der Ruhe liegt die Kraft‘. Sie bewahrt den Träu­mer vor vorschnellen Handlungen und ermöglicht ihm, wichtige existenzielle Entscheidungen nach ausreichender Überlegung auch zu treffen.

In der Auswertung des Fragebogens des Prozesskommunikationsmodells bestätigt sich die Hypothese. Der Träumeranteil [Ludger: „Mein Vater ließ sich auch nie aus der Ruhe bringen!“] wird bestätigt und der ihn flankierende, ebenfalls hohe Beharrerstil verstärkt die Grundhaltung Ludgers zudem darin, dass sein ‚Vorgehen‘ passend sei für die Bewältigung der Bedingungen.

 

Kommunikationsstil: Träumer
Kommunikationsbedürfnis:  
Austausch über Vorstellungen und Reflexionen
Psychisches Bedürfnis:
Will mit sich allein sein und Ruhe
Verhalten unter Alltagsstress: Z
ieht sich zurück, wird passiv
Verhalten bei Dauerstress: W
artet solange, bis er aus der Reserve gelockt wird; fühlt sich fehl am Platz und bringt seine Arbeiten nicht zum Ende
Lebensthema:
Autonomie
Authentisches Gefühl wäre:
Selbstbewusstsein
Scheingefühl [Masche]: Äußert 
Bedeutungslosigkeit

Morgen geht’s weiter. Mit dem Macher.
Bleiben Sie gesund.
Haben Sie Fragen oder Anregungen? Über Ihre Nachricht [Mailfunktion ganz oben auf dieser Seite] freue ich mich.

 

 

Corona-Blog: Stresskommunikation [Logiker]

Was geschieht, wenn ein Mensch in Stress gerät und zu wenig von der positiven Zuwen­dung erhält, die er braucht? Anfänglicher Stress, quasi Alltagsstress wird dadurch zu verringern versucht, indem die Person das Verhalten seines Basis-Kommunikationsstils weiter verstärkt, das ak­tuell das stärkste ist. Der Logiker würde – wenn er keine Anerkennung für seine Analysen, genauen Überlegungen, Recherchen, Berechnungen oder Vergleiche erhält – sein Wissen und seine Informationen noch detaillierter ausführen. Immer in der Erwartung, zumindest jetzt die Bestätigung für seine Bemühungen zu erhalten. Geschieht dies immer noch nicht, dann kann es in der nächsten Stressstufe durchaus vorkommen, dass der Logiker infrage stellt, dass sein Gegenüber überhaupt in der Lage ist nachzuvollziehen, wieviel Leistung in seiner Arbeit steckt. Oder dass jemand [Politiker, Ärzte, Journalisten …] überhaupt begreifen, wie schlimm die konkrete Situation wirklich ist.

Je mehr Stress im Spiel ist, umso negativer wird das kommunikative Verhalten – einzig, weil es dem Logiker nicht gelingt, seinen Stress herab zu regulieren und in ein gesundes MaB der Selbstberuhigung zu kommen. Es muss demnach et­was Schwerwiegendes sein, was diesen Prozess behindert, und das, was hier schwer wiegt, ist das ,Lebensthema‘.

Was nun könnte das Lebensthema für einen Logiker sein? Erinnern wir, dass ein Logiker alles dafür tut, um die relevanten Daten, Informatio­nen und Erfahrungswerte beisammen zu haben, um pünktlich und genau entscheiden und han­deln zu können. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass ihn Situationen schmerzen, in denen er einen Verlust oder einen Abschied erlebt. Für Logiker, die an alles denken, und dann doch etwas verlieren [sei es materieller oder immaterieller Art] oder die eine Trennung erleben, die eine Person einleitet [z. B. Scheidung], ist ein solches Ereignis meist völlig unverständlich oder unbegreiflich – wie konnte das nur passieren?  

Anstatt nun den erlittenen Verlust oder Weggang mit dem passenden Gefühl des Traurigseins zu kommunizieren, äußern sich die Logiker, die dies zu tun nicht gelernt haben, eher frustriert und verärgert.

