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Enantiodromie

Wenn ein Mensch sein Verhalten ins ‚Gegenteil umschlagen‘ lässt, also ‚andere Saiten aufzieht‘, vielleicht gar vom Saulus zum Paulus wird, dann entspricht diese Interdependenz der Gegensätze dessen, was Heraklit, der überragende Philosoph des Wandels, mit Enantiodromie bezeichnete.

Dieser Begriff ist in die Lehre des Begründers der komplexen Psychologie, Carl Gustav Jung, integriert worden, der ihn als einen grundlegenden Mechanismus der Psyche ansah. Für Jung hat jedes psychologische Extrem insgeheim seinen Gegensatz verfügbar. Jedes Extrem erhält förmlich aus diesem Gegensatz seine erforderliche Dynamik. Es gibt somit keinen psychischen Prozess, der sich nicht gegebenenfalls in sein Gegenteil verkehrt und je extremer sich der Prozess zeigt, desto eher ist seine Verkehrung ins Gegenteil zu erwarten. Beispiel: Ein vor der Krise entscheidungsstarker Mensch verkehrt sich in einer Krise in einen handlungsgelähmten Menschen um. Oder er mutiert zu einem hyperreaktiven Menschen mit unbedachter Spontaneität.

Beide Ausformungen liegen bei genauer Betrachtung überraschend nahe beieinander. Beide verengen zum Beispiel auf je unterschiedliche Weise die Perspektive, beide verursachen einen hohen psychischen Energieaufwand zum Wiedererlangen innerer Stabilität, beide erzeugen systemisch eine extreme Dynamik, um mit dem Zustand der Person fertig zu werden.

Um der Enantiomerie zu ‚entgehen‘, stehen drei Wege offen:
– die Person kann sich auf neue Art organisieren und damit neue Wege des Ressourceneinsatzes gehen
– die Person überdauert die Zeit der Störung und kehrt danach zum vorherigen Zustand zurück
– die Person übersteht die Krise nicht und geht zugrunde

Worin besteht nun die Hoffnung eines jedes Therapeuten oder Krisencoachs?
Dass der Mensch den ersten Weg geht und dabei zwei Fähigkeiten einsetzt, die zur Überwindung einer Krise deutliche Vorteile gegenüber anderen aufweisen:

  • Zum einen die Fähigkeit, mit Vorstellungskraft zukünftige Zustände gegenwartsnah werden zu lassen und
  • zum anderen die Fähigkeit, die Selbststeuerung auf eine der Situation angemessenen Weise zwischen Grenzziehung und Kooperation zu vollziehen. Gerade diese Fähigkeit bewirkt, dass der Krisenbetroffene sich nicht ‚abgibt‘, sondern sich als Hauptgestalter seines Auswegs versteht.