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Welche Einstellungen fördern individuelle Krisen?

Ja, es gibt sie noch: Allwissenphantasien, Sicherheitsillusionen, Selbstbeschränkungsideologien, Verantwortungslosigkeit. Sie zeigen sich in der Vorstellung ‚ich bin bestens qualifiziert‘, ‚mir kann das nicht geschehen‘, ‚man muss mich so nehmen wie ich bin‘, ’nach mir die Sintflut‘ …. – wer diese Register zieht, hat sich selbst eine veritable Voraussetzung dafür geschaffen, um zu scheitern.

Aber auch diese treffen wir an: Lernen jenseits bekannter Pfade, Respektlosigkeit vor Fremdbestimmungsversuchen, Reflexivität und Ressourcenbewusstsein, Gestaltungsfreude und Trennungskompetenz [im Sinne bewusst vollzogener Destabilisierung durch Abtrennung des vermeintlich Wichtigen bei gleichzeitiger Stabilisierung des im Kern Wesentlichen]. Meist finden wir dies bei Menschen, die das Neue nicht mit Risiko gleichsetzen, die im Handlungsmodus bleiben und nicht darauf warten, dass sich um sie herum schon irgendwann die Lage derart verbessern wird, dass auch sie ein Stück davon abbekommen werden. Und bei Menschen, die einen Satz von Viktor Frankl in ihrer Einstellung zeigen: „Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten, das Leben zu ver-antworten hat.“

Woran merkt ein sinnzentriert arbeitender Krisencoach positive Veränderungen beim Klienten?

Welche Merkmale zeigen Menschen auf, die einen konstruktiven Weg eingeschlagen haben, einen übergeordneten Sinn trotz ihrer durch eine Krise erschütterten [Arbeits-]Lebens-situation zu finden. 

  • Bereitschaft, der inneren Stimme zu folgen und bisherige Konventionen deutlicher zu hinterfragen
  • Wille, wenige wesentliche Beiträge zu leisten, statt auf vielen [vermeintlich] wichtigen Hochzeiten zu tanzen
  • Respektvolle Hinwendung und neugierige Zuwendung zu Menschen und deren Lebenskonzepten
  • Stärkung der eigenen Trennungskompetenz, sowohl in Bezug auf die eigenen psychischen Blockaden [Selbstdistanzierung] als auch auf das Umfeld von Personen und Themen, die ihrerseits die individuelle Sinnfindung kontaminieren
  • Verankerung des Selbstverständnisses, frei zur Verantwortung und verantwortlich für die Freiheit zu sein
  • Bereitschaft, Stellung zu beziehen, von innen heraus zu wollen und in jeder Situation das Beste zu geben
  • Ablage jeglicher aus populistischen oder opportunistischen Gründen vollzogenen Selbstdeformationen
  • Ritualisierung der Frage nach dem Wozu und Wofür
  • Gewahrwerden der bestehenden Ressourcen, des individuellen Freiraums und der Dankesmöglichkeiten
  • Kräftigung der Fähigkeit zu differenzieren zwischen der Wirkung der Sinnverwirklichung [z. B. Freude] und den Wirkungen der Selbstverwirklichung [z. B. Spaß]
  • Wiederentdeckung des Urvertrauens als Basis dafür, ‚trotzdem Ja sagen zu können‘
  • Träumen, Sehnsüchten, Wünschen eine kommunikative Kontur zu geben
  • Optimismus, mit neuen Einstellungen und Handlungsweisen zukünftige Situationen besser zu bestehen
  • Beständige Weiterentwicklung der Krisenkompetenz – Aufbau der Resilienz zur Überwindung künftiger Wertverlustsituationen
  • Würdigung der biografischen Momente tiefer Sinnerfülltheit
  • Bereitschaft zur Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit
  • Bereitschaft zur Kommunikation mit anderen Menschen über die persönlichen ‚Sinnstrebungen‘
  • Akzeptanz, mit der individuellen Transzendierung nicht einem ‚Mainstream‘ anzugehören
  • Vorausschauendes Erspüren potenzieller Erschütterungen und Beantwortung der Frage: ‚Und was mache ich dann trotzdem?‘

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„Wer den eigenen Weg geht,
geht nicht den Weg der anderen,
folgt nicht fremden Wünschen und Vorstellungen,
hört auf seine eigene Stimme,
wird in seinen Entscheidungen klar,
wagt zu sagen, was er denkt,
wagt zu tun, was er sagt,
weicht nicht aus,
entwickelt Stehvermögen,
steht zu sich selbst,
ist sich selbst ein Freund,
fängt an, sich und andere zu lieben,
schiebt das Dunkle nicht von sich auf andere,
wird sich selbst treu,
vertraut sich selbst und anderen,
sagt ‚ja‘ zum Leben,
schöpft das Leben aus,
sagt ‚ja‘ zum Tod,
geht seinen Weg zu seinem Ziel.”

Uwe Böschemeyer