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Methode ‚Einstellungsmodulation‘

Den Einfluss der persönlichen Einstellung eines Menschen auf seine psychische und physische Gesundheit beweisen Studien, die zeigen, dass Menschen, die sich beruflich voll engagieren oder auch Mütter mit Kleinkindern, nicht so oft krank werden – selbst, alle anderen rum sie schwächeln. Warum? Weil sie ganz einfach keine Zeit haben, um krank zu sein. Andererseits wissen wir auch, dass Kranke, die sich aufgeben, schneller in Todesnähe kommen.

Für einen sinnzentriert arbeitenden Berater gehört es daher zum Handwerkszeug, bereits in der Frühphase eines Gespräches, in dem es aus Patienten- oder Klientensicht zuerst um die Darstellung der eigentlichen Problematik geht, auf die Aussagen zu achten, mit denen die Person über ihre Einstellungen spricht. Persönlich negative, gesundheitsabträgliche Einstellungen werden sodann angesprochen und darauf hingearbeitet, dass die Person erkennt, dass eine von ihr beabsichtigte Verbesserung ihrer Situation letztlich nur auf einer konstruktiven Basis ihrer Einstellungen gedeihen kann. Fraglos gibt es dabei Menschen, deren Einstellungen sich zu derart verhärteten Glaubenssätzen ausgebildet haben, so dass immer wieder Abwehrreaktionen zu erwarten sind. Dennoch gilt es, einer solchen Person Wege zur Einstellungsmodulation über das Gespräch über ‚Ausnahmen‘, ‚Unterschiede‘, ‚Alternativen‘, ‚Ambivalenzen‘ usw. offen zu halten. Womöglich wird der Mensch ‚in ruhiger Minute‘ an sich erleben, dass er sich selbst mit seinen Einstellungen nicht mehr leiden kann und sich mit den erarbeiteten alternativen Aussagen besser fühlt.

Umgang mit Lebenslagen II

An sich ereilte Sabine K. ein millionenfaches Schicksal: leichter Schlaganfall mit rechtsseitigen Lähmungserscheinungen und Sprachstörungen. Für die Ärzteschaft ein alltäglicher Fall und doch ganz anders. Denn was dieser Patientin in der Folge geschah, sollte das Leben der damals
Mittvierzigerin nachhaltig ändern. Im Krankenhaus wacht die Frau aus Thüringen auf – und spricht eine Art Schweizer Dialekt. Sie zieht die Decke über ihren Kopf und glaubt, ihr Gehirn spiele ihr einen Streich. Leise spricht sie weiter, aber nichts ändert sich. Aus Sabine K. scheint quasi
über Nacht eine Eidgenossin geworden zu sein. Ihre Ärzte halten ihre Patientin mit dem ihnen unbekannten Phänomen bei einem Psychologen für gut aufgehoben, wohl weil sie denken, sie sei ‚nicht mehr normal’ oder sie mache einen Jux. Die fröhliche Frau sah sich fortan einer Reihe
von Menschen ausgesetzt, die ihr entweder rieten, doch wieder ‚richtig’ zu sprechen, oder ‚mit ihrer Albernheit’ aufzuhören. Doch alle Versuche, in ihre Sprache zurückzukehren, scheiterten.

Erst ein erfahrener Sprachtherapeut sollte Licht ins psychische Dunkel bringen. Er äußerte die Vermutung, Frau K. habe das extrem seltene Fremdsprachen-Akzent-Syndrom, eine neurologische Erkrankung, die mit einer Änderung der Sprachmelodie des Menschen einhergeht und von Menschen, die den Betroffenen kennen, als Fremdsprache interpretiert wird. Der Verlust des gewohnten Sprachmusters verbunden mit den Reaktionen des Umfelds und der gegen Null gehenden Aussicht auf Normalisierung führen meist zu einer massiven Krisensituation mit einer erheblichen psychischen Last. Die ersten Monate sollten für Sabine K. zu einer rechten Tortur werden. Anfangs fiel es ihrer Familie schwer, sich an die ‚neue Person’ an ihrer Seite zu gewöhnen. In der Öffentlichkeit wandten sich Menschen ab, weil sie dachten, sie würden auf den Arm genommen.

Erst ihr wiederkehrender Humor sollte Erleichterung bringen. Ihren Mann tröstete Sabine K., indem sie meinte, er könne doch froh sein, dass sie nicht polnisch aufgewacht sei. Ihr Mann wiederum ging proaktiv auf Nachbarn und Bekannte zu und klärte sie über das außergewöhnliche Phänomen auf. Bei vielen gelang es, die Scheu und Irritation zu dämpfen – heute sprechen viele über ihre ‚Schweizerin in der Nachbarschaft’.

Dass sie in Gesprächen mit Menschen, die sie neu kennenlernte, behauptete, eine Schweizerin zu sein, um aus ihrer permanenten Erklärungsnot herauszukommen, führte jedoch zu erheblichen Gewissensbissen. Ihr mutiger Weg aus diesem Dilemma führte Sabine K. letztlich in einige Gesprächsrunden im Fernsehen, um aufzuklären und Menschen in vergleichbarer Lage zu ermuntern, nicht aufzugeben. Obzwar sie damit im Risiko stand, von einem Riesenpublikum bestaunt, angezweifelt, begafft zu werden, nahm sie ihr Leben in die Hand, ging in die Offensive
und entwickelte so ihr Selbstbewusstsein, das ihr bis heute die Kraft gibt, sich auch gegen so manche Stichelei zur Wehr zu setzen. Ihr lebenslustiges Temperament hat Sabine K. dabei unterstützt, zu einer Lebensführung mit neuen sprachlichen Vorzeichen zwar, aber ohne hängenden
Kopf zu gelangen.