Woran kann es liegen, dass ein passendes Gefühl nicht gelernt wurde? Dies können frühe kindliche Erfahrungen sein, bei denen das Kind beobach­tete, wie erwachsene Personen mit ihrem Stress umgingen. Es können Glaubenssätze sein, die irgendwann einer Person ‚glauben‘ machten, nur ein bestimmtes Verhalten sei für eine Stresssitua­tion richtig. Schaut man hinter die von Mensch zu Mensch immer individuellen Kulissen, dann zeigt sich aber stets, dass ein authentisches Gefühl zu zeigen immer auch ein Stück weit zum Ausdruck bringt, fehlbar zu sein. Kein Logiker liegt immer zu 100% richtig, kein Beharrer [er kommt morgen dran]bringt immer 100%ige Qualität, kein Macher [er folgt im Laufe der Woche]hat immer zu 100% das Heft des Handelns in seiner Hand usw. – nur, sich dies einzugestehen fällt schwer und weil das so ist, zeigen Menschen eher ihre Scheingefühle [Ihre ‚Masche‘] als das, was wirklich in ihnen vorgeht.

Kommunikationsstil: Logiker
Kommunikationsbedürfnis:
Austausch von Information und Wissen
Psychisches Bedürfnis:
Will Anerkennung für seine Leistung und sein Zeitmanagement
Verhalten unter Alltagsstress:
Denkt, perfekt sein zu müssen, erklärt daher übergenau oder überträgt mögliche Aufgaben nicht an andere, weil er denkt, dass es andere nicht so genau und richtig machen wie er selbst.
Verhalten bei Dauerstress:
Kontrolliert und kritisiert andere dafür, dass sie nicht klar denken Lebensthema: Verlust
Authentisches Gefühl wäre: T
rauer
Scheingefühl: Äußert 
Frustration und Ärger

Und nun trifft Corona oder ein anderes unvorhersehbares, unberechenbares Ereignis einen Logiker. Sofort schaltet er in den Denk-Notfallmodus: Grübeln und mustergültig die Situation sezieren. Schließlich gilt für ihn: Eine Krise muss man doch ‚verstehen‘ können: Mit einem genauen Lageplan, einer tiefen Analyse des Geschehens und einem Hin-und-her-Abwägen besticht dieser ‚Krisentyp‘, ohne dabei überzeugend vermitteln zu können, wie der konkrete nächste Schritt denn ausschauen soll. Das, was war, ist klar – was nun sein soll, noch völlig diffus. Corona wird als Verlust­ereignis erlebt und darüber muss trefflich immer wie­der nachgedacht werden. Meist findet der Logikergrübler alle möglichen ,Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre … ‚ -Gründe für seine Belastung.

Raten ihm vertraute Personen zu einem ,Weniger-ist­- mehr‘ und zu einer gewissen Leichtigkeit im Umgang mit der Situation, dann werden sie mit einem ,Was versteht ihr denn schon?‘ oder einem ,Das geht nicht, weil … ‚ in ihre Denkschranken verwiesen. Irrationales, wie das Angebot, den eigenen Gefühlen mehr Raum zu geben, wird oftmals schroff widersprochen, denn nur ein kühler Kopf sei in der Lage, alles zu über­blicken und in dieser besonderen Situation keinen Fehler zu machen.

In der Begleitung eines Logikers empfiehlt es sich, seine Handlungsresistenz, Deutungsüberschärfe und mentale Selbstüberforderung zu thematisieren. Dies gelingt gut, wenn er durch verschiedene Blickwinkel und eine humorvolle Gesprächsführung für konkrete Aktionen ermuntert wird. Natürlich, ohne dabei seine bisherigen Anstrengungen zu diskreditieren.

Günstig ist seine grundsätzliche Haltung ,es kann mich niemand daran hindern, über Nacht klüger zu werden‘ [Adenauer]. Sie befähigt ihn zu grundsätzlich vernünftiger Argumentation und Risikoeinschätzung in relevanten Entscheidungen.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund.