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Krise meint ‚entscheidende Wendung‘

b1-bacJehuda Bacon hat Konzentrationslager erlebt und überlegt. Darüber spricht er im Buch. Er berichtet, dass ihm der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber dabei half, eine Antwort auf die Frage zu finden, welchen Sinn sein Leben nach Auschwitz noch haben könnte. Ihm wurde klar, das ihn Hass und Rache letztlich wie jeden Menschen zerstört hätte. Doch er entschied sich anders.

„Die Freiheit ,»hat« man nicht – wie irgend etwas, das man auch verlieren kann –, sondern die Freiheit »bin ich«“.
[Viktor Frankl]

Bacon entschied sich, sein Wissen über die Zeit den jungen Generationen weiterzureichen. Dies leistet der frühere Kunstprofessor bis heute. Sein Interview im Buch mit Manfred Lütz trägt seinen Titel zurecht. Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.

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Viktor E. Frankl – Begründer der sinnzentrierten Psychotherapie:

„Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet.Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“

„Es kommt nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet.“

„Die Spielregeln des Lebens verlangen von uns nicht, dass wir um jeden Preis siegen, wohl aber, dass wir den Kampf niemals aufgeben.“

Des Menschen Sinnwille ist sein Geistreich

„Das war aber geistreich“ – meist werden schlaue und witzige Bemerkungen von Mensch als ‚geistreich‘ angesehen. In der Tat: wenn eine Meinung, eine Ansicht, eine Perspektive in der Lage ist, einen Menschen zu berühren, zu fesseln, zu neuer Handlung anzuregen, dann hat Geistiges die Wirklichkeit bereichert. Geistreiches vermag es, Entscheidungen sinnvoll und nicht nur zweckdienlich werden zu lassen. Geistreiches brauchen wir besonders in existenziellen Entscheidungssituationen.

Eine Entscheidung – auch die, einen anderen Menschen entscheiden zu lassen – ist eine zutiefst persönliche Angelegenheit. Dies gilt es besonders in Krisensituationen zu beachten, wenn einer betroffenen Person Vor- oder Ratschläge unterbreitet werden, über die sie trotz ihrer Belastung entscheiden soll. Einen Menschen zu Entscheidungen zu bewegen, auch wenn man um seine brisante Lage weiß, hat auf diesen durchaus stabilisierende Wirkung, denn gegen den eigenen Willen entscheidet ohnehin kein Mensch [außer zum Beispiel bei Einflüssen durch Drogen]. Eine hilfreiche Unterstützung besteht für grundsätzlich entscheidungsfähige Menschen darin, dass ihnen eine Überprüfung ihrer Entscheidung dahingehend angeboten wird, die mit ihr verbundenen Sinnmöglichkeiten aufzuspüren. Zeigen sich in einer Entscheidung potenzielle Sinnwidrigkeiten, so gilt es, diese mit der Person auseinanderzulegen.

Wer sich entscheidet, wählt einen Weg und wählt gleichzeitig viele andere ab. Dem Entscheid steht daher der Verzicht zur Seite und auch für ihn ist der sich entscheidende Mensch verantwortlich.
Verantwortlicher Verzicht, der vollzogen wird, um sich über ihn einer wertvollen Aufgabe oder geliebten Person hinzugeben, ist geistreicher Verzicht.

Entscheidungsmut in Krisen

„Was der Mensch ist, ist er durch die Sachen, die er zu den seinen macht.“ Das sagt der Philosoph Karl Jaspers und er zeigt damit auf, dass das Maß, in dem der Mensch Stellung bezieht, sich mit den aktuellen Bedingungen auseinandersetzt und dann entscheidet, über den Grad seiner Verantwortungsbereitschaft Auskunft gibt.

Zu entscheiden heißt, mündig zu wollen. In Krisen fühlt es sich oft als unmöglich an, dieses Wollen zu zeigen. Denn Wollen ist ein Ausdruck eines geistig freien Aktes, der durch ein Werteempfinden ausgelöst wird. Werden jedoch zentrale Werte durch eine Krise an ihrer Verwirklichung gehindert, dann blockiert dies die ‚Entscheidungsfreudigkeit‚ und die ‚Entschlusskraft‚ eines Menschen. In solchen Situationen fühlt sich der Mensch hilflos, orientierungslos, kraftlos.

