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Corona-Blog: Alles Virus oder was?

Wird gelockert, oder nicht? Und warum dort, wenn nicht auch hier? Und warum erst dann, wenn dort schon jetzt? Viele Widersprüchlichkeiten tun sich auf und so sehen manche Auguren zum Beispiel schon Heerscharen von Abiturienten vor Gerichte ziehen, weil diese sich in ihren Prüfungsvorbereitungen benachteiligt fühlen, andere sehen eine Welle von Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen in die Therapiepraxen strömen – sobald diese sich trauen, wieder in eine Praxis zu gehen. Wieder andere sehen die Weltwirtschaft in eine Rezession wie 1929 fallen. Selbst die Idee, dass durch Corona gegen Weihnachten viele Babys erwartet werden könnten, wird schnell von denen kassiert, die meinen, es wären wohl eher mehr Scheidungen. Aber vielleicht wäre ja sogar das Eine so gut wie das Andere?

Allen erdenklichen, medial quotenwirksamen Szenarien [des Schreckens] stehen aber bei genauerem Hinhören auch sehr viele gegenüber, die Ausdruck größerer ‚Entspanntheit‘ sind. So verweisen manche Statistiker zum Beispiel auf die Toten durch Krebserkrankungen oder Sturzverletzungen, deren Zahlen in Deutschland auch in diesem Jahr weit höher sein werden als die durch Covid19. Das, was diese Zahlen vermeintlich erträglicher werden lassen, ist wohl das Wissen um die Phänomene Krebs, Sturz u.a.. Denkt man dies weiter, dann ist eigentlich nicht das Virus als solches das Problem, sondern die Existenz von etwas konkret unerträglich Neuem. Kein Wissenschaftler wäre je auf die Idee gekommen, dieses konkrete Virus finden zu wollen. Vielmehr hat das Virus etwas in uns gefunden, und es ist uns erschienen, weil es dieses Etwas [Angreifbares, Verletzliches …] in uns gefunden hat. Das Virus lehrt uns also, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen. Wann war für Sie das letzte Mal etwas ‚unerträglich Neues‘ geschehen? Welche Lehren haben Sie aus diesem letzten Mal gezogen?

Erinnern wir in diesem Zusammenhang einen Satz des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er sagte einmal: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren.“ Eine Lehre, die man zum Beispiel aus unserer logotherapeutischen Sicht erneut ziehen kann, stammt von Viktor Frankl. Er erkannte: In Kriegszeiten gibt es keine Neurosen. Will sagen: Wenn es wirklich eng wird, dann haben Menschen keine Zeit für Wehwehchen. Dann haben sie ein einziges Thema: Überleben. Wie wiederholt sich diese Lehre heute, wenngleich wir [zum Glück] nicht im Krieg, durchaus aber in einer extremen Covid19-Sondersituation sind?

Beispielhaft darin, dass in vielen Arzt- und Therapiepraxen gähnende Leere herrscht, obwohl ein Besuch dort möglich wäre. Eine Erklärung: Jetzt geht es vielen Menschen um die Verwirklichung des Oberwertes ‚Gesundheit‘ mit der Folge, dass alles vermieden wird, was nicht zwingend ist. So verschiebt sich auch manch psychische Problem aus dem Spektrum des neurotischen Formenkreises vor diesem Hintergrund ein gutes Stück ins Nebensächliche. Ja, sogar eine Vielzahl von Menschen mit Angst- – oder in deren Unterform – Zwangsstörungen erleben nun eine echte Entlastung, eben weil sie sehen, wie viele [gesunde] Menschen ihre Angst individuell ausleben, es quasi ’normal‘ geworden ist, nicht nur Angst zu haben, sondern sie auch zu zeigen. Das Virus lehrt uns, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen und es zeigt uns, dass diese Möglichkeit für viele Menschen darin besteht, ihre Angst zu zeigen. Angst in ihren verschiedenen Formen wie Beziehungs-, Verlust-, Leistungs- oder Entscheidungsangst ist für viele Menschen derart unerträglich neu, dass wir als eine Konsequenz dieses Erlebens in unserer therapeutischen Praxis immer öfter nach unseren Angeboten zur Individuellen Krisenprävention als Angstprävention gefragt werden. Prävention, um das eigene Nichtwissen bezüglich möglicher Ängste aufzuhellen und Umgangsformen zu entwickeln, die die Unerträglichkeit ummünzen helfen in etwas Sinnvolles.

Am Rande angemerkt: Dass wir es mit unserer ‚german Angst‘ auch übertreiben können, zeigt uns der hygienische Übereifer vieler – nicht zwangserkrankter – Zeitgenossen, der sicher auch von denen nicht empfohlen wird, die uns nahelegen, das zu tun, was sich irgendwie immer anbietet: Händewaschen, wenn man unterwegs war. Oder das förmlich sprunghafte Ausweichen anderen Menschen auf dem Gehweg gegenüber, wenn das Risiko droht, für eine Zehntelsekunde das Abstandsgebot von 1,5 Metern zu unterschreiten – auch dies ist keine offizielle Empfehlung, allein schon wegen der Verletzungsgefahr bei solchen Hasensprüngen. Oder der Entzug des Blickkontaktes oder eines Lächelns zu anderen Menschen, weil diese ja potenziell Infektiöse sein könnten – auch dieses Verhalten wurde bislang nicht als notwendig ins Pflichtenheft aufgenommen. Ob ein offizielles ‚Rechte-Heft‘ es den Menschen erleichtern würde, zu wissen, was sie weiterhin dürfen? Also, ich weiß nicht.

Oἶδα οὐκ εἰδώς – ich weiß, dass ich nicht weiß … – Sokrates weiser Satz [der eben nicht besagt, dass ein Mensch wüsste, dass er nichts weiß] wird in der Gegenwart besonders erlebbar. Viele Experten wissen, dass sie nicht wissen, was richtig ist. Weshalb in der Folge manchmal das Eine hier eine Pflicht, das Andere dort kein Recht ist. Wenn aber viele nicht wissen, was richtig ist, dann bieten sich Fahrten auf Sicht im Nebel der Komplexität förmlich an. Diese Nebelfahrten haben nur einen Beigeschmack – das Gefühl, das unerträglich Neue könnte einen beim kleinsten Fehler rammen, bleibt dauerhaft erhalten. Wenn alle Experte wissen, dass sie nicht wissen und [fast] wir alle wissen dies auch, wir also alle gemeinsam im kollektiven Nichtwissen stecken – dann sind mindestens zwei Wege möglich. Entweder kollektive Resignation, Depression oder Aberglaube hinsichtlich der Wunderfähigkeit mancher Politiker, die immer noch nicht wissen, dass sie nicht wissen. Oder die Möglichkeit, die ich ‚konstruktive Reaktanz‘ nenne. Der kollektive Trotz, sich diesem Nichtwissen gegenüber nicht abzugeben, sondern bereit zu sein für das ‚kollektive Staunen‘, das in der Erkenntnis besteht, dass Nichtwissen eben nicht meint, nichts zu wissen. 

Was wir im Moment erleben, passt vielleicht in dieses Bild: Solange das Schiff nicht oder nicht unreparierbar an einen Eisberg gesetzt wird, hat man es wohl eher mehr als weniger richtig gemacht. Die Methoden, das Schiff zu lenken, sind unterschiedlich. Manche Entscheidungsträger in der Welt versuchen, zum Beispiel durch laute Schreie den Eisberg dazu zu bewegen, einfach zu verschwinden. Manche sehen ihn auch nicht, also ist er auch nicht da. Wie zu erwarten, sind dies eher fragwürdige Einstellungen derer, die meinen zu wissen, dass sie wissen.

