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Straßen der Sinnfindung

„Sinnfindung durch Werteverwirklichung“, so lautet die zentrale Formel der Sinntheorie. Dem Menschen bewusste Werte lassen sich – so Viktor Frankl – auf ‚drei Hauptstraßen‘ in Lebenssinn ‚ummünzen‘. Die erste Straße ‚hin zum Sinn‘ ist die, ein Werk zu schaffen. Die zweite besteht darin, etwas oder jemanden zu erleben, das einen erfüllt und erfreut. Im Dienst an einem Thema oder in der Hingabe an eine Sache oder zu einer Person [die man jedoch nicht selbst ist!], verwirklichen wir uns mit Orientierung auf Sinn. Die dritte Straße können Menschen letztlich zum Beispiel dann gehen, wenn sie von einer Situation des Schreckens oder Leidens konfrontiert werden, das seinerseits zwar unumkehrbar ist, bei genauem Hinschauen es jedoch bis zum letzten die Möglichkeit offenhält, eine Tragödie in einen Triumph zu verwandeln. Unzählige Beispiele stehen uns für diese besondere Gabe des Menschen, selbst in Grenzsituationen über sich hinauszureichen, aus unserer KrisenPraxis vor Augen.

„Kein Psychiater, kein Psychotherapeut kann einem Kranken sagen, was der Sinn ist, sehr wohl aber, dass das Leben einen Sinn hat, ja – mehr als dies: dass es diesen Sinn auch behält, unter allen Bedingungen.“ [Frankl]

Hauptstraßen zum Sinn

Mit den drei Hauptstraßen zum Sinn verstehen wir mit Frankl die drei Wertekategorien, durch deren Verwirk­lichung ein Mensch Sinn finden kann. Auf der ersten Straße kann ein Mensch eine Tat setzen, ein Werk schaffen [durch Verwirklichung schöpferischer Werte]. Auf der zweiten Straße findet er Sinn, indem er etwas oder jemanden in seiner  Einmaligkeit und Einzigartigkeit erlebt [durch Verwirklichung von Erlebniswerten]. Schließlich kann er auf der dritten Straße trotz der Konfrontation mit persönlichem Leid nicht seine Verantwortung preisgeben und auch noch sein Leben sinnvoll gestalten wollen [durch Verwirklichung von Einstellungswerten].

Davon, dass „der Mensch gerade in Grenz­situationen seines Daseins aufgerufen ist, Zeugnis abzulegen davon, wessen er fähig ist“ [Frankl], sind sinnzentriert arbeitende Therapeuten ebenso überzeugt als davon, dass jeder Mensch aufgrund seines Geistes dies auch konkret vermag.

Als Therapie, die auf die Gestaltung gelingenden Lebens ‚ab heute‘ setzt, betont die Logotherapie das aktive Handeln für die Zukunft und nicht das Aufarbeiten der Vergangenheit durch hyperreflexive ‚Warum-Fragen‘. Elisabeth Lukas, Frankls erste Schülerin, dazu:  „Nicht umsonst warnt Frankl davor, das Leben zu befragen. Etwa zu fragen: „Wa­rum ist meine Tochter behindert? Warum ist mein Mann ein Trinker? Warum bin ich krank gewor­den? … das Forschen nach einem Warum ist immer erfolgreich, aber selten hilfreich.“ Denn, „nicht das Fragen ist unsere Sache, sondern das Antworten; nicht das Warum ist relevant für uns, sondern das Deshalb. Das Leben fragt den einen: „Deine Tochter ist behindert? Was tust du jetzt?“ und den anderen: „Dein Mann ist ein Trinker. Was machst du daraus?“ Das Leben fragt den Dritten: „Deine Frau hat dich betrogen. Wie gehst du damit um?“ und den Vierten: „Du bist krank geworden. Wie stellst du dich dazu ein?“ Die Antwort ist unser. Die Antwort ist frei. Das Warum in letzter Schärfe zu durchschauen, ist uns nicht gegeben, aber das Deshalb in letzter Freiheit zu wählen, ist uns gewährt. Während der eine antworten wird: „Meine Tochter ist behindert, deshalb will ich von nichts wissen“, wird der andere antworten: „Meine Tochter ist behindert, deshalb soll sie meine besondere Zuwen­dung erhalten.“ Und während der eine antworten wird: „Ich bin krank geworden, deshalb freut mich das ganze Leben nicht mehr“, wird der andere antworten: „Ich bin krank geworden, deshalb nütze ich jede Minute meines Lebens sorgfältig aus.“ Die Fragen, die das Leben uns stellt, können wir uns nicht aussuchen, aber die Antworten, die wir darauf geben, sind Zeugnis unserer ureigensten geisti­gen Haltung, gleichsam ‚Fingerabdrücke‘ unseres Ichs.“