Im Wollen wird der Mensch nicht getrieben, sondern er steuert sich selbst. Willentlich zu handeln, setzt daher voraus, dass der Mensch bei einer Krise zuerst wieder in die Lage kommt, selbst Herr über seine Wertigkeiten zu werden. Dabei kann ihm ein Gespräch über das unverlierbar in der Vergangenheit Bewahrte helfen. Diese Klärung hilft, damit Entscheidungen getroffen werden können. Denn „alle Entscheidung ist Selbstentscheidung, und Selbstentscheidung allemal Selbstgestaltung“ [Frankl], was bedeutet, dass der Mensch für seinen Weg aus der Krise eine Wahl für etwas ganz Konkretes fällen muss – auch dann, wenn er dafür etwas anderes fallen lassen muss. Womöglich etwas, was ihm aus tiefer Verbundenheit heraus äußerst schwer fällt, fallen zu lassen.

Wer sich entscheidet, und in einer Krise allemal, übernimmt in Verantwortung seiner selbst eine Bürde. Denn er muss sich durchringen, sich alle Möglichkeiten, die zur Wahl und Abwahl anstehen, sehr genau anzuschauen. Voreilig Möglichkeiten auszublenden, vielleicht um scheinbar eine Sicherheit zu gewinnen, führt allzu oft in eine neue Krise. Das beste Mittel, um dieses Risiko zu mindern, ist der Blick auf das eigene Wertesystem. Ist einem Menschen völlig klar, was es jetzt – in der Krisensituation – auf konstruktive und kontrollierte Weise zu tun gilt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass der Mensch um sein Wertesystem weiß und es für seine Entscheidung einsetzt. Zeigt er Entscheidungsschwäche, dann kann dies ein Zeichen dafür sein, dass ihm der oder die Werte, um die es geht, noch nicht ganz klar sind.

Am Ende muss entschieden werden. Wer zu lange im Nicht-Entscheiden verharrt, der verliert nicht nur Zeit, er verliert sich auch in der Vergangenheit. Damit dies nicht geschieht, sind diese Reflexion meist hilfreich:

Wenn sich der Mensch seinen Werten bewusst entschieden hat, dann soll er diesen Entscheid nicht in Zweifel ziehen und sich mit der Frage belasten, ob er richtig oder falsch entschieden hat. Er soll sich daran erinnern, dass aus Unentschiedenheit heraus eine schwierige Lebenssituation noch nie gemeistert wurde. Weder in seinem Leben noch im Leben anderer.

Wer sich nicht entscheiden kann, über den wird entschieden. „Dem Zwang zur Wahl unter den Möglichkeiten entgeht der Mensch in keinem Augenblick seines Lebens. Er kann nur so tun, als ob er keine Wahl und keine Entscheidungsmöglichkeiten hätte.“ [Frankl]

Wofür sich ein Mensch entschieden hat, das soll er auch ganz tun. Wofür sich ein Mensch nicht entschieden hat, dass soll er auch ganz lassen. Am besten ohne das [über]prüfende Gespräch mit anderen Menschen. Die Aufgabe, sich in existenzieller Frage selbst zu entscheiden, zu wählen und abzuwählen, kann nicht delegiert werden. Der bloße Versuch führt in partielle Abhängigkeit und später womöglich zu der Frage „Was wäre gewesen, wenn ich mich selbst entschieden hätte?“

„Das Leben kann tragisch sein, aber niemals zur Tragödie werden, wenn sich der Mensch für das entscheidet, was ihn ruft“ [Viktor Frankl]

Auch in Krisen können knapp formulierte Hilfen angemessen sein

Der Neurologe Antonio Damasio berichtete von einem Patienten mit präfrontaler Schädigung, den er Elliot nannte. Eines Tages fragte Damasio ihn, wann die nächste Sitzung stattfinden könne, und gab ihm zwei Termine zur Auswahl, die nur einige Tage auseinander lagen. ‚Fast eine halbe Stunde lang zählte [der Patient] Gründe für und gegen die beiden Termine auf. Vorangehende Verabredungen, die zeitliche Nähe anderer Verabredungen, mögliche Wetterverhältnisse: praktisch alles, was man bei einer so simplen Frage berücksichtigen kann. … [Er] zwang… uns, nun einer ermüdenden Kosten-Nutzen-Analyse zu folgen, einer endlosen Aufzählung und einem überflüssigen Vergleich von Optionen und möglichen Konsequenzen.‘ Als Damasio ihm den zweiten Termin nahelegte, sagte Elliot einfach: ‚in Ordnung‘.

Quelle: Gigerenzer, G. [2008]: Bauchentscheidungen. S.261

Angenommen, dies war Ihre Tochter …

Auf der Flucht vor der Polizei hat ein Geisterfahrer in Hessen einen tödlichen Unfall verursacht. Der 44-Jährige krachte mit seinem Auto frontal in den Kleinwagen einer jungen Frau. Die 21-Jährige kam ins Krankenhaus, wo sie starb. Der Verursacher überlebte schwer verletzt, wurde in eine Klinik gebracht.