Andere erkennen dafür ihre weniger ausgeprägten Wunderfähigkeiten und entscheiden Schritt für Schritt, transparent, wenn auch unter Unsicherheit. Das ganze erscheint langsam, abwägend und alles andere als bei einem Hauruck – in dieser Gruppe mag man wohl unsere politische Elite eher sehen. 

Wieder andere, die einst vollmundig zu wissen vorgaben, welche Entwicklung eine Gesellschaft einschlagen sollte, ziehen sich nun kleinlaut zurück und machen offenkundig, dass sie in ihrem [braunen] Kern nichts zu bieten haben, was als Entscheidungsbasis oder gar als Lehre herangezogen werden könnte. So werden wir hoffentlich eines Tages erleben, dass diese Dampfplauderer zwar nach der Epidemie mit ihren alten Parolen wieder um die Ecke kommen, jedoch niemand mehr daran interessiert ist, sich manch theoretische Verschwörung im Gewand einer ‚deutschalternativen Geschwürung‘ anzuhören. Es besteht auf Sicht also die Hoffnung, dass das Virus uns manches erspart hat. Ist das alles, was wir erhoffen dürfen?

Der richtig große Entwurf einer neuen, solidarischen, gesunden, entschleunigten … Welt wird – so meine Glaskugel – eine Utopie bleiben. Dafür ist das Zeitfenster des Ereignisses zu kurz, ebenso das Zeitfenster, in die post-corona-ökonomischen Wachstumskonzepte etwas hineinzuschreiben, was zum Beispiel nach so etwas wie die Vereinten Nationen von Europa ausschaut oder nach irgendwelchen politischen Welt-Initiativen, in denen sich etwas Positives vorgenommen wird, was eben diese Welt noch nicht gesehen hat. Für so etwas ist das Virus im übertragenen Sinn einfach zu klein, selbst wenn seine Folgeerscheinungen Billionen kosten werden. Aber was sind Billionen, die in Wirtschaftskreisläufe eingespeist werden, die auf unzerstörte Städte, eine funktionierende Infrastruktur, weiterhin bestehende Technologien, kompetente Menschen zurückgreifen können? Sie sind Bumerangs, denn irgendwie kommt das Geld auch wieder zurück, allemal in der ein oder anderen Besteuerung. Das Virus ist eben kein Bombenhagel, kein Atomgau, keine Sintflut, kein Meteor. Wir sollten es daher nicht größer machen als es ist. Das Virus hat uns nicht die Handlungsräume geschlossen. Es hat uns nicht die Freiheit und Verantwortung genommen, auf die Frage zu antworten, worum es jetzt – individuell, in der Familie, im Unternehmen, in der Gesellschaft –zu gehen hat. Ich persönlich glaube, dass dieses Worum für viele nicht sonderlich anders ausschauen wird wie noch vor wenigen Wochen – es sei denn, der aktuelle Zustand bleibt uns über viele Monate erhalten. Aber daran glaube ich so wenig wie daran, dass die Erfolgsfaktoren der Wirtschaft durch die Auswirkungen des Virus substanziell in Frage gestellt werden. Vielmehr sehe ich vor uns, dass das kollektive Wissen um das Nichtwissen einen ungeheuren individuell-kreativen, technologischen und systemisch-vernetzteren Schub auslösen wird, in Wissenschaft, Kunst, Ökonomie und – wer lernbereit ist – beim einzelnen Menschen. Ich glaube: Das neue Staunen beginnt. 

Wo ist mein Orient?

Ein menschliches Leben erhält seinen Inhalt durch individuelle Orientierung. Nur der Mensch fragt sich ‚wer bin ich‘ und seine Antwort darauf verleiht ihm Identität und ermöglicht ihm Zielsetzungen. Das alles erfolgt programmlos [griech.: prógramma ‚Vorgeschriebenes‘] – das Programm des Menschen ist es, nicht programmiert zu sein.

Mensch sein heißt ja niemals, nun einmal so und nicht anders sein zu müssen,
Mensch sein heißt immer, immer auch anders werden können.
Viktor E. Frankl

Schon Babys lernen, die Welt in Kategorien zu teilen. Sie lernen, umstrukturieren, kallibrieren und bauen auf den Mustern des Bekannten auf. Krisen durchbrechen diese Muster. Es entsteht ein Gefühlschaos, es sei denn, der Mensch verfügt über erfahrungsbedingte und nicht ideologisch aufoktroyierte Intuition, dies es ihm ermöglicht ‚auf Sicht zu fahren‘. Intuition, also menschliches Gespür, wird erst ausgeprägt durch Besinnung auf Erfahrung. Doch dieser Prozess wird zunehmend gefährdet. Zum einen wird das, was wir in Kindheit und Jugend von Bezugspersonen darüber gelernt haben wie wir uns später einmal orientieren können, wenn wir uns nicht mehr auskennen, immer weniger anknüpfbar an die heutige pluralistische Lebenswelt. Zum anderen ist die Vielfalt, die als Qualitätsmerkmal einer demokratisch freiheitlichen Gesellschaft so erfreulich ist, dann ein Problem für den Einzelnen, wenn dieser nicht Vielfalt, sondern Verwirrung spürt. Überdehnt sich der Wert ‚Vielfalt‘ und entsteht durch die mit ihr verbundenen Widersprüche ‚Verwirrung‘, dann verwässert dies zwangsläufig den Blick auf das Wesentliche, auf Chancen und Möglichkeiten, auf das Sinnhafte.

In der Komplexität sucht der Mensch nach Vereinfachung und verfehlt dabei seinen Orient

In vormoderner Zeit gab es klare Fixpunkte, die der Mensch nicht suchen musste. Das sagten einem Menschen, was gut und richtig ist, an was es zu glauben galt, wie man zu leben hatte. Die moderne Gesellschaft bietet dagegen heute viele Suchpunkte, die – würden sie als ‚gefunden‘ angesehen – auch fixiert werden könnten. Doch wie soll man wissen, dass das Gefundene nicht vielleicht das noch Attraktivere verdeckt? Aus dieser Haltung heraus neigen Menschen dazu, nicht mehr zu ‚fixieren‘, sie halten sich selbst im permanenten Suchraum und verlieren dadurch nach und nach die Fähigkeit, ihren Platz einzunehmen. Viktor Frankls Frage: „Auf welche Frage Ihres Lebens sind Sie die Antwort“, ist in diesem mentalen Modus nie zu beantworten.

Orientierung [abstammend von Orient, ‚aufgehende Sonne‘, oriri „sich erheben“] bedeutet, Fixpunkte zu haben, auf die man immer setzen kann. Verfehlt sich der Mensch, verliert er seinen Punkt, an dem er sich erheben kann, dann wirkt das mitunter krisenauslösend. In einer Krise jedoch, hat dies eine fatale Wirkung. Dann wird der Mensch auf seltsame Weise wieder ‚vormodern‘, dann sucht er nach Antworten und Ansagen anderer, dann droht die Abhängigkeit.

Aus dieser Perspektive wird der zentrale Zweck individueller Krisenprävention deutlich. Der Mensch braucht die selbsttolerante Distanzierung von verwirrender Vielfalt. Sie dient dem Zweck der Einnahme eines mit individuellen Werten grundierten Platzes, auf dem sich ein gelingendes, sinnvolles Leben leben lässt. In unserer Krisenpräventions- und Krisenpraxis stellt dieser Prozess das für unsere Klienten wie für uns das Berührendste dar, was im Rahmen der Begleitung erlebt werden kann. Denn dann findet der Klient seinen Orient, seine Sonne – die ja nie weg war.

 

Die Einflüsse der Risiko-Gesellschaft – 3

Die aus dem Resümee Becks herauszulesende These, dass ungewollte und un­gesehene Selbstinfragestellung und Selbstveränderung quasi als Treibstoff einer Risikogesellschaft anzusehen sind, in der jeder Einzelne dazu selbst beiträgt, sich – bildhaft gesprochen – permanent den Boden unter den eigenen Füßen wegzuziehen, eine nahezu diametrale Perspektive zu Viktor Frankl dar, wenn dieser daran erinnert, dass der Mensch hier und heute fraglos nicht frei von Bedingungen ist, jedoch stets frei, ‚so oder so‘ zu ihnen Stellung zu beziehen.

Der Unterschied ist offenkundig. Frankl wirft die ‚Trotzmacht des Geistes‘ [mehr dazu unter diesem Stichwort in der KrisenPraxis] in den Ring, Ulrich Beck die Angst. Für Beck ist ‚Angst‘ ein Muss, denn in einer solchen Risikogesellschaft sind Biografien eben Risiko-, Bruch- und Zusammenbruch-biografien; die permanente Angst vor dem Absturz wird so zum Nährboden einer ständigen Neuinszenierung der Identität. Aus kollektiver Angst vor dem Abgleiten in Krisen eigenen Scheiterns und mit dem von jedem Einzelnen bezahlten Preis ‚ungewollter Selbstveränderung‘ modernisiert sich unsere Gesell­schaft und Beck ergänzt: „Der Hunger nach Selbstfindung führt zu einem [unendlichen] Re­greß der Fragen ,Bin ich wirklich glücklich?‘ ,Bin ich wirklich selbsterfüllt?‘  In der Suche nach Selbsterfüllung reisen die Menschen in alle Winkel der Erde. Sie zerbrechen die besten Ehen und gehen in rascher Folge immer neue Bindungen ein. Sie lassen sich umschulen. Sie fasten. Sie joggen. Sie wechseln von einer Therapiegruppe zur anderen. Besessen von dem Ziel der Selbstverwirklichung reißen sie sich selbst aus der Erde heraus, um nachzusehen, ob ihre Wurzeln auch wirklich gesund sind.“

Frankl drückte dies so aus: ‚Im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll – und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will.‘

Vergessen wir bei dieser Betrachtung gesellschaftlicher Faktoren mit ihrem potenziellen Einfluss auf Individualkrisen nicht die womöglich zusätzlich und wechselwirkend beeinflussenden Aspekte indivi­dueller psychophysischer Konstitution, Sozialisation und Herkunft wie zum Beispiel [früh]kindliche Erfahrungen; erworbene Handlungskompetenzen; bisherige Anpassungsleistungen neuer an bereits gemachte Erfahrungen oder die Angleichung der Umwelt an diese; das System relevanter Bezugs­personen verbunden mit deren Lebensweltorientierungen; affektive und kognitive Dispositionen; erlernte Grundstrategien des Überlebens; kulturelle Prägungen; materielle Gegebenheiten; inner- und außerfamiliäre Beziehungen u.a., so erzeugt dieser multifaktorielle Kontext einen interindividuell unvergleichbaren, biographisch-lebensgeschichtlich erworbenen Deutungs- und Handlungsrahmen.

Dabei gilt – mit Karl Jaspers, einem Weggefährten Viktor Frankls, gesprochen –, dass der Mensch sich vorfindet, die Bestimmungsgrößen seines Seins wurden von ihm nicht erwählt – weder die Bedingungen aus seiner Ursprungsfamilie, noch seine psychischen oder physischen oder soziokulturellen Merkmale. Der Mensch teilt sich zwar mit  jedem anderen Menschen bestimmte Grundsituationen, doch es obliegt dennoch jedem Einzelnen, wie er sie meistert.

Die Einflüsse der Risiko-Gesellschaft – 2

Die 15 Thesen von Ulrich Beck

Die Theorie des eigenen Lebens
These 1:

Hochdifferenzierte Gesellschaft zwingt und ermöglicht, ein eigenes Leben zu führen.

  •  Gesellschaft zerfällt in einzelne Funktionsbereiche.
  •  Gesellschaft integriert die Menschen nicht als ganze Person in ihre verschiedenen Funktionssysteme, sondern nur teil- und zeitweise.
  • Die einzelnen Menschen müssen mit dem andauernden Wechsel zwischen verschiedenartigen, zum Teil unvereinbaren Verhaltenslogiken selbständig zurechtkommen und ihr eigenes Leben selbst in die Hand nehmen.
These 2:

Das eigene Leben ist kein ‚eigenes‘ Leben.

  • Die einzelnen Menschen führen ihr ‚eigenes Leben‘ weitgehend unter Bedingungen, die sich ihrer Kontrolle entziehen.
These 3:
Das eigene Leben ist durch und durch institutionenabhängig und durchorganisiert.
  • Die einzelnen Menschen sind im Netzwerke der Vorgaben eines Bürokratie- und Institutionendickicht fest eingebunden.
  • Die einzelnen Menschen sind gezwungen, die Selbst-organisation des Lebenslaufes und Selbstthematisierung der Biographie vorzunehmen. Dazu müssen sie stets schneller, wendiger, kreativer sein, um sich in der Konkurrenz durchzusetzen und werden damit zu Akteuren, Konstrukteuren, Jongleuren, Inszenatoren ihrer Biographie, ihrer Identität, aber auch ihrer sozialen Bindungen und Netzwerke.
These 4:
Biografie wird zur Risiko-, Bruch- oder Zusammenbruchsbiografie.
  • Die Risikogesellschaft hält die Möglichkeit des Abgleitens und Absturzes permanent präsent.
  • Diese Möglichkeit erzeugt Angst.
These 5:
Das eigene Leben ist zur Aktivität verdammt.
  • Unkalkulierbarkeit und Unsicherheit sind Antreiber.
  • Scheitern ist ebenso aktives Leben.
  • Scheitern ist stets persönliches Scheitern.
  • Das eigene Leben wird zu einem biografischen Planungsbüro.
These 6:
Gesellschaftliche Krisen
werden auf das eigene Leben bezogen und als individuelle Krisen erfahren.
  • Gesellschaftliche Krisen werden als individuelle Risiken bilanziert.
  • Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft entsteht.
  • Krisen erscheinen zunehmend als individuell und nicht als Phänomen von Gesellschaftlichkeit.
  • Indikator Biografie: Die Lebensereignisse werden nicht primär ‚fremden‘ Ursachen, sondern ‚eigenen‘ Entscheidungen zugerechnet. Es zeigen sich immer mehr Elemente einer individualistischen und aktivistischen Erzählform, somit auch eine Zuschreibung der Krise an die eigene Person.
These 7:
E
igenes Leben ist zugleich globales Leben.
  • Die einzelnen Menschen handeln zunehmend über Distanzen hinweg – sie werden ortlos.
  • Vernetzung entzieht Kontrolle, personale und lokale Erfahrungshorizonte werden aufgebrochen. Einst lokale Lebensstile werden global verfügbar.
These 8:
Eigenes Leben ist enttraditionalisiertes Leben.
  • Traditionspflege wird zur Entscheidung des einzelnen Menschen.
  • Gruppenspezifische oder kollektive Identitäts- und Sinnquellen mit ihren Lebensstilen und Sicherheitsvorstellungen lösen sich auf. Individualisierung zwingt zu Definitionsleistungen des Einzelnen.
These 9:
E
igenes Leben ist experimentelles Leben.
  • Zukunft wird nicht mehr aus Herkunft abgeleitet.
  • Lebensführung wird historisch vorbildlos.
  • Eigenes und soziales Leben müssen  neu aufeinander abgestimmt werden – ohne zu wissen, ob dies auch gelingt.
These 10:
Eigenes Leben ist reflexives Leben.
  • Die einzelnen Menschen ‚managen‘ ihr ‚eigenes‘ Leben durch Verarbeitung widersprüchlicher Informationen, Verhandlungsprozesse und Kompromisse und empfinden dies als Selbstbestimmung.
  • Reflexiv führt dies zu einer Abwälzung institutioneller Probleme auf die individuelle Ebene des ‚mündigen Bürgers‘.
These 11:
Die Sozialstruktur des eigenen Lebens entsteht mit fortlaufender Differenzierung und Individualisierung.
  • Fortlaufende Individualisierung führt zu einer Erweiterung sozialer Strukturen und dazu, dass traditionelle Lebensformen gegen die entstehenden neuen Optionen verteidigt und gerechtfertigt werden müssen und dadurch und als potenzielles Risiko erlebt werden.
These 12:
Eigenes Leben ist  eine reflexiv moderne, hoch bewertete Lebensform.
  • Die durch die Öffnung der Gesellschaft neuen Funktionslogiken geben der Empathie des Individuums und der Unvordenklichkeit des Individuellen gesellschaftlichen Raum und Sinn.
  • Das Wesen der Individualität kann als radikale Nichtidentität ausgefasst werden, an der letztlich das Allgemeine zerbricht.
These 13:
Eigenes Leben ist radikal nichtidentisches Leben.
  • Das eigene Leben entzieht sich dem Zugriff des verallgemeinernden Denkens und Forschens. Die vielen, auf das eigene Leben geworfenen Lichter aus Wissenschaft und Kunst und Philosophie und Fotografie und biografischer Rekonstruktion und soziologischer Analyse machen das Leben fragwürdig und merkwürdig.
These 14:
Eigenes Leben ist durchaus ein moralisches Leben.
  • Die einzelnen Menschen suchen eine Moral der Selbstbestimmung, die ihnen Orientierung geben kann – aber keine mit eingeschliffenen, abgegriffenen, widerspruchsvoll gewordenen Pflichtformen und -formeln zu verwechselnde Moral.
These 15:
Eigenes Leben ist das Diesseitsleben, dem der Tod das endgültige Ende setzt.
  • Das eigene Leben ist das nur einzige Leben vor dem Tod.
  • Vor diesem Ende erklärt sich die Tendenz, in Esoterik und neue Religionsbewegungen aller Art zu flüchten.

Die Einflüsse der Risiko-Gesellschaft – 1

Wirft man einen Blick auf die einen Menschen potenziell zunehmend [ver]störenden Einflüsse aus der verschiedensten Bereichen der Gesellschaft, so meint der Soziologe Ulrich Beck, dass man Menschen heute eine ‚experimentelle Biografie’ zusprechen müsse, in der der Umgang mit Angst und Unsicherheit  zu einer Schlüsselqualifikation zählt.

In 15 Thesen stellt Beck in seiner auf seinem Werk ‚Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne‘ aufbauenden Theorie für das je ‚eigene Leben‘ Bedingungen und Bestimmungen dar, von denen er behauptet, dass der Grund dafür, dass Menschen alltäglich mit Eifer, Lust und Angst, Routine und Gewitztheit um ihr eigenes Leben bangen und ringen in ihrem ‚eigenen Willen‘, ihrer ‚Anspruchsinflation‘ und in ihrer ‚abnehmenden Bereitschaft, auszuführen, sich einzuordnen und zu verzichten‘ zu finden sei.

Beck fragt in seiner Theorie, ob diese Phänomene den Beginn eines evolutionären Wandels, eines neuen Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft markieren. Auf der Basis seiner Thesen resümiert er, dass ein Konflikt in der Moderne und zudem in den Zentren industrieller Modernisierung um die Rationalitätsgrundlagen und das Selbstverständnis der Industriezivilisation im Gange sei, der dazu führt, dass Strukturen auf allen Gesellschaftsebenen – von der Politik bis zur Familie – nicht mehr reproduziert, sondern neu ausgehandelt, entschieden, gerechtfertigt, erfunden werden müssen.

Beck nennt diesen Prozess, der sich zwischen Individualisierung und Globalisierung, Enttraditionalisierung, Aktivität und Zuweisung fremdbestimmter Anforderungen vollzieht und in dem ungewollte und meist auch ungesehene Selbstinfragestellung und Selbstveränderung zu beobachten sei, ‚reflexive Modernisierung‘.