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Viele Deutsche sind hirnkrank

Immer mehr psychische Störungsbilder werden heutzutage medikamentös behandelt. Viele Deutsche sind offenbar hirnkrank und das schon in jungen Jahren. So meldete in diesem Jahr die KHH einen Zuwachs an behandlungsbedürftigen Essstörungen bei Jugendlichen von 60%, Angststörungen 45%, Burnout 55%, Anpassungsstörungen 72%, Depressionen 97%. Als Auslöser wurde dabei insbesondere die Pandemie ausgemacht. Greift man auf die Daten von Studien anderer Krankenkassen zu, dann ist das Phänomen stark steigender psychischer Erkrankungen bereits jahrelang ein gesellschaftliches Problem – und damit auch das Etikett einer erschöpften, kranken Gesellschaft. Die Frage muss erlaubt sein, ob diese Inflation der Diagnosen und der mit ihnen verbundenen Krankschreibungen und Medikationen gerechtfertigt ist? Denn im Kern bedeutet die Diagnose einer psychischen Erkrankung die Diagnose einer Erkrankung des Gehirns. Ist Deutschland ein Staat mit millionenfach gehirnerkrankter Personen? Oder ist Deutschland nicht einfach ein Staat, in dem die Menschen sehr viel Zeit haben, um sich über ihr Leben Gedanken zu machen oder um zu fühlen, wie es um sie ihre Lebenswelt bestellt ist?  Nur zwei Beispiele: Der Begriff Quarterlife Crisis, der zu verstehen gibt, dass der Übergang von Schule oder Studium ins Berufsleben von Jugendlichen als unsicher empfunden wird, ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein entwicklungspsychologisch völlig ’normaler‘ Suchprozess zu einer Krise heraufstilisiert wird. Dabei könnte man doch auch argumentieren, dass die Vielheit beruflicher Möglichkeiten gerade eine ausgiebigere Suche nach dem, was einen Menschen viele Jahre lang erfreuen soll, unbedingt rechtfertigt. Und das Finden dauert, braucht Geduld, ist manchmal nervig, braucht zuweilen einen Blick von Außen – sicher aber nicht eine Diagnose Depression, Angststörung oder Ähnliches.

Eine andere zweifelhafte ‚Erkrankung‘ ist die Aufmerksamkeitsstörung des Kindes. Wer historisch nachblättert, der sieht, dass in der Nachkriegszeit der ‚Zappelphilipp‘  noch als ‚minimal brain damage‘ deklariert wurde. Weil das dann doch etwas arg radikal klang, wurde das Phänomen der kindlichen Unruhe zu einem ‚minimal brain disorder‘ umgemünzt, bis es dann Ende der 80er Jahre als eine Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung deklariert wurde. Eigentlich sollte man nun erwarten, dass es cerebrale Strukturunterschiede zwischen ADHS-Menschen und ‚Gesunden‘ gibt. Aber – zu dumm – in einer im Lancet veröffentlichten Studie wurden Datensätze kommuniziert, die nicht zulassen, ADHS als eine Störung des Gehirns anzusehen.

Die Liste der sogenannten ‚Gehirnerkrankungen‘ ist lang, ebenso schnell ist zuweilen deren Diagnose. Das ist fatal, denn in einer komplexen und komplizierten Welt sollte zuerst davon auszugehen sein, dass es multifaktorielle Ursachen dafür gibt, dass der eine Mensch Gefühls-, Denk- und Verhaltensmuster zeigt, die er als subjektiv leidvoll empfindet, während dies ein anderer Mensch in vergleichbarer Situation nicht tut. Wer hier einfach mit gesellschaftlichen und statistischen Normen agiert, kann dem Patienten zu dem verhelfen, was bereits Viktor Frankl in Anbetracht vielfältiger ‚Diagnosen‘ seiner Kollegen vor fast hundert Jahren kritisierte: zu einer iatrogenen Neurose.