Die Polizei war auf den Wagen des 44-Jährigen aufmerksam geworden, weil die Nummernschilder als gestohlen gemeldet waren. Als die Beamten das Auto von der Autobahn auf eine Bundesstraße leiten und dort stoppen wollten, wendete der Mann an der Auffahrt und flüchtete auf der falschen Spur. Dort verfolgen ihn die Polizisten. Nach etwa einem Kilometer raste er mit seinem gestohlenen Passat in den Kleinwagen der Frau. Der 44-Jährige ist nach Angaben eines Sprechers polizeibekannt. Er habe keinen Führerschein.

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Was waren Ihre ersten Empfindungen und Gedanken bei dieser Beschreibung?
Wie meinen Sie geht es mit Ihnen als Vater oder Mutter weiter, wenn diese unumkehrbare Situation einträte?

Im Winter/Frühjahr 2016/2017 zeigen wir Wege auf, wie der Umgang mit einer dramatischen und erschütternden Situation derart gestaltet werden kann, so dass ein gelingendes Leben weiterhin möglich ist.

Life2Me® – das entwicklungspsychologisch-sinnzentrierte Programm zur individuellen Krisenprävention.

Sinn-Wegweiser

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will,
sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will. [Rousseau]

Nicht jeder kann tun, was er will. Es gibt Grenzen. Geschriebene, ungeschriebene, vom Gewissen gesetzte. Jeder Mensch lebt in solchen Bedingungen. Und jeder Mensch schafft Bedingungen.

Für Sie sind diese von mir verfassten Texte gerade eine ‚Bedingung‘. Und dadurch, dass Sie gerade
lesen, schaffen Sie sich und Ihrem Umfeld Ihrerseits ‚Bedingungen‘.
Selten reflektiert und dennoch Fakt: Wir leben in Bedingungen und sind doch immer frei, uns zu ihnen zu stellen. Das ist einer der Leitsätze von Viktor Frankl..

Der Mensch muss nicht tun, was er nicht will. Sie müssen diese Texte nicht lesen, wenn Sie nicht wollen. Ist das nicht herrlich frei? Sie können wählen zu lesen, sie können wählen nicht zu lesen, Sie
können wählen anderes zu lesen – nur Sie können eines nicht, nämlich Beides.
Sie können nur einem der Wegweiser folgen. Oder Sie können stehen bleiben. Versuchen Sie beides, werden Sie scheitern. So erklärt sich der Satz von Frankl: Der Mensch hat seinem Leben zu antworten. Zu jeder Zeit. Der Mensch hat zu verantworten. Es ist nur ihm zueigen, dass er verantworten kann. Auch das macht ihn erst zu einem Wesen, das Sinnvolles von Sinnlosem unterscheiden kann.

Der Sinn, der sich in Handlungen formt, begründet den individuellen Ethos. Der Sinn ist unser
wesentlicher Wegweiser. Wozu ist es gut, dass ein Mensch einem Wegweiser folgt, und wann ist es für ihn gut, innezuhalten? Wie muss ein Wegweiser gestaltet sein, so dass ein Mitarbeitender in einem Unternehmen ihm folgt? Was muss ein Wegweiser tun, um zu scheitern? Auf welchen
– wie es der Philosoph Peter Strasser nennt – ethischen Horizont weist der Weg? Was brauchen Führungskräfte, um Wegweiser zu sein?

  • Wegweiser müssen erkennen, welche anderen Wegweiser ihnen ihren eigenen Weg gewiesen haben. Und sie sollten sich bewusst sein, dass dies Bedingungen waren, zu denen sie sich jetzt und immer wieder „so oder so“ stellen können.
  • Wegweiser müssen erkennen, dass sie auf ein Ziel weisen. Und sie sollten sicher sein, dass sie selbst um das Ziel wissen.
  • Wegweiser müssen erkennen, dass sie zu Veränderungen führen. Sie stellen für andere Menschen Bedingungen dar. Um ihnen entsprechend zu handeln, müssen die Veränderungen
    sinnvoll sein.
  • Wegweiser müssen erkennen, dass es einen guten Grund braucht, dass ihnen gefolgt wird. Dazu dient zuerst die Klarheit darüber, den guten Grund zu wissen, warum man selbst
    Wegweiser wurde.
  • Wegweiser können nicht nicht Wege weisen. Sie verlieren nie diese Verantwortung. Wegweiser
    sollten daher genau beachten, welche Folgen es hat, wenn man ihnen folgt. Ein Wegweiser muss gerade stehen, und er muss für sich „gerade stehen“.

Blaise Pascal meinte einst, „wenn der geworfene Stein Bewusstsein hätte, so würde er sagen, ich fliege, weil ich will.“ Folgt dieser Stein jedoch einem solchen Wegweiser, so wird er sagen, „ich fliege, weil ich genau so